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       # taz.de -- Galerieempfehlung für Berlin: Erinnern und Vergessen
       
       > Tipp der Woche: Chan Sook Choi erforscht Migrationsgeschichten
       > japanischer und koreanischer Frauen. Die taz sprach mit der Künstlerin.
       
   IMG Bild: Chan Sook Choi, „Archive Yangjiri“, Multimedia-Installation, Fotos, Sound, Modelle, Sandskulpturen, Text, 2016
       
       Ein geerbtes Fotoalbum gibt Chan Sook Choi die Route vor. Die Künstlerin
       versucht den Weg ihrer Großmutter nachzuvollziehen, die als japanische Frau
       eines koreanischen Arbeiters nach Ende der japanischen Kolonialherrschaft
       nach Korea zog, eine junge Migrantin wie sie selbst, Jahrzehnte später in
       Berlin.
       
       In einer Videoarbeit spürt Chan Sook Choi den Orten auf den Fotos nach. Im
       [1][Grimmuseum] sind eine Preview dieses Langzeitprojekts und auch andere
       Arbeiten der Künstlerin zu sehen, in denen sie sich mit weiblicher
       Migration und Identität beschäftigt.
       
       Vor allem am Beispiel zweier Gruppen: Japanerinnen wie ihre Großmutter,
       denen in Korea aufgrund ihrer Herkunft Ablehnung entgegenschlug, und
       sogenannte Trostfrauen, koreanische Zwangsprostituierte in japanischen
       Kriegsbordellen.
       
       Chan Sook Choi hat Interviews mit Frauen geführt, in denen sie in
       Bruchstücken von persönlichen Erinnerungen erzählen – gleichzeitig sensible
       Annäherungen an individuelle Biografien wie fragmentartige Bilder für das
       Gefühl des Entwurzeltseins.
       
       Die Künstlerin verwebt diese in der Ausstellung mit einer Reise in ein
       einst aus Propagandagründen errichtetes Minbuk-Dorf nahe der
       nordkoreanischen Grenze. Aufgesplittert in seine Bestandteile wird der Ort
       in ihrer Installation zum identitätskonstruierenden Moment. 
       
       Einblick (645): Chan Sook Choi, Künstlerin 
       
       taz: Welche Ausstellung in Berlin hat dich zuletzt an- oder auch aufgeregt?
       Und warum? 
       
       Chan Sook Choi: Pina Bausch und das Tanztheater im Martin-Gropius-Bau. Die
       Ausstellung kombiniert ihre Biografie mit ihrem Blick auf den Tanz und den
       entstandenen Choreografien. Besonders gefallen hat mir die Arbeit über ihre
       Stücke, die als 6-Channel-Video-Installation gezeigt wird. Eine geniale
       Idee. So ergibt sich eine Art Lebenslinie ihres Werks. Und trotz der
       Vermittlung durch Film lässt sich die ungeheure innere Energie spüren.
       
       Welches Konzert oder welchen Klub in Berlin kannst du empfehlen? 
       
       In der Nähe meiner Wohnung gibt es einen Jazzkeller mit Live-Musik –
       Kunstfabrik Schlot. Die Atmosphäre ist gut und die Drinks sind es auch. Man
       kann dort z. B. mit Freunden beim Montagsjazz oder Blues on Tuesday eine
       gute Zeit verbringen.
       
       Welche Zeitschrift/welches Magazin/welches Buch begleitet dich zurzeit
       durch den Alltag? 
       
       Zurzeit lese ich eine klassische chinesische Schrift: das Daodejing von
       Laozi. Eine Sammlung von Aphorismen, die die Basis für den Daoismus sind.
       Sie sind für mich eine Inspiration für meine Haltung im Alltag.
       
       Was ist dein nächstes Projekt? 
       
       Im Grimmuseum läuft gerade meine Ausstellung RE MOVE über
       Migrationsgeschichten japanischer und koreanischer Frauen während des
       Zweiten Weltkriegs und danach. Außerdem arbeite ich an der Konzeption einer
       Medienfassade für das Humboldt-Forum, die zu den Asien Pazifik Wochen 2017
       gezeigt werden soll. In „Yin Yang Su Wha“ will ich die Energie (Qi) der
       fünf Elemente (Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser) in eine digitale
       Sprache verwandeln.
       
       Welcher Gegenstand/welches Ereignis des Alltags macht dir am meisten
       Freude? 
       
       Mich mit befreundeten Künstler_innen in der Berliner Szene treffen.
       Besonders gern gehe ich zu den Eröffnungen von [2][NON Berlin]. Ein Ort für
       asiatische zeitgenössische Kunst und Knotenpunkt für den Austausch zwischen
       asiatischer und europäischer Kunstszene. Die Ausstellungen sind fast immer
       interessant, die Leute nett und oft entwickeln sich gute Gespräche.
       
       Text und Interview erscheinen im taz.plan. Mehr Kultur für Berlin und
       Brandenburg immer Donnerstags in der Printausgabe der taz
       
       26 Oct 2016
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] http://grimmuseum.com/
   DIR [2] http://www.nonberlin.com/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Beate Scheder
       
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