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       # taz.de -- Kommentar Frankreich und Burkini: Ein gespaltenes Land
       
       > Der Generalverdacht gegen alles sichtbar Muslimische vergiftet das
       > gesellschaftliche Klima in Frankreich. Der Laizismus des Landes ist
       > gescheitert.
       
   IMG Bild: Muslime in Frankreich. Der Generalverdacht gegen alles sichtbar Muslimische vergiftet das gesellschaftliche Klima
       
       Das absurde Burkini-Verbot treibt immer absurdere Blüten. Es ist Ausdruck
       der antimuslimischen Paranoia, die in Frankreich seit den Terroranschlägen
       herrscht. Doch die Assoziationskette „Burkini gleich Islam gleich Terror“
       existiert allein in den Köpfen mancher Betrachter. Der Generalverdacht
       gegen alles sichtbar Muslimische vergiftet das gesellschaftliche Klima.
       
       Mehrere französische Badeorte haben es unter Strafe gestellt, sich im
       Ganzkörper-Badeanzug an den Strand zu legen. Fotos aus Nizza, [1][wo die
       Polizei jetzt eine Frau dazu zwang, ihr Oberteil auszuziehen], heizen die
       Debatte weiter an. Denn mit seiner säkularen Sittenpolizei wird Frankreich
       Ländern wie dem Iran und arabischen Diktaturen ähnlicher, als ihm lieb sein
       kann – nur spiegelverkehrt.
       
       Die Szene vom Strand in Nizza ist ein Sinnbild für das Scheitern des
       französischen Laizismus. Denn das Burkini-Verbot gilt nur an öffentlichen
       Stränden. Was an den vielen Privatstränden an der französischen Riviera
       geschieht, entzieht sich staatlichem Zugriff. Sommerfrischler vom Golf, die
       dort Villen besitzen, können dort weiter im Burkini oder gar Schleier
       baden.
       
       Eine ähnliche Spaltung gilt für das Bildungssystem. An Frankreichs
       staatlichen Schulen herrscht ein striktes Kopftuchverbot; die Religion soll
       außen vor bleiben. Doch wohlhabende religiöse Eltern schicken ihre Kinder
       auf konfessionelle Privatschulen.
       
       Mit anderen Worten: Wer es sich leisten kann, darf seine Religion frei
       ausleben. Wer aber, wie viele französische Muslime, sozial marginalisiert
       ist und abgedrängt in den Banlieues lebt, dem wird signalisiert, dass er
       mitsamt seiner Religion unerwünscht ist. Das führt zu einem religiösen
       Zweiklassensystem und verschärft soziale Konflikte, indem es sie mit einem
       Kulturkampf vermengt.
       
       Auch das Burkini-Verbot trifft ausnahmslos Frauen und all jene, die sich
       ohnehin schon zurückgesetzt fühlen. Applaus erhalten solche Maßnahmen von
       Rassisten, die das Gesetz am liebsten gleich selbst in die Hand nehmen. In
       Korsika kam es deswegen schon zu Ausschreitungen.
       
       Ohne an der Regierung zu sein, gibt der Front National in Frankreich damit
       den Ton an.
       
       .
       
       Korrektur: In einer früheren Version des Artikels haben wir ein Foto
       gezeigt, dass irrtümlicherweise keine Moschee zeigte. Dieses wurde später
       getauscht.
       
       24 Aug 2016
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.theguardian.com/world/2016/aug/24/french-police-make-woman-remove-burkini-on-nice-beach
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Daniel Bax
       
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