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       # taz.de -- Neonazis im Berliner Wahlkampf: Wem gehört die Kurve?
       
       > Die NPD hat die Fanszene als Zielgruppe im Wahlkampf entdeckt. Die
       > Ultra-Organisation Pro Fans wehrt sich gegen die Vereinnahmung von
       > rechts.
       
   IMG Bild: Um seine Fans wird Union Berlin seit jeher beneidet: Warum, zeigt auch dieses Bild aus dem Jahr 2012
       
       BERLIN taz | Die NPD hat sich hier, im Südosten Berlins, ordentlich ins
       Zeug gelegt: Wer in Köpenick die Straße vor dem Stadion des Union Berlin
       entlangfährt, bewegt sich durch eine ganze Allee von NPD-Werbeschildern.
       Vor allem ein Plakat fällt dabei immer wieder ins Auge: eine Fankurve in
       rotem Pyro-Licht. Dazu die Slogans „Pyrotechnik nicht kriminalisieren!“ und
       „Fankultur erhalten!“
       
       Es ist der erste Versuch der NPD, mit einem Wahlplakat Stimmen in der
       Fanszene zu fangen. Wer sich nicht jeden Tag mit der Fanszene im Fußball
       beschäftigt, könnte das Plakat leicht falsch einordnen: Rechtsextreme
       unterstützen böllernde Tribünenprolls, mag man da denken. Pyrotechnik und
       Nazis, ja klar, Krawallbrüder vereint. Tatsächlich aber ist das Pyro-Thema
       im Fußball ein Lieblingsthema linker Fangruppen – was den Vorstoß der NPD
       umso interessanter macht. Und es ist ein Thema, das in der Fanszene hoch
       emotional betrachtet wird.
       
       Entsprechend aufgebracht waren Ultragruppen, dass ihr Thema, und beinahe
       wortwörtlich auch ihre Slogans, von der NPD aufgegriffen wurden. „Wir
       betonen unablässig, dass Rechtsextremismus mit unserer Fankultur nicht
       vereinbar ist“, so Pressesprecher Jakob Falk von der vereinsübergreifenden
       Ultra-Organisation Pro Fans. „Wer rechts wählt, wählt gegen unsere
       Fankultur.“
       
       Dass die NPD plötzlich Interesse an Pyro zeigt, irritierte die
       Organisation. „Das kam schon sehr überraschend“, so Sig Zelt von Pro Fans.
       „Die Pyro-Problematik ist ein liberales Thema.“ Warum also plakatieren die
       Rechten an ihrer Zielgruppe vorbei? Es geht um die ganz grundsätzliche
       Frage: Wem gehört Fankultur?
       
       ## Pyro: linkes Lieblingsthema
       
       In den vergangenen 20 Jahren wurde das Thema Fankultur vor allem durch
       linke Gruppen besetzt. Die sogenannten Ultras, häufig junge, eher
       wohlhabende und gebildete Fans, verdrängten die klassischen
       Arbeiterschichten aus dem Stadion und brachten ihre Themen auf die
       Tagesordnung: Anti-Kommerz-Haltung, Mitbestimmung im Verein und eine
       mitunter verbohrte Liebe zur Pyrotechnik. Über Jahre verbissen sie sich im
       Thema Pyro-Legalisierung – und lieferten mit ihrer nostalgischen
       Definition der „Fankultur“ ein Narrativ, das auch durchaus für Rechte
       attraktiv ist.
       
       Allerdings geht es in der Pyro-Debatte nicht um stumpfes Böllern. Als eine
       Legalisierung 2011 mit dem Deutschen Fußball-Bund diskutiert wurde, lautete
       das Kompromissangebot der meisten Ultras: spezielle Zonen, in denen
       angemeldete Pyrotechnik von autorisierten Personen abgebrannt wird. Das sei
       unverzichtbarer Bestandteil ihrer Fankultur. Der DFB sagte kompromisslos
       ab, das Thema landete in der Mottenkiste. Nun hat die NPD die alten
       Argumente ausgegraben. Es ist eine Scheindebatte: Das Thema Legalisierung
       ist so gut wie tot, eine Wiederaufnahme durch den DFB vollkommen
       unrealistisch.
       
       In der Fanszene wird die NPD damit also nicht viele Stimmen holen, viele
       finden den Versuch der Rechten eher bizarr. Er zeigt aber eine Tendenz: Die
       Rechtsextremen wollen sich die Hoheit über die Kurve zurückholen, und die
       gesellschaftliche Situation verleiht ihnen Aufwind.
       
       ## Wo stehen die Fans?
       
       Schon 2013 warnte Pro Fans in einer Pressemitteilung vor „zunehmenden
       Versuchen von Neonazis, das Thema Fankultur zu besetzen“. Inwieweit
       tatsächlich die Zahl von Rechtsextremen in den Fankurven steigt, lässt sich
       nicht belegen, wird aber in der Szene heftig diskutiert. Schon länger macht
       die NPD mit Flyern vor den Stadien Werbung – als offenbar einzige Partei.
       Die Kritik von Gruppen wie Pro Fans hält sie nicht ab.
       
       „Es war klar, dass solche Kritik von Pro Fans kommen musste“, sagt
       Sebastian Schmidtke, Landesvorsitzender der NPD Berlin. Anderswo aber habe
       man mit dem Pyro-Thema viel Rückhalt. Auf Nachfrage nennt Schmidtke
       „Fangruppen von Hertha und dem BFC Dynamo“ – wenig überraschend, gilt doch
       gerade die Fanszene des BFC Dynamo als Neonazi-Hochburg. Es ist
       wahrscheinlich, dass der Kampf um Einfluss in den Fankurven in der Zukunft
       noch zunehmen wird. Und die Fankultur wird zeigen müssen, wo sie steht.
       
       21 Aug 2016
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Alina Schwermer
       
       ## TAGS
       
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