URI:
       # taz.de -- Ständiger Gast im Talkshowzirkus: Lasst sie reden
       
       > Steffen Bothe saß in den vergangenen 20 Jahren bei 800 Talkshows im
       > Publikum. Ein seltsames Hobby? Oder die politischste Form des Amüsements?
       
   IMG Bild: Steffen Bothe beobachtet „Thadeusz und die Beobachter“
       
       Steffen Bothe ist ein Profi. Als sich in der zweiten Werbepause von Thomas
       Gottschalks RTL-Sendung die ersten Studiozuschauer durch die engen Reihen
       zur Toilette schieben, bleibt Bothe sitzen. Er schüttelt den Kopf und sagt:
       „Das sind die sogenannten Nichtprofis“. Bothe sitzt seit 20 Jahren im
       Publikum von Fernsehshows und musste noch kein einziges Mal auf die
       Toilette, nicht einmal damals beim „Supertalent“, als die Aufzeichnung
       sechs Stunden dauerte. Und das soll auch so bleiben. „Toi, toi, toi“, sagt
       Bothe und klopft auf seinen Kopf.
       
       Steffen Bothe ist 44 Jahre alt, er war 24, als er anfing, fast wöchentlich
       in Talkshows zu gehen. Es ist sein Hobby. So wie andere ins Kino gehen.
       Bothe schätzt, er sei schon in 800 Sendungen gewesen, locker. Das
       Verzeichnis der Agentur, über die er die meisten seiner Tickets bestellt,
       zählt allein 511 Einträge seit dem Jahr 2000. Seine Top 3: Eine
       Silvestershow mit Dieter Thomas Heck, die im Mai aufgezeichnet wurde,
       Weihnachten mit Hape Kerkeling und eine Griechenland-Sendung von Günther
       Jauch, bei der der Strom ausfiel und Jauch 45 Minuten improvisierte.
       
       Er war dabei, als in den Neunzigern der Nachmittagstalk erfunden wurde,
       „Vera am Mittag“ und „Arabella“. Er erlebte die Gründung der
       Talkshowrepublik mit Sabine Christiansen, saß sonntags bei Anne Will, bei
       Jauch und wieder bei Will. Sendungen wurden konzipiert und verworfen.
       Steffen Bothe blieb. Er hat viel zugehört. Vielleicht kann er mehr über die
       Debatten in diesem Land erzählen als die Menschen, die sie moderieren.
       
       Wir verabreden uns zu einem Marathon: Vier Talkshows in drei Tagen,
       zusammen werden es 13,5 Stunden in Fernsehstudios. Ein Langstreckenlauf an
       der Seite eines Profis.
       
       ## „Mensch Gottschalk. Das bewegt Deutschland“, RTL
       
       Sonntagabend, 18.30 Uhr, Studio Berlin Adlershof. Steffen Bothe trägt ein
       Hemd in warmem Orangegelb und wird zusammen mit 400 Zuschauern in ein
       Studio in warmem Orangegelb geführt. Studio A, Bothe kennt es gut, er saß
       hier früher öfter bei der Schlagersendung von Achim Mentzel.
       
       Einmal wurde er zum Mitschunkeln an die Studiobar gesetzt und sollte vor
       den Kameras tanzen. Also forderte er eine ältere Dame auf. Sie gehörte, wie
       sich später herausstellte, zu einem Tanzverein auf Berlinausflug. Sie
       führte. Bothe hat das nicht gestört.
       
       Heute setzt er sich in die sechste Reihe. Meistens sitzt er hinten. „Da
       sieht man meine Platte nicht so oft“, sagt er. Steffen Bothe hat ein rundes
       Gesicht und eine Knubbelnase, alles an ihm ist ruhig und gelassen.
       
       Vorn auf dem Podium steht eine hellgrüne Sofalandschaft, eingerahmt von
       zwei dorischen Säulen. Wohnzimmeratmosphäre mit 400 Gästen.
       
       Thomas Gottschalk hat zwar fast 4 Stunden Zeit zur Verfügung, behandelt
       dabei aber geschätzte 15 Themen. Martin Schulz, der Präsident des
       Europaparlaments, kommt auf die Bühne. Thema sind die multiplen Krisen
       Europas. Aber es muss schnell gehen.
       
       Herr Schulz, Europa hat viele Probleme, wie lösen wir die? Begrüßen wir
       hier eine geflohene syrische Schwimmmeisterin, die ein leckes Schlepperboot
       über die Ägäis gezogen hat. Hallo, schön, dass du hier in Berlin für
       Olympia trainieren kannst. Zurück zu Ihnen, Herr Schulz, wollen Sie Kanzler
       werden? Sind Sie Tänzer? Dann tanzen Sie, hier sind die Pet Shop Boys.
       
       Zwischendrin muss immer noch Zeit für einen schnellen Gag sein.
       Mercedes-Chef Dieter Zetsche steigt aus dem selbst fahrenden Auto und sagt:
       „Der kann mehr, als er darf.“ Gottschalk: „So wie ich.“ Gottschalk
       funktioniert wie immer.
       
       Das Publikum lacht an den richtigen Stellen, „hohoho“ macht es, als ein
       veganer Metzger erklärt, dass er sein Mett „Hackepetra“ nennt, und es wird
       sofort rhythmisch geklatscht, als zwei Zauberer beginnen einen riesigen
       Fußball aufzupumpen, den sich einer von ihnen über den Kopf zieht.
       
       Steffen Bothe kennt die Regeln dieser kontrollierten Ausgelassenheit. Es
       gibt Warm-Upper, die vor der Aufzeichnung Witze erzählen, und Anklatscher,
       die anfangen, wenn es Zeit für Applaus ist. In einem Einspielfilm sagt
       Donald Trump, er werde der beste Jobbeschaffer sein, den Gott je erschaffen
       hat. Die Zuschauer applaudieren. Es muss nun mal nach jedem Video
       geklatscht werden.
       
       Talk und Show fanden in Deutschland spät zusammen. Bis in die
       Siebzigerjahre gab es in der Bundesrepublik vor der Kamera nur „das strenge
       Gespräch, das nüchterne Interview, die asketische Diskussion“, wie der
       Fernsehkritiker Manfred Delling schrieb.
       
       Dann kam „Je später der Abend“ mit Dietmar Schönherr. Zu Beginn der Sendung
       erklärte er dem Publikum, was er da vorhabe: „Ich begrüße Sie sehr herzlich
       zu unserer ersten sogenannten Talkshow ‚Je später der Abend‘. Eine Talkshow
       – was ist das? Denken Sie nicht, dass eine Talkshow das Gegenteil einer
       Nachtshow ist; Talk kommt von to talk, reden, das Ganze ist also eine
       Rederei.“
       
       Es war ein schwieriger Start, die Zuschauer fremdelten, die Vergleiche mit
       amerikanischen Vorbildern machten Schönherr einen Wahnsinnsdruck. Sein Stab
       bestand aus einem Redakteur und zwei freien Mitarbeitern. Ob eine Sendung
       gelang, war so völlig von der Eloquenz der Gäste abhängig. Bei Gottschalk
       gab es zwei Proben vor der Sendung, alles ist minutengenau durchgetaktet.
       
       Gottschalk will an diesem Abend mit normalen Leuten über normale Dinge
       reden, über Themen, die die Menschen bewegen. Steffen Bothe ist ein
       normaler Mensch, den normale Dinge interessieren. Er hat einen stressigen
       Job in einer Zeitarbeitsfirma in der Gastronomie und hört gerne Helene
       Fischer. Die letzten Bücher, die er gelesen hat, waren „Deutschland schafft
       sich ab“ von Thilo Sarrazin und eine Biografie von Gerhard Schröder. Er
       guckt am liebsten den Münster-Tatort, weil sie da gute Sprüche machen, aber
       „oberhalb der Gürtellinie“. Sein Geschmack ist ein Gradmesser für das, was
       Deutsche im Fernsehen sehen wollen. Wenn etwas Deutschland bewegt, dann
       bewegt es auch ihn. Und wenn etwas ihn bewegt, dann mit einiger
       Wahrscheinlichkeit auch Deutschland. Was also ist das?
       
       Die Produktionsfirma von „Mensch Gottschalk“ hat vor der Aufzeichnung Gäste
       befragt, auch Steffen Bothe.
       
       Der Tod wessen Prominenten hat Sie zuletzt mitgenommen? Guido Westerwelle.
       
       Wer ist der größte Deutsche Popstar? Nena.
       
       Wovor haben Sie Angst? Altersarmut.
       
       Nena wird an diesem Abend singen. Michael Mronz, der Ehemann von Guido
       Westerwelle, sendet eine Videobotschaft an eine jungen Frau, mit der Thomas
       Gottschalk über ihren Kampf mit dem Blutkrebs spricht. Steffen Bothe läuft
       da eine Träne herunter.
       
       „Acht von zehn Punkten“, sagt er, als der Abend um 0.15 Uhr endet.
       
       ## „Das Duell mit Heiner Bremer“, N-TV
       
       Am nächsten Tag gibt es kein Warm-up. Die Aufnahmeleiterin von N-TV begrüßt
       die Zuschauer kurz und nüchtern. „Wenn Ihnen ein Argument gut gefällt,
       klatschen Sie“, sagt sie.
       
       „Das Duell mit Heiner Bremer“ ist eine von Steffen Bothes liebsten
       Sendungen. Seit dem Start vor 13 Jahren ist er dabei. Das Konzept ist: Kein
       Schnickschnack. Ein Moderator, zwei Gäste, keine Einspielfilme. 45 Minuten
       pure Sachlichkeit. Das gilt auch für das Publikum: Wo bei Gottschalk
       begeisterte, hübsche Menschen in Nahaufnahme gezeigt wurden, ist hier der
       Raum so ausgeleuchtet, dass die 60 Zuschauer im Fernsehen nur als
       Silhouette zu sehen sind. Das suggeriert: Hier schaut jemand zu, aber es
       ist nicht wichtig, wer. Das Publikum als demokratische Öffentlichkeit, die
       per Applaus über die besten Argumente abstimmt.
       
       Heiner Bremer, ehemaliger Stern-Chefredakteur, moderiert heute zum letzten
       Mal. Steffen Bothe ist froh, dabei zu sein.
       
       Tagsüber kellnert Bothe im Interconti oder macht das Catering im Berliner
       Abgeordnetenhaus. Er verdient wenig und arbeitet viel. Dafür lernt er
       interessante Leute kennen. Neulich hat er Frank Henkel bedient, den
       Berliner Innensenator. „Ich hab Kohldampf“, hat Henkel zu ihm gesagt,
       danach einen Witz gerissen und sich bedankt. So etwas mag Steffen Bothe:
       Wenn Menschen, die eine große Nummer sind, reden können wie ganz normale
       Leute. Wenn sie auch mal stottern oder nicht gleich die richtigen Worte
       finden. „Ich verspreche mich auch dauernd“, sagt Bothe.
       
       Abends, nach der Schicht, möchte Bothe abschalten. Also geht er in
       Fernsehstudios. „Vor dem Fernseher erlebt man nichts.“ Aber im Studio,
       dieses Gewusel, gerade wenn was nicht klappt, „nonplusultra“, sagt Bothe.
       In den Sommerferien, wenn kaum Sendungen aufgezeichnet werden, fehle ihm
       was. Abhängig sei er, ja, das könne man sagen.
       
       Der Moderator Heiner Bremer kommt ins Studio, sagt kurz „hallo“ und
       unterhält sich mit seinen Gästen. Alexander Gauland von der AfD und Gerhart
       Baum von der FDP, ehemals Innenminister in der sozialliberalen Koalition.
       Die Themen sind Willkommenskultur und Fremdenhass.
       
       Im Moment wird in Deutschland viel darüber geredet, ob man Rechtspopulisten
       in Talkshows einladen soll. Man gebe ihnen damit eine Plattform, sagen die
       einen. Die anderen: Man könne sie dort entzaubern.
       
       Bei Heiner Bremer, Gerhart Baum und Alexander Gauland wird es kaum laut.
       Selten wird jemand unterbrochen. Aber es gibt auch keine Möglichkeit,
       davonzukommen. In Shows mit mehr Gesprächspartnern endet ein Dialog oft,
       weil ein anderer Redezeit bekommen muss. Bei zwei Gästen merkt man relativ
       schnell, welche Argumente Schwachstellen haben. Und am Ende steht die
       Erkenntnis: Alexander Gauland ist jemand, für den die
       Fußballnationalmannschaft irgendwann zwischen 1954 und heute aufhörte, „im
       klassischen Sinne“ deutsch zu sein, jemand, dem die individuelle
       Religionsfreiheit weniger wichtig ist als die christliche Tradition
       Deutschlands. Niemand kann sagen, er wisse nicht, wofür dieser Politiker
       steht.
       
       Heiner Bremer verabschiedet sich mit den Worten: „Wir haben in all diesen
       Sendungen versucht, nicht nur Krawall zu erzeugen, sondern auch zu
       erreichen, dass Orientierung für Sie zu Hause und hier im Studio haften
       geblieben ist.“
       
       Bremer sagt nach der Sendung, er habe nie gezögert, Alexander Gauland
       einzuladen: „Er ist ein guter Diskutant, einer der besten Gesprächspartner,
       die ich im Studio hatte.“ Bremer spricht aus einer Fernsehlogik heraus:
       Zwei Gäste, die gerade Sätze sagen können und die politisch weit
       auseinander liegen, sind die perfekte Besetzung für Streitgespräche.
       
       Kaffeepause beim Bäcker im Kaufland. Noch zwei Stunden bis zur nächsten
       Aufzeichnung: „Hart aber fair“. „Diese Parteien sind in so einem Trott
       drinne, berufsblind, wie einer nach 20 Jahren Arbeit“, sagt Bothe. Die AfD
       schmecke ihm auch nicht, aber frischer Wind sei nicht schlecht.
       
       Welcher Partei die Studiogäste angehören, ist ihm egal. Bei Künast schläft
       er ein. Bosbach ist gut, Gysi sowieso. „Die guten alten Politiker“, nennt
       Bothe sie: Leute, die so reden, dass man sie auch versteht. An
       Wahlwochenenden liest Steffen Bothe alle Parteiprogramme. Am Ende wählt er
       meist die Linken. Er lebt in Pankow, Gregor Gysi wohnt gleich um die Ecke.
       
       ## „Hart aber fair“, ARD
       
       In Studio C von Berlin-Adlershof verzieht der Kabarettist Serdar Somuncu
       das Gesicht. Gerade hat neben ihm Roger Köppel von der rechten Schweizer
       Volkspartei SVP gesagt: „Natürlich sind die Regierungen schuld, wenn
       Asylheime brennen.“ Die Brandanschläge auf Flüchtlingsheime in Deutschland
       hätten damit zu tun, dass Regierung und Medien sich weigerten, berechtigte
       Sorgen der Bürger aufzunehmen.
       
       Es wird heiß im Studio. Norbert Röttgen von der CDU wirft Köppel vor,
       Gewalt zu legitimieren. Köppel sagt, „nein, das ist ein persönlicher
       Angriff!“
       
       Es geht um die Frage: Ist Roger Köppel ein Populist? Und wie funktioniert
       Populismus? Serdar Somuncu referiert: Die SVP hat eine Reihe von
       Volksentscheiden initiiert, darunter die „Ausschaffungsinitiative“, also
       den Vorstoß, kriminelle Ausländer schneller abzuschieben. Somuncu wirft
       Köppel vor, dass die Initiative den Rechtsstaat verletze. Dann passiert
       das:
       
       Plasberg: „Herr Köppel, ich möchte Ihnen eine Frage stellen. Das, was Herr
       Somuncu Ihnen an den Kopf geworfen hat, wie sehr nützt Ihnen das bei Ihren
       Anhängern?
       
       Köppel: „Das ist doch nicht die Frage.“
       
       Plasberg: „Doch, das ist die Frage, wie Populismus funktioniert. Hat es
       Ihnen jetzt eher in der Schweiz genützt oder geschadet, was hier passiert
       ist?“
       
       Köppel: „Also, wenn jemand …“
       
       Plasberg: „Hat es, ja oder nein?“
       
       „Zumindest schläft man nicht ein“, flüstert Steffen Bothe.
       
       Köppel: „Ein Kaberettist, der so …“
       
       Plasberg: „Ja oder nein?“
       
       Köppel: „Ein Kabarettist, der so was erzählt im deutschen Fernsehen, nützt
       der Schweiz.“ Doch er meint: Es nützt ihm.
       
       „Und das ist das Problem, glaub ich“, sagt Plasberg und klatscht auf den
       Tisch.
       
       „Nein, das ist Ihr Problem“, sagt Köppel.
       
       Vielleicht war das gerade ein großer Moment. Eine zweite Lektion in Sachen
       Rechtspopulismus an diesem Tag. Denn zwar ist einerseits der ganze Verlauf
       der Sendung ein Paradebeispiel dafür, wie man es nicht machen sollte,
       nämlich: Viele schlagen gemeinsam auf einen Provokateur ein. Aber
       andererseits hat Plasbergs Nachhaken den Mechanismus dahinter sichtbar
       gemacht. Den populistische Modus operandi: Provozieren, eine steile These
       raushauen, auf die Empörung warten, zurückrudern und sich als Opfer
       hinstellen.
       
       Von „Krawalltalk“ und „Wortgefechten bis kurz vor dem Zungenriss“ schreibt
       Bild.de am nächsten Tag. Die Aargauer Zeitung meint, Köppel sei als
       Populist entlarvt worden. Was bei Plasberg gesagt wurde, interessiert
       einige – auch die, die nicht dabei waren.
       
       Dass Talkshows über ihre eigentliche Sendezeit hinaus Bedeutung erlangen,
       sie also rezensiert werden, ist ein relativ junges Phänomen. Seine
       Entstehung fällt in eine Zeit, in der die Talkshow zum tonangebenden Format
       im deutschen Fernsehen wurde. Das begann ziemlich genau am 4. Januar 1998,
       als die erste Folge von „Sabine Christiansen“ gesendet wurde. Von nun an
       begann Sonntagabend, 21.45 Uhr, direkt nach dem „Tatort“, die politische
       Woche in Berlin. Die Sendung wurde rezipiert, kritisiert, die Aussagen von
       Politikern bei Christiansen wurden zum Ausgangspunkt politischer Debatten.
       Der CDU-Politiker Friedrich Merz sagte: „Ihre Sendung ist wichtiger als die
       Reden im Deutschen Bundestag.“ Manche nannten dieses neue Zeitalter die
       „Talkshow-Republik“.
       
       ## „Thadeusz und die Beobachter“, rbb
       
       „Einen Wunderschönen“, ruft Steffen Bothe Birgit Hermann in der
       Eingangshalle des rbb zu. Bothe wünscht grundsätzlich einen
       „Wunderschönen“, und ob damit Nachmittag, Abend oder Morgen gemeint ist,
       hängt von der Uhrzeit ab.
       
       Birgit Hermann ist Kundenbetreuerin: Sie begrüßt die Gäste und platziert
       sie im Fernsehstudio. Die mit der Werbung auf den T-Shirts nach hinten,
       Schulklassen immer im ganzen Raum verteilen. Frau Hermann und Steffen Bothe
       kennen sich seit über 15 Jahren.
       
       Stammzuschauer wie Steffen Bothe sind das wichtigste Kapital von
       Veranstaltungsagenturen wie TV Ticket Service, die die Zuschauer für
       Fernsehstudios organisieren und den Sendern garantieren, dass keine Plätze
       frei bleiben. Deswegen muss Steffen Bothe heute für keinen seiner
       Talkshowbesuche mehr zahlen, selbst wenn ein Besuch bei Anne Will sonst
       Eintritt kostet. Stammzuschauer wie Steffen Bothe springen ein, wenn ein
       Reisebus auffällt. Gleichzeitig sind sie verlässlich, man kann mit ihnen
       planen. Bothe hat seinen Alltag um die Fernsehaufzeichnungen herum
       strukturiert. Sobald er seinen Schichtplan bekommt, telefoniert er mit der
       Ticketagentur. Wir brauchen Sie für Plasberg, wollen Sie da hin?
       
       Im rbb wird heute „Thadeusz und die Beobachter“ aufgezeichnet. Vier Gäste,
       Hauptstadtjournalisten, stellen jeweils ein Thema vor, mit dem sie sich
       auskennen. Über jedes wird eine Viertelstunde diskutiert. „Es ist
       Presseklub auf Speed“, sagt Jörg Thadeusz nach der Sendung.
       
       Themen an diesem Abend: Bedingungsloses Grundeinkommen, EM in Frankreich,
       Rassismus in Deutschland und der Krach zwischen CDU und CSU.
       
       Die Runde unterhält sich, als säße sie in einer WG-Küche nach dem dritten
       Glas Wein. Bis auf Claudius Seidl von der Frankfurter Allgemeinen
       Sonntagszeitung duzen sich alle, es wird oft „mein lieber Hajo“ gesagt.
       Also: Prinzipiell finden die Leute sich hier gut. Das hat den großen
       Vorteil, dass es weniger rhetorische Tricks gibt und ein größeres
       gemeinsames Erkenntnisinteresse. Es entstehen eine Menge Momente, in denen
       Leute einfach nur zuhören, weil jemand gerade ein komplexes Argument macht.
       
       Claudius Seidl etwa formuliert einen „etwas komplizierten Widerspruch“
       dagegen, den Begriff Rassismus zu oft zu benutzen – eine Erklärung, die
       eineinhalb Minuten dauert, und in der die Worte „scheinobjektiv“ und
       „rationaler politischer Diskurs“ fallen. Es ist nicht etwa so, dass diese
       Erklärung die Runde total überzeugt. Aber man lässt ihm die Zeit, laut
       nachzudenken.
       
       Steffen Bothe grinst oft an diesem Abend und macht einen kehligen Laut, der
       ein Lachen andeutet, „chrrr“, hinten am Gaumen. Er sieht sehr zufrieden
       aus, wie ein Sommelier bei einer guten Verkostung. Und jetzt ist Zeit für
       eine Frage: Wer regelmäßig ins Kino oder ins Theater geht, gilt als
       interessierter Mensch. Wer regelmäßig ins Talkshowpublikum geht, der muss
       sich erklären. Mit den Talkshows ist es so: Alle reden darüber. Aber kaum
       jemand mag sie. Warum eigentlich?
       
       Man sieht interessanten Leuten dabei zu, wie sie miteinander reden. Das ist
       grundsätzlich nicht das Schlechteste. Fast alle Talkshows sind live. Das
       macht die Sache interessant, weil etwas Unvorhergesehenes passieren kann.
       Es gibt weniger Kontrolle als beim Zeitungsinterview, das die Interviewten
       vor dem Abdruck zu lesen bekommen.
       
       Viele Leute schauen zu, andere Leute lesen am nächsten Tag, was gesagt
       wurde. So entsteht eine Relevanz, wie sie nur manche Bundestagsdebatten
       erreichen. Talkshows mögen oft boulevardesk wirken, mit Titeln wie „Machen
       Smartphones dumm und krank?“ oder „Mann, Muslim, Macho: Was hat das mit
       dem Islam zu tun?“. Aber boulevardesk meint eben auch: Unelitär.
       Zugänglich. Und Themen werden als Fragen formuliert. Ausgang offen.
       
       Es ist halb zehn Uhr abends, das Studio ist leer. Steffen Bothe steht in
       der leeren marmorgrauen Eingangshalle des rbb. Er sieht müde aus, aber
       zufrieden. Das da eben bei Thaudeusz sei gerade eine der besten
       Sendungen, in der er je gewesen sei, wie die sich die Bälle zugespielt
       haben, wie die über Politik geredet haben, dass auch normale Zuschauer
       mitkommen, mindestens Top 3, womöglich sogar direkt nach seiner legendären
       Lieblingssendung anzusiedeln, der Silvestersendung mit Dieter Thomas Heck,
       die im Mai produziert wurde, wo es also schwer war, in Jahresendstimmung zu
       kommen, was aber klappte, weil es Bier gab und weil Dieter Thomas Heck
       jeden einzelnen Gast mit Handschlag begrüßte.
       
       Eine Sendung, in der auf hohem Niveau über das Bedingungslose
       Grundeinkommen und über Rassismus in Deutschland gesprochen wurde, ist also
       für Steffen Bothe, der seine Zuschauerkarriere bei „Vera am Mittag“ begann
       und sich seitdem 20 Jahre lang in der Kunst des Zuhörens geübt hat, eine
       großartige Sache.
       
       8 Jul 2016
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Philipp Daum
       
       ## TAGS
       
   DIR Anne Will
   DIR Thomas Gottschalk
   DIR Frank Plasberg
   DIR ARD
   DIR Serdar Somuncu
   DIR Schwerpunkt AfD
   DIR Günther Jauch
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Sahra Wagenknecht in Talkshows: Palavern im Dauerabo
       
       Mit elf Auftritten im Jahr 2017 saß keine andere Politikerin so oft in
       einer der großen Talkshows wie sie. Herzlichen Glückwunsch!
       
   DIR Kandidat der Satirepartei „Die Partei“: Der erste türkische Bundeskanzler?
       
       In seinem Programm hat er sich mit dem Aufstieg der Mächtigen beschäftigt –
       las Hitlers „Mein Kampf“. Nun will Serdar Somuncu selbst an die Macht.
       
   DIR Medienwissenschaftler über Talkshows: „Planwirtschaftliches Fernsehen“
       
       Der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister über die Gegenwart der deutschen
       Talkshow und warum das Format gefährlich ist.
       
   DIR AfD-Politiker in Talkshows: Das ist Spitze!
       
       Die AfD sitze zu häufig in Talkshows, heißt es oft. Nur, wie häufig
       eigentlich? Das hängt vom Thema ab. Wir haben mal nachgezählt.
       
   DIR Publizist Roger Willemsen ist tot: Der Mann des Bildungsfernsehens
       
       Er war der belesenste TV-Moderator der letzten 20 Jahre, ein Idol des
       Bildungsbürgertums. Am Sonntag ist Roger Willemsen gestorben.
       
   DIR Zum Ausstieg Günther Jauchs: Ihr werdet ihn noch vermissen!
       
       Jubel, weil Jauch aufhört? Das snobistische Bashing von Polit-Talkshows ist
       so originell, wie der FIFA die Kommerzialisierung des Fußballs vorzuwerfen.