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       # taz.de -- Pressefreiheit in der Türkei: „Die Medien sind ein schwarzes Loch“
       
       > Über 106.000 Menschen verfolgen Elif Ilgaz' Tweets aus Gerichtssälen und
       > von Straßenprotesten. Ein Gespräch über Bürgerjournalismus und Trolle.
       
   IMG Bild: Das Grab von Berkin Elvan. Elif ilgaz erinnert täglich mit einem Tweet an Elvan, der 2013 von einem Polizisten lebensgefährlich verletzt wurde und nach 9 Monaten Koma starb.
       
       [1][Yazının Türkçesi için lütfen buraya tıklayın.] 
       
       taz. die günlük gazete: Frau Ilgaz, Sie zählen zu den ersten
       „Twitter-JournalistInnen“ der Türkei. Warum arbeiten Sie nicht bei einem
       klassischen Nachrichtenmedium? 
       
       Elif Ilgaz: Ich habe jahrelang professionell als Journalistin gearbeitet,
       beim Fernsehen und bei Zeitungen. Als eines meiner Kinder krank wurde,
       musste ich mich aus dem Beruf für eine Weile zurückziehen. Als ich wieder
       arbeiten wollte, hatte sich die Presselandschaft in der Türkei völlig
       verändert. Es gab keine Medien, bei denen ich richtigen Journalismus machen
       konnte.
       
       Aber es gibt doch noch oppositionelle Medien? 
       
       Ja, aber von deren Gehältern konnte ich nicht leben. So ist das leider
       derzeit in der Türkei: Wer Teil der freien Presse sein möchte, muss sein
       Geld meist woanders verdienen. Also wechselte ich die Branche. Ich
       produziere Werbefilme und Dokumentationen. Nebenbei versuche ich, so gut es
       geht, Gerichtsprozesse zu verfolgen und Nachrichten zu verbreiten.
       
       Wie kamen Sie zu Twitter? 
       
       Ich habe Twitter anfangs, wie viele, erst mal nur als soziales Medium
       genutzt, um in Kontakt mit Freunden und Verwandten zu sein. Im Jahr 2011
       begann dann der Prozess gegen den Studenten Cihan Kırmızıgül, der wegen
       Terrorverdachts angeklagt und später zu elf Monaten Haft verurteilt wurde.
       Die Zeitungen haben sich kaum für den Fall interessiert. Ich bin trotzdem
       zu den Verhandlungen gegangen. Es hat mich extrem wütend gemacht, zu sehen,
       wie verzweifelt der junge Mann war und welches Unrecht ihm angetan wurde.
       Ich fing an, darüber zu twittern, und gewann schnell neue Follower. Und
       plötzlich berichteten die Zeitungen doch über den Fall.
       
       Gab es ein bestimmtes Thema, durch das Sie besonders viele neue Follower
       bekamen? 
       
       Eigentlich nicht, es war eine langfristige Entwicklung. Als die
       Journalisten Ahmet Şık und Nedim Şener ebenfalls 2011 angeklagt und zu
       Freiheitsstrafen verurteilt wurden, begann ich mit ein paar Freunden, über
       Details des Falls zu twittern. Ahmet Şık ist ein guter Freund von mir und
       ein hervorragender Journalist. Es brach mir das Herz, als er ins Gefängnis
       kam. Ich zählte über Twitter die Tage seiner Untersuchungshaft mit und
       jene, die ohne Anklageschrift verstrichen. Das war der erste Fall, bei dem
       ich sehr viel Feedback bekam und Mails von Leuten, die sich bei mir
       bedankten. Ich merkte, dass sie hungrig nach Informationen waren.
       
       Warum ist Twitter in der Türkei als Nachrichtenmedium so populär? 
       
       Weil die Presse unter ernsthaftem Druck steht, werden Informationen
       mittlerweile schneller und bündiger über das Internet verbreitet. Und die
       Leute finden bei Twitter Nachrichten, die sie bei klassischen Medien nicht
       finden. Natürlich gibt es oppositionelle Zeitungen wie Birgün, Evrensel und
       Özgür Gündem, doch deren Nachrichten verbreiten sich inzwischen auch eher
       über Twitter, und zwar so intensiv, dass die Printauflagen kaum noch etwas
       über deren Reichweite aussagen. Zudem war Twitter schon immer wichtig beim
       Organisieren von Protesten – auch schon vor Gezi, als es zum Beispiel um
       das Internetverbot ging oder das Abtreibungsverbot. Frauen haben sich über
       Twitter zusammengeschlossen und feministische Demos organisiert. Aus
       Protest gegen Erdoğan gingen Leute auf die Straße und ich mit ihnen, um
       davon zu berichten.
       
       Sie waren auch während der Geziproteste aktiv. 
       
       Ich habe nicht tagelang im Gezipark gezeltet, aber ich war ständig dort und
       fühlte mich als Teil des Ganzen. Später verfolgte ich viele
       Gerichtsprozesse gegen Demonstranten oder Verhandlungen von Angehörigen der
       Todesopfer durch Polizeigewalt.
       
       Eines dieser Todesopfer war der 14-jährige Berkin Elvan, der von einem
       unbekannten Polizisten angeschossen wurde und nach 9 Monaten im Koma starb.
       Sie twittern jeden Tag für ihn, noch heute. 
       
       Ja, nach all den fragwürdigen Statements der Regierung und ihrem Umgang mit
       den Opfern war mir klar, dass Berkin nur eine weitere Akte sein würde, die
       unter all den anderen Akten von Ermordeten verschwinden würde. Deshalb fing
       ich an, jeden Tag zu twittern, wie viele Tage seit seiner Verletzung
       vergangen sind: „Seit Berkin erschossen wurde, sind 1.050 Tage vergangen
       und sein Mörder wurde immer noch nicht gefunden.“ Ich möchte, dass die
       Leute so etwas nicht vergessen, Berkin war ein Mensch, nun ist er eine
       Akte, zu der noch immer ermittelt wird. Bis heute wurde kein Verdächtigter
       ermittelt.
       
       Werden Sie für Ihre Tweets angefeindet? 
       
       Es gibt diese AK-Trolls, eine organisierte Gruppe der AKP, die im Netz alle
       Oppositionellen attackiert. Unter denen habe ich auch zu leiden. Vor allem
       für meine Tweets zu Berkin Elvan bekomme ich seit Jahren Morddrohungen und
       werde beschimpft. Besonders schlimm wurde es, nachdem mich ein paar
       Kolumnisten bei regierungsnahen Medien öffentlich an den Pranger gestellt
       haben. Ich habe angefangen, die Drohungen zu archivieren, und dachte
       darüber nach, alle einzeln anzuzeigen. Aber es waren einfach zu viele. Da
       erschien es mir einfacher, alle Absender zu blockieren.
       
       Bezeichnen Sie sich selbst als Bürgerjournalistin? 
       
       Ja, ich mag diese Bezeichnung. Aber ich bin mir auch bewusst, dass sie
       nicht immer etwas Positives bedeutet. Wenn sich die falschen Leute so
       nennen, können sehr zweifelhafte Inhalte dabei herauskommen. Man darf sich
       auf keinen Fall auf jede Nachricht, die bei Twitter erscheint, verlassen.
       Ich teile auch nur Nachrichten von Journalisten, die ich kenne. Es
       zirkulieren sehr spekulative Texte und das Internet ist äußerst anfällig
       für Manipulationen. Ich kontrolliere jede Quelle mehrfach.
       
       Was ist der Unterschied zwischen klassischem Journalismus und
       Twitterjournalismus? 
       
       Dass man sich auf 140 Zeichen beschränken muss. Natürlich schicke ich
       Tweets nach, aber sie sind alle voneinander getrennt. Es gibt keinen Fluss
       und es liest sich im Ganzen nicht so bequem wie ein richtiger Artikel. Man
       versucht so schnell und so kurz wie möglich zu schreiben. Aber es geht ja
       bei Twitter nicht nur um meine Inhalte.
       
       Wie meinen Sie das? 
       
       Ich teile auch Links zu Artikeln von anderen AutorInnen. Meine
       Followerschaft weiß, welche Art von Nachrichten sie von mir bekommen. Ich
       teile zum Beispiel keine Wirtschaftsnachrichten, auch wenn sie mich
       interessieren. Aber das ist kein Gebiet, auf dem ich mich auskenne. Ich
       beschäftige mich schon lange mit Menschenrechten, mit der Situation von
       Studierenden, mit Kinder- und Frauenrechten und mit der Pressefreiheit.
       Artikel zu diesen Themen, die ich für lesenswert halte, teile ich, sodass
       meine Follower sie nicht selbst zusammensuchen müssen.
       
       Welche Themen sind derzeit in den türkischen Medien unterrepräsentiert? 
       
       Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Die Mainstreammedien sind ein
       einziges schwarzes Loch. Nachrichten zum Umweltschutz finden so gut wie gar
       nicht statt, genauso wie die Situation von Frauen. Frauen werden lediglich
       thematisiert, wenn sie Opfer von Gewalt werden. Die politische Lage im Land
       ist so verworren, dass sie die gesamten Nachrichten besetzt, da bleibt kein
       Platz für anderes. Gleichzeitig ist der Umgang mit Journalisten so unfair,
       jede oppositionelle Meinung, jede Kritik wird als „Beleidigung des
       Präsidenten“ verurteilt. Man weiß gar nicht, worüber man sich noch wundern
       soll.
       
       3 May 2016
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Yurtta%C5%9F-gazetecili%C4%9Fi/!5299183/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Fatma Aydemir
       
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