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       # taz.de -- Wissenschaftler über Täterkinder: „Gegen das Schweigen“
       
       > Täterkinder und -enkel kommen in dem neuen Buch der KZ-Gedenkstätte
       > Neuengamme ebenso zu Wort wie Wissenschaftler. Das ist eine fruchtbare
       > Kombination.
       
   IMG Bild: Steile Karriere: der KZ-Kommandant Martin Weiß (M.) mit seiner Frau (3.v.l.) 1943 bei den Schwiegereltern
       
       taz: Herr von Wrochem, es gibt schon etliche Bücher über NS-Täterkinder und
       -enkel. Was bietet Ihr Band Neues? 
       
       Oliver von Wrochem: Eine Kombination wissenschaftlicher und
       lebensgeschichtlicher Zugänge. Normalerweise treffen sich diese beiden
       Gruppen nicht. Aber auf zwei Tagungen in der [1][KZ-Gedenkstätte
       Neuengamme], deren Resultate in das Buch eingingen, trafen sich beide
       Menschengruppen und lernten voneinander.
       
       Inwiefern? 
       
       Jede Gruppe meinte, die andere hätte einen blinden Fleck. Die
       Täternachfahren fanden, die Wissenschaftler vernachlässigten den
       familienhistorischen Aspekt. Die Forscher wiederum sagten, man solle die
       Familiengeschichte nicht zu stark betonen, da es viele andere Faktoren gebe
       – politische wie kulturelle.
       
       Ihr Band enthält neben wissenschaftlichen Aufsätzen Berichte von
       Täternachfahren. Wonach haben Sie sie ausgewählt? 
       
       Sie stammen überwiegend von Menschen, die unsere halbjährlichen Seminare
       „Ein Täter in der Familie?“ besucht haben. Viele kamen mehrfach und fragten
       sich irgendwann: Wie kann ich mit dem, was ich recherchiert und
       herausgefunden habe, Vorbild für andere sein? Wie kann ich sie ermutigen,
       trotz aller Widerstände diesen Weg zu gehen? Es entstand das Bedürfnis,
       eigene Erfahrungen mitzuteilen und ein öffentliches Zeichen zu setzen gegen
       die immer noch schweigende Mehrheit, die sich der eigenen
       Familiengeschichte nicht stellt.
       
       Sprechen Täterenkel generell offener als Täterkinder? 
       
       Im Allgemeinen ja. Die Enkel haben einen größeren Abstand zur
       Erlebnisgeneration, die an Verbrechen beteiligt war oder sie unterstützte.
       Zwar gibt es auch in der Kindergeneration einige, die ihren Eltern
       gegenüber sehr schonungslos sind. Aber meist haben erst die Enkel genug
       emotionale Distanz, um den Mythos vom unschuldigen Großvater weder
       fortzuführen noch wütend zu zerstören. Deshalb können die Enkel ihre
       Großeltern oft eher in ihrer Widersprüchlichkeit sehen und weniger hart
       verurteilend oder verteidigend wahrnehmen.
       
       Sie haben auch die Nachkommen des SS-Manns Martin Weiß interviewt. Wie kam
       das? 
       
       Sie kamen in eines unserer Seminare. Martin Weiß war Kommandant der KZ
       Neuengamme, Dachau und Majdanek war und in der SS eine recht steile
       Karriere machte. Da stellen sich für die Nachfahren und ihre Ehepartner
       natürlich Fragen: Behalten wir das weiter für uns oder gehen wir damit an
       die Öffentlichkeit?
       
       Herrn Weiß‘ Sohn und dessen Frau haben es gewagt. 
       
       Ja, ich habe sie im Buch porträtiert und für die Film-DVD interviewt,
       wodurch sie zu öffentlichen Figuren werden. Sie kommen vielleicht in die
       Presse. Das sind Dinge, vor denen sie vorher geschützt waren, weil sie
       nicht öffentlich darüber sprachen.
       
       30 Mar 2016
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] http://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Petra Schellen
       
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