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       # taz.de -- David Bowie als Gayikone: Ein Model unter Bauerntrampeln
       
       > Mit Bowies „I am gay“ war in der Welt, dass Schwules nicht mehr
       > Gegenstand vom Schweigen sein muss. Bowie, ein Dealer mit queeren Rollen.
       
   IMG Bild: David Bowie bei seinem Auftritt beim Montreux Jazz Festival am 18. Juli 2002.
       
       Berlin taz | Erinnern wir uns an damalige Helden und Heldinnen der
       Popkultur. Mehr als 40 Jahren ist das jetzt her: Dylan, Fogerty, Quatro,
       Cooper, Joplin, Jagger, Lennon oder Stewart. Struppies, Löwen mit Mähnen
       mit gering femininem Anteil. Die Haare zottelig, freakig, ungekämmt,
       antimilitärisch, lang, oft, bei den Männern, von Bärten unterstrichen.
       
       Das waren hippieske Körperkommentare zu den soldatisch anmutenden
       Vorstellungen von gutem Aussehen noch bis in die Sechziger. Gegen Bowie,
       das elegante Model unter so vielen Bauerntrampeln des Pop, wirkten alle
       andere, als mieden sie Deodorants, Seifen und Kämme.
       
       Und dann kam einer wie er, dieser Mann, der in einem Interview 1972 mit der
       britischen Popnachrichtenillustrierten Melody Maker sagte: „I am gay.“ Es
       war für alle Welt als Selbstauskunft wahnsinnig bizarr. Niemand, schon gar
       nicht der Interviewer Michael Watts wäre auf die Idee gekommen, es nun
       plötzlich mit dem karrieretödlichen Bekenntnis einer irren Schwuchtel zu
       tun haben.
       
       Gay - schwul: Das war damals so absolut außerhalb aller
       Satisfaktionsfähigkeit. Andererseits: Das passte ja zu David Bowie, der,
       das machte sein zeitgenössisches Genie aus, ja nicht in vorgespurte
       Karrierebahnen treten, sehr. Einfach in einem Zeitungsgespräch zu sagen, er
       sei schwul.
       
       ## Trompeter des eigenen Tons
       
       Das war riskant, hatte, so wusste Bowie natürlich, aber extreme
       Distinktionskraft. Fortan würde er als Trompeter des eigenen Tons in
       eigener Liga spielen und nicht daran gemessen werden, ästhetisch den oben
       genannten Platzhirschen und -kühen genügen zu müssen.
       
       Bowie war einfach „gay“, auch wenn er später nicht expliziter wurde -
       „schwul“, so oder so, war das Label, das ihm genehm war. Bloß nicht sein
       wie die anderen. Allein die Haare, die Make-ups: David Bowie schien wie vom
       Mars zu kommen, grell und schrill, aber akkurat geschmiert und gefönt. Die
       Farben - ein früher Wake-up-call in Sachen New Wave, ein Prä-Punk, der
       allerdings mit dem Schmuddeligen dieses Stils nie so recht etwas anfangen
       konnte.
       
       Dieser Mann war aber, unter dem Radar des heterosexuellen
       Kritikmainstreams, seit diesem Satz ein Juwel der Schwulenbewegung, ein
       Buddy eigener Ambivalenzen in geschlechtlichen Dinge, ein Dealer mit
       queeren Rollen, ein Varietékünstler im Musikalischen…
       
       David Bowie, das war der Mann, der uns „Young Americans“ schenkte, weil er,
       wie sein Freund bei „Walk On A Wild Side“, die Chöre im Hintergrund so
       liebte, das war Ziggy Stardust, das war der Mann, der Inszenierungen und
       das Air von Maskeraden liebte - so wie seine Klamotten immer gebügelt
       aussehen, Falten nur dort, wo sie auch hin sollten. Bowie, das war auch
       „Let‘s Dance“ in den Achtzigern und der Mann, der auf dem Live Aid Konzert
       schon wie eine Art stylisher Godfather des geschmackvollen Pop aussah.
       
       ## Er überwand die Schamgrenze
       
       Unter schwulen Männern ist er seit eben diesem Jahr mit dem coolen -
       womöglich gar nicht triftigen Bekenntnis, aber weiß das schon? - ein Ikone:
       Der überwand die Schamgrenze, sich von der Öffentlichkeit drängen zu
       lassen, das kleine schmutzige Geheimnis nicht ausplaudern zu dürfen. Mit
       dem „I am gay“ war in der Welt, dass Schwules nicht mehr Gegenstand vom
       Schweigen sein muss.
       
       Für sein Statement war Bowie in späteren Jahren harsch kritisiert worden,
       weil das (schwule) Publikum nie den Verdacht los wurde, dass der Brite es
       gar nicht ernst meinte, sondern dass es nur ein Marketing-, also ein
       Verpackungstrick war. Gleich wie: Die Kunst der Inszenierung, die bei
       Dylan, den Beatles und den Stones nicht kenntlich werden durfte, obwohl
       auch sie ihren Regimen der Darstellungsabsichten folgten, wirkte bei Bowie
       flamboyant, überfarbig, androgyn.
       
       Letzteres war auch ein Grund zum Übelnehmen: Weshalb performt Bowie das
       Geschlechtszwiespältiges, obwohl „schwul“ doch das eindeutig Männliche als
       Begehren meint? Mit Bowie geht ein adorierter Künstler für all jene, die in
       ihm ein Idol fanden, das als Figur erst erfunden werden musste: Sei etwas
       dazwischen!
       
       12 Jan 2016
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jan Feddersen
       
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