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       # taz.de -- Michael Fürst über Antisemitismus: „Man muss das genau beobachten“
       
       > Ein jüdischer Friedhof wurde geschändet – wohl von Rechten. Einige
       > fürchten nun, dass mit den Flüchtlingen der Antisemitismus zunimmt. Der
       > Chef des jüdischen Gemeindeverbands Niedersachsen nicht
       
   IMG Bild: Ungeschändete Gräber auf dem jüdischen Friedhof an der Stangenriede in Hannover: Einige jüdische Gemeinden haben Angst vor zunehmendem Antisemitismus. Foto: Peter Steffen/dpa
       
       taz: Herr Fürst, kürzlich wurde Hannovers jüdischer Friedhof Strangriede
       geschändet, wohl von Rechten. Ist zu befürchten, dass künftig
       antisemitische Muslime so etwas tun? Die liberale jüdische Gemeinde
       Hannover befürchtet das. 
       
       Michael Fürst: Ich glaube nicht. Muslimen sind Friedhöfe ebenso wichtig wie
       uns. Das Schänden von Friedhöfen hat mehr europäische „Tradition „ und
       Unsitte. Grundsätzlich nehmen wir die Möglichkeit eines importierten
       Antisemitismus allerdings durchaus ernst. Es gibt aber Gemeinden, die das
       aus meiner Sicht übertreiben. Ich muss nicht so tun, als ob ich ständig
       bedroht werde. Die jüdischen Gemeinden werden nicht bedroht. Aber
       natürlich: Wir haben Antisemitismus in Deutschland, wir haben
       Antisemitismus in anderen europäischen Ländern, und wir haben durch den
       derzeitigen Zuzug von vielen Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten
       jetzt sicherlich eine Situation, die man im Auge behalten muss.
       
       Wie soll das konkret vor sich gehen? 
       
       Ich erwarte von den Sicherheitsbehörden, dass sie die zuziehenden Menschen
       überprüfen und beobachten, ob dort ein neuer Antisemitismus entsteht.
       
       Wie soll man Flüchtlinge auf Antisemitismus überprüfen? 
       
       Das ist natürlich nicht möglich. Es geht vielmehr darum zu beobachten, wie
       sich das entwickelt: Wie gehen die zuständigen muslimischen Verbände mit
       den Flüchtlingen um? Können sie integriert werden, kommen sie in bestehende
       Strukturen hinein? Wie wird ihnen beigebracht, dass sich das hiesige
       soziale System von dem ihrer Herkunftsländer unterscheidet?
       
       Wie gehen jüdische Gemeinden derzeit mit Flüchtlingen um? 
       
       Die jüdischen Gemeinden bestehen heute überwiegend aus russischen
       Kontingentflüchtlingen, und ihre Haltung hängt auch vom jeweiligen
       Gemeindevorstand ab. Ich plädiere dafür, die Menschen zu beruhigen und
       ihnen mitzuteilen, dass wir ständig im Gespräch mit Polizei und
       Sicherheitsbehörden sind, die uns glaubhaft versichern, dass derzeit keine
       akute Bedrohung besteht.
       
       Wie viele jüdische Gemeinden engagieren sich zurzeit in der
       Flüchtlingshilfe? 
       
       Derzeit weiß ich von keiner, aber das kann sich ändern: Die Stadt Hannover
       überlegt, eventuell eine Flüchtlingsunterkunft in die Nähe unserer
       jüdischen Gemeinde zu setzen. Das würden wir zum Anlass nehmen, diese
       Flüchtlinge zu uns einzuladen.
       
       Wird das in den ängstlichen jüdischen Gemeinden funktionieren? 
       
       Wir haben keine ängstlichen jüdischen Gemeinden. Wir als Vorstände müssen
       aber darauf achten, dass die sich abzeichnenden muslimischen Mehrheiten in
       die richtige Spur gelenkt werden. In eine nicht-antisemitische Spur. Denn
       viele kommen aus Ländern, in denen der Antisemitismus „Staatsdoktrin“ ist.
       
       In welchen arabischen Ländern ist Antisemitismus besonders verbreitet? 
       
       Ich möchte da keine Länder herausgreifen. Es gibt auch in nicht-arabischen
       Ländern Antisemitismus – etwa im Süden und Osten der Türkei. Und auch bei
       hiesigen jungen Türken.
       
       Können Sie da gegensteuern? 
       
       Wir versuchen es, indem wir unsere dortigen Gesprächspartner darauf
       hinweisen, dass sie sich intensiver mit dieser Problematik befassen müssen.
       Das haben sie über Jahre hinweg versäumt, aber jetzt steuern sie gegen.
       
       Sie stehen im Dialog mit muslimischen Verbänden? 
       
       Ja, ich treffe die Vorstände von Schura und Ditib und der palästinensischen
       Gemeinde Hannover regelmäßig. Wir haben Veranstaltungen wie „Gemeinsam
       gegen Rechts“ und Gesprächsrunden über palästinensische
       Vertreibungserfahrungen durchgeführt.
       
       Gibt es eigentlich auch einen jüdischen Antiislamismus? 
       
       Das würde ich nicht leugnen wollen. Es gibt auch unter Juden vereinzelt
       einen unreflektierten Antiislamismus, den man im Auge behalten muss.
       
       Was tun Sie dagegen? 
       
       Wir weisen unsere Mitglieder auf interreligiöse Veranstaltungen wie die
       eben genannten hin. Da unsere jüdischen Gemeinden aber zu 90 Prozent
       russischsprachig sind und besonders Ältere oft kaum deutsch sprechen, sind
       sie oft schwer zu erreichen.
       
       8 Nov 2015
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Petra Schellen
       
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