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       # taz.de -- Kolumne Press-Schlag: Am Olymp der Willensbildung
       
       > Knapp wurden die Winterspiele 2022 nach Peking vergeben. Das ist nur
       > konsequent, denn das Olympische Komitee sucht stets neue Märkte.
       
   IMG Bild: Hier wird Geld dann verdient: Eishockey-Stadion in Peking.
       
       Ui, ui, ui, war das knapp! „44 zu 40 für Peking, bei einer Enthaltung“, so
       wurde es vermeldet. Wenn man das Image, das der Oberboss Thomas Bach von
       seinem honorigen Verein namens Internationales Olympisches Komitee (IOC)
       verkaufen möchte, ernst nimmt, dann wurde bei der Vergabe der Winterspiele
       2022 an Peking sehr lange gestritten, sorgfältig abgewogen und gewissenhaft
       geprüft. Die 85, nennen wir sie: Persönlichkeiten, die gestern in Kuala
       Lumpur über die Vergabe eines Weltereignisses abstimmten, tagten dort
       erstmals in einem neuen „Parlamentsdesign“, wie die Agenturen meldeten: Die
       Saalbestuhlung soll wie eine Volksvertretung aussehen.
       
       Darauf dürfte die Betonung liegen: wie in einem Parlament, wie in einer
       Demokratie. Der in den 44 Stimmen für Peking und den 40 Stimmen für Almaty
       zum Ausdruck kommende Volkswillen ist ähnlich demokratisch legitimiert wie
       die knappe Entscheidung eines Konzernvorstands, die Produktionsstätten in
       dem einen Land zu schließen und in dem anderen zu eröffnen. Das nämlich ist
       das IOC, das 2012 einen Jahresumsatz von 7 Milliarden Euro aufgewiesen hat:
       ein Weltkonzern, immer auf der Suche nach neuen Märkten.
       
       Insofern ist dem IOC auch zu glauben, dass es sich die Entscheidung nicht
       leicht gemacht hat. Nach sorgfältigem Abwägen wurden die höheren
       Renditeerwartungen in China vermutet, wo nun der Wintersport etabliert
       werden soll. Damit sind nicht in erster Linie Skipisten, Hotels oder Lifte
       gemeint, sondern Fernsehrechte und Absatzmärkte für alles, was im weitesten
       Sinne sportiv und winterlich daherkommt.
       
       Es ist die simple kapitalistische Logik des „Akkumuliere! Akkumuliere!“,
       die der Entscheidung des IOC zugrundeliegt. Daher ist die ausgerechnet bei
       Betrachtern der Sportpolitik so beliebte Vorstellung, hier ginge es um eine
       gute Sache, die von korrupten älteren Herren missbraucht würde,
       grundfalsch. Schon als beschlossen wurde, die Winterspiele nicht mehr im
       gleichen Jahr wie die Sommerspiele auszutragen, war das nichts anderes als
       der, wie wir wissen: erfolgreiche Versuch, nicht mehr nur alle vier Jahre,
       also nach einer, wie es von der griechischen Wortbedeutung her heißen muss:
       Olympiade ein Weltereignis zu vermarkten, sondern noch häufiger. Wenn es
       halbwegs zu organisieren wäre, würde das IOC uns auch vierteljährliche
       Megaevents anbieten.
       
       Weltkonzerne haben sich angewöhnt, nicht mehr nur zu sagen, dass sie Geld
       verdienen wollen, sondern dies mit dem Hinweis auf eine möglichst
       philanthropische „Philosophie“ zu garnieren. Das IOC hat gleich zwei davon:
       Mit „Dabei sein ist alles“ sorgt es dafür, dass noch der letzte Winkel
       dieser Erde in den Sportweltmarkt integriert wird. Und mit „citius, altius,
       fortius“ kann es die kapitalistische Logik sogar in einem humanistischen
       Gewand erscheinen lassen.
       
       Wenn das IOC nun seine Vertreter in irgendein bestuhltes Halbrund hockt und
       sich als Parlament geriert, kommt es den Kritikern, die in ihm nur
       Korruption erblicken, entgegen: Wie in der Politik auch ist nämlich eine
       Kritik, die sich nur gegen Bestechung richtet, die aber die realen
       Interessen, die verfolgt werden, nicht in den Blick zu nehmen vermag, eine,
       die sehr wenig auszurichten vermag. Eine also, die dem IOC sehr
       entgegenkommt.
       
       31 Jul 2015
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Martin Krauss
       
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