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       # taz.de -- Kommentar Sowjetische Kriegsgefangene: Die richtigen Opfer
       
       > Sowjetische Kriegsgefangene waren eine der größten Opfergruppen im NS.
       > Mit der Entschädigungsentscheidung übernimmt Deutschland Verantwortung.
       
   IMG Bild: Russische Kriegsgefangene im Lager Drossel am 7. April 1945 kurz nach der Befreiung durch US-Truppen
       
       Eine Wiedergutmachung haben auch andere Opfer verdient. Nicht nur
       ehemaligen Sowjet-Soldaten, die in Gefangenenlagern der Wehrmacht saßen und
       nun endlich Anerkennungszahlungen von insgesamt zehn Millionen Euro
       erhalten; sondern auch italienische Militärinternierte, Überlebende von
       Nazi-Massakern in griechischen Dörfern oder Hinterbliebene von
       Vergeltungsaktionen in Osteuropa.
       
       Dennoch konzentrierte sich die Opposition in den vergangenen Monaten
       explizit darauf, Entschädigungen für frühere Rotarmisten zu fordern. Dafür
       gab es mindestens zwei gute Gründe.
       
       Erstens: Mit über drei Millionen Toten waren die sowjetischen
       Kriegsgefangenen nach den Juden eine der größten Opfergruppen der
       Nationalsozialisten. Trotzdem ist ihr Schicksal in Deutschland kaum
       präsent. Bundespräsident Joachim Gauck sprach treffend von einem
       „Erinnerungsschatten“, als er Anfang Mai ein ehemaliges
       Kriegsgefangenenlager besuchte. Die Entschädigungs-Entscheidung des
       Bundestags könnte dazu beitragen, diesen Schatten aufzuhellen.
       
       Zweitens: Die sowjetischen Kriegsgefangenen waren doppelte Opfer. In der
       Sowjetunion als vermeintliche Feiglinge und Kollaborateure behandelt,
       landeten viele von ihnen in der Heimat erneut in Lagern. Teilweise haftet
       ihnen das Stigma bis heute an. Auch für diese Spätfolgen der
       nationalsozialistischen Verfolgung übernimmt Deutschland mit den
       Anerkennungszahlungen endlich die (Mit-)Verantwortung.
       
       Natürlich: Die Rechnung ist zynisch. Wer unter den Nazis gelitten hat und
       weiterhin leer ausgeht, findet in diesen Argumenten keinen Trost. Eine
       Gesamtlösung für alle, die noch immer auf Entschädigungen warten, wäre aber
       an den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag gescheitert. Um die
       Regierungsfraktionen zu überzeugen, musste sich die Opposition auf eine
       Opfergruppe konzentrieren. Sie hat die richtige ausgewählt.
       
       21 May 2015
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Tobias Schulze
       
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