# taz.de -- "Der Seewolf" neu im TV: Körper frisst Geist
> Die Geschichte mit der rohen Kartoffel: Sebastian Koch schlägt sich durch
> den Zweiteiler "Der Seewolf" (So. und Mi., 20.15 Uhr, ZDF). Die
> Brutalität erschreckt, dann ermüdet sie.
IMG Bild: Der verehrte Katitän "Seewolf" (Christoph Koch) in Not.
Körper und Hirn stehen sich ja gern mal im Weg. Im Extremfall stehen dann
äußerste Brutalität und ausschweifendes Reden im Widerstreit. Wie viel
Wahrheit dabei herauskommen kann, davon erzählt Jack Londons mehr als
hundert Jahre alter Romanklassiker "Der Seewolf": Verlauste Männer auf
einem Segelschiff, auf dem Weg zur Robbenjagd, geführt vom brutalen Kapitän
Wolf Larsen, fischen erst einen Literaturkritiker aus dem Wasser und dann
eine Dichterin - jeder kämpft gegen jeden, mancher gegen sich selbst. Der
perfekte, intelligente Abenteuerstoff, auch fürs Fernsehen - das zeigte
1971 der Vierteiler mit Raimund Harmstorf, der eine rohe Kartoffel in der
Hand zerdrückt. Jenem nachzueifern schien lange ebenso unnötig wie
unmöglich.
Doch dann kündigte erst ProSieben eine Neuverfilmung des Klassikers an,
dann das ZDF. Vorurteilsbeladen könnte man da denken: ProSieben fürs
brutale Haudrauf-Abenteuer, das ZDF für die intellektuelle Tiefe, erst
recht, wenn Sebastian Koch den Seewolf spielt, der in seinen Rollen wie
jener als Dichter in "Das Leben der Anderen" oder als Klaus Mann eher
feingeistige Charakterere verkörperte. Doch es ist genau umgekehrt.
Vor fast genau einem Jahr zeigte ProSieben seinen Zweiteiler mit Thomas
Kretschmann in der Hauptrolle und mutete dem privatsendergeschulten
Publikum lange, tiefsinnige Dialoge über Moral, Ideale, Sittlichkeit und
Gerechtigkeit zu. Es gab weder besonders viel Action noch Sex, brutal war
es zwar durchaus auch, aber immer schön reden dabei und das eine oder
andere Literaturzitat fallen lassen. So gut war Kretschmann, dass schon
damals leichtes Bedauern mit Sebastian Koch aufkam, der dieselbe Rolle fürs
ZDF nun in einem am Sonntag und Mittwoch ausgestrahlten Zweiteiler spielt
und dabei vor allem draufhaut.
Warum der Literaturklassiker heute überhaupt noch aktuell sein soll,
erklärt Koch mit der Figur des Wolf Larsen, der in großer Konsequenz sagt,
was er denkt, der sich nicht anpasst. "Gerade in einer politischen Welt,
die immer mehr aus faulen Kompromissen besteht, braucht es solche Figuren,
an denen man sich reiben kann, auch wenn man nicht mit ihnen
übereinstimmt." Extrem brutal ist sein Kapitän Larsen, ein bulliger Typ,
der kaum gehen kann vor Körperlichkeit. Aus schwarzen Knopfaugen starrt er
in die Welt, das Gesicht meist ebenso eisig wie der Wind, der ihm an Deck
entgegenbläst. Die enorme Kraft dieser Figur habe ihn fasziniert, sagt
Koch. "Er vereint eine extreme körperliche Wucht und zugleich eine
außergewöhnliche Brillanz im Denken. Er ist sehr einfach und klar
strukturiert, beurteilt die Welt hart und einseitig." Zugleich sei Larsen
wie ein gefallener Engel mit einer Sehnsucht in sich, an die er nicht
rankommt. "Sobald ihm was zu nahe kommt, muss er es kaputtmachen. All das
ist eine faszinierende, explosive Mischung", sagt Koch.
Doch leider knallt es zwar häufig, wenn der Kapitän an Bord seines
Segelschiffs "Ghost" mit der Besatzung Spielchen auf Leben und Tod treibt,
wenn er zum Zeitvertreib zuschlägt oder, als der Literaturkritiker Humphrey
van Weyden hinzukommt, um diesem zu zeigen, wie nutzlos sein hehres Reden
von Gerechtigkeit und Freiheit ist, wenn es auf reinste, wahllose
Brutalität trifft. Doch die brillanten Dialoge zwischen Larsen und van
Weyden verkümmern im Hinwerfen von Begriffen, die meist noch nicht mal
wirklich dazupassen.
Etwa wenn Wolf Larsen den wackeren Seemann Johnson auf brutalste Art
zusammenschlägt, weil der wagte, die Qualität der Taue zu kritisieren. "Wo
bleibt nun Ihre Demokratie", fragt der Kapitän den anwesenden Humphrey van
Weyden, während er Johnsons Kopf wieder und wieder gegen einen Holzbalken
donnert, ihm mit der Faust ins Gesicht schlägt, bis er blutspritzend zu
Boden fällt, wo Larsen weiter auf ihn eintritt. Stephen Campell-Moore, der
Humphrey van Weyden spielt, kann nur stummglotzend dabeistehen.
Gemeinsam mit Regisseur Mike Barker habe er sich entschieden, "das mit der
Gewalt entschlossen durchzuziehen, bis der Zuschauer sagt: Ihr spinnt, das
geht mir zu weit", sagt Koch. Es sei nur konsequent, eine Figur wie Larsen
so zu zeigen. Schließlich stehe der auf dem Standpunkt: Das Leben hat
keinen Wert.
Dem Zuschauer aber geht das tatsächlich zu weit. Die Brutalität erschreckt,
dann ermüdet sie. Und gerade in den ruhigen Momenten kann Koch die Figur
nicht mit Leben füllen. Wenn angedeutet wird, dass der brutale Vater und
der berechnende kleine Bruder ein Grund sind für Wolf Larsens
Menschenverachtung, bleibt das Behauptung, Larsens Verhalten unplausibel.
Großartig sind die Kulissen, die Szenen auf dem Schiff, die tatsächlich auf
hoher See gedreht wurden. Sehr authentisch wirkt all das, aber die
Abenteuerbegeisterung trägt keine drei Stunden lang, nach einigen
Gewitterstürmen, Robbenjagden und Segelunfällen wird es auch langweilig.
Zum Glück kommt im zweiten Teil dann die resolute Dichterin Maude Brewster
an Bord, die Neve Campbell herrlich renitent, klug und zugleich seltsam
fasziniert vom Kapitän spielt. Ein Lichtblick ebenso wie klasse besetzte
Nebenrollen, etwa Tobias Schenke als mutig-aufmüpfiger Schiffsjunge Leach.
Auch die obligatorische Kartoffelszene ist originell umgesetzt, so dass
eher eine Hand als eine Knolle zerquetscht wird. Wieder ziemlich brutal
allerdings.
Gefühlig wird es dann plötzlich am Ende, Hollywoodkitsch, der eher an das
erinnert, was das ZDF sonst so am Sonntagabend sendet. Da wurde das Hirn
offenbar endgültig ausgeschaltet.
31 Oct 2009
## AUTOREN
DIR Daniela Zinser
DIR Daniela Zinser
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