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       # taz.de -- Zum Tod des Musikers Alex Chilton: Fixstern aus dem Supermarkt
       
       > Früh vollendet und verkannt: zum Tod des US-amerikanischen Musikers Alex
       > Chilton. Dass er nicht Faktotum wird, hat er den Punks zu verdanken.
       
   IMG Bild: Mit 59 Jahren gestorben: Alex Chilton.
       
       Die Bangles, R.E.M., Ryan Adams, Teenage Fanclub und die Replacements haben
       seine Songs gecovert oder sich zu Songs über Alex Chilton inspirieren
       lassen: Das sagt schon etwas über den Einfluss des US-amerikanischen
       Gitarristen und Sängers Alex Chilton aus. Chilton ist so etwas wie das
       fehlende Glied zwischen den Verheißungen des Rock in den Sechzigerjahren
       und der Renitenz von Punk, Ende der Siebziger. Dazwischen gibt es ja auch
       einen saturierten Mainstream, Supergruppen, Stadienkonzerte und guten
       sauberen Spaß für die Masse. Und es gibt unbeirrbare Sucher und die Idee,
       Songs in blanken Lärm münden zu lassen. Erfolg konnte man mit so etwas,
       wenn überhaupt, erst in den Achtzigern haben. Chilton begründete diese
       Schule und dafür bezahlte er einen hohen Preis.
       
       Memphis 1967: Der 16-jährige William Alexander Chilton erlangt mit seiner
       Band The Box Tops und dem Song "The Letter" Weltruhm. Etwas mehr als zwei
       Minuten benötigt der Sänger, um Soul und Pop auf unwiderstehliche Art
       zusammenzubringen. Seine körnige Stimme treibt eine Orgel vor sich her und
       klingt so schwarz und so abgeklärt wie kein anderer weißer Teenager aus den
       Vororten. Jazz schwebt ihm vor, aber er sprintet für eine Pophookline an
       die Spitze der weltweiten Charts. Die Box Tops landen weitere
       Achtungserfolge, doch Chilton verweigert sich dem Rummel und wirft das
       Handtuch. Er versucht sich als Singer-Songwriter in New York und scheitert.
       
       Zurück in Memphis 1971 tut er sich mit drei Musikern aus dem Dunstkreis des
       Soullabels Stax zusammen und gründet die Band Big Star, benannt nach einer
       Supermarktkette. Das Debütalbum heißt schlicht "#1", eine Anspielung auf
       die Eintagsfliege, Chiltons Wappentier seit "The Letter". Hits landen Big
       Star wahrlich keine. Ihre den Beatles entliehenen mehrstimmigen
       Gesangsarrangements, Windmühlengitarren und komplizierten Melodien
       verfangen sich nicht im machistischen Boogierockklima der Südstaaten. Es
       hilft auch kein Coverfoto von William Eggleston, es gibt noch gar keine
       kunstgeschulte Pophörerschaft und Stax kann zwar Soulacts an den Mann
       bringen, nicht aber die Musik von Big Star. Das letzte von drei Alben
       erscheint erst nach dem Ende der Band.
       
       "Ich hatte immer musiktheoretisches Zeug im Kopf, wenn ich Songs schrieb.
       Deshalb konnte ich nicht einfach der primitive Rocker werden, auch wenn das
       meinen Gefühlen entsprach", sagt Chilton einmal über sein Dilemma.
       
       Nach dem Ende von Big Star, Drogen- und Alkoholproblemen zieht Chilton nach
       New Orleans, arbeitet als Landschaftsgärtner und Tellerwäscher, gründet
       eine Coverband, die für Touristen auf der Bourbon Street spielt.
       
       Dass er nicht Faktotum wird, hat er den Punks zu verdanken: Durch Punk ist
       plötzlich wieder gefragt, wer aus Popschrott Grundlegendes extrahieren kann
       und im Songformat Experimente zulässt. Chilton produziert etwa "Gravest
       Hits" der Cramps, spielt mehrere Soloalben ein. 1988 tourt er auch durch
       Westdeutschland. Seine Songs spielt er verschmitzt, bisweilen bösartig.
       Damals schien es, als habe er Haltung bewahrt.
       
       In seiner Heimat dauert es noch länger, bis die gitarrengetriebene Popmusik
       von Alex Chilton auf größere Umlaufbahnen landet. Erst vergangenes Jahr ist
       mit "Keep an Eye on the Sky" eine Zusammenstellung aller Big-Star-Songs
       erschienen. Mit seiner wiedervereinigten Band hätte Alex Chilton am Samstag
       ein Konzert in Austin geben sollen. Am Mittwoch ist er 59-jährig in New
       Orleans an Herzversagen gestorben.
       
       18 Mar 2010
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Julian Weber
   DIR Julian Weber
       
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