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       # taz.de -- Neues Album von Erdmöbel: Pop für denkende Menschen
       
       > Sie singen von spießiger Schönheit und vermischen Bossa-Rhytmen mit einem
       > Posaunenchor. Erdmöbel sind wieder da – mit einem wundervollem Album und
       > einem bizarrem Roman.
       
   IMG Bild: Sie sind das Kölner Quartett Erdmöbel (v.l.n.r.): Proppe, Sänger und Songwriter Markus Berges, Dewueb, Ekimas.
       
       Hey, Sie da, Sie Leser. Sie lesen wohl gern? Es darf durchaus auch mal was
       Tiefgründiges sein? Ihr Bücherregal schillert in allen Farben von Suhrkamp?
       Neben der HiFi-Anlage dagegen sieht es eher traurig aus? Ein bisschen Joe
       Cocker, die Beatles als Best-Of und dazwischen die vergilbten
       Bob-Marley-Sachen? Das Neueste ist noch diese Blumfeld-CD, die sie mal
       geschenkt bekommen, aber nie wirklich verstanden haben? Und auch auf der
       liegt schon ziemlich dick der Staub?
       
       Da hätten wir was für Sie: Popmusik für den denkenden Menschen. Ja, das
       gibt es. Erdmöbel heißt die Band. Kommen aus Köln. Neues Album namens
       "Krokus". Der Typ, der die Songs schreibt, hat eben auch einen Roman
       herausgebracht: "Ein langer Brief an September Nowak". Ein echtes Buch. Na,
       wenn das kein Argument ist.
       
       Tatsächlich besetzen Erdmöbel eine Nische, die es eigentlich gar nicht
       gibt. Denn Popmusik und Literatur, die bilden insbesondere in diesem Land
       immer noch Antipoden. Die Literatur vermutet in der Popmusik, da hinkt sie
       etwas hinterher, das Oberflächliche und Belanglose, den schönen Schein und
       die leere Pose. Aber auch das Freche und Forsche, das Bunte und
       Rebellische. Deshalb denkt die Literatur, sie ist was Besseres. Deshalb ist
       sie aber auch ein bisschen neidisch, hat sich mal kurz die Popliteratur
       geleistet und wenn sie modern sein will, dann klaut sie heute noch die
       Kapitelüberschriften aus Popsongs.
       
       Aber die Literatur ist lange nicht so neidisch auf die Popmusik wie die
       Popmusik auf die Literatur. Das kann man schon daran sehen, mit welcher
       Leidenschaft über die, seien wir ehrlich, extrem unwahrscheinliche
       Möglichkeit spekuliert wird, Bob Dylan könnte irgendwann einmal den
       Literatur-Nobelpreis bekommen. Dann wäre die Popmusik stolz. Geil, endlich
       rehabilitiert. Jahrzehnte der Scham wären vorbei. Aber das wird nicht
       passieren. Hat man ja wieder gesehen: Eher kriegen das Ding irgendwelche
       abgehalfterten Salonlöwen, die den abgewirtschafteten Neoliberalismus
       predigen und zum letzten Mal zu Kaiser Zeiten was Relevantes geschrieben
       haben.
       
       Auch Markus Berges, da hängt man sich nicht allzu weit aus dem Fenster,
       wird in absehbarer Zeit nicht nach Stockholm reisen und einen Scheck
       entgegen nehmen müssen. Aber vielleicht fährt er mal nach "Brasilia". Über
       die seltsame Stadt im Dschungel hat er einen Song geschrieben, in dem der
       Architekt Oscar Niemeyer eine Party feiert, "Birken hinter Glasbeton"
       wachsen und Berges wundersame Formulierungen singt wie "Kassenhäuschen der
       Stadtverwaltung".
       
       Das macht er gern. So Wörter singen, die garantiert noch nicht in Popsongs
       vorgekommen sind. Zu jedem Erdmöbel-Album stellen die Musikkritiker deshalb
       Listen zusammen mit diesen Wörtern und staunen stets aufs Neue. Die Liste
       zu "Krokus" geht ungefähr so: Tempotaschentücher, Silageplane,
       Rolladenschlitz, Staatsratsvorsitzender, Petersilienseife, Sitznachbar,
       Rhabarberbeet, Hygienemuseum Dresden, Luftballonwettbewerbskarte. Und
       natürlich: Nordrhein-Westfalen. Darüber haben sich alle gefreut, sogar "Die
       Zeit".
       
       Denn sie klingen plötzlich gut, völlig selbstverständlich, wenn Berges sie
       singt, diese sperrigen deutschen Wörter. Oder, wie Markus Berges es sagt:
       "Diese Wörter sind toll zu singen. Es traut sich nur niemand sonst. Ich
       weiß auch nicht warum." Dazu guckt er ernst. Er hat die Frage so oft
       beantworten müssen, er kann ihr nicht einmal mehr einen ironischen Aspekt
       abgewinnen.
       
       Bleibt die Frage: Ja, warum eigentlich traut sich das niemand sonst?
       Vielleicht weil es eben doch nicht so einfach ist. Vielleicht muss man aus
       Münster kommen und dort seine Band gründen, muss sich nennen wie Särge
       angeblich in der DDR hießen, muss dann aus der deutschen Provinz umziehen
       in die deutsche Semiprovinz nach Köln, muss sich weigern nach Berlin zu
       gehen und tapfer und wohl auch aus Notwendigkeit halbtags Lehrer bleiben.
       Von dort, vom Rand aus, lässt sich prima zugucken. Und dort ist genug
       Abstand, um eine eigene Sprache zu finden. "Es gibt keine Band", sagt
       Berges, "die auf einem ähnlichen textlichen Acker wirtschaftet."
       
       Das tun Erdmöbel jetzt seit 15 Jahren mit durchaus überschaubarem Erfolg.
       Sie gelten als zu eigen für den Massengeschmack, vielleicht auch
       eigentümlich. Sie haben sechs Alben veröffentlicht, die von der Kritik
       vorsichtig gelobt und von einem breiten Publikum ignoriert wurden, als sie
       2007 "No.1 Hits" herausbringen. Die Neueinspielungen von Gassenhauern von
       Nirvana, Kylie Minogue oder Kraftwerk, deren Texte Berges aus den
       Originalsprachen ins Deutsche übertragen hat, werden von der Kritik
       flächendeckend gefeiert und laufen plötzlich im Radio. Okay, zumindest in
       manchen Sendern. Aber sie füllt sich langsam, die Nische. Mehr Menschen
       kommen zu den Konzerten. Die sind, hat Berges nachgezählt, zu achtzig
       Prozent mit einem Abitur ausgestattet.
       
       Fast scheint es, als hätte Publikum und Kritik trotzdem diesen Filter
       benötigt. Hätten die Bekanntheit der Vorlagen gebraucht, um Berges zu
       verstehen. Um schätzen zu lernen, wie großartig er schreibt. Wie lyrisch
       einerseits und zugleich doch auch verständlich, assoziativ. Wie sehr seine
       Texte aus dem Bauch dieses Landes berichten, von seinen alltäglichen
       Absurditäten und von seiner spießigen Schönheit. Vor allem aber geht kaum
       jemand, nicht einmal ein Jochen Distelmeyer, so souverän um mit dem
       Deutschen als Singsprache wie Markus Berges.
       
       "Es gibt kaum Leute", sagt Ekki Maas, "die das können, was Markus kann".
       Dass der Markus das können kann, dass diese Texte als Popmusik
       funktionieren, dafür ist auch Maas ein wenig verantwortlich. Denn der
       bedient den Bass bei Erdmöbel und produziert schon immer die Musik der
       Band, bei der Christian Wübben von Anfang an Schlagzeug spielt und Jürgen
       Diehle nun auch schon eine ganze Weile die Gitarre. Auf "Krokus" haben sich
       die vier nun so aufeinander eingespielt, dass sie Bossa-Rhythmen und
       Posaunenchor, temperiertes Klavier und sonnige Akustik-Gitarren ganz
       souverän mit Berges demonstrativ lakonischem Gesang verschmelzen.
       
       Wie gut das geht auf "Krokus", das erstaunt selbst Berges. "Wir sind viel
       lässiger, als ich dachte", lächelt er zufrieden. "Mir war immer klar, dass
       wir lässig sind", grienst Maas. So lässig jedenfalls, wie man eben nur sein
       kann als Familienvater um die Vierzig, mit Bauchansatz und unübersehbarem
       Haarausfall, mit einem Bein im Pop und dem anderen im Literaturbetrieb.
       
       Den versorgt Berges nun mit seinem ersten Roman. "Ein langer Brief an
       September Nowak", das gibt Berges gerne zu, erscheint auch deshalb nahezu
       gleichzeitig zum Album, um fürs jeweils eine auch das potentielle Publikum
       des anderen erschließen zu können, also die Buch-Leser für die Popmusik und
       die Pop-Hörer für die Literatur.
       
       Im Buch lässt Berges eine 19-jährige Abiturientin zur Selbstfindung durch
       Südfrankreich reisen (s.a. Rezension am 6.10. in der Literataz). Eine
       bisweilen etwas seltsame Geschichte, die aber immer dann, wenn sie zu
       bizarr zu werden droht, mit einem trockenen, völlig unironischen Humor
       geerdet wird. Die aber vor allem spielt mit Erwartungshaltungen und
       Identifikationsebenen, die den Konsumenten in Assoziationsräume lockt, in
       denen er sich so leicht verlieren wie neu finden könnte.
       
       Das ist so ziemlich auch genau das, was passiert, wenn man sich einlässt
       auf die Songs von Erdmöbel. Wenn man sich gräbt durch die wundervollen
       Melodien von "Krokus", durch die federleichten Arrangements, vorbei an den
       euphorischen Bläsern und die butterweichen Linien, die der Bass durch die
       Songs zieht. Dann stößt man unweigerlich auf dieses schwarze Loch, das da
       unten liegt, auf diesen Krater zwischen Literatur und Popmusik, den
       Erdmöbel nun schon seit 15 Jahren versuchen zuzuschaufeln. Und das alles
       nur damit Sie, ja genau Sie, lieber Leser, sich endlich auch mal eine
       großartige, zeitgemäße, ganz und gar wundervolle CD ins Regal stellen
       können.
       
       17 Oct 2010
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Thomas Winkler
       
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