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       # taz.de -- Ein Spaziergangsforscher im Gespräch: „Ich gehe gerne auf Parkhäuser“
       
       > Bertram Weisshaar will die Umwelt bewusst machen, Merkwürdigkeiten
       > entdecken und Landschaften sichtbar machen. „Eine ernste Angelegenheit.“
       
   IMG Bild: Bertram Weisshaar auf einem seiner Gänge durch die Natur.
       
       taz: Herr Weisshaar, werden Sie schief angeguckt, wenn Sie sich als
       Spaziergangsforscher vorstellen?
       
       Bertram Weisshaar: Nee, wieso denn? Jeder kennt doch das Spazierengehen,
       egal welchen Beruf er ausübt oder aus welcher Bildungsschicht er kommt.
       Aber viele fragen mich in der Tat: Was ist das? Als Spaziergangsforscher
       wecke ich auf jeden Fall das Interesse der Menschen.
       
       Spaziergangsforschung klingt arg nach Seminar und wenig nach Müßiggang. 
       
       Sie ist ja auch eine ernste Angelegenheit. Die Spaziergangwissenschaft oder
       Promenadologie entstand in den achtziger Jahren an der Gesamthochschule
       Kassel im Seminar des Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt und war im
       Studiengang Stadt- und Landschaftsplanung angesiedelt.
       
       Wie sind Sie zum Spaziergangsforscher geworden? 
       
       Durch zwei Begegnungen: zum einen der Spaziergang mit Lucius Burckhardt für
       Studienanfänger durch den Park Wilhelmshöhe in Kassel. In dieser
       wunderschönen Parklandschaft sagte Burckhardt: Landschaft gibt es gar
       nicht! Sie gibt es nur bei uns im Kopf. Das Bild der Landschaft ist eine
       kulturell geprägte Erfindung: der Wald mit Vögeln im Hintergrund, die Wiese
       mit Kuh im Vordergrund. Die Autobahn und der moderne Milchtanklaster
       gehören nicht dazu.
       
       Und Ihre zweite Begegnung? 
       
       Das war Mitte der neunziger Jahre der stillgelegte Braunkohlentagebau bei
       Dessau. Dieser Ort wurde nicht als Landschaft erkannt, sondern nur als
       Landschaftszerstörung gesehen. Mich hat diese Landschaft aber elektrisiert,
       ich fand sie wunderschön.
       
       Warum wunderschön?
       
       Die besondere Vegetation, dort fängt die Evolution von null an. Die karge
       Erde, die dem Bild einer Wüste nahe kommt. Diese transitorische Landschaft,
       durch permanente Veränderung der Erosion und der Pflanzen geprägt, fordert
       unmittelbar unsere Fantasie heraus. Man weiß: So wie es ist, bleibt es
       nicht. Nur sehr wenige Landschaften sind derart bedeutungsoffen.
       
       Was heißt das? 
       
       Normalerweise sind alle Orte mit Bedeutung festgeschrieben. Wir können uns
       den Wald nur als Wald denken, die Wiese ist die Wiese, der Parkplatz der
       Parkplatz. Wir kämen nicht auf die Idee, darüber nachzudenken, was sie noch
       sein könnten. Hier setzt die Spaziergangswissenschaft an. Sie will Umwelt
       bewusst machen, vom Sehen zum Erkennen gelangen, Landschaften sichtbar
       machen. Der französische Gartenarchitekt Bernard Lafuss sagt: Jede
       Gestaltung einer Landschaft birgt immer das Risiko, dass man eine
       Landschaft zerstört, die man noch nicht gesehen hat.
       
       Was unterscheidet den Spaziergangsforscher vom Sonntagsspaziergänger? 
       
       Der Spaziergänger genügt sich selbst, er macht eine Pause vom Alltag. Für
       den Spaziergangsforscher geht es darum, etwas zu erfahren, das Beobachtete
       zu reflektieren, einzuordnen, zu vermitteln. Und Orte zu erkunden, wo man
       sonst nicht spazieren geht.
       
       Wo zum Beispiel? 
       
       Ich gehe gerne auf Parkhäusern spazieren, weil man von dort schöne
       Ausblicke hat, oft sogar auf die historischen Altstädte. Traditionell ist
       der Wahrnehmungsmodus: Parkhäuser sind scheußlich, man will das Auto
       schnell loswerden, man guckt nicht nach links und rechts, weil es nichts zu
       sehen gibt. Seit einigen Jahren beobachte ich aber, dass Stadtstrände mit
       Palmen und Liegestühlen, die zunächst auf Baulücken entstanden sind, wegen
       der schönen Ausblicke zunehmend auf Parkdecks wandern, wie zum Beispiel in
       Frankfurt am Main, Braunschweig, Köln und Berlin.
       
       Was ist denn der Unterschied, ob ich mit einem normalen Stadtführer gehe
       oder mit Ihnen eine Stadt erkunde? 
       
       Der klassische Stadtführer vermittelt historische Daten, zeigt die
       Sehenswürdigkeiten, Denkmäler und Bauwerke. Mir geht es aber vor allem um
       Merkwürdigkeiten oder Denkwürdigkeiten, um eine Auseinandersetzung mit der
       Stadtbaukultur, um ein räumliches Verständnis der Stadt. Dazu gehören auch
       unbekannte Orte wie Brachflächen. Bei einem Spaziergang waren einige
       Leipziger stinkig, weil sie meinten, ich wolle ihnen eine Dreckecke
       vorführen. Später erkannten sie, dass Brachen gar nicht schmuddelig sind,
       sondern ein ganz eigener Raum, den man auch ästhetisch erleben kann.
       
       In Berlin führen Sie Gruppen nicht über die Flaniermeile der
       Friedrichstraße, sondern durch das verkehrsumtoste Autobahndreieck am
       Funkturm. 
       
       Wenn man hier zu Fuß unterwegs ist, erlebt man eine ganz andere Realität
       als im Auto, obwohl man konkret am selben Ort ist. Als Spaziergänger
       erleben wir die Gegend als Patchwork mit vielen Kontrasten und
       Überraschungen: Stillgelegter Autobahnzubringer, Golfplatz, Bahnbrache,
       Friedhof Grunewald. Zum Beispiel liegen 100 Nackte auf der FKK-Wiese am
       Halensee, direkt daneben staut sich der Verkehr auf der meistbefahrenen
       Autobahn Deutschlands, der A 100. Dieses Nebeneinander zu entdecken und zu
       begreifen, geht nur zu Fuß.
       
       Wollen Sie mit Ihren Spaziergängen auch politisch etwas bewegen? 
       
       Es geht um eine kritische Auseinandersetzung mit der Realität - der
       Modernisierung der Städte und ihrer Herrichtung für den Autoverkehr - und
       das Aufzeigen von Alternativen. In den letzten dreißig Jahren hat sich der
       Pkw-Bestand in Deutschland verdoppelt. Aber wir leben heute nicht besser,
       also könnten wir den Bestand in den nächsten zwanzig Jahren wieder um die
       Hälfte zurückfahren und hätten wieder doppelt so viel Platz und freie Sicht
       in unseren Städten. Das wäre eine Befreiung wie damals, als die Stadtmauern
       und -befestigungen abgerissen wurden.
       
       Wie wollen Sie diese Trendwende bewerkstelligen? 
       
       Zum Beispiel durch Car-Sharing, das zumindest in großen Städten gut
       funktioniert. Ein Car-Sharing-Fahrzeug ersetzt acht bis zwölf Autos. Bei
       einem Spaziergang in Frankfurt wurde dieses Umdenken sinnbildlich
       inszeniert: An einem Verkehrserziehungsgarten stand ein platt gedrücktes
       Schrottauto neben einem Car-Sharing-Fahrzeug.
       
       17 Nov 2010
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Günter Ermlich
       
       ## TAGS
       
   DIR Schwerpunkt Stadtland
       
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   DIR Mit dem Spaziergangsforscher unterwegs: „Zu Fuß kommt man am besten heran“
       
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       durch den ehemaligen Braunkohletagbau Profen südlich von Leipzig.