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       # taz.de -- Landkonflikte in Uganda: Wahlkampf überm Erdöl
       
       > Die Ölfunde in West-Uganda schüren die ersten Landkonflikte. Die einen
       > werden gewaltsam vertrieben, den anderen verspricht man Reichtum - für
       > ihre Stimme.
       
   IMG Bild: Präsident Yoweri Museveni gab den Befehl zur Operation "Gerechtigkeit": Im Dezember 2010 marschierten Soldaten ins Dorf Kataleba ein. Sie vertrieben die Rinder, luden die Menschen auf Lkws und fuhren davon.
       
       MASINDI/BULIISA taz | "Dort unten liegt unser reiches Land", preist der
       alte Mann, als sich der Regenwald lichtet. Die Straße windet sich bergab
       und gibt einen atemberaubenden Blick frei in den Albertinen-Graben in
       Westuganda. Am Horizont sieht man den Albertsee, der die Grenze zwischen
       Uganda und dem Kongo markiert. Entlang des Ufers zieht sich ein karger
       Landstrich: Trockene Büsche werfen wenige Schatten. Die Luft flimmert,
       Gazellen huschen über die Straße.
       
       "Wir haben viele Tiere hier", schmunzelt Phares Ngambe und zeigt auf die
       Wegweiser am Straßenrand: "Engege - 2,3 Km" steht darauf geschrieben.
       Engege bedeutet Fisch. Die Firmen, die hier nach dem schwarzen Gold bohren,
       haben den Ölquellen Tiernamen verpasst.
       
       Seit 2006 Jahren wird im Albertinen-Graben nach Öl gebohrt. Schätzungen
       besagen, dass dort, wo die Erdplatten auseinanderdriften, bis zu 2,5
       Milliarden Barrel Rohöl schlummern. Auch unter Ngambes Dorf Kataleba sind
       Geologen auf Öl gestoßen. Seitdem wirbeln Lastwagen den Staub auf der
       Dorfstraße auf. Ingenieure verlegen Kabel wie Spinnweben durch die
       Baumwollfelder, um das Land zu vermessen. Tullow Oil errichtet gerade einen
       Bohrturm, zwei Kilometer von Ngambes Haus entfernt.
       
       Der alte Mann war bis vor kurzem der Dorfvorsteher von Kataleba. In der
       Siedlung aus Häuschen mit Wellblechdächern leben die Bauern des Volkes der
       Bagungu. Jetzt hat Dorfvorsteher Ngambe den Posten an seinen ältesten Sohn
       übergeben. Er habe sich den Problemen nicht mehr gewachsen gefühlt, sagt er
       und deutet auf die Lehmhütten mit verrammelten Türen am Ortseingang: "Hier
       haben bis vor kurzem die Balaalo gewohnt", seufzt er. Doch dann habe die
       Regierung die Halbnomaden samt ihren Rinderherden davongejagt.
       
       Wenn Grace Barooroza an jene Lehmhütten zurückdenkt, steigen ihr Tränen in
       die Augen. Die 56-jährige Exvorsitzende der Balaalo nimmt ihre Brille ab,
       um sich zu schnäuzen. Sie sitzt jetzt in einem Restaurant in der rund 90
       Kilometer entfernten Stadt Masindi, wo sie sich regelmäßig bei der Polizei
       melden muss. Aus einer Tasche kramt sie einen Ordner hervor:
       Gerichtsurteile und Zeitungsausschnitte mit Artikeln. Daneben ist ein Foto
       abgedruckt: Barooroza mit Schnittwunden an Schulter und Arm. Sie krempelt
       den Ärmel hoch: Die Narben sind deutlich zu sehen.
       
       Barooroza hatte sich 2003 mit 630 Balaalo-Familien in Kataleba
       niedergelassen. "Damals wusste dort noch niemand etwas von dem Öl", sagt
       sie. Sie hatte mit Ngambe einen Deal ausgehandelt. Der Dorfälteste übergab
       einen Teil der Baumwollplantage als Weideland für die 50.000 Rinder an die
       Balaalo. Diese errichteten ihre Lehmhütten und verkauften den Bagungu Milch
       und Fleisch. "Wir hatten damals keine Probleme miteinander", sagt sie.
       Ngambe bestätigt dies.
       
       Neuer Bezirk 
       
       Dann kam bei den Parlamentswahlen 2006 ein neuer Abgeordneter für den
       frisch geschaffenen Bezirk Buliisa an die Macht, in welchem Kataleba liegt:
       Stephen Biraahwa. Das Mitglied im Rohstoff-Ausschuss wusste von den
       Ölfunden und witterte Chancen, sich vor Ort und in Kampala beliebt zu
       machen. In der Hauptstadt kam sofort die Frage auf: Wer erhebt Anspruch auf
       das Land in der Ölregion? Biraahwa befahl den Balaalo, Buliisa zu
       verlassen. Dies sei Bagungu-Land. Im Juli 2007 erschien er vor den
       Lehmhütten in Kataleba, gefolgt von wütenden Bagungu. Er schwang die
       Machete und verletzte Barooroza.
       
       Barooroza lag im Krankenhaus, als sie einen Anruf von höchster Stelle
       erhielt: Der Chefkoordinator der Geheimdienste, General David Tinyefuza,
       setzte ihr eine Frist: Den Balaalo blieben drei Tage, Buliisa zu verlassen.
       Barooroza zückt Gerichtsdokumente. Sie hat Tinyefuza vor dem Hohen Gericht
       in Kampala wegen illegaler Vertreibung verklagt. Eine einstweilige
       Anordnung erlaubte den Balaalo, vorerst zu bleiben.
       
       Barooroza wendete sich an Präsident Yoweri Museveni. Sie traf ihn
       persönlich: "Er hat uns Entschädigung versprochen", nickt sie. Diese hat
       sie bis heute nicht erhalten. 2008 entschied das Höchste Gericht gegen die
       Balaalo. Museveni gab den Befehl zur Operation "Gerechtigkeit": Im Dezember
       2010 marschierte Tinyefuza mit Soldaten und Polizisten in Kataleba ein. Sie
       vertrieben die Rinder, luden die Balaalo auf Lkws und fuhren sie davon.
       "Die Regierung hat entschieden, und dieser Beschluss ist endgültig",
       erklärte der Geheimdienstchef.
       
       Borooroza fand sich in den Polizeistation in Masindi wieder: "Ich hatte
       nichts mehr: Die Bagungu töteten meine 182 Rinder, die Polizisten zogen in
       mein Haus, mein Geld musste ich für die Kaution aufwenden", schluchzt sie.
       Seitdem soll sie sich monatlich bei den Behörden melden. "Ich wünschte, sie
       hätten niemals Öl gefunden", sagt sie.
       
       In Katabela feiert Biraahwa die Vertreibung als Sieg für die Bagungu. Im
       Schulhof sind Lautsprecher aufgestellt. Biraahwa hält eine feurige Rede: Er
       verspricht geteerte Straßen und Entschädigungszahlungen. Die Bagungu
       jubeln. Es ist Wahlkampf, und der Kandidat der Museveni-Partei NRM erhofft
       sich durch die Vertreibung der "Landbesetzer" Wählerstimmen: "Diese
       ungebildeten Bauern wussten ja nicht, dass eines Tages irgendwelche Nomaden
       ihr Land stehlen", wettert er.
       
       Die Balaalo seien von Verwandten im Exil geschickt worden, um den Bauern
       das Öl wegzunehmen. Die westlichen Ölfirmen hätten zuerst über die
       Vorkommen in den Medien berichtet. Daraufhin hätten die Exilanten reagiert:
       "Das ist ungerecht, und für diese Sünden müssen sie jetzt büßen", sagt
       Biraahwa und verteilt Geldbündel an die Dorfbewohner.
       
       Schlechtes Gewissen
       
       Der Dorfälteste Ngambe traut den Versprechungen nicht. Er geht nicht auf
       die Wahlkampfparty. Er habe ein schlechtes Gewissen, sagt er. "Die Balaalo
       haben uns für das Land doch Geld gegeben, wir hatten eine Vereinbarung." Er
       hätte Tinyefuza angeboten, das Geld zurück zu geben. "Das Land ist euers",
       hat der General gesagt. Doch könne er sich darauf verlassen? "Unser Klan
       bestellt hier seit Jahrhunderten die Felder." Doch es gebe keine
       Eigentumsdokumente. "Wenn Soldaten kommen und sagen, ihr müsst gehen, was
       kann ich dagegen tun?"
       
       Das Bezirkshauptquartier Buliisa mausert sich zu einer Kleinstadt: Neue
       Telefonmasten überragen die Häuschen, die erste Bankfiliale eröffnet bald,
       Tullow Oil lässt am Stadtrand ein Krankenhaus bauen. Doch die Freude über
       die plötzliche Entwicklung weicht der Ernüchterung, so scheint es.
       
       Im Gemeindehaus zeigt Afiego (African Institute for Energy Governance)
       einen Film: über Landkonflikte durch Ölentdeckung in Nigeria. Dutzende
       Dorfvorsteher sowie Sprecher der Fischerfamilien verfolgen die Doku. Dann
       kommt eine Debatte auf: "Wir können nicht zulassen, dass die Politiker die
       Entscheidungen für uns treffen", fordert einer der Dorfvorsteher. "Wenn das
       Öl den See verseucht, was wird dann aus uns?", fragt der Fürsprecher der
       Fischer.
       
       Alice Kazimura hört zu. Sie redet nicht gern, sie handelt lieber: Als
       Tullow Oil 2008 auf dem Grundstück ihres Nachbarn auf Öl stieß,
       entschädigte die Regierung diesen großzügig. Er packte seine Habseligkeiten
       und zog fort. In seinem alten Garten steht jetzt ein Bohrturm, umgeben von
       einem Zaun, an dem Sicherheitsleute patrouillieren. "Damals habe ich mich
       gefragt, was nun aus uns wird, wir haben doch alle keine Ahnung von Öl",
       sagt sie und erzählt von der Euphorie unter den Bewohnern: "Sie dachten,
       wir können selbst graben und Öl abfüllen."
       
       Von Afiego erfuhr sie: Laut Landrecht gehört das Öl dem Staat. Die
       Entschädigungen seien immer niedriger geworden. "Ich musste einsehen:
       Entweder wir gewinnen oder wir verlieren." Daraufhin hat sie das "Öl-Forum"
       gegründet. Seitdem pendelt sie zwischen Kampala und Buliisa hin und her, um
       zwischen dem Energieministerium und den Bauern zu vermitteln.
       
       Dickens Kamugisha, Afiego-Chef in Uganda, muntert die Zuschauer auf: "Ihr
       müsst aktiv werden und dürft nicht darauf warten, dass die Versprechen in
       Erfüllung gehen", sagt er. Die Dorfvorsteher und Fischer nicken. Fast
       täglich kommen Kandidaten auf Wahlkampftour durch Buliisa. Selbst Präsident
       Museveni war hier. Sie alle versichern Reichtümer. "Doch keiner sagt
       konkret, wie die Regierung diese mit den lokalen Gemeinden teilen wird",
       sagt Dickens.
       
       15 Feb 2011
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Simone Schlindwein
       
       ## TAGS
       
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   DIR Flüchtlinge
       
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