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       # taz.de -- Berlin Art Week: Überall offene Türen
       
       > Die Berlin Art Week ist als Ersatz für die eingestellte Messe ein Erfolg.
       > Sie zeigt: In Berlin geht die Kunst noch durch die dicksten Wände.
       
   IMG Bild: Auch zur Art Week angereist: „Expedition-Bus and Shaman-Travel“ (2002) von Christoph Keller.
       
       „Mit wem muss man hier ficken, um ausgestellt zu werden?“ Diese Frage haben
       sich womöglich schon manche Kunststudierende insgeheim auf den Kunstmessen
       der Welt gestellt. Ekachai Eksaroj darf sie öffentlich stellen. Auf der
       Berliner Kunstmesse Preview prangt der Satz derzeit in einem niedlichen
       kleinen Stickrahmen, Kostenpunkt: 250 Euro. Die Karriere kann beginnen.
       
       Das Werk des 34-jährigen Künstlers ist kein billiger Werbegag. Die vor acht
       Jahren in einem Hangar des Flughafens Tempelhof von drei Galeristen
       gegründete Kunstmesse Preview fördert neue Talente und Formate. In ihrem
       „Focus Academy“ zeigt sie Absolventen deutscher Kunsthochschulen. In diesem
       Jahr gehört Eksaroj, der in Kassel Kunst studiert hat, dazu. Sein Auftritt
       beweist, dass das Bild vom Kunstbetrieb als Exklusionssystem nur begrenzt
       stimmt.
       
       Denn Offenheit und Vielfalt sind generell Kennzeichen des neuen Berliner
       Kunstherbstes. Er trägt seinen Geschlossenheit androhenden Titel „Berlin
       Art Week“ nur aus Gründen des Marketings. Eine konzertierte Aktion aus
       Senat und Kunstinstitutionen wollte damit den plötzlichen Tod der
       kränkelnden Kunstmesse Art Forum im vergangenen Herbst kaschieren.
       
       ## Raus aus der Zwangsjacke
       
       Demonstrativ bekennt sich auch die abc contemporary zu dieser neuen
       Offenheit. Ihr exklusives Gebaren legt die aus einer neunköpfigen
       Galeristeninitiative hervorgegangene Messe im Postbahnhof am Kreuzberger
       Gleisdreieck langsam ab. Nach der Zwangsjacke Malerei, in die sie ihre
       Teilnehmer im letzten Jahr steckte, konnten sich die 129 Galerien in diesem
       Jahr für Einzelpräsentationen öffnen.
       
       Mit dem durch eine mobile Architektur raffiniert inszenierten Parcours
       hochkarätiger Positionen von Altstars wie John Armleder bis zum jüngsten
       Documenta-Liebling Theaster Gates hat die abc ihre neue Rolle als
       kommerzielles Gravitationszentrum des Kunstherbstes eindrucksvoll
       bestanden. Und sich mit einem „Basar“ sogar eine Diskursplattform zugelegt,
       aus dem noch etwas werden kann.
       
       Das schaffte sie, ohne den anderen Beiträgern der Art Week die Schau zu
       stehlen. Etwa Christian Boros’ Hochbunker in der Berliner Mitte. Der
       Medienunternehmer hat die 3.000 Quadratmeter große, viel besuchte Sammlung
       in seinem legendären Kunsttempel völlig ummöbliert. Statt Anselm Reyle,
       Tobias Rehberger und Kitty Kraus hängen nun die Saisonlieblinge Alicja
       Kwade, Klara Lidén und Ai Weiwei. Doch auch leere Häuser haben ihren Reiz.
       Wie die „Open House“-Party von Johann König bewies.
       
       ## Wozu noch ein Zentrum?
       
       Die entweihte Kirche St. Agnes in Kreuzberg, die der Galerist in ein
       Kunstquartier umbauen will, machte die Besucher der Art Week fast
       neugieriger als die vier Nominierten des Preises der Nationalgalerie oder
       Arno Brandlhubers Betonarchipel im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.).
       Diese polyzentrische Suchlandschaft der Berliner Kunst funktioniert so gut,
       dass das immer wieder aufkeimende Gerücht, irgendein unbekannter Global
       Player wolle das Berliner Art Forum wiederaufleben lassen, plötzlich wie
       eine Drohung wirkt. Wozu ein Zentrum, wenn sich überall in der Stadt Türen
       und Räume öffnen?
       
       Das scheinbar von den Straßen in Boros’ Bunker gespülte Treibholz von
       Olafur Eliasson ist ein schönes Bild dafür. Oder die Installation „The Line
       of Fire“ von Manon Awst und Benjamin Walther.
       
       Der Pfeil in dem Werk, der in der einen Wand des hermetischen Showrooms von
       Boros’ Sammlung steckt, muss von draußen abgeschossen worden sein. Sonst
       hätte der Hausherr nicht ein kreisrundes Loch durch den 1,80 Meter dicken
       Stahlbeton auf der gegenüberliegenden Seite bohren lassen müssen. In Berlin
       geht die Kunst eben noch durch die dicksten Wände.
       
       15 Sep 2012
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ingo Arend
   DIR Ingo Arend
       
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   DIR Neu-Berlinern
   DIR Schwerpunkt Rassismus
       
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