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       # taz.de -- Waffen in den USA: „Das kann niemand mehr tolerieren“
       
       > Lori Haas' Tochter wurde bei einem Amoklauf vor fünf Jahren an der
       > Virginia Tech verletzt. Seitdem kämpft sie für strengere Waffengesetze in
       > den USA.
       
   IMG Bild: Weiße Luftballons der Trauer an der Sandy Hooks Grundschule in Newtown.
       
       taz: Frau Haas, vor fünf Jahren wurde Ihre Tochter bei dem Amoklauf an der
       Virginia Tech schwer verletzt. Können Sie beschreiben, wie jetzt die
       Situation der Angehörigen der Opfer in Newtown ist? 
       
       Lori Haas: Ich glaube nicht, dass irgend jemand die richtigen Worte hat, um
       das zu beschreiben. Es ist zu schrecklich. Es ist Furcht und Schmerz und
       Seelenqual.
       
       Sie organisieren an diesem Wochenende in Ihrer Stadt Richmond in Virginia
       eine Kerzenwache für die Opfer von Newtown. Gibt es in etwas, womit
       Außenstehende den Angehörigen und den Opfern helfen können? 
       
       Unterstützung zeigen, beten, Beileidskarten schicken, Mahnwachen für die
       Opfer abhalten – das alles ist wunderbar. Und es kommt von Herzen. Aber ich
       denke, was Leute in diesem Land vor allem tun können, ist, ihre gewählten
       Vertreter dazu zu zwingen, dass sie aktiv werden. Um die Opfer zu ehren.
       Und um sicher zu stellen, dass es keine weiteren Opfer in der Zukunft gibt.
       Die Politiker müssen einen Plan vorlegen.
       
       Präsident Barack Obama hat von „bedeutungsvollen Aktionen“ gesprochen. Ist
       das ausreichend? 
       
       Ich möchte Vertrauen haben und ich hoffe und ich bete, dass er hinter
       seinen Worten steht. Und dass er es ernst meint, wenn er „Aktion“ sagt. Es
       gibt konkrete Schritte, die wir tun können, um die Morde zu stoppen, die an
       jedem Tag in diesem Land stattfinden.
       
       Welche Schritte meinen Sie? 
       
       Wir müssen die Schusswaffen von unseren Straßen holen. Killerwaffen gehören
       nicht in jedermanns Hände. Das sind Waffen für Militärs, die damit umgehen
       können. Wir müssen die Überprüfung der Hintergründe verbessern, wir müssen
       alle Waffenkäufer und alle Waffenverkäufer kontrollieren, und wir müssen
       Schnellfeuerwaffen und Hochleistungsmagazine verbieten. Wir müssen auch
       daran arbeiten, unsere Familien und unsere Gemeinden von Waffengewalt
       freizuhalten.
       
       Woran liegt es, dass es in den USA so viel Toleranz für Waffen und
       Waffenbesitz gibt? 
       
       Das trotzt jeder Intelligenz. Das gehört nicht in eine zivilisierte
       Gesellschaft. Es macht keinen Sinn. Wir sind klüger, menschlicher und
       teilnahmsvoller als das. Wir haben Lobbyisten, die unsere gewählten
       Vertreter im Würgegriff halten. Ich hoffe, dass sie ignoriert werden. Und
       dass ihr Einfluss zerdrückt wird. Sie wollen ausschließlich Geld machen.
       Nichts anderes. Ihnen geht es nicht um die Beteiligung an der Debatte.
       
       Wer ist diese Lobby? 
       
       Die NRA – die National Rifle Association (mit 4,3 Millionen Mitgliedern, d.
       Red.). Wayne LaPierre ist ihr Sprecher. Er ist ein hoch bezahlter Lobbyist.
       Alles, was er will, ist Waffen zu verkaufen. Egal, wen sie verletzen und
       wie viele sie töten. Er will sein Gehalt haben. Eine Meinungsumfrage im
       Juli zeigt, dass selbst drei von vier NRA-Mitgliedern für eine Überprüfung
       des Hintergrunds bei allen Waffenkäufern sind. Aber die Führung und die
       Lobbyisten der NRA ignorieren das. Dabei hindern solche Überprüfungen
       ausschließlich illegale Käufer am Waffenerwerb.
       
       Warum verlangen Sie nicht ein generelles Verbot von Feuerwaffen in
       Privathänden? 
       
       Ich persönlich benötige keine Feuerwaffen. Aber die Realität ist, dass
       Schießen, Sportschießen und Jagen in dieser Gesellschaft dazu gehören. Ich
       glaube, das wird noch lange Zeit so bleiben. Wir müssen die erste Hürde
       nehmen, und die Überprüfungen verbessern. Das ist unsere Tagesordnung.
       
       Sie scheinen zu glauben, dass aus diesem schrecklichen Ereignis an der
       Sandy Hook Grundschule ein positiver Impuls ausgehen könnte. 
       
       Mein Gott. Wir haben 20 erschossene Fünfjährige. Das kann niemand
       tolerieren. Da wird die Forderung nach Schusswaffenkontrolle immens werden.
       Seit Juli hatten wir in Amerika die Massenschießerei im Kino in Aurora,
       dann in dem Sikh-Tempel in Wisconsin, dann sechs Tote in Minnesota, dann
       eine Schießerei in einem Kurbad mit sechs getöteten Frauen und in dieser
       Woche eine Schießerei in einem Einkaufszentrum.
       
       Die großen US-Medien sprechen mehr von Prävention und von der Psychologie
       der Täter, als von Waffenkontrolle. 
       
       Einige fortschrittliche Sender haben darüber geredet. Aber natürlich wird
       es in den nächsten Tagen zunächst darum gehen, was passiert ist und um die
       Opfer. Aber niemand kann die Notwendigkeit von Waffenkontrolle in dieser
       Gesellschaft ignorieren.
       
       15 Dec 2012
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Dorothea Hahn
       
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