# taz.de -- Interview mit Rudolf Bahro, taz vom 29.8 1981: In Amerika gibt es keine Kathedralen
> Kurz vor seiner Abreise aus der Bhagwan-Kommune in den USA hat Rudolf
> Bahro 1983 in einem Gespräch für die taz erklärt, warum er vier Wochen
> dort zugebracht hat.
IMG Bild: Defilee des Bhawan-Rolls-Royce, 1984
taz: Bist Du hier oft aufgefordert worden. Deinen Verstand mal beiseite zu
lassen, weil der Dir nur hinderlich sei?
Bahro: Ja, andauernd.
Hast Du das geschafft?
Für Momente. Da ist es sehr sinnvoll, und das ist genug. Generell denke ich
gar nicht daran, den Kopf abzugeben. Vielleicht müssen manche aus dem
funktionellen Verstand und der sozialen Rolle direkt ins entgegengesetzte
Extrem springen, für eine Weile. Ich habe meinen Kopf in den
wesentlichenDingen stets auch intuitiv arbeiten lassen. Ich brauche dieses
absolute Verlorengehen als länger währenden Zustand nicht. Der Erfolg der
Kommune hier ist aber doch nicht denkbar ohne dieses „drop the mimt', das
die Sannyasins in die Stimmung kindlicher Freundlichkeit bringt, die in den
Meditationstherapien eingeübt wird. So weit der Verstand (im Unterschied
zur Vernunft) nur Funktionär der bestehenden Gesellschaft und ihrer Großen
Maschine ist, muß er verworfen werden. Und es ist doch dieser kindhafte
Zustand kein Ziel an sich, er ist nur ein Mittel - und dies nicht zum Zweck
des Kommuneerfolgs, sondern der Selbstveränderung. Die Sannyasins werden
veranlaßt, ihre alten Charakterstrukturen weitgehend fallenzulassen
(diesbezüglich darf man ausdrücklich an Wilhelm Reich denken) und so einen
freien Innenraum zu schaffen, in dem sich etwas Neues ereignen („something
happen") kann. Niemand weiß vorher genau was - diese Offenheit ist wichtig.
Erst aus wirklich freigesetzten Energien kann eine grundlegend andere
Gesellschaft werden.'
Wer will, soll sich daran erinnern, was Mao gemeint haben mag, als er
„weiße Blätter" pries. Im Falle Rajneesh-Puram ist aber zumindest
beansprucht, daß nun nicht irgendein Führer was draufschreibt, auch Bhagwan
nicht, sondern daß einfach etwas „wird". Wenn Bhagwan über „werden"
spricht, aus Anlaß von Heraklit oder Lao Tse, so hört es sich an wie Hegel,
nur in der gewöhnlichen Sprache, jedenfalls ganz dialektisch.
Mir scheint sich hier aber doch wieder das Mittel über den Zweck zu
etablieren und die Dialektik bleibt auf der Ideologie-Ebene. In der Praxis
ist Bhagwan der Führer und seine Schüler wollen nicht in die Welt hinaus,
sondern zu ihm hin.
Das Wort Führer kann ja manches bedeuten. Für Deutsche schafft es im Falle
Bhagwans einen falschen Kontext. Er scheint eher ein Hinweis zu sein als
ein Führer oder ein Bündel von Hinweisen, die in eine bestimmte Richtung
konvergieren. Die Führung, die in der Kommune als einer kleinen
Gesellschaft ganz offensichtlich ist, kommt für die konkreten, praktischen
Dinge eher aus dem übrigen, vornehmlich weiblichen Kreis, der ihn umgibt.
Ebenso kommt diese beinahe suchtartige Heimatsuche aus den Sannyasins
selbst. Bhagwans bloße Existenz zieht sie an wie das Licht den Falter in
Goethes Gedicht 'Selige Sehnsucht', das aber beginnt: „Sagt es niemand, nur
dem Weisen/weil die Menge gleich verhöhnet,/ das Lebendige will ich
preisen/ das nach Flammentod sich sehnet."Wer er wirklich ist, wird sich
nicht zuletzt daran erweisen, ob er und wann er und wie er sie wieder
zurückstößt in die Unabhängigkeit. Die Kommune als solche mag dann
scheitern oder nicht. Es hängt ja auch von den Maßstäben ab, die man
anlegt. Nach dem Abgang des Gründers kann sowieso nur ein(e) Ketzer(in) –
von innen oder von außen -, der oder die die Strukturen umwirft, so einen
Entwurf fortleben machen. Wichtiger, wenn nicht allein wichtig, ist, was
mit den Menschen geschieht, die hier durchgehen. Und man kann nicht davon
absehen, was sie mitbringen. Fast die Hälfte hier sind Deutsche. Die
Neigung, aus der sozial produzierten Atomisierung, aus der Verlassenheit
und Verlorenheit in totalitäre Strukturen zu flüchten, ist natürlich nicht
verschwunden, wenn einer aus der K-Gruppe zu Bhagwan überwechselt. Sie muß
sich erstmal in der Kommune äußern, falls sie nicht unterdrückt wird. Auf
den ersten Blick ist die Gesellschaft von Rajneesh-Puram reiner Honig, auf
den zweiten Blick ist ein totalitärer Zug nicht zu übersehen, der den
berühmten Tropfen Teer darstellt, der bebekanntlich den ganzen Geschmack
des Fasses Honig verderben kann.
Doch wie mit dieser Realität umgehen? Eines der bedeutendsten Prinzipien
von Bhagwans Meditationen und auch seiner Kommune ist Katharsis. Also:
nicht verdrängen, sondern ausagieren, auch das, was dunkel in Dir ist. Wie
in den von ihm entworfenen Meditationen, die vielleicht seine genialsten
Erfindungen nach außen sind, kommt offenbar auch in der Kommune zuerst
einige Finsternis.
Du hast im Gespräch mit der 'Parteizeitung' Rajneesh-Times den
psychologischen Mechanismus der Selbstunterwerfung nicht angesprochen. Wem
würdest du den zum Vorwurfmachen?
Ich habe dort über vieles nicht gesprochen, weil mir für den begrenzten
Raum zunächst anderes wichtiger war... Parteizeitung... Du hast schon
Recht. Die Erfahrung, an die mich die Kommune am meisten erinnert, ist
Nordkorea (weniger vergleichbar sind trotz mancher Parallele die
charismatischen Führer). Über Nordkorea habe ich vor zwei Jahren auch nicht
von Außen urteilen wollen. Es ist ganz was anderes, wenn man so eigen an
der Sache beteiligt ist, wie ich es in der DDR war. Da ergibt ein anderes
Recht. Soweit es nach mir geht, sollte das Experiment, das Bhagwan mit
einem Teil der („westlichen") metropolitanen Intelligenzia unternimmt, auf
keinen Fall gestört und behindert werden. Auch scheint mir sicher - wie im
Falle Nordkorea -, das erste Urteil, das der westliche kritische Geist hier
automatisch absondert, wird auf die langweiligste Weise fehlgehen.
Bhagwan nutzt das Unterwerfungsbedürfnis derer, die zu ihm kommen, aus und
verstärkt es...
... transformiert es. Es kommt doch darauf an. zu welchem Ende. Das ist ein
weites Feld, weil sich hier zwei sehr verschiedene Ebenen schneiden, ich
meine ganz real in jedem „demütigen" Bewußtsein. Einerseits ist da
Regression in kindliche Abhängigkeit. In den Kursen, die ich hier
mitgemacht habe, wird sie herausgearbeitet, um darüber hinauszukommen. Aber
das englische Wort „surrender", auf das Du dich beziehst, wird hier im
Sinne von freiwilliger Hingabe aufgefaßt, ohne die es keine Liebe gibt.
Ausgeklammert ist die „normale" soziale Voraussetzung, daß Mißtrauen
sozusagen die erste Bürgerpflicht ist. Bhagwan beansprucht ja, wie Lao Tse
zu sein, der wahre Weise, der nicht tut, sondern geschehen läßt und der
nicht gepriesen sein will. Nicht alles hier entspricht der Weisheit des
Buches von Lao Tse „Tao Te King". Aber jedenfalls ist das hier kein Staat,
zu dem jemand verurteilt wäre.
Aber ich will gerade auf die Ebene hinweisen, weil sie mir die
wesentlichere zu sein scheint, die Du mit Deiner Frage nicht anzielst. In
der europäischen Kultur kommt sie nicht eigentlich vor: das Verhältnis
zwischen einem Meister, der mehr als Hans Sachs ist, und seinen Jüngern.
Was darüber im christlichen Evangelium steht, etwa Johannes betreffend,
kommt in der europäischen Praxis kaum vor. Warten wir doch einmal
unvoreingenommen ab, was dieser Weg bringt. Im „Hyperion" Hölderlins steht
der Ausruf: „Einer aber, der ein Mensch ist, ist er nicht mehr denn
Hunderte, die nur Teile sind des Menschen!"
Meister leben davon, daß ihre Jünger ihre Individualität aufgeben.
Zumindest Bhagwan verlangt das: biografielose, sozial bindungslose
Menschen, die im Hier und Jetzt leben. Da gibt es in der europäischen
Tradition etwas, das ich nicht opfern wollte.
Ich ebensowenig, aber Deine Frage verkennt den Punkt. Selbstverständlich
kommen hier die Gottes-Sannyasins vor (und, gefährlicher, auch solche mit
sektiererischem Hochmut). In den Workshops habe ich nichts erfahren, was
mir irgendeine Stärke, irgendwas Bewahrenswertes aus meiner Biografie
nehmen könnte. Der Grundgedanke Bhagwans ist allerdings radikal: Alles das
in der Biografie, in den sozialen Bindungen, das uns an die Muster der
bestehenden kulturellen Gesamtverfassung fesselt, soll fallen. Es geht um
die Bereinigung des inneren Bauplatzes für eine andere Kultur. Das Prinzip
ist richtig.
Nur bejahe ich die Verabsolutierung nicht. Für die europäische Kultur muß
letzten Endes gelten, was Christus zu den jüdischen Traditionen sagte: „Ich
bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen."
Du schlägst, für die Bundesrepublik Kommune-Projekte vor. Gibt es Momente
der Bhagwan-Kommune. die Du in keinem Fall weiterempfehlen würdest?
Ich stelle mir diese Frage nicht, weil gar nichts davon abhängt, wie ich
sie beantworte. Rajneesh-Puram ist was Ganzes, dessen Einheit in dem
außerordentlichen Menschen liegt, ohne den es nicht entstünde. Wer anders
ist als Bhagwan, kann nur eine andere Kommune gründen. Die wird nicht nach
der Methode projektiert, allen Leuten wohlgefällige Züge zu kombinieren.
Ich selber zum Beispiel habe keinen Autofimmel. Also würde eine Kommune,
die ich maßgeblich forme, einen anderen Sparren haben.
In Europa, und besonders in der Bundesrepublik, müssen wir kleinräumig
arbeiten, nicht mehr als einen Morgen Land pro Person zum Beispiel. Und wir
dürfen nicht zu weit entfernt von der übrigen Bevölkerung leben. Was ich
mir vorstelle, würde sich zunächst äußerlich von dem hiesigen
„indo-amerikanischen" Design unterscheiden, es würde sozusagen
„indo-europäisch" aussehen oder „sino-europäisch" (für China, denn ich
liebe, wie gesagt, das Tao Te King). In Wirklichkeit geht es um was
Innerliches. In Amerika gibt es keine Kathedralen und nicht die Musik, die
daraus hervorging. In Europa geht nicht, was nicht auch die Wiederaneignung
dieser Bauten und dieser Musik verspräche, worin unsere Kultur kulminierte.
Georg Deuter's archaisierend-sakrale Musik für Bhagwan ist gut, aber sie
darf nicht den Garten besetzen, in dem die individuelle Cantilene Mozarts
blüht.
Mir erscheint, was wir positiv zu bewältigen haben, in zwei der größten
Figuren der europäischen Kultur, die gewissermaßen am Anfang und am Ende
der Zeit der Kathedralen und der großen Musik stehen, in Bernhard von
Clairvaux und Ludwig van Beethoven. Beethoven kennt man noch. Bernhard
(nach dem der Alpenpaß noch heißt) war Mystiker, Klosterreformator,
Kreuzritter in einem. Beide waren Repräsentanten des europäischen
Expansionsgeistes in seiner vornehmsten Gestalt.Wenn wir ihre Geistigkeit
und ihre Militanz wiedergewinnen könnten, aber für den Rückzug aus all den
eroberten Räumen, den Kolonien und Imperien welcher Art auch immer... Wenn
ich daran denke, was kommen sollte, fällt mir die Linie von Joachim di
Fiore bis zu Thomas Müntzer ein. Über beide kann man sich gut bei Ernst
Bloch informieren, im „Prinzip Hoffnung" und in einem Extra-Buch über
Müntzer. Joachim schwebte nach dem Reich des Vaters (Altes Testament) und
dem Reich des Sohnes (Neues Testament), wo der Mensch noch einen Vermittler
braucht, eben Christus, ein Drittes Reich als das nun schon kommende vor,
in dem der Geist Gottes sozusagen gleichmäßig über alle ausgegossen sein
sollte. Alle gleich nahe zu Gott. Politisch gedacht wäre das „mystische
Demokratie". Später, sekularisiert, in der klassischen und romantischen
Zeit, hieß das bei Shelley „Republik der Könige". Hölderlin feiert es in
dem Gedicht „Die Eichbäume". Dahinter möchte ich nicht zurück.
Und nimmst du was Konkreteres mit?
Eben gerade, daß ich keinen vorgefaßten Plan machen soll, wie alles
äußerlich zu gestalten wäre, sondern die Menschen finden muß, die so etwas
mit mir versuchen wollen. Die Verständigung darüber, was wir eigentlich
sind und was aus uns hervorgehen kann, wie wir sind, ist die eigentliche
Vorbereitung.
Das Gespräch mit Rudolf Bahro führte damals vor Ort Klaus Wolschner
22 Aug 2013
## AUTOREN
DIR Klaus Wolschner
## TAGS
DIR Sekte
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