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       # taz.de -- Mafia in Deutschland: Sind doch nur Mafiosi
       
       > Von 'Ndrangheta oder Camorra fühlen sich die wenigsten Deutschen bedroht.
       > Alles so italienisch. Machen wir uns da nicht was vor?
       
   IMG Bild: Al Pacino verkörperte 1973 den wohl berühmtesten Film-Mafioso in „Der Pate“.
       
       Die „Sopranos“, „Der Pate“, „Scarface“ – man möchte meinen, die Mafia gäb's
       nur im Fernsehen. Oder wenn schon im echten Leben, dann zumindest nur in
       Italien, und auch dort nur in Süditalien. Weniger gern ziehen die Deutschen
       die Möglichkeit in Betracht, dass auch der nette Inhaber der Pizzeria
       gegenüber irgendwas mit Geldwäsche, Erpressung oder gar Mord zu tun haben
       könnte.
       
       Tatsächlich liegen dem Bundeskriminalamt immerhin 550 Namen von
       mutmaßlichen Mafiosi vor, die in Deutschland leben. Und arbeiten?
       
       Im Titelessay der taz.am wochenende vom 11./12. April 2015 wirft die
       Mafia-Kennerin Petra Reski, die seit Jahren in Venedig lebt, den Deutschen
       ihre lässige Haltung gegenüber der organisierten Mafia-Kriminalität vor:
       „Ja, es mag sein, dass es hier so etwas wie Mafia gibt – die ist aber nicht
       aktiv, eher so auf Sommerfrische: Keep cool, it's only the mob. Godfathers
       on holiday. Don't worry.“
       
       Reski hat auch eine Erklärung dafür, dass sich hierzulande auch die
       Verantwortlichen kaum um das Phänomen kümmern: „Deutschland ignoriert die
       Mafia bewusst, weil Deutschland von der Mafia profitiert.“
       
       ## Leicht verharmlosend
       
       In den meisten Nachrichten zur Mafia in Deutschland findet sich der leicht
       verharmlosende Zusatz, die italienische Mafia nutze Deutschland nur als
       „Rückzugs- und Ruheraum“. Dem stehen einige beunruhigende Meldungen aus den
       vergangenen Jahren entgegen: Erst im Dezember gab es in Rheinhessen eine
       Schießerei in einer Pizzeria, die auf die Mafia zurückzuführen sein könnte.
       Im Februar 2014 hatten mehr als 400 Ermittlerinnen und Ermittler in 15
       Städten Nordrhein-Westfalens Wohnungen und Geschäftsräume der Baubranche
       durchsucht. Den elf Festgenommenen wurde vorgeworfen, 24 Strohfirmen
       gegründet zu haben und durch Schwarzarbeit und Steuerstraftaten etwa 30
       Millionen Euro Gesamtschaden hinterlassen zu haben.
       
       Den Weg in die kollektive Erinnerung haben vor allem die Mafia-Morde in
       Duisburg geschafft. Das war 2007. Die Feindschaft zweier Familien der
       kalabrischen Mafia 'Ndrangheta soll der Grund dafür gewesen sein, dass
       sechs Menschen vor einer Pizzeria erschossen wurden. Der Pizzeriabesitzer
       und sein Lehrling waren unter den Toten. Direkt danach richtete das
       Bundeskriminalamt eine Sondereinheit zur Bekämpfung der Italienischen
       Organisierten Kriminalität ein.
       
       Dennoch scheinen weiter viele dazu zu neigen, die Mafia-Geschichten als
       Einzelfälle abzutun. Selbst im [1][Mafia-Blog] des Recherchekollektivs
       Correctiv! tauchen deutsche Fälle eher am Rande auf. Zuletzt etwa in
       Baden-Württemberg die Festnahme eines 25 Jahre alten Mafioso, dem
       Drogenhandel und Erpressung vorgeworfen werden – allerdings in Italien.
       
       ## Mafiazugehörigkeit nicht strafbar
       
       Kaum ein Deutscher fühlt sich bedroht, weil ja meistens nur
       Italienischstämmige darin verwickelt sind. Aber gehen nicht Geldwäsche,
       Erpressung von Unternehmen und öffentliche Schießereien auch den Rest der
       Bevölkerung etwas an?
       
       Petra Reski geht davon aus, dass die Mafia eine extrem anpassungsfähige
       Organisation ist. Sie hat es also auch geschafft, sich an Deutschland
       anzupassen. Hier heißt die Devise mehr noch als anderswo: Bloß nicht
       auffallen. Die Gesetze erleichtern das sogar, argumentiert Reski. Es
       beginne damit, dass die Mafiazugehörigkeit hier nicht strafbar sei. Und da
       deswegen zunächst kein Strafbestand vorhanden sei, dürften beispielsweise
       auch keine Finanzermittlungen aufgenommen werden. Auch sei das Abhören
       praktisch unmöglich, womit eventuelle oder geplante Straftaten bewiesen
       werden könnten.
       
       Seit Jahren versucht Reski, über die Aktivitäten der Mafia in Deutschland
       aufzuklären und das Bewusstsein der Deutschen zu schärfen. Immer wieder ist
       sie deswegen bedroht worden. Und als ihr Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien
       und falschen Priestern“ erschien, verklagten sie mehrere italienische
       Gastronome: „Wir wurden dazu verurteilt, Passagen des Buches zu schwärzen
       und Schmerzensgeld für das erlittene Unrecht zu zahlen.“ In ihrem Essay
       erzählt sie in der taz.am wochenende von geheimen Treffen der Mafiabosse,
       von der Blindheit der Politik und dem ihrer Meinung nach zu engen Fokus auf
       islamistischen Terror.
       
       Der größte Unterschied zu ihren italienischen Genossen sind die Methoden
       und ihre Präsenz in der Öffentlichkeit. Hier sind sie zwar noch nicht so
       mit Politik und Wirtschaft verbunden, wie sie es in Italien geschafft haben
       – das, argumentiert Reski, liege aber unter anderem daran, dass sie erst
       seit etwa 40 Jahren in der Bundesrepublik agierten, im Gegensatz zu 160
       Jahren Erfahrung in ihrem Heimatland.
       
       ## Mehr als nur Folklore
       
       In Italien flog Ende 2014 auf, wie stark die Mafia die römische Regierung
       infiltriert hat. Der Spiegel betitelte den entsprechenden Text passend:
       „Die Mafia regiert mit“. 37 Politiker und Unternehmer wurden festgenommen,
       teilweise aus den höchsten Ebenen der römischen Kommunalverwaltung. Sie
       alle waren an mafiösen Geschäften beteiligt.
       
       Morde prägen jeden Monat die italienische Mafia-Berichterstattung. Dass es
       in Deutschland noch nicht so weit gekommen ist, zeigt Reski zufolge nur
       eins: Mafiosi hierzulande wissen, dass die deutsche Öffentlichkeit dann
       erkennen würde, dass Mafiabosse und blutrünstige Auseinandersetzungen
       zwischen ihren Clans mehr als nur Folklore sind.
       
       Nehmen wir Deutschen die Mafia nicht ernst genug? Bräuchten wir schärfere
       Gesetze gegen die organisierte Kriminalität? Oder würde das nur zu noch
       mehr Überwachung führen – und dafür zu wenig bringen?
       
       Diskutieren Sie mit! 
       
       Den Essay „Verbrecher auf Sommerfrische“ lesen Sie in der [2][taz.am
       wochenende vom 11./12. April 2015] lesen.
       
       10 Apr 2015
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] http://mafia.correctiv.org/
   DIR [2] /Ausgabe-vom-11/12-April-2015/!157826/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Sarah Emminghaus
       
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