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       # taz.de -- Mein Sachsenhain
       
       > In Zeiten, in denen Deutsche und Polen sich so wenig zu verstehen
       > scheinen wie schon lange nicht mehr, erinnert sich der Schriftsteller
       > Artur Becker mit diesem Essay daran, wie er selbst ein Deutscher wurde –
       > oder wenigstens fast. Als gebürtiger Pole erlaubt er sich einen
       > unbefangenen Umgang mit der deutschen Geschichte, sogar mit Nazi-Kitsch
       > wie dem pseudo-mythischen Sachsenhain bei Verdenvon Artur Becker
       
       Den Rundweg säumen Bäume und Findlinge. Die ganze Anlage erinnert an eine
       uralte Kultstätte aus der Zeit der nordischen Megalithenbauten. Jeder der
       Findlinge steht für einen geköpften Sachsen: Viertausendfünfhundert sollen
       es gewesen sein – viertausendfünfhundert Findlinge wurden auf beiden Seiten
       des Rundwegs aufgestellt, und der führt um eine Wiese, den allbekannten
       Thingplatz, herum. Einige der Steine hat man nach dem Zweiten Weltkrieg
       weggetragen – wohin, weiß heute kein Mensch mehr.
       
       Der Sachsenhain in Verden an der Aller ist mein Deutschland. Das Städtchen
       Verden kennt fast niemand, der nicht mit Reitsport oder Pferdeauktionen zu
       tun hat. Ach ja! Man kennt es doch – wegen der lange währenden Kriege
       zwischen den Franken und Sachsen. In der Verdener Altstadt gibt es einen
       Platz, der heißt Lugenstein: Meine polnische Zunge übersetzt sofort – Stein
       der Lügen. Genau auf diesem Platz habe Karl der Große die Sachsen köpfen
       lassen, heißt es. Es soll ein Massaker gewesen sein, und der Kirche in Rom
       ist es bis heute ein Dorn im Auge, dass einer ihrer besten Zöglinge,
       nämlich der römische Kaiser und Frankenkönig Karl der Große, ein Schlächter
       gewesen sein soll.
       
       Was damals, 782, in Verden tatsächlich passiert ist, lässt sich heute nicht
       genau sagen. Der Dichter Hermann Löns fühlte sich immerhin dazu berufen,
       eine Novelle darüber zu schreiben: „Die rote Beeke“ – der rote Bach,
       gefärbt vom Sachsenblut. Seine Sachsen sind Heroen, die ihr Germanien
       tapfer verteidigen und von den Franken wie Vieh regelrecht zur Schlachtbank
       geführt werden. Für die nationalsozialistische Propaganda war die Novelle
       ein gefundenes Fressen. Hermann Löns erkannten sie als einen der ihren und
       hoben ihn in den Olymp der germanischen Literatur allererster Güte. Der
       arme Hermann Löns, der 1914 in Frankreich gefallen ist, hat sich bestimmt
       einen anderen Olymp gewünscht, als er im Himmel von seiner literarischen
       Heiligsprechung erfuhr – auch wenn sich nicht abstreiten lässt, dass er aus
       seiner nationalen Gesinnung und seiner Liebe zu Deutschland keinen Hehl
       gemacht hat. Seine Knochen ruhen heute in Walsrode, einem Nachbarort von
       Verden, aber ob es wirklich seine sind, wissen die Götter. Nur die Nazis
       waren sich sicher, wessen sterbliche Überreste sie aus Frankreich überführt
       hatten.
       
       Darf Liebe zum Vaterland strafbar sein? Einem Polen ist es erlaubt, seine
       Heimat zu lieben – der Deutsche muss sich warm anziehen, bevor er seinem
       Land seine Liebe erklärt. Er muss sich vorsehen, damit er nichts Falsches
       sagt, weil ihm sonst schnell bescheinigt wird, er gehöre womöglich der
       rechten Szene an. Selbst ich, der ich wahrscheinlich Pole durch und durch
       bin, reagiere auf das Wort Vaterland allergisch. Die sozialistische
       Erziehung hat mich von jedweder Ideologisierung und Romantisierung geheilt,
       und das im zarten Alter von fünfzehn Jahren. Dafür müsste ich den
       Kommunisten eigentlich dankbar sein.
       
       Auf dem Lugensteinplatz wurde bereits im neunten Jahrhundert eine Kirche
       gebaut und viel später durch einen Dom ersetzt, der von Epoche zu Epoche an
       Größe und Pracht zunahm. Wer mich zum ersten Mal in meinem deutschen
       Zuhause besucht, muss den Dom besichtigen, und meistens kommt er aus dem
       Staunen nicht heraus: „Was? Ihr habt in diesem Kaff so eine riesige
       Kirche?“ – „Ja, haben wir, seit fast tausend Jahren, und müssen gar nicht
       nach Köln fahren“, antworte ich immer voller Stolz.
       
       Neulich hatte ich wieder Besuch. Jeden Gast schleppe ich auch in den
       Sachsenhain zu einem Spaziergang. Dort herrscht Ruhe, die Sonne scheint
       durch die Baumkronen der Kiefern und Lärchen, man geht zwischen den Steinen
       und entdeckt plötzlich, dass manche von ihnen Inschriften tragen.
       
       Zeilen, die ermahnen wollen und bekannt anmuten, sind in elf Findlinge
       gemeißelt. Wer auf seinem Rundgang im Sachsenhain gegen den Uhrzeigersinn
       unterwegs ist, wie fast alle Spaziergänger, die vom Autoparkplatz
       herkommen, gelangt nach wenigen Metern zur ersten Botschaft: „Fürchte dich
       nicht“ steht auf einem Stein. Das sagte ich, als mein Sohn Philip an einem
       Samstagmorgen 1994 in der Bremer Frauenklinik in der St.-Jürgen-Straße zur
       Welt kam, in dem Moment, als ich ihn an seinen violett gefärbten Beinchen
       in die Luft hielt und er schrie und weinte, weil er gerade zu atmen lernte.
       
       Ich wanderte 1985 aus Warmia und Masuren in die BRD aus und begriff sofort:
       Deutschland zu verstehen, ist für einen Polen eine radikale Aufgabe. Ich
       lebte zuerst in einem Jugenddorf, einem Internat in Celle, wo Kinder der
       niedersächsischen Spätaussiedler Deutsch lernten. Unsere Lehrer und
       Erzieher hießen mit Nachnamen Göthe, Kaffke oder Römmel. Nur der „Hümmler“
       fehlte. Frau Kaffke wurde von uns osteuropäischen Aufwieglern, die eine
       Zeit lang tatsächlich daran glaubten, Kinder deutscher Herkunft und damit
       Deutsche zu sein, gehänselt: Wir sprachen sie immer mit „Frau Kafka“ an,
       und sie geriet jedes Mal außer sich und brüllte: „Ich heiße Kaffke,
       Kaffke!“
       
       Die Internatsinsassen wollten Metzger und Fußballer werden. Sie sparten ihr
       Taschengeld für Stereoanlagen und Fußballschuhe – ich für Bier und
       Zigaretten und Schallplatten und Briefmarken, weil ich fast jeden Tag
       Liebesbriefe schrieb. Sie träumten von einem abbezahlten Reihenhäuschen
       oder Golf, ich von einem freien Polen, das nicht mehr im Schatten der
       Sowjetunion stehen würde. Ich war siebzehn und böse, weil ich von meinen
       Eltern in ein fremdes Land entführt wurde, weil mein geliebtes Mädchen in
       Poznań lebte, weil uns der Eiserne Vorhang trennte und weil mich die
       Sehnsucht zerfraß. Mich hielt nichts in diesem Jugenddorf, in dem ich
       plötzlich mit Zehnjährigen in einer Klasse sitzen und Deutsch lernen
       musste. Ein Albtraum für einen siebzehnjährigen Nonkonformisten, der Wodka
       und seine Wirkung kannte, der wusste, wie Sex schmeckte, der auf Polnisch
       Gedichte schrieb und sie im Zigarettendunst auf masurischen Dichtertreffen
       in Iława (Deutsch-Eylau) vorgelesen hatte, in der Hoffnung, einmal so zu
       werden, wie all die bärtigen, von der Regierung in Warschau verstoßenen
       Dichter, deren bunte, von ihren Frauen gestrickte Rollkragenpullover nach
       Nikotin, Wodka und kaltem Schweiß rochen.
       
       Ein Rumäne, mit dem ich mir in Celle ein kleines Zimmer teilte, quälte mich
       jede Nacht vor dem Einschlafen mit ein und derselben Frage: Gibt es Gott?
       Nach wenigen Wochen hielt ich es mit ihm nicht mehr aus. Mein nächster
       Zimmernachbar war Schlesier, und ich geriet vom Regen in die Traufe. Ihm
       musste ich Abend für Abend erzählen, wie Kinder geboren werden. Er glaubte
       tatsächlich, dass der Fötus im Magen der Frau aufwächst und nach dem
       neunten Monat ausgeschieden wird. Der Schlesier war vierzehn Jahre alt, als
       er dank meiner Hilfe eine große Entdeckung machte. Nach dieser
       revolutionären Lektion widmete er sich der „dunklen süßen Onanie“ – ich
       konnte allerdings kaum eine Nacht durchschlafen.
       
       Ich musste also das Jugenddorf so schnell wie möglich verlassen, das war
       mir in kurzer Zeit klar geworden. In einem Internat zu vegetieren war nicht
       die Freiheit, die mir meine Eltern und die englischen Rockbands versprochen
       hatten. Im Sozialismus war ich viel freier gewesen als im Westen, denn nun
       wohnte ich in einer Kaserne mit lauter Metzgern und Fußballern und
       Onanisten zusammen, die mehr oder weniger gebrochen Deutsch sprachen,
       genauso wie ich, und ihr Taschengeld für Stereoanlagen sparten. Und sie
       verliebten sich jeden Tag in ein neues Mädchen, während ich die meiste Zeit
       in meiner Kammer am Schreibtisch verbrachte, um überschwängliche
       Liebesbriefe nach Poznań zu schreiben – anstatt deutsche Grammatik zu
       pauken. Der Schlesier aus Oppeln lachte mich aus, als ich einmal zum
       verehrten Herrn Göthe, der in den so genannten Hausaufgabenräumen die
       Aufsicht hatte, sagte: „Ich gleich komme!“ Ich wollte auf die Toilette
       gehen, und der Schlesier berichtigte mich: „Man sagt: Ich komme gleich!“ –
       „Ausgerechnet du willst mich aufklären?“, schoss ich auf Polnisch zurück.
       „Du Verräter!“
       
       Ich ging nach Verden, zu meinen Eltern. Meine Mutter konnte den Direktor
       eines Gymnasiums davon überzeugen, dass ich es sogar zum Abitur schaffen
       würde. 1985 gab es in Verden kaum Ausländer. Wurde ich nach meinem Akzent
       gefragt, erzählte ich immer, ich sei Pole aus Sri Lanka. Das Abitur war für
       mich kein Spaziergang, aber an der neuen Schule tickten die Uhren ganz
       anders als im Jugenddorf in Celle. Mein sozialistisch-katholisch geschultes
       Gewissen wurde einer harten Prüfung unterzogen. Die Schüler durften während
       des Unterrichts ihre Frühstücksdosen aufmachen und ihre Salamibrötchen
       verspeisen, in den Klassenräumen roch es wie im Speisesaal, und sie durften
       sogar, ohne den Lehrer vorher zu fragen, mitten in der Stunde aufstehen,
       den Klassenraum verlassen und sich einen Kaffee vom Automaten holen. Auf
       dem Schulgelände gab es eine Raucherecke – für diejenigen, die älter als
       sechzehn waren; am Technikum in Bartoszyce (Bartenstein) war das Rauchen
       verboten.
       
       Doch das Wichtigste war der gymnasiale Geschichtsunterricht: Ich erfuhr,
       dass in den Konzentrationslagern der Nazis Millionen von Juden umgekommen
       seien. Ich fragte mich, ob ich im falschen Film saß. Die Kommunisten zu
       Hause hatten in der Schule vor allem von Polen gesprochen, mochten sie auch
       jüdischen Glaubens sein – auf dem Papier, in ihren Ausweisen, waren sie
       anscheinend Polen gewesen. Und als ich mir in der zwölften Klasse den
       Frank-Zappa-Bart wachsen ließ, sagte meine ostpreußische Großmutter zu mir:
       „Was tust du da? Du weißt doch, dass die Deutschen keine Juden mögen!“ Sie
       und ich lebten damals hinterm Mond.
       
       Ein Nachbar, ein rüstiger, stets gut gelaunter Rentner, nahm mich oft mit
       auf ausgedehnte Fahrradtouren. Das erste Wort, das er mir beibrachte, war
       Raps, das zweite Flieder. Er erzählte mir auch, wer die Findlinge im
       Sachsenhain aufgestellt hatte, nämlich die Nazis und zwar im Jahre 1935.
       Irgendwann, nach einem Besuch in Bergen-Belsen, fragte ich ihn: „Und ihr
       habt wirklich nichts gewusst?“ - „Nein.“ – „Und es hat nicht komisch
       gerochen?“ – „Nein.“ Eine Buchhändlerin, die während des Zweiten
       Weltkrieges ein junges Mädchen gewesen war, sagte mir: „Es war alles so
       normal wie heute. Wir haben nichts gewusst.“
       
       Im Sachsenhain feierten diejenigen, die nichts gewusst haben wollten, das
       Fest der Sonnenwende. Sie marschierten mit Fackeln, schrien „Sieg Heil!“
       und sangen ihre pseudoheidnischen Schnitterlieder – im Chor. Sie spürten
       eine unerschöpfliche Kraft in ihren Kehlen, und sie feierten ihr
       Deutschland auf dem Höhepunkt seiner Macht und Stärke. Sie feierten im
       Sachsenhain den Herzog Widukind, der sich gegen die Franken und ihren
       christlichen Kaiser erhoben hatte – zum Schluss, nach seiner Niederlage,
       hatte er sich in Anwesenheit seines Erzfeindes, Karls des Großen, taufen
       lassen. Und als frisch gebackener Deutscher konnte ich es mir in meinen
       Anfangsjahren in der BRD auf einmal sehr gut vorstellen, was es hieß, sich
       stark und groß und unbesiegbar zu fühlen – eine kollektive Einheit zu
       bilden. Im polnischen Sozialismus hatten wir diese Kraft nie erreicht,
       nicht einmal unter Stalin. Die Sonne ist in meiner Heimat nie so
       aufgegangen wie 1933 in Deutschland oder 1918 in Russland, um eine kurze
       Zeit im Zenit zu stehen und alles bisher an Gewalt und Abartigkeit Gewesene
       in den Schatten zu stellen.
       
       Als Verdener Gymnasiast bekam ich es auf einmal mit der Angst zu tun. Was
       geschah mit mir? Warum fühlte ich mich plötzlich wie ein Zeitzeuge, wie ein
       Rädchen in der deutschen Geschichte, eine Zelle von Millionen Zellen in
       diesem perfekt funktionierenden Organismus? Ich wusste, dass ich einen
       Fehler gemacht hatte. Ich musste aufhören, wie ein Deutscher zu denken und
       zu sprechen. Ich war Pole, und ich musste keine Gewissensbisse haben, weil
       ich mich vom Sachsenhain angezogen fühlte. Ein Ort zum Spazieren,
       Entspannen und Meditieren, rechtfertigte ich mich damals. Die Drecksarbeit
       musste ich in diesem Fall den Deutschen überlassen. Sie sollten im
       Sachsenhain aufräumen – nicht ich, der ich in Ostpreußen geboren wurde, als
       Kind einer polnischen Mutter aus Litauen und eines deutschen Vaters aus
       Bartoszyce, der sich seiner ostpreußischen Herkunft als Junge hatte schämen
       müssen. In den Fünfzigern wurde er auf der Straße beschimpft: „Heil
       Hitler!“, begrüßten ihn seine ukrainischen und polnischen Kumpels.
       
       Nun wohne ich schon seit einundzwanzig Jahren in Verden und fahre seit 1998
       jeden Sommer nach Warmia und Masuren, wo ich meine Kindheit verbracht habe.
       „Was willst du in Verden?“, fragen mich meine Schriftstellerkollegen aus
       Berlin oft, als wäre Berlin tatsächlich der Garten Eden und das ultimative
       Lebensziel eines jeden Menschen. Sie begreifen nicht, wer ich bin und woher
       ich komme. Sie wissen nicht, dass ich inmitten von Fischern, Säufern,
       Ertrunkenen, Huren, Katecheten und Vertriebenen aufgewachsen bin – in
       Warmia und Masuren, wo einst Steine und Kiefern wie Götter angebetet
       wurden, wovon schon Tacitus in seinen Reiseaufzeichnungen schreibt. In
       einem Land, in dem die Heilige Maria bestimmt, was es zum Mittagessen gibt.
       In einem Land, in dem eine Frau die Hosen anhat und kurz vor Weihnachten
       nach Baden-Baden fährt, um als Altenpflegerin in einem privaten Haushalt zu
       arbeiten (mittlerweile eine ganz weit verbreitete Praxis in den deutschen
       Städten), während ihr Mann bei Wodka vom Reichtum träumt. In einem Land, in
       dem die Männer vor Eifersucht ihre Frauen erstechen wollen. In einem Land,
       in dem sich die Frauen nie langweilen – in dem sich ihre Männer und Kinder
       ständig langweilen. In einem Land, in dem die Kinder auf der Waschmaschine
       gezeugt werden. In einem Land, das wirtschaftlich mehr und mehr verkommt,
       weil viele der Männer seit Jahren in Oslo Badezimmer fliesen müssen, um
       ihre Familien zu ernähren, die sie nur an Weihnachten und in den
       Sommerferien sehen.
       
       Auf einem anderen Findling steht: „Der Weg mit ihm zum Kreuz.“ Und einer
       meiner auswärtigen Besucher, ein Dichter und Maler aus Frankfurt am Main,
       sagte mir während unseres Spazierganges, Deutschland sei ein Kreis. Es
       dulde keine halben Sachen, jedes Vorhaben müsse gelingen und vollständig
       aufgehen. Ich antwortete fragend: „Sowohl im Guten wie auch im Bösen?“ Ja,
       bestätigte er mir, und das mache diesen Kreis so gefährlich, fuhr er fort,
       weil ein Kreis per se vollkommen sei, wie jede geometrische Figur, und
       Vollkommenheit dulde keine Schwächen. Ich sagte ihm: „Mein Gott, seid ihr
       arm dran!“ In schweren Zeiten, wenn es darum ginge, als Nation zu
       überleben, entwickele der Pole einen unglaublichen Kampfgeist, erklärte ich
       ihm. Der berühmte Säbel werde gezogen, der selbst vor Panzern (im September
       1939) und Hubschraubern (im Dezember 1970 in Danzig) nicht zurückschreckte
       und sie „niedermähen“ wollte wie Menschen. Ich sagte außerdem: Doch sobald
       wir meinen, glücklich zu sein, kehren wir auf dem Absatz zu unserem Elend
       und Leid zurück, und die Hassliebe zwischen Russen und Deutschen sei uns
       dann wieder ein rotes Tuch und wir schauten dann, wie schon so viele Male,
       voller Hoffnung nach Amerika und England, manchmal nach Frankreich. Zurzeit
       seien wir in Amerika verliebt, fügte ich hinzu. Aber ein Kreis? Was solle
       der Pole mit einem Kreis, wenn er am liebsten ein Kreuz trage? Wie der
       Russe, der stets ein König der Slawen sein wolle. Mein Gast sagte:
       „Menschen vergehen und leben.“
       
       „Menschen vergehen, leben“ – so lautet eine der nächsten Zeilen auf den
       Findlingen. Andere Sätze sind noch eindringlicher, weil sie sich einem ins
       Gedächtnis brennen wie Fürbitten: „Mit leiden helfen“ oder „Gib Brot“. Und
       der Kreis schließt sich, nach einem jeden Rundgang im Sachsenhain, mit
       Vergehen und Auferstehen – dem Leben, und wahres Leben bedeutet in jeder
       Religion Ewigkeit und bei den Christen Auferstehung. Ich frage mich seit
       Jahren, was dieser Gedanke vom Vergehen und Leben, sprich von der
       Auferstehung, mit Deutschland zu tun hat, das 1945 und 1989 wiedergeboren
       wurde. Dieses Land ist mir eine Insel geworden – eine Heimat. Unsere
       Politiker tun jedoch so, als wäre die Bundesrepublik tatsächlich für die
       Ewigkeit geschaffen. Ich muss nicht allzu tief graben, in meiner
       Biographie, um zu begreifen, wie vergänglich Reiche und Staaten sind. Den
       Sozialismus, in dem ich geboren wurde und der mich geschult hat, gibt es
       nicht mehr. Ein ähnliches Schicksal wird auch die BRD eines Tages ereilen,
       das Kartenhaus wird zusammenbrechen und Neuem Platz machen.
       
       In meinen Gedanken und Träumen begegne ich oft meiner polnischen Großmutter
       aus Litauen, weil sie wohl am tiefsten von allen meinen Verwandten erfahren
       hat, was Vergehen und Leben bedeutet, zumal sie als strenge Katholikin an
       Gott, die Auferstehung und die Ewigkeit inbrünstig geglaubt hat, auch wenn
       sie im Sterben und nicht mehr ganz Herrin ihrer geistigen Kräfte einige
       blasphemische Verwünschungen aussprach und die Kirche tatsächlich
       verdammte, mit Jesus und Maria an der Spitze. Ihren ersten Mann verlor sie
       bei einem Unfall in einem Steinbruch, kurz vor Ausbruch des Zweiten
       Weltkrieges. Sie hatte von ihm ein Kind, das sich an seinen Vater kaum
       erinnerte. Der Junge wuchs während des Krieges auf – bei seinen Großeltern,
       in der Nähe von Konin in Großpolen, wo die Bauern jeden Tag vor Angst
       zitterten, erschossen oder in ein KZ verschleppt zu werden, obwohl sie
       keine Partisanen oder Juden waren. Sie wussten seltsamerweise, wohin die
       Züge fuhren und warum die Viehwagen so übel rochen.
       
       Als meine Großmutter von fünfjähriger Zwangsarbeit in einem Dorf bei
       Hannover wieder nach Hause zurückkehrte, wurde sie von ihrem Kind,
       mittlerweile einem fast zehnjährigen Jungen, gefragt: „Wer bist du, Frau –
       kobieto?“ Doch ihr Mutterherz schlug weiter, blieb nicht stehen. Sie kam
       nach Zamęty, in ihr Elterndorf, mit einem Mann – sie hatte in Deutschland
       einen Geigenspieler geheiratet, den Sohn des Postdirektors aus Poznań. Dem
       Franzosen, der sie um ihre Hand gebeten und der ihr in Frankreich den
       siebten Himmel versprochen hatte, gab sie 1945 einen Korb. Nein, sie kam
       zurück nach Polen – zum Ärger ihrer Geschwister, die nach Amerika hatten
       auswandern wollen, wo es Arbeit gab, aber sie wollte ihren Sohn
       zurückhaben, und nach polnischem, ungeschriebenem Familiengesetz wanderte
       man damals zusammen aus. Oder gar nicht. Wer dieses Gesetz brach, galt als
       Nestbeschmutzer.
       
       Als ich fünfzehn war, allein in meiner Provinz- und Geburtsstadt Bartoszyce
       wohnte und auf den Reisepass und die Ausreisegenehmigung wartete, fragte
       ich meine Großmutter einmal, ob sie die Deutschen hasse. Ich sagte zu ihr:
       „Schau, eine deiner Töchter lebt in dem Land, das dich von deinem Kind
       getrennt hat, und ich werde auch bald in dieses Land gehen, weil es meine
       Eltern so wollen, und deine Brüder, die zusammen mit dir in Deutschland
       gelitten und das KZ überlebt haben, verdammen dich bis heute, dass sie mit
       dir nach Polen zurückfahren mussten. Die Deutschen haben dir die Jugend
       gestohlen und dich zur Sklavenarbeit gezwungen und gesagt: ,Sei froh, dass
       du überhaupt leben darfst und einmal täglich was Warmes zu essen hast.‘
       Warum hasst du sie nicht?“
       
       Ich fragte sie dies kurz vor meiner Ausreise in die BRD. Wir saßen auf zwei
       Küchenstühlen in meiner fast leer geräumten Wohnung, die mir meine Eltern
       nach ihrer eigenen Ausreise überlassen hatten. Die Möbel hatte ich
       verkaufen müssen, weil ich Geld zum Leben brauchte. Und um die Reisen zu
       meinem Mädchen in Poznań bezahlen zu können. Meine Großmutter, die mit mir
       des Öfteren Pink Floyd und SBB, eine polnische Kultband aus den Siebzigern,
       hörte, dachte nicht lange nach und sagte: „Du bist so dumm. In deinem Alter
       war ich auch so dumm! Meinst du, die Deutschen sind Ungeheuer und keine
       Menschen? Sie haben mir das Leben geschenkt, während sie andere
       totgeschlagen haben.“ Meine Großmutter hieß Natalia Frankowska, geborene
       Szablewska aus Litauen. Sie wurde sechsundachtzig Jahre alt. Menschen
       vergehen, leben.
       
       Dieser Essay wird im September erscheinen in der Anthologie „Peine, Paris,
       Pattensen - literarische Erhebungen vom platten Land“, herausgegeben von
       Mathias Mertens, Wallstein-Verlag
       
       26 Aug 2006
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Artur Becker
       
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