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       Haltlos, islamistisch, verstörend
   DIR By: Ben
       Date: June 9, 2012, 7:00 am
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       Freitag, 08. Juni 20122012-06-08 08:57:18
       Haltlos, islamistisch, verstörend
       Junge deutsche Gotteskrieger
       von Solveig Bach
       Sie konvertieren zum Islam und radikalisieren sich, bis sie
       bereit sind, Anschläge gegen "Ungläubige" zu verüben und dabei
       ihr eigenes Leben zu verlieren. Deutschland hat längst eine
       militante islamistische Jugendszene. Wolf Schmidt warnt vor
       Panikmache, aber auch davor, zu glauben, wir hätten schon
       verstanden, was junge Leute in die Arme von Islamisten treibt.
       Pierre Vogel und seine Vorträge könnten ein Einstieg sein.
       Abu Hamza ist einer jener Salafisten-Prediger, die neuerdings in
       deutschen Fußgängerzonen mikrofonstark für ihre Überzeugungen
       werben. Bevor er zum Islam konvertierte, hieß Abu Hamza Pierre
       Vogel. Vogel ist Jahrgang 1978 und kickte als Kind beim 1. FC
       Köln. Er besuchte zunächst ein katholisches Gymnasium und später
       ein Sportinternat in Berlin, dann wurde er Berufsboxer im
       Sauerland-Stall. Mit 22 Jahren konvertierte er zum Islam.
       Inzwischen ist er ein Star der ultraorthodoxen Bewegung, die
       sich im Besitz der einzig wahren Koran-Auslegung wähnt. Er reist
       viel, hält Vorträge und stellt sie in Netz.
       Es sind Geschichten, wie die von Pierre Vogel, die Wolf Schmidt
       in seinem Buch "Jung Deutsch Taliban" erzählt. Denn jenseits der
       bisher bekannten Jugendbewegungen, die sich über Musik- oder
       Kleidungsstile definieren, etabliert sich in Deutschland eine
       islamistische Jugendszene, zu deren Vorreitern Vogel gehört.
       Vogel selbst ruft nicht zu Gewalt auf. Und dennoch befürchten
       die Sicherheitsbehörden, dass Prediger wie er eine Art
       "Durchlauferhitzer" zu noch extremeren Formen des Salafismus
       sein können – bis hin zu Militanz und Terror.
       Schmidt hat mit Verfassungsschützern gesprochen, hat sich die
       Vorträge der "Hassprediger" angehört, er hat in
       Gerichtsverhandlungen gesessen und die Eltern junger Leute
       besucht, die im "Dschihad" gestorben sind. "Seit 2006 hat man im
       Internet beobachten können, wie die Dschihad-Propaganda
       zunehmend deutsch wurde", sagt er im Gespräch mit n-tv.de. Immer
       häufiger wurde in den einschlägigen Drohvideos Deutsch
       gesprochen, auch die Theorie-Traktate waren plötzlich auf
       Deutsch verfügbar. Spätestens mit der Aufdeckung der
       Sauerland-Gruppe im Jahr 2007 war die These von den
       Import-Terroristen nicht mehr haltbar. An ihre Stelle waren
       sogenannte "homegrown terrorists" getreten.
       Neue Akteure
       Junge Männer sind in der Überzahl, aber auch Frauen fühlen sich
       zu den radikalen Ideen hingezogen.
       Die Sauerland-Attentäter Fritz Gelowicz, Daniel Schneider, Adem
       Yilmaz und Attila Selek sind zum Islam konvertierte Deutsche
       oder in Deutschland aufgewachsene Muslime, die sich
       entschlossen, in den Heiligen Krieg gegen den Westen zu ziehen.
       Sie planten Autobombenanschläge auf US-Einrichtungen in mehreren
       deutschen Großstädten. Hätten sie geschafft, ihre Pläne
       auszuführen, hätten die Anschläge schlimmer als die von London
       2005 oder Madrid 2004 ausfallen können.
       Am Beispiel der Sauerland-Gruppe lassen sich bei aller
       Differenzierung einige Gemeinsamkeiten der deutschen
       Gotteskrieger festmachen. Schmidt beschreibt sie als "Leute, die
       aus welchem Grund auch immer gescheitert sind oder extreme
       Brüche in ihrer Biografie hatten." Dazu gehören
       Drogenerfahrungen, Kriminalität, der frühe Tod eines Elternteils
       oder die Scheidung der Eltern, Gewalt in der Familie. In diesem
       Moment der Halt- und Orientierungslosigkeit suchten die jungen
       Leute nach "einfachen Antworten auf sehr komplizierte
       Sinn-Fragen".
       Von Gelowicz erzählen frühere Mitschüler, dass er ein
       begeisterter Hip-Hopper und Football-Spieler war, einer, den die
       Schule nicht wirklich interessierte und der deshalb häufig
       schwänzte. Regeln und Werte habe er abgelehnt, irgendwann flog
       er vom Gymnasium und wechselte auf die Realschule. Seine Eltern,
       ein Unternehmer und eine Ärztin, hatten sich getrennt. Gelowicz'
       Vater berichtete von einem deutsch-türkischen Freund, der seinen
       Jungen zum Islam bekehrt habe und in dessen Großfamilie Fritz
       aufgenommen wurde. Fritz Gelowicz ging plötzlich in die Moschee,
       reiste nach Saudi-Arabien und Pakistan und schloss sich
       irgendwann einer islamistischen Terrorgruppe an. In den
       salafistischen Gruppen spielen "die Nationalität, der ethnische
       Hintergrund, die Hautfarbe, keine Rollen mehr", hat Schmidt
       beobachtet. Für Leute, die bis dahin an anderen Stellen der
       Gesellschaft abgewiesen wurden, kann dieses Gefühl der
       uneingeschränkten Zugehörigkeit sehr verlockend sein.
       Turbo-Radikalisierung in wenigen Wochen
       Arid Uka beging zwei Morde und wurde dafür zu lebenslanger Haft
       verurteilt.
       Der studierte Politikwissenschaftler Schmidt hat diesen
       mehrstufigen Prozess immer wieder verfolgt. Aus seiner Sicht ist
       ein entscheidender Punkt bei der Radikalisierung, dass in den
       islamistischen Gruppen immer wieder "eine große Erzählung"
       wiederholt wird. "Es wird gesagt, schaut doch, weltweit werden
       die Muslime unterdrückt, in Palästina, in Afghanistan, im Irak.
       Es werden immer wieder die Bilder angeblicher Opfer der
       'westlichen Besatzer' gezeigt, oder die von Guantanamo oder Abu
       Ghraib." Diese Beschreibungen würden gekoppelt mit dem Appell,
       sich zu wehren. "Bei manchen fruchtet das und bei einigen
       wenigen geht das so weit, dass sie bereit sind, gegen die
       'Ungläubigen' zu kämpfen."
       Zu dieser wachsenden Gewaltbereitschaft trägt in besonderem Maß
       das Internet bei, "wo es diese Propaganda immer häufiger auf
       Deutsch und Englisch gibt. Das sind nur zwei Klicks, bis man da
       drin ist". Schmidt hat beobachtet, dass der Salafismus und vor
       allem der militante Salafismus im Netz überrepräsentiert sind.
       Wer also nach Antworten sucht, landet schnell auf Seiten, deren
       Inhalte mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht
       vereinbar sind. Der Salafismus gilt inzwischen als
       entscheidender Nährboden für Dschihadisten aus Deutschland.
       Wie verheerend der Kontakt mit diesen Seiten sein kann, belegt
       der Fall Arid Uka. Der 21-Jährige, der am 2. März 2011 am
       Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschoss, beschrieb als
       Auslöser für seine Tat einen Videoclip, der angeblich die
       Vergewaltigung muslimischer Frauen durch US-Soldaten zeigte. Uka
       gilt als typischer Fall für eine Selbstradikalisierung im
       Internet. Er hatte viele der radikalen Texte und Dschihad-Hymnen
       aus dem Netz heruntergeladen und auf seinem iPod und seinem
       Rechner gespeichert. In den Monaten vor dem Attentat verschwand
       er immer weiter in seiner virtuellen Dschihad-Welt und brach die
       meisten sozialen Kontakte ab.
       Ratlose Eltern
       Eric Breininger zog in den Dschihad und starb mit 22 Jahren in
       Pakistan.
       Frühere Freunde oder die Eltern können diese Entwicklung oft nur
       ohnmächtig verfolgen. Schmidt hat mit Eltern gesprochen, deren
       Kinder gestorben sind, weil sie sich islamistischen
       Terrorgruppen in Pakistan angeschlossen haben. "Die können mit
       dem radikalen Wandel ihrer Kinder gar nichts anfangen, sie
       stehen ratlos vor einem Prozess, in dem sich ihr Kind von heute
       auf morgen total verändert."
       Nicht jeder, der in salafistischen Moscheen zum Islam
       konvertiert, zieht kurz darauf in den Dschihad, betont Schmidt.
       Aber für das Umfeld läuft die Radikalisierung oft auch
       unsichtbar ab, Eltern erreichen ihre Kinder nicht mehr. Die
       leben längst nur noch für den – wie sie es empfinden – "wahren
       Weg". "Auf einmal müssen sie feststellen, der Sohn ist von heute
       auf morgen ausgereist. Fünf Monate später steht die Polizei vor
       der Tür mit den Fotos der Leiche."
       Echter Krieg
       "Jung Deutsch Taliban" ist im Ch. Links Verlag erschienen und
       kostet 16,90 Euro.
       Bei aller religiösen Begeisterung muss den jungen Leuten klar
       sein, dass ein Leben im Terrorlager in den Stammesgebieten im
       afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet kein Pauschalurlaub ist.
       Schmidt ist überzeugt, dass vor allem die älteren, durch und
       durch ideologisierten Kader genau wissen, was sie da machen. "Da
       geht es in den Dschihad, da schließt man sich islamistischen
       Terrorgruppen an und zieht in den Kampf gegen die Nato, die USA,
       auch die pakistanische Armee. Ziel ist die Errichtung eines
       islamischen Staats nach ihren Vorstellungen."
       Viele jüngere, darunter sind inzwischen auch Teenager, schließen
       sich allerdings angetrieben von Abenteuerlust mit einer
       erschreckenden Naivität dem Dschihad-Tross an. Schmidt erzählt
       von 16-jährigen Mädchen, die in diese Welt hineinstolpern und
       "in einem Kriegsgebiet landen, in dem sie nichts verloren
       haben." Das Bundeskriminalamt vermutet, dass inzwischen etwa 250
       deutsche oder in Deutschland aufgewachsene Islamisten in einem
       Terrorlager waren. 45 von ihnen sollen sich seit 2001 an
       Kampfhandlungen beteiligt haben. Die Zahlen zeigen zwar, dass es
       sich dabei nicht um eine Massenbewegung handelt. Inzwischen
       allerdings gehen die Sicherheitsbehörden von etwa fünf Ausreisen
       und Ausreiseversuchen pro Monat aus.
       Die Rückkehrer werden von den Sicherheitsbehörden gut überwacht,
       einige von ihnen sind sogar bereits verurteilt. Doch Einzeltäter
       wie Arid Uka sind ein kaum beherrschbares Problem. "Da muss man
       ehrlich sagen, dass man da nichts machen kann oder diese Taten
       zumindest nie völlig ausschließen kann. Die zwei gefährlichsten
       Situationen aus dem Bereich des islamistischen Terrorismus in
       Deutschland waren die Kofferbomber und Arid Uka. Beide waren
       nicht eingebunden in Terrorgruppen."
       Schmidt warnt aber vor einer Abwehrstrategie, die ausschließlich
       auf "Repressionen, schärfere Gesetze und mehr Befugnisse für die
       Sicherheitsbehörden setzt." Wichtiger sind ihm Prävention und
       eine ausgewogene Sichtweise. Nicht jeder Salafist mit Bart,
       Häkelmütze und dem typischen langen Gewand sei schon mit einem
       Fuß im Terrorismus, betont er nachdrücklich.
       Umso wichtiger findet er, dass sich inzwischen Anlaufstellen für
       Betroffene und deren Familien gegründet haben, die unabhängig
       von den Sicherheitsbehörden "kompetent beraten und vielleicht
       auch unbegründete Ängste abbauen" können. In Berlin gibt es eine
       Beratungsstelle beim Zentrum Demokratische Kultur, in anderen
       Städten entstehen ähnliche Einrichtungen nach dem Vorbild der
       Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen.
       Die deutsche Gesellschaft hat das Phänomen der jungen militanten
       Islamisten bisher noch nicht ansatzweise verstanden, meint
       Schmidt nach seinen Recherchen und gibt zu bedenken, dass viele
       der suchenden Jugendlichen wahrscheinlich genausogut bei
       Rechtsextremen oder Sekten hätten landen können. Aber der
       Zeitgeist oder der Zufall treiben sie nun eben den Islamisten
       zu. "Verstörend ist ihre Bereitschaft, sterben zu wollen oder es
       zumindest in Kauf zu nehmen in der vermeintlichen Verteidigung
       ihrer Religion."
  HTML http://www.n-tv.de/politik/Junge-deutsche-Gotteskrieger-article6450311.html
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