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#Post#: 224--------------------------------------------------
Erstmals Kirche in Deutschland in islamisches Gebetshaus
umgewandelt
DIR By: Ben
Date: June 9, 2012, 6:43 am
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Kreuz raus, Turban rein - na und?
Zum ersten Mal wurde in Deutschland eine Kirche in ein
alevitisch-muslimisches Gotteshaus umgewandelt. Ein Tabubruch
Von Till-R. Stoldt
Einen Moment schaut Klaus Thimm über seine Schulter. Hinter ihm
hing beim letzten Mal noch ein Kreuz. Darunter zierte ein Altar
mit kleinen Kerzenleuchtern und großer Jahreskerze den
Kirchenraum. Er selbst stand an einem Holzpult und predigte. An
diesem Tag aber, dem vergangenen Samstag, ist es anders: Wo
einst das Kreuz hing, bedecken nun die mannshohen Gemälde dreier
Männer die Wand. Es sind alevitische Heilige - mit Bart, Turban
und wallenden Gewändern. Der Altar wurde ebenfalls ausgetauscht
gegen eine goldbestickte Couch. Und ein Predigerpult gibt's auch
nicht mehr.
Denn: Der Gemeindesaal im Mönchengladbacher Stadtteil Rheydt ist
keine Kirche mehr. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte
wurde hier ein christliches in ein alevitisch-muslimisches
Gotteshaus umgewandelt. Wo bislang zu Jesus gebetet wurde,
werden fortan der Prophet Mohammed und sein Gefährte Ali
verehrt. Man könnte von einem kirchengeschichtlichen Tabubruch
sprechen. Bislang waren sich die Kirchen einig, Gotteshäuser
dürften zwar in Synagogen, nicht aber in islamische Gotteshäuser
umgewandelt werden. Diese Linie vertraten in Deutschland, anders
als etwa in Großbritannien, alle Kirchen. Damit wollten sie
Unterschieden zum Islam gerecht werden und angesichts
verbreiteter Islamisierungsängste heikle Symbolik vermeiden.
Am Samstag kündigte die evangelisch-methodistische Kirche und
damit die erste Kirche der Republik diesen Konsens auf.
Methodistenprediger Klaus Thimm hält gerade "wegen der Symbolik
des Tages" eine fröhliche Abschiedsrede, während Bischof Walter
Klaiber betont, er wisse um die Sorgen mancher Alteingesessener:
Die Zahl der Christen schrumpfe, die der Gläubigen aus islamisch
geprägten Gemeinschaften steige. Und jetzt helfe die Kirche den
Muslimen auch noch beim Durchmarsch - so werde mancher
Zeitgenosse die Kirchenumwidmung wohl einordnen. Klaiber selbst
liest diesen Tag anders: Christen bräuchten sich angesichts der
demografischen Entwicklung nicht ängstlich in ein Bollwerk
zurückzuziehen. Auch unter den neuen "wachsenden
Glaubensgemeinschaften könnten sie vertrauenswürdige
Gleichgesinnte" finden. Diesen neuen Freunden dürften Christen
zuversichtlich und mit offenen Armen begegnen, sagt er.
Den rund 100 türkischstämmigen Aleviten im Saal gehen solche
Sätze runter wie Öl. Andächtig, teils ergriffen sitzen sie an
langen Tischreihen, rühren leise klirrend den Löffel durchs
Teegläschen und lauschen. Einige werden später berichten, wie
sehr sie es genossen hätten: diese Offenheit, diese Nähe. Das
hätten sie bei manchen Christen schon anders erlebt (wobei immer
wieder Thilo Sarrazin als Beispiel eines solchen "Christen"
genannt wird). Entsprechend leidenschaftlich beteuert auch die
junge alevitische Geistliche in ihrem Einsegnungsgebet, wie nahe
sich Christen und Aleviten stünden. In beiden Gemeinschaften
gelte, dass sich "der Weg zu Gott nur über die Liebe zum
Menschen" öffne. Bei diesen Worten sehen wiederum die
Kirchenvertreter arg gerührt aus. Fast schrammt die Feier das
harmonieselige Klischee; so einträchtig plaudern Christen und
Aleviten anschließend bei Bulgur und gerollten Weinblättern, so
begeistert feiern die christlichen Redner, allen voran
Laienprediger Thimm, die Begegnung zwischen Christen und
Aleviten als "Bereicherung". Allein: Nichts läge diesem Prediger
ferner als klassischer Multikulturalismus. Der freundliche Herr
Thimm, im dunklen Anzug mit korrekt sitzender Krawatte, ist
bekennender Christdemokrat, dem seine Kanzlerin eher zu locker
als zu konservativ ist. Mit Argusaugen verfolgt er überdies die
Aktivitäten traditioneller Muslimverbände. Obendrein gehört er
einer pietistischen Freikirche an. Auch Bischof Klaiber
bezeichnet sich als evangelikal. Ausgerechnet diese theologisch
eher konservativen Christen wagen es nun, mit der vorsichtigen
Linie aller Kirchen zu brechen - und genießen die Erotik des
Dialogs. Wie passt das zusammen?
Die Antwort hat wenig mit der Kirche, aber viel mit den Aleviten
zu tun, meint Thimm. Aleviten unterschieden sich fundamental von
traditionellen sunnitischen Muslimen. Dieser Einschätzung
stimmen fast alle hiesigen Religionswissenschaftler zu. Zwar
bezeichnen sich die rund 600.000 türkischstämmigen Aleviten in
Deutschland häufig als Muslime, sie weichen vom klassischen
Islam aber grundlegend ab. So gelten ihnen neben dem Propheten
Mohammed auch der Prophetengefährte Ali, Einheitsmystiker wie
Mansur al-Halladsch oder türkische Volksdichter wie Yunus Emre
als inspiriert. Und diese Lehrer späterer Jahrhunderte zielten
auf eine Reform des Islam: hin zur Verinnerlichung, zum Ideal
der Allverbundenheit, zu mehr Herzensgüte und weniger
Gesetzesstrenge.
Daher praktizieren Aleviten auch keine Geschlechtertrennung,
verzichten auf Pflichtgebete, lehnen Kopftuch und
Mekka-Pilgerfahrt ab und achten andere Religionen als Wege zu
Gott. Auch ihre Gotteshäuser nennen sie nicht Moschee, sondern
Cem-Haus. Inzwischen ist unter Aleviten sogar umstritten, ob sie
überhaupt als Muslime zu begreifen seien. Geschadet hat ihnen
das nicht. In acht Bundesländern wurde alevitscher
Religionsunterricht eingeführt - lange bevor konservativen
Muslimverbänden Islam-Unterricht in Aussicht gestellt wurde.
Dennoch zögern die Kirchen, Aleviten anders zu behandeln als
traditionelle Muslime. Bischof Klaiber hält das für zu kurz
gedacht. Er rät, vor allem ein Kriterium anzulegen, wenn es
darum gehe, ein Gotteshaus an eine Glaubensgemeinschaft zu
verkaufen: die Frage, ob diese Gemeinschaft das "Humanum, das
Wohlergehen unterschiedslos aller Menschen, ins Zentrum" stelle.
Bei den Aleviten sei dies gegeben. Klaiber geht aber noch
weiter. Grundsätzlich könne dieses Kriterium auch von
sunnitischen Muslimen erfüllt werden, sagt er. Beispielhaft
schwebt ihm der strikt reformerische Liberal-Islamische Bund
(LIB) vor. Auch bei solchen sunnitischen Muslimen sollten
Kirchen offen prüfen, ob man ihnen Gotteshäuser übergeben könne,
fordert er. Sein Argument: Wer sonst könne so glaubwürdig wie
die Kirche signalisieren, dass Zuwanderung aus der islamischen
Welt kein Grund zum Verzagen sei?
HTML http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article106480587/Kreuz-raus-Turban-rein-na-und.html
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