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       Erstmals Kirche in Deutschland in islamisches Gebetshaus
       umgewandelt
   DIR By: Ben
       Date: June 9, 2012, 6:43 am
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       Kreuz raus, Turban rein - na und?
       Zum ersten Mal wurde in Deutschland eine Kirche in ein
       alevitisch-muslimisches Gotteshaus umgewandelt. Ein Tabubruch
       Von Till-R. Stoldt
       Einen Moment schaut Klaus Thimm über seine Schulter. Hinter ihm
       hing beim letzten Mal noch ein Kreuz. Darunter zierte ein Altar
       mit kleinen Kerzenleuchtern und großer Jahreskerze den
       Kirchenraum. Er selbst stand an einem Holzpult und predigte. An
       diesem Tag aber, dem vergangenen Samstag, ist es anders: Wo
       einst das Kreuz hing, bedecken nun die mannshohen Gemälde dreier
       Männer die Wand. Es sind alevitische Heilige - mit Bart, Turban
       und wallenden Gewändern. Der Altar wurde ebenfalls ausgetauscht
       gegen eine goldbestickte Couch. Und ein Predigerpult gibt's auch
       nicht mehr.
       Denn: Der Gemeindesaal im Mönchengladbacher Stadtteil Rheydt ist
       keine Kirche mehr. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte
       wurde hier ein christliches in ein alevitisch-muslimisches
       Gotteshaus umgewandelt. Wo bislang zu Jesus gebetet wurde,
       werden fortan der Prophet Mohammed und sein Gefährte Ali
       verehrt. Man könnte von einem kirchengeschichtlichen Tabubruch
       sprechen. Bislang waren sich die Kirchen einig, Gotteshäuser
       dürften zwar in Synagogen, nicht aber in islamische Gotteshäuser
       umgewandelt werden. Diese Linie vertraten in Deutschland, anders
       als etwa in Großbritannien, alle Kirchen. Damit wollten sie
       Unterschieden zum Islam gerecht werden und angesichts
       verbreiteter Islamisierungsängste heikle Symbolik vermeiden.
       Am Samstag kündigte die evangelisch-methodistische Kirche und
       damit die erste Kirche der Republik diesen Konsens auf.
       Methodistenprediger Klaus Thimm hält gerade "wegen der Symbolik
       des Tages" eine fröhliche Abschiedsrede, während Bischof Walter
       Klaiber betont, er wisse um die Sorgen mancher Alteingesessener:
       Die Zahl der Christen schrumpfe, die der Gläubigen aus islamisch
       geprägten Gemeinschaften steige. Und jetzt helfe die Kirche den
       Muslimen auch noch beim Durchmarsch - so werde mancher
       Zeitgenosse die Kirchenumwidmung wohl einordnen. Klaiber selbst
       liest diesen Tag anders: Christen bräuchten sich angesichts der
       demografischen Entwicklung nicht ängstlich in ein Bollwerk
       zurückzuziehen. Auch unter den neuen "wachsenden
       Glaubensgemeinschaften könnten sie vertrauenswürdige
       Gleichgesinnte" finden. Diesen neuen Freunden dürften Christen
       zuversichtlich und mit offenen Armen begegnen, sagt er.
       Den rund 100 türkischstämmigen Aleviten im Saal gehen solche
       Sätze runter wie Öl. Andächtig, teils ergriffen sitzen sie an
       langen Tischreihen, rühren leise klirrend den Löffel durchs
       Teegläschen und lauschen. Einige werden später berichten, wie
       sehr sie es genossen hätten: diese Offenheit, diese Nähe. Das
       hätten sie bei manchen Christen schon anders erlebt (wobei immer
       wieder Thilo Sarrazin als Beispiel eines solchen "Christen"
       genannt wird). Entsprechend leidenschaftlich beteuert auch die
       junge alevitische Geistliche in ihrem Einsegnungsgebet, wie nahe
       sich Christen und Aleviten stünden. In beiden Gemeinschaften
       gelte, dass sich "der Weg zu Gott nur über die Liebe zum
       Menschen" öffne. Bei diesen Worten sehen wiederum die
       Kirchenvertreter arg gerührt aus. Fast schrammt die Feier das
       harmonieselige Klischee; so einträchtig plaudern Christen und
       Aleviten anschließend bei Bulgur und gerollten Weinblättern, so
       begeistert feiern die christlichen Redner, allen voran
       Laienprediger Thimm, die Begegnung zwischen Christen und
       Aleviten als "Bereicherung". Allein: Nichts läge diesem Prediger
       ferner als klassischer Multikulturalismus. Der freundliche Herr
       Thimm, im dunklen Anzug mit korrekt sitzender Krawatte, ist
       bekennender Christdemokrat, dem seine Kanzlerin eher zu locker
       als zu konservativ ist. Mit Argusaugen verfolgt er überdies die
       Aktivitäten traditioneller Muslimverbände. Obendrein gehört er
       einer pietistischen Freikirche an. Auch Bischof Klaiber
       bezeichnet sich als evangelikal. Ausgerechnet diese theologisch
       eher konservativen Christen wagen es nun, mit der vorsichtigen
       Linie aller Kirchen zu brechen - und genießen die Erotik des
       Dialogs. Wie passt das zusammen?
       Die Antwort hat wenig mit der Kirche, aber viel mit den Aleviten
       zu tun, meint Thimm. Aleviten unterschieden sich fundamental von
       traditionellen sunnitischen Muslimen. Dieser Einschätzung
       stimmen fast alle hiesigen Religionswissenschaftler zu. Zwar
       bezeichnen sich die rund 600.000 türkischstämmigen Aleviten in
       Deutschland häufig als Muslime, sie weichen vom klassischen
       Islam aber grundlegend ab. So gelten ihnen neben dem Propheten
       Mohammed auch der Prophetengefährte Ali, Einheitsmystiker wie
       Mansur al-Halladsch oder türkische Volksdichter wie Yunus Emre
       als inspiriert. Und diese Lehrer späterer Jahrhunderte zielten
       auf eine Reform des Islam: hin zur Verinnerlichung, zum Ideal
       der Allverbundenheit, zu mehr Herzensgüte und weniger
       Gesetzesstrenge.
       Daher praktizieren Aleviten auch keine Geschlechtertrennung,
       verzichten auf Pflichtgebete, lehnen Kopftuch und
       Mekka-Pilgerfahrt ab und achten andere Religionen als Wege zu
       Gott. Auch ihre Gotteshäuser nennen sie nicht Moschee, sondern
       Cem-Haus. Inzwischen ist unter Aleviten sogar umstritten, ob sie
       überhaupt als Muslime zu begreifen seien. Geschadet hat ihnen
       das nicht. In acht Bundesländern wurde alevitscher
       Religionsunterricht eingeführt - lange bevor konservativen
       Muslimverbänden Islam-Unterricht in Aussicht gestellt wurde.
       Dennoch zögern die Kirchen, Aleviten anders zu behandeln als
       traditionelle Muslime. Bischof Klaiber hält das für zu kurz
       gedacht. Er rät, vor allem ein Kriterium anzulegen, wenn es
       darum gehe, ein Gotteshaus an eine Glaubensgemeinschaft zu
       verkaufen: die Frage, ob diese Gemeinschaft das "Humanum, das
       Wohlergehen unterschiedslos aller Menschen, ins Zentrum" stelle.
       Bei den Aleviten sei dies gegeben. Klaiber geht aber noch
       weiter. Grundsätzlich könne dieses Kriterium auch von
       sunnitischen Muslimen erfüllt werden, sagt er. Beispielhaft
       schwebt ihm der strikt reformerische Liberal-Islamische Bund
       (LIB) vor. Auch bei solchen sunnitischen Muslimen sollten
       Kirchen offen prüfen, ob man ihnen Gotteshäuser übergeben könne,
       fordert er. Sein Argument: Wer sonst könne so glaubwürdig wie
       die Kirche signalisieren, dass Zuwanderung aus der islamischen
       Welt kein Grund zum Verzagen sei?
  HTML http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article106480587/Kreuz-raus-Turban-rein-na-und.html
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