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#Post#: 1922--------------------------------------------------
Ich heirate einen Flüchtling
DIR By: KarlMartell
Date: October 29, 2013, 6:21 pm
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Debatte Asylpolitik
Ich heirate einen Flüchtling
Die deutschen Politiker zeigen sich unwillig, etwas an der
Situation der Flüchtlinge zu ändern. Scheinehen sind daher
notwendiger ziviler Ungehorsam.
Eine Scheinehe als Hilfe in der Not. Und als politisches
Statement gegen eine herzlose Politik, der sie nicht zustimmen.
– Flüchtling in einer Kirche in Hamburg. Bild: dpa
Schlage ich dieser Tage die Zeitung auf, ärgere ich mich. Nein,
Ärger ist zu schwach. Ich bin wütend und fassungslos und denke:
Wie können deutsche Politiker angesichts dieser
Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer so gnadenlos sein?
Fast 340 Menschen kamen ums Leben, als ein Flüchtlingsboot vor
der italienischen Insel Lampedusa in Flammen aufging und
kenterte. Kurz darauf setzte schon wieder ein Boot mit 400
Flüchtlingen einen Hilferuf ab.
Die in Seenot Geratenen waren nicht die ersten, die auf der
Suche nach einem sichereren, vielleicht auch besseren Leben von
Afrika nach Europa kamen. Und solange Politik und Wirtschaft in
Afrika vielen Menschen eine Existenz unmöglich machen, werden
sie nicht die letzten sein – egal wie lebensgefährlich die Fahrt
übers Meer ist.
Was aber machen unsere Politiker? Allen voran der deutsche
Innenminister Hans-Peter Friedrich von der CSU? Der traute sich
schon anlässlich des ersten Bootsunglücks zu verkünden: Die
bestehenden Regeln zur Aufnahme von Flüchtlingen blieben
„selbstverständlich unverändert“. Die Bundesregierung sehe
derzeit keinen Handlungsbedarf.
Unverändert?
SELBSTVERSTÄNDLICH?
Weiterhin wird es also die Dublin-II-Verordnung geben, die dafür
sorgt, dass Asylsuchende nur in dem EU-Land einen Antrag auf
Asyl stellen können, über das sie eingereist sind. Weiterhin
Residenzpflicht (in Sachsen und Bayern), weiterhin Arbeitsverbot
für Flüchtlinge, weiterhin keine Chancen für Menschen, die alles
hinter sich gelassen und ihr Leben riskiert haben, um in Europa
neu zu beginnen, um zu arbeiten, um Geld zu verdienen – und um
Steuern zu zahlen.
Weiterhin also massenhaft Ertrunkene, die die Taucher vor
Lampedusa bergen müssen?
Als ich Friedrichs Worte las, war ich sprachlos, aber nur kurz.
Dann fasste ich einen Entschluss: Wenn die Politiker in meinem
Land den Asylsuchenden nicht helfen wollen, dann mach ich es
selbst: Ich heirate einen Flüchtling. Damit er hierbleiben kann.
Auch wenn das verboten ist. Als Akt des zivilen Ungehorsams.
Denn an der zynischen Flüchtlingspolitik, die Europa auch
aufgrund der deutschen Haltung zu diesem Thema betreibt, wird
sich unter einer konservativen Regierungsmehrheit auf absehbare
Zeit nichts ändern.
Natürlich bin ich nicht die Erste, die auf diese Idee kommt. Aus
politischer Überzeugung geschlossene Ehen haben in linken
Kreisen eine gewisse Tradition. Erhebungen dazu gibt es – wie zu
erwarten – nicht. Die meisten binationalen Paare heiraten zwar
möglicherweise auch wegen des Aufenthaltsstatus, aber eben nicht
nur, sondern weil sie einfach gern zusammen sein und -bleiben
möchten. Oft ist der Vorwurf der „Scheinehe“ also nur eine
Unterstellung der Behörden.
Fest steht aber auch, dass es Paare gibt, die so eine Heirat
ähnlich sehen wie ich: als Mittel zum Zweck. Als Hilfe in der
Not. Und als politisches Statement gegen eine herzlose Politik,
der sie nicht zustimmen.
Auch als Geschäftsidee wurde diese Form der Einbürgerung längst
entdeckt. Zwar gibt es hierzu ebenfalls keine Statistiken, aber
es ist anzunehmen, dass ein paar Leute mithilfe arrangierter
Ehen ganz gut an der Not anderer verdienen – wie immer, wenn es
irgendwo einen Schwächeren gibt, der auf Hilfe angewiesen ist
und dem keine andere Wahl zu bleiben scheint. „Man hört von
Summen zwischen 5.000 und 10.000 Euro, die Flüchtlinge für so
eine Schutzehe bezahlen“, sagt die Mitarbeiterin einer
Beratungsstelle für Migranten.
„Schutzehe“ ist ein schönes Wort
Interessant am Geschäft mit der Ehe ist das asymmetrische
Verhältnis, das einer solche Beziehung innewohnt. Hier ein
Mensch, der in Besitz eines kostbaren Guts ist, nämlich eines
deutschen Passes, der Rechtsstaatlichkeit, körperliche
Unversehrtheit, Meinungsfreiheit und soziale Absicherung
gewährt. Dort ein Mensch, der ebendieses Gut erlangen möchte,
ein Dokument, ohne das ihm die Teilhabe an Arbeitsmarkt und
Gesellschaft und die Chance auf Wohlstand verwehrt bleiben, und
der bereit ist, das Menschenmögliche für dieses Dokument zu tun.
In dieser Verbindung ist der Asylsuchende maximal abhängig und
dadurch erpressbar. Das zeigt schon die massive Diskrepanz in
den Konsequenzen, die eine enttarnte „Scheinehe“ für die
Heiratswilligen hat. Während der Asylsuchende sofort jeglichen
Status verliert und mit Abschiebung rechnen muss, kommt der
deutsche Partner in der Regel mit einem Bußgeld davon.
„Scheinehe ist juristisch nicht nachweisbar“, sagt die Expertin.
„Deshalb wird das Verfahren, das auch dem deutschen Partner
droht, mithilfe einer guten Rechtsberatung meist fallen
gelassen.“
Ein solch asymmetrisches, ja geradezu kolonialistisches
Verhältnis besteht auch dann, wenn ich meinen Plan
weiterverfolge. Heirate ich einen Flüchtling –
selbstverständlich ohne dafür Geld zu verlangen –, ist er danach
trotzdem von mir abhängig. Er ist auf meine Hilfe angewiesen,
auf meinen guten Willen und darauf, dass ich es mir nicht
irgendwann anders überlege.
Ist das ein Grund, es nicht zu tun? Meine pragmatische Antwort
lautet: Nein. Verzichte ich aus moralischen Überlegungen auf
meinen Plan, ist auch keinem geholfen. Man wird dieses
Abhängigkeitsverhältnis später mit dem Angetrauten thematisieren
müssen, um es so milde und erträglich wie möglich gestalten zu
können.
Vermutlich, das war mein zweiter Gedanke, als ich die Worte des
Innenministers las, ist eine solche Ehe mit ziemlich viel
Aufwand verbunden. Es darf ja niemand merken, dass die Ehe nur
eine „Scheinehe“ ist.
„Scheinehe“ ist ein falsches Wort
Wahrscheinlich sind ganz viele Ehen, vor allem die, die schon
ein paar Jahre dauern, Scheinehen. Man ist verheiratet auf dem
Papier, aus wer weiß was für Gründen, womöglich um den Anstand
zu wahren oder aus Bequemlichkeit, vielleicht auch für Status
und Geld. Dagegen hat niemand etwas, kann niemand etwas haben.
Wenn ich aber meinen Status, nämlich meinen Aufenthaltsstatus,
mit jemandem teilen möchte, weil ich Glück hatte und in Europa
zur Welt kam, ein anderer aber nicht, dann wird das geahndet.
Deshalb muss ich mir eine Geschichte ausdenken und werde lügen,
um ein politisches Ziel, das sich auch einige Parteien ins
Programm geschrieben haben, zu erreichen. Auch meinen echten
Namen kann ich nicht nennen, weil mein Plan nicht schon am
Anfang scheitern soll.
Mehr noch als die entsprechenden Dokumente, die für viele schwer
bis unmöglich beizubringen sind, brauchen mein Mann und ich dann
eine wasserdichte Geschichte. Denn es kann sein, dass wir beim
Standesbeamten, bei dem wir das Aufgebot bestellen, oder später
von der Ausländerbehörde getrennt befragt werden, wenn so etwas
wie ein „Scheinehe-Verdacht“ besteht.
Sehr wahrscheinlich werden wir erzählen müssen, wo und wann wir
uns kennengelernt haben, wer wem den Antrag gemacht hat und
wohin unsere Flitterwochen gingen. Wir werden gefakte Fotos
machen, die uns gemeinsam als glückliches Paar zeigen. Wir
werden uns einprägen, welche Schuhgröße der andere hat, welche
Zahnpasta er benutzt, wie Eltern und Geschwister heißen und wie
er seinen Kaffee trinkt.
Wir werden uns gemeinsam in einer Wohnung anmelden und dort eine
zweite Zahnbürste, Kleidung und persönliche Gegenstände
deponieren, falls jemand vom Ordnungsamt vorbeikommt, um zu
überprüfen, ob wir auch wirklich zusammenleben. Und wir werden
hoffen, dass jemand zu Hause ist, wenn das passiert, damit die
Beamten nicht die Nachbarn befragen. Drei ganze Jahre lang. Erst
danach erhält mein Mann eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis,
und wir können das Theater beenden.
Weil ich will, dass Europa seine restriktive Flüchtlingspolitik
lockert und beginnt, Asylsuchende nicht mehr als Last, sondern
als Bereicherung zu begreifen, breche ich das Gesetz, muss mich
verstecken, und mache dies öffentlich. Aus Protest, gegen die
Gleichgültigkeit der Politik.
HTML http://www.taz.de/!126208/
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Re: Ich heirate einen Flüchtling
DIR By: beeadorable
Date: May 19, 2015, 11:23 pm
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It's really good. The data is very good.
#Post#: 2023--------------------------------------------------
Re: Ich heirate einen Flüchtling
DIR By: Sterbeatdo
Date: May 3, 2017, 3:36 am
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I like this kind of want and want to give.
#Post#: 2025--------------------------------------------------
Re: Ich heirate einen Flüchtling
DIR By: logonx
Date: May 12, 2017, 2:04 am
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