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       #Post#: 1771--------------------------------------------------
       Disneyland für Dschihadisten
   DIR By: KarlMartell
       Date: July 7, 2013, 7:51 am
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       SYRIEN
       Disneyland für Dschihadisten
       Im ruhigen Norden sammeln sich die ausländischen Islamisten, die
       lieber „Counter-Strike“ spielen, als in den Krieg zu ziehen. Sie
       streiten sich, ob Rauchen erlaubt ist – und kämpfen eher
       gegeneinander als gegen das Regime.
       Atmih sieht aus, als drehte hier jemand
       gerade einen Qaida-Spielfilm:
       Neuankömmlinge mit Rollkoffern
       suchen ihre Emire, auf der Dorfstraße
       sind Afrikaner und Asiaten zu
       sehen, Männer mit schulterlangem Haar
       in afghanischer Tracht führen ihre Ka -
       lasch ni kows spazieren. Am Kebab-Stand
       mischt sich ein Dialekt Nordenglands mit
       arabischen Einsprengseln: „Subhanallah,
       Bro, I asked for Ketchup.“ Russisch ist zu
       hören, Aserbaidschanisch, der kehlige
       Akzent der Saudi-Araber.
       Das einst verschlafene Schmugglernest
       direkt an der türkischen Grenze ist zum
       Mekka für Dschihad-Reisende aus aller
       Welt geworden. Vor einem Jahr trafen
       SPIEGEL-Reporter hier einen der ersten
       ausländischen Kämpfer in Syrien, einen
       jungen Iraker, der sagte, er sei
       gekommen, um die Diktatur
       zu stürzen. Inzwischen haben
       sich mehr als tausend Dschihadisten
       in und um Atmih niedergelassen,
       nirgendwo in Syrien
       sind mehr auf so dichtem
       Raum versammelt. Mitten im
       Krieg haben die ausländischen Dschihadisten
       ausgerechnet einen der ruhigsten
       Flecken des Landes zu ihrem Zentrum
       gemacht. Oder eben gerade deshalb.
       Denn sind sie erst mal hier, wollen viele
       von ihnen gar nicht mehr weg.
       Das türkische Mobilnetz funktioniert
       hervorragend, die Läden führen afghanische
       Pakhul-Wollmützen, Qaida-Kappen
       und knielange schwarze Hemden aus derbem
       Stoff wie in den pakistanischen Stammesgebieten.
       Neue Restaurants haben aufgemacht,
       das Büro „International Contacts“
       bucht Flüge, tauscht saudische Rial,
       britische Pfund, Euro und Dollar. Die Apotheke
       bietet „Miswak“ an: faserige Holzstäbchen
       aus Pakistan, mit denen auch der
       Prophet Mohammed seine Zähne geputzt
       haben soll. Der Gebrauch erhöhe den
       Wert des folgenden Gebets um
       das 70fache, verspricht die Packungsaufschrift.
       Weil all die Dschihadisten
       nach Hause telefonieren, mailen
       und chatten wollen, eröffnete
       Mitte Juni das dritte Internetcafé.
       Woraufhin der Besitzer
       des ersten Cafés Qaida-Fahnen über
       den Computern aufhängte, als Treuebekenntnis
       für die Stammkundschaft. Seitdem
       läuft das Geschäft, trotz zunehmender
       Konkurrenz. Die martialisch ausstaffierten
       Kunden schwärmen ihren Freunden
       daheim im Skype-Chat von Atmih
       vor: Hier sei das Paradies! Die Mieten billig,
       Wetter und Essen gut, man könne bewaffnet
       herumlaufen und mit etwas Glück
       sogar eine Frau finden. Nachts klingt die
       Kakophonie der Kämpfe bis auf die Straße,
       wenn mehrere Dschihadisten gleichzeitig
       „Counter-Strike“ spielen. Der heilige
       Krieg ist in Atmih ein Kostümspektakel,
       und jeder kann sich fühlen, als sei er
       dabei – ohne dass es weh tut.
       Sogar die örtlichen Geschäftsleute erfreuen
       sich an ihrer fanatischen Kundschaft.
       Im Handy-Shop sagt der syrische
       Verkäufer: „Alle paar Tage kommt ein
       Mann aus Dagestan hierher, erst hat er
       ein Samsung Galaxy gekauft, eine Woche
       später ein iPad, danach ein noch neueres
       Samsung Galaxy. Der hat bestimmt über
       tausend Dollar hier ausgegeben.“
       Wozu seien die Ausländer überhaupt
       in Atmih, fragt ein entnervter Kommandeur
       der Freien Syrischen Armee (FSA)
       aus der Gegend: „Wenn sie hergekommen
       sind, um zu kämpfen – bitte schön, da
       geht’s zur Front.“ Er zeigt nach Osten.
       Eigentlich ist Atmih Transitstation der
       Dschihadisten, die zumeist über den nahen
       türkischen Flughafen in Hatay anreisen.
       Die einen bleiben in der Region, die
       anderen ziehen weiter nach Aleppo, in
       die Berge von Latakia, nach Rakka im
       Osten, wo auch immer die unübersicht -
       liche Frontlinie gerade verläuft.
       Manch ein syrischer Rebell schließt sich
       den Dschihadisten an, aber vielen sind die
       Ausländer unheimlich. Und selbst wenn
       diese gegen Regimetruppen kämpfen, wie
       der tschetschenische Kommandeur Abu
       Umar al-Schischani, wundern sich FSAKommandeure:
       Wozu habe Schischani die
       Munition inklusive Flugabwehrraketen erbeutet,
       wenn er sie doch nicht einsetze?
       Sie fürchten, die Dschihadisten könnten
       ihre Waffen gegen die FSA-Rebellen oder
       für Terroranschläge weltweit einsetzen.
       „Wir hoffen, dass die Dschihadisten
       nach dem Sturz Assads wieder gehen“,
       sagt Luftwaffenoberst Hassan Hamada,
       der vor einem Jahr in die Schlagzeilen
       geriet, weil er sich samt seiner MiG-21
       nach Jordanien absetzte, und nun im FSAFührungsstab
       in Nordsyrien sitzt.
       Doch noch kämpfen sie zusammen,
       noch gibt es ein Nebeneinander von
       Dschihadisten und Säkularen. In Atmih
       werden weiterhin Musik-CDs verkauft,
       Frauen gehen nach wie vor in Hosen auf
       die Straßen. Das liegt daran, dass es hier
       kein Machtvakuum gibt wie 2003 im Irak.
       Stattdessen existiert ein kompliziertes
       Gefüge von lokalen Räten, FSA-Brigaden
       und gemäßigten Islamisten, mit denen
       sich die Radikalen arrangieren müssen.
       Fragt man die Zugereisten nach ihren
       Plänen, kommt Syrien nur als Etappe vor:
       „Dschihad erst hier, bis zum Sieg! Danach
       werden wir den Irak, Libanon und Palästina
       befreien“, zählt ein junger Araber
       aus Großbritannien auf. Israel ist auf einen
       hinteren Platz gerutscht, Schiiten sind
       nun die wahren Feinde: Muslime zwar,
       aber für die sunnitischen Radikalen hier
       sind sie schlimmer als jeder Ungläubige.
       So reden sie in Atmih. Doch bereits in
       der Stadt Daret Azze, 25 Kilometer entfernt,
       verblasst ihr Einfluss. Versuche von
       Dschihadisten, hier die Macht zu übernehmen,
       wurden von der FSA abgeblockt.
       Nun stehen beide Gruppen in wechselnden
       Schichten an den Kontrollposten.
       Aber als der Stadtrat um Hilfe bat bei der
       Reparatur einer Wasserleitung, hätten die
       Dschihadisten nur mit den Schultern gezuckt.
       „Die wollen die halbe Welt erobern“,
       sagt Ahmed Raschid, Anwalt und
       Ratsmitglied. „Aber sie würden schon an
       einer Kleinstadt scheitern.“
       In Atmih proben sie derweil das Leben
       wie zu Zeiten des Propheten, allerdings
       mit Facebook und „Counter-Strike“. Auf
       ungewollte Art ähnelt die Szenerie den
       Anfängen des Islam, als drei der ersten
       vier Kalifen nach dem Tod des Propheten
       mit Gegnern aus den eigenen Reihen rangen:
       Alle Radikalen in Atmih wollen einen
       Gottesstaat – was die einzelnen Gruppen
       aber nicht davon abhält, fortwährend
       übereinander herzuziehen, sich zu spalten
       und gelegentlich zu befehden. Allein
       in und um Atmih existieren Mitte Juni
       mindestens fünf Dschihadisten-Gruppen:
       ‣ „Daula al-Islam fi al-Irak wa bilad al-
       Scham“, der „Islamische Staat im Irak
       und in Syrien“, mit über 200 Anhängern,
       Tendenz steigend;
       ‣ „Dschaisch al-Ansar wa al-Muhadschirin“,
       die „Armee der Unterstützer und
       Hinzugekommenen“, mit etwa 170
       Männern;
       ‣ „Abu al-Banat“, eine Gruppe, die sich
       nach ihrem Emir benannt hat und fast
       nur aus Tschetschenen, Dagestanern
       und Aserbaidschanern besteht, etwa
       70, Tendenz fallend;
       ‣ „Abu Musab al-Dschasairi“, benannt
       nach ihrem algerischen Gründer und
       Finanzier, mit rund 60 Anhängern;
       ‣ „Dschabhat al-Nusra“, die „Beistandsfront“,
       mit rund 100 Kämpfern.
       Nusra ist die undurchsichtigste der Fraktionen
       – und sie ist dabei zu zerfallen,
       nachdem ihr nur virtuell in Erscheinung
       tretender Anführer Mohammed al-Dschulani
       vor drei Monaten dem Qaida-Führer
       Aiman al-Sawahiri die Treue geschworen
       hat. Denn von Sawahiri hält das Fußvolk
       in Syrien wenig, aus mehreren Gründen:
       Der Ägypter gilt als wenig charismatisch,
       und es ist ihm zwar gelungen, sich aus seinem
       Versteck im afghanisch-pakistanischen
       Grenzgebiet zum Nachfolger von
       Osama Bin Laden küren zu lassen, aber
       seither schafft er es nicht, das Terror-Konglomerat
       zusammenzuhalten, so dass an
       den Rändern neue Gruppen wachsen.
       Dazu kommt, dass Dschihad-Pilger einen
       Führer haben wollen, der ihnen sagt,
       wo es langgeht. Einen Emir mit Haut und
       vor allem Haaren, der persönlich Befehle
       gibt und Urteile spricht. Die Nusra aber
       hat keinen solchen Emir. Mohammed al-
       Dschulani kennen die meisten nur aus
       Videos, mit einer blechern verzerrten
       Stimme und gepixeltem Gesicht. Unter
       Mitgliedern heißt es immer wieder, man
       kenne einen, der einen kenne, der den
       Emir getroffen habe – aber geht man dem
       nach, verlaufen die Spuren im Sand. Mehrere
       Aussteiger von Nusra aus Aleppo,
       Idlib und Damaskus gaben in den vergangenen
       Monaten an, niemand habe den
       Mann je gesehen oder gar gesprochen.
       Außerdem, sagt ein Syrer, der von Nusra
       auf Daula umgestiegen ist, seien Letztere
       „cooler“. Man dürfe dort rauchen, solange
       es keiner sehe. Das ist ein großer
       Wettbewerbsvorteil in der kettenrauchenden
       syrischen Rebellenszene. Zigaretten
       sind bei den Dschihadisten normalerweise
       tabu, denn „Rauchen vertreibt die Engel
       und verzögert unseren Sieg“, zitiert der
       Aussteiger seinen ehemaligen Nusra-Emir.
       Während viele der syrischen Nusra-
       Gefolgsleute zu gemäßigten Gruppen abgewandert
       sind, haben sich die Ausländer
       dem Daula angeschlossen,
       der zur stärksten Gruppe
       im Norden geworden ist.
       Der radikalste Emir im
       Norden jedoch ist Abu al-
       Banat, ein früherer russischer
       Offizier aus der Kaukasus-
       Republik Dagestan,
       der zum Islam konvertiert
       ist und seither Anhänger
       wie Jünger um sich schart.
       Er spricht zwar nur radebrechend Arabisch,
       erklärte aber Nusra und die anderen
       Dschihadisten-Gruppen kurzerhand
       zu „Kufr“, zu Ungläubigen, weil sie sich
       nicht seinem Befehl unterwarfen.
       Im Frühjahr zog der selbsternannte
       Emir aus Atmih mit seinen Anhängern
       ins neun Kilometer entfernte Dorf Maschhad
       Ruhin, das er durch bewaffnete Kontrollposten
       abriegeln ließ und in sein persönliches
       Emirat verwandelte.
       Im April ließ er dann auf dem Dorfplatz
       drei Männer köpfen. Gerade tauchte
       das Video der bestialischen Hinrichtung
       auf: Begafft von einer Menge, dar -
       unter auch Kinder, spricht ein verzottelter
       Mann in gebrochenem Arabisch in die
       Kamera, es ist Abu al-Banat. Neben ihm
       kauern die drei Männer gefesselt am Boden.
       Ein Gehilfe hackt mit einem Messer
       erst einem, dann dem zweiten Mann langsam
       den Kopf ab und hält diesen dann
       als Trophäe in die Kamera.
       Veröffentlicht wurde das Video erst
       jetzt, eigentümlicherweise ausgerechnet
       auf Syria Tube, einer PR-Seite des Regimes.
       Laut Legende zeigt es die Enthauptung
       dreier christlicher Priester
       Ende Juni im Ort Rassania, was umgehend
       verbreitet wurde von der katholischen
       Nachrichtenseite Agenzia Fides,
       die schon früher erfundene Gräuelgeschichten
       lanciert hat.
       Tatsächlich zu sehen ist die Ermordung
       angeblicher Assad-Getreuer, im April, im
       Lager von Abu al-Banat – auch wenn
       unbekannt ist, wer die drei wirklich waren
       und was sie getan hatten. Denn Abu al-
       Banat „war Richter und Ankläger in einem“,
       erinnert sich ein
       Aussteiger. Die Dorfbewohner
       seien entsetzt gewesen,
       erzählt ein Mann
       aus dem Nachbarort: „Egal
       was die drei getan haben,
       Menschen sind doch keine
       Schafe, die man schächtet.“
       Nach den Morden begann
       ein Exodus, nur etwa 70
       Anhänger blieben.
       Offenbar aber fanden die anderen
       Dschihadisten einmütig, die Enthauptungen
       gingen zu weit – und beschlossen in
       der Nacht zum Samstag vor einer Woche
       eine seltene Kooperation: Ein tschetschenischer
       Daula-Kommandeur rückte mit
       einer Schar Schwerbewaffneter in Maschhad
       Ruhin ein und erklärte Abu al-Banats
       Horrorherrschaft für beendet. Dessen verbliebene
       Anhänger ergaben sich ohne Widerstand,
       er selbst und zwei Gehilfen wurden
       abgeführt. Alle Zufahrtswege waren
       während der Aktion abgeriegelt worden,
       um zu verhindern, dass andere Dschihadisten
       dem Emir zu Hilfe kommen könnten
       – doch es kam niemand.
       Der führungslose Rest von Abu al-
       Banats Dschihadisten-Truppe soll in den
       folgenden Tagen seine Sachen gepackt
       und das Dorf verlassen haben.
       CHRISTOPH REUTER
       DER SPIEGEL 28/2013, S. 79-81
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       Re: Disneyland für Dschihadisten
   DIR By: Kater Karlo
       Date: July 8, 2013, 5:23 pm
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       Dieser Artikel ist wirklich eine Drehbuchvorlage. Ich verfüge
       über große Vorstellungskraft und habe sehr gelacht.
       Dschihadisten mit Rollkoffern. Wunderbar!
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