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       #Post#: 1769--------------------------------------------------
       ElBaradei: „Wir hatten keine andere Wahl“
   DIR By: KarlMartell
       Date: July 7, 2013, 7:10 am
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       „Wir hatten keine andere Wahl“
       Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei, 71, über die
       Hintergründe des Militärputsches
       SPIEGEL: Herr ElBaradei, Sie haben die
       autoritäre Herrschaft Mubaraks bekämpft.
       Jetzt stehen Sie Schulter an
       Schulter mit den Militärs, die den
       demokratisch gewählten Präsidenten
       Ägyptens gestürzt haben. Darf ein Friedensnobelpreisträger
       mit putschenden
       Generälen paktieren?
       ElBaradei: Lassen Sie mich gleich eines
       klarstellen: Dies war kein Staats streich.
       Mehr als 20 Millionen Menschen sind
       auf die Straße gegangen, weil es so
       nicht mehr weitergehen konnte. Ohne
       die Absetzung Mursis
       hätten wir uns auf einen
       faschistischen Staat zubewegt,
       oder es wäre zu
       einem Bürgerkrieg gekommen.
       Es war eine
       schmerzliche Entscheidung.
       Sie war außerhalb
       des legalen Rahmens,
       aber wir hatten keine andere
       Wahl.
       SPIEGEL: Soll das die
       Botschaft sein: Die Straße
       ist wichtiger als das
       Parlament?
       ElBaradei: Nein. Aber wir hatten gar kein
       Parlament, sondern nur einen Präsidenten,
       der zwar demokratisch gewählt
       war, aber autokratisch regierte und gegen
       den Geist der Demokratie verstieß:
       Mursi hat sich mit der Justiz angelegt,
       die Medien gegängelt, die Rechte von
       Frauen und religiösen Minderheiten
       ausgehöhlt. Er hat sein Amt missbraucht,
       um seine Muslimbrüder an die
       Schaltstellen zu befördern. Er hat alle
       universalen Werte mit Füßen getreten.
       Und er hat das Land wirtschaftlich endgültig
       in den Ruin getrieben.
       SPIEGEL: Wie immer Sie das Vorgehen
       rechtfertigen, demokratisch ist es nicht.
       ElBaradei: Sie dürfen nicht Ihre hohen
       Maßstäbe an ein Land anlegen, auf
       dem Jahrzehnte der Autokratie lasten.
       Unsere Demokratie steckt noch in den
       Kinderschuhen.
       SPIEGEL: Beginnt nun eine Hexenjagd
       auf die Islamisten?
       ElBaradei: Dazu darf es nicht kommen.
       Das Militär hat mir versichert, dass viele
       Meldungen über Verhaftungen nicht
       stimmen, die Zahlen weit übertrieben
       sind. Wo es zu Festnahmen gekommen
       ist, soll es triftige Gründe geben, etwa
       unerlaubten Waffenbesitz. Und die isla -
       mistischen TV-Stationen wurden geschlossen,
       weil sie die Menschen aufgewiegelt
       haben. Ich fordere zudem seit
       Tagen, dass wir die Bruderschaft in den
       Demokratisierungsprozess miteinbe -
       ziehen. Niemand darf ohne triftigen
       Grund vor Gericht gestellt werden. Ex-
       Präsident Mursi muss mit Würde behandelt
       werden. Das sind die Vorausset -
       zungen für eine nationale Versöhnung.
       SPIEGEL: Viele befürchten das Gegenteil.
       Im vergangenen Jahr haben auch
       Sie vor der Gefahr eines
       Bürgerkriegs gewarnt.
       ElBaradei: Gerade um
       eine blutige Konfrontation
       zu verhindern, war
       das Eingreifen des Militärs
       nötig. Auch wenn
       die Emotionen hochkochen:
       Ich hoffe, dass die
       Gefahr eines Bürgerkriegs
       gebannt ist.
       SPIEGEL: Unterschätzen
       Sie da nicht die Empörung
       der Muslimbruderschaft
       und deren Millionen
       Anhänger? Warum sollten sie noch
       Interesse an Wahlen haben?
       ElBaradei: Ägypten ist in der Tat zutiefst
       gespalten. Ohne Aussöhnung haben wir
       keine Zukunft. Die Muslimbrüder sind
       ein wesentlicher Bestandteil unserer
       Gesellschaft. Ich hoffe sehr, dass sie an
       den nächsten Gesprächen teilnehmen.
       SPIEGEL: Vertrauen Sie nicht zu sehr
       dem Militär, das ja in der Vergangenheit
       oft eigene Interessen verfolgt hat?
       ElBaradei: Das Militär hat sich diesmal
       nicht an die Macht gedrängt. Es hat
       kein Interesse, in der Politik offensiv
       mitzumischen. Die Generäle sind sich
       bewusst, dass sie eine historische Mitschuld
       tragen an dem Desaster, in dem
       das Land jetzt steckt. Deshalb spreche
       ich die Armee auch nicht frei von Verantwortung.
       SPIEGEL: Fürchten Sie nicht, als Feigenblatt
       missbraucht zu werden?
       ElBaradei: Das ist keine Frage des blinden
       Vertrauens. Das nächste Treffen
       mit den Generälen ist schon vereinbart,
       sie hören mir immerhin zu. Meine
       rote Linie ist: Ich lasse mich mit niemandem
       ein, der Toleranz und Demokratie
       missachtet.
       SPIEGEL: Gibt es einen Fahrplan für die
       Übergangszeit?
       ElBaradei: Spätestens in einem Jahr sollte
       es demokratische Wahlen geben.
       Wir brauchen eine neue Verfassung,
       die nicht missbraucht werden kann, die
       Gleichheit und Freiheit jedes Einzelnen
       festschreibt. Daran werde ich mitarbeiten.
       Und wir brauchen funktionierende
       Institutionen, unabhängige
       Gerichte, Gewaltenteilung.
       SPIEGEL: US-Präsident Barack Obama
       und sein Außenminister John Kerry
       haben Sie angerufen. Sehen die beiden
       in Ihnen den kommenden Präsidenten?
       ElBaradei: Ich habe versucht, sie von
       der Notwendigkeit der Absetzung
       Mursis zu überzeugen. Aber ich sehe
       mich nicht in der Rolle des künftigen
       Staatschefs. Ich möchte meinen Einfluss
       nutzen, um die Ägypter zusammenzubringen
       und miteinander zu versöhnen.
       SPIEGEL: Bundesaußenminister Guido
       Westerwelle spricht von einem „schweren
       Rückschlag für die Demokratie“.
       Wie wollen Sie das verlorene Vertrauen
       Ihrer Partner im Westen zurückgewinnen?
       ElBaradei: Die Deutschen sollten Verständnis
       für uns haben. Sie wissen, wie
       schwierig es ist, nach einer Diktatur
       eine Demokratie aufzubauen – und
       sie waren als Erste kritisch gegenüber
       Mursis antidemokratischer Politik. Ich
       erinnere nur an die Mitarbeiter der
       politischen Stiftungen in Ägypten, die
       gerade vor Gericht gezerrt wurden.
       Wir hoffen auf finanzielle Hilfe aus
       Berlin und auf Rat beim Aufbau unserer
       Institutionen. Am wichtigsten
       ist es, den jungen Menschen, die so
       zahlreich und mutig für mehr Demokratie
       auf die Straße gegangen sind,
       eine wirtschaftliche Perspektive zu
       geben.
       SPIEGEL: Falls die Muslimbrüder bei der
       nächsten Wahl antreten und gewinnen
       – würden Sie einen von ihnen an
       der Spitze des Staates akzeptieren?
       ElBaradei: Ja, wenn die Muslimbrüder
       sich zur Demokratie bekennen und
       durch eine Verfassung und ein Par -
       lament so eingebunden sind, dass
       sie ihre Macht nicht wie Mursi missbrauchen.
       INTERVIEW: DIETER BEDNARZ, ERICH FOLLATH
       DER SPIEGEL 28/2013, S. 76
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