DIR Return Create A Forum - Home
---------------------------------------------------------
Station13
HTML https://station13.createaforum.com
---------------------------------------------------------
*****************************************************
DIR Return to: Artikel aus der Presse
*****************************************************
#Post#: 1735--------------------------------------------------
"Unser angestammtes Recht auf Hinrichtungen"
DIR By: KarlMartell
Date: June 30, 2013, 9:24 am
---------------------------------------------------------
Ein ruhiges Herz
GLOBAL VILLAGE: Warum eine indische Henkersdynastie wieder
Hoffnung schöpft
Seit früher Kindheit hatte Pawan
Singh jenen Tag herbeigesehnt:
Zum ersten Mal durfte er seinem
Großvater bei einer Hinrichtung assistieren.
Ganz allein fesselte er die Füße des
Häftlings, bevor der Großvater begann,
sein Handwerk zu verrichten. Er stülpte
eine schwarze Kappe über den Kopf des
Todgeweihten und legte ihm den Strick
um den Hals. Dann zog er den Hebel, der
ruckartig die Falltür unter den Füßen
des Mannes öffnete.
Das war vor über zwei Jahrzehnten,
und für Singh begann damals
eine lange Lehre. „Mein Großvater
brachte mir bei, den Strick so zu
knoten, dass Verurteilte blitzschnell
getötet werden“, sagt Singh.
Von Generation zu Generation
wurde in seiner Familie der Beruf
des Henkers schon vererbt, auch
sein Vater übte ihn aus, sagt Singh.
Doch der Großvater sei der Meister
des Fachs gewesen, berühmt in
ganz Indien: Er hängte 1989 zum
Beispiel einen Attentäter, der gut
vier Jahre zuvor die Ministerprä -
sidentin Indira Gandhi ermordet
hatte.
Inzwischen ist Singh 52 Jahre alt
und darf hoffen, dass auch er die
Familientradition fortsetzen kann.
Noch allerdings fährt er mit seiner
Fahrradrikscha durch das Marktviertel
von Meerut, einer Millionenstadt
nordöstlich von Neu-Delhi. Er
muss hier Kleidung transportieren,
um sein Geld zu verdienen. Eine
Schande, so sieht er das.
„Der Staat hat meine Familie
lange hingehalten“, klagt Singh, „er
darf uns nicht länger um unser angestammtes
Recht auf Hinrichtungen
betrügen.“
Acht Jahre lang hatte Indien keine
Todesstrafen vollstreckt. Was sollte Singh
schon machen, wenn sich selbst Sonia
Gandhi, die Chefin der regierenden Kongresspartei,
gegen die Hinrichtung von
vier Hinterleuten des Attentats auf ihren
1991 ermordeten Ehemann, Ex-Premier
Rajiv Gandhi, aussprach?
Doch die Stimmung im Land hat sich
gründlich gewandelt, jetzt wird wieder
vollstreckt: Nach der brutalen Gruppenvergewaltigung
einer 23-jährigen Studentin
im vergangenen Dezember war die
Empörung in aller Welt gewaltig, in Indien
selbst setzten viele tausend Demon -
stranten eine Gesetzesverschärfung
durch: Künftig droht auch Vergewaltigern
der Galgen.
Aber was Singh und sein 19-jähriger
Sohn Aman – er möchte auch Henker
werden – als tiefe Verletzung der Famili -
en ehre empfinden, ist ein anderer Punkt:
Bereits im November vergangenen Jahres
ließ die Obrigkeit den Pakistaner Ajmal
Kasab hängen, den einzigen überlebenden
Attentäter des Terroranschlags von
Mumbai 2008. Doch nicht von Singh. „Dabei
war es der letzte Wille meines 2011
verstorbenen Vaters, dass ich Kasab hinrichten
solle“, sagt er.
Stattdessen legten irgendwelche Justizbeamte
Kasab den Strick um den Hals.
Und auch Afzal Guru aus Kaschmir, der
angebliche Drahtzieher eines Attentats auf
das indische Parlament 2001, wurde an einem
Morgen Anfang Februar hingerichtet,
ohne dass Singh mit der für ihn ehren -
vollen Aufgabe beauftragt worden wäre.
Denn offenbar sollte alles ganz schnell
gehen: Mit Blick auf die nächste Parlamentswahl,
die spätestens 2014 stattfinden
muss, wollte die Obrigkeit Handlungsfähigkeit
beweisen und auch international
Stärke zeigen.
Indiens Wirtschaft lahmt, Reformen
kommen nicht voran, da sollen wenigstens
Verbrecher sterben, auch wenn die
Todesstrafe in den meisten zivilisierten
Ländern als barbarisch und ineffizient
gilt.
Doch bald wird auch er selbst zu
tun bekommen, da ist sich Henker
Singh sicher. Feierlich zieht er ein
Schreiben aus einem braunen Kuvert,
darin erneuert die Justiz seine
Lizenz zum Töten. 3000 Rupien
Grundgehalt – das sind etwa 38
Euro – soll er demnach schon bald
wieder monatlich erhalten, und pro
Hinrichtung 2000 Rupien extra.
Um zu beweisen, dass er sein
Handwerk noch beherrscht, legte
Singh vor einigen Monaten im
Gefängnis von Meerut eine Art
Prüfung ab: An einem Sandsack, 45
Kilogramm schwer, führte er den
Beamten vor, was ihm sein Großvater
beigebracht hat: „Um den
Strick richtig zu knüpfen, muss
man das individuelle Gewicht des
Häftlings berücksichtigen“, sagt er.
„Und das Herz des Henkers darf
nie aus der Ruhe geraten.“
Theoretisch gäbe es für Singh
eine Menge zu tun. Alle drei Tage
sprechen indische Richter im
Durchschnitt ein neues Todesurteil.
In den Todeszellen des Subkontinents
sitzen Hunderte Häftlinge,
die meisten seit vielen Jahren.
Indiens neuer Präsident Pranab
Mukherjee, seit Juli 2012 im Amt,
macht vor allem dadurch von sich reden,
dass er Gnadengesuche von Todeskandidaten
ablehnt.
Schon bald könnten so viele Urteile
vollstreckt werden, dass Singh bereits
erwägt, auch seinen jüngeren Bruder als
Henker anzulernen.
Er zieht ein großes, gebrauchtes Stofftaschentuch
aus seiner Hose und wedelt
damit ruckartig durch die Luft – das sei
das Zeichen, auf das er seit vielen Jahren
warte: „So gibt der Aufseher der Exekution
mir dann das Signal, den Hebel der
Falltür zu ziehen.“ WIELAND WAGNER
DER SPIEGEL 27/2013, S. 92
#Post#: 1752--------------------------------------------------
Re: "Unser angestammtes Recht auf Hinrichtungen"
DIR By: Morena
Date: July 4, 2013, 9:20 am
---------------------------------------------------------
Was für eine zauberhafte Geschichte und eine wahrhaft
"göttliche" Karriere. Einfach himmlisch. (Zum Kotzen, was
Religion alias Ideologien
aus einem Menschen machen können-. Eine teuflische Kreatur )
*****************************************************
Page 1 of 1