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       #Post#: 1733--------------------------------------------------
       „Moralisch bankrott“
   DIR By: KarlMartell
       Date: June 30, 2013, 8:25 am
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       ÄGYPTEN
       „Moralisch bankrott“
       Seit einem Jahr regiert der Muslimbruder Mohammed Mursi
       das Land, seine Bilanz ist desaströs: Die Wirtschaft
       bricht zusammen, radikale Islamisten werden hoffähig.
       Am Nachmittag des 23. Juni beschlossen
       die Männer des Dorfs
       Abu Musallam bei Kairo, dass es
       an der Zeit sei, die „Ungläubigen“ in ihrer
       Nachbarschaft abzuschlachten.
       Ein schiitischer Geistlicher hatte den
       mehrheitlich sunnitischen Ort betreten,
       er wollte mit ein paar Glaubensbrüdern
       einen islamischen Feiertag begehen.
       Kaum hatten die Männer und die Halbstarken
       von Abu Musallam davon erfahren,
       rotteten sie sich zusammen.
       Mit Steinen und Molotow-Cocktails
       griffen sie die Häuser der Schiiten an,
       zerrten ihre Opfer grölend auf die Stra -
       ße, stachen mit Messern und Säbeln zu.
       „Tötet sie!“, riefen die Peiniger. Vier
       Schiiten verloren ihr Leben, Dutzende
       Männer lagen blutend im Staub. Einige
       Polizisten schauten dem Treiben zu. Sie
       griffen nicht ein, sie bargen lediglich die
       Leichen.
       Was trieb den Mob an? Warum wüteten
       die Menschen von Abu Musallam gegen
       ihre schiitischen Nachbarn, die sie
       seit Jahrzehnten kannten?
       Auf jeden Fall konnten sich die Angreifer
       ermutigt fühlen, und zwar von ganz
       oben: Acht Tage zuvor hatte es eine Massenveranstaltung
       in einem Kairoer Sta -
       dion gegeben, sie wurde auch im Fern -
       sehen übertragen. Salafistische Hassprediger
       hatten Schiiten als „schmutzig“ und
       „ungläubig“ beschimpft, und auch Ägyptens
       Staatsoberhaupt Mohammed Mursi
       sprach. Vor 20000 Anhängern verkündete
       der Präsident den Abbruch der Beziehungen
       seines Landes zum Assad-Regime in
       Syrien. Weil Damaskus ein Verbündeter
       Irans ist, schien es Mursi nicht zu stören,
       dass nach ihm Prediger zu Wort kamen,
       die fanatisch gegen Iraner und andere
       Schiiten hetzten.
       Der Muslimbruder Mursi, Ägyptens
       erster demokratisch gewählter Präsident,
       ist seit einem Jahr an der Macht – und
       seine Bilanz ist desaströs. Statt sein Land
       aus der politischen und wirtschaftlichen
       Dauerkrise zu befreien, führt Mursi es
       nur noch tiefer hinein. Statt Ägypten zu
       versöhnen, sät er Zwietracht. Massenproteste
       zeigen immer wieder, wie polarisiert
       das bevölkerungsreichste Land der arabischen
       Welt mittlerweile ist.
       „Noch nie“, sagt der deutsch-ägyptische
       Autor Hamed Abdel-Samad, „war
       meine Heimat so zerrissen, so frustriert
       und so radikalisiert wie in diesen Tagen.“
       Mit hauchdünnem Vorsprung hatte sich
       Mursi im vergangenen Juni gegen einen
       Getreuen des gestürzten Autokraten Husni
       Mubarak durchgesetzt. Viele Ägypter,
       die keine Sympathien für Mursis Islamisten
       hegten, sich aber noch weniger eine
       Rückkehr in Mubarak-Zeiten wünschten,
       gaben ihm eine Chance.
       Jetzt sollen nach einer Umfrage nur
       noch 28 Prozent der Bevölkerung zu Mursi
       halten. Und nicht wenige trauern sogar
       Mubarak hinterher. „Es ging uns besser
       unter ihm“, sagt der Besitzer eines Souvenirgeschäfts
       in Gizeh, „wir hatten ein
       geregeltes Einkommen, das Land war sicher,
       die Touristen kamen.“
       Nicht alle Probleme hat Mursi selbst
       zu verantworten, schon vor seinem Amtsantritt
       ging es mit der Wirtschaft bergab.
       Doch der Präsident, klagt der Kairoer
       Wirtschaftsjournalist Saad Hagras, habe
       weder Ideen noch Konzepte. Mursi beließ
       es bislang bei vagen Versprechungen wie
       jener, innerhalb von hundert Tagen für
       Stabilität und Aufschwung zu sorgen.
       Von beidem ist die alte Führungsmacht
       des Nahen Ostens heute weiter denn je
       entfernt.
       Mit geringer Mehrheit und niedriger
       Wahlbeteiligung hatte die regierende Muslimbruderschaft
       im vergangenen Jahr eine
       Verfassung durchgedrückt, die den Stempel
       der Islamisten trägt und von weiten
       Teilen der Ägypter rigoros abgelehnt wird.
       Um kurzerhand noch mehr Macht an sich
       zu reißen, sicherte sich Mursi Ende 2012
       präsidiale Sonderbefugnisse, woraufhin es
       im ganzen Land zu Ausschreitungen kam.
       Und die Gewalt hält an: Straßenkämpfe
       zwischen Islamisten und Regierungsgegnern
       sind an der Tagesordnung, auch
       die Zusammenstöße zwischen den Religionsgruppen
       nehmen wieder zu. Die
       Poli zei wirkt heillos überfordert.
       Um den Präsidenten zu vorgezogenen
       Neuwahlen zu drängen, begann eine
       Plattform der Opposition Ende April Unterschriften
       zu sammeln. Sie nennt sich
       „Tamarud“ (Rebell) und ist eine Vereinigung
       aller Unzufriedenen: Liberale sind
       dabei, Christen, Mubarak-Nostalgiker,
       enttäuschte Anhänger der Muslimbrüder.
       Über 15 Millionen Unterschriften soll Tamarud
       beisammenhaben. Für den Jahrestag
       von Mursis Amtsantritt am 30. Juni
       rief die Organisation zu einer Massen -
       demonstration auf dem Tahrir-Platz auf.
       Vor allem die miserable Wirtschafts -
       lage erzürnt das Volk: Immer teurer werden
       Brot, Benzin und Gas, trotz üppiger
       Subventionen. Das ägyptische
       Pfund befindet sich
       im freien Fall. Und häufig
       kommt es zu Stromaus -
       fällen, weil der Regierung
       das Geld für Energie -
       importe fehlt.
       Die offizielle Arbeitslosenquote,
       sagt Wirtschaftsexperte
       Hagras, liege zwar
       bei nur zwölf Prozent,
       doch das sage wenig aus,
       weil die meisten Ägypter
       sowieso in der Schattenwirtschaft
       arbeiteten. Fast
       jeder zweite Ägypter lebt
       unterhalb der Armutsgrenze
       von zwei Dollar pro
       Tag. Während die Bevölkerung und mit
       ihr die Zahl der Schulabgänger wächst,
       fehlen neue Jobs und Perspektiven. Um
       ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen,
       müsste die Wirtschaft jedes Jahr um mindestens
       acht Prozent wachsen. Zuletzt
       waren es weniger als zwei Prozent.
       Vor allem der Tourismussektor, die
       wichtigste Einnahmequelle des Landes,
       verzeichnet Einbußen. Kamen 2010 noch
       14,7 Millionen Urlauber, waren es 2012
       nicht einmal 10 Millionen. „Es ist der pure
       Alptraum“, sagt Iman Garhi, Besitzerin
       eines Hotels am Roten Meer. „Um überhaupt
       noch Gäste anzulocken, müssen
       wir mit Dumpingpreisen arbeiten. Aber
       so verdiene ich kein Geld und kann meinen
       Kredit bei der Bank nicht abbezahlen.
       Ich werde wohl pleitegehen.“
       Zu den größten Problemen Mursis aber
       gehören die explodierenden Staatsschulden.
       Seit Monaten verhandelt der Präsident
       mit dem Internationalen
       Währungsfonds über
       einen Milliardenkredit. Allerdings
       verlangt der IWF
       im Gegenzug Maßnahmen
       zur Sanierung der Staats -
       finanzen; es geht darum,
       Subventionen etwa für
       Treibstoff zu kürzen.
       Das würde vor allem die
       Armen treffen, deshalb
       schreckt Mursi vor harten
       Einschnitten zurück, es
       droht der Verlust seiner
       sozialen Basis. Doch je
       länger er Reformen aufschiebt,
       desto schwieriger
       wird es. „Der Präsident
       und seine Muslimbrüder haben noch
       nicht verstanden, wie ernst die Lage ist“,
       sagt der Kairoer Unternehmer Salah Higasi.
       „Sie kümmern sich nicht um das
       Land, nur um die Ausweitung ihrer
       Macht. Und sie verlassen sich blind auf
       ihre Geldgeber aus den Golfstaaten.“
       Mit großzügigen Krediten, vor allem
       aus Saudi-Arabien und Katar, kann Mursi
       immer wieder Luft holen. In den vergangenen
       Monaten gewährten ihm die sunnitischen
       Bruderstaaten mehrere Milliarden
       Euro. Und so bleibt dem Muslimbruder
       Zeit für anderes. Etwa für die Suche
       nach neuen Alliierten, weil ihm immer
       mehr Bürger den Rücken zukehren.
       Wie sehr sich Mursi inzwischen auf die
       Seite radikaler Islamisten geschlagen hat,
       zeigt ein Videoausschnitt von der Syrien-
       Veranstaltung am 15. Juni. Da filmte eine
       Kamera mit, wie Mursi einen bärtigen
       Mann namens Assim Abd al-Magid
       umarmt, einen Führer der Gruppe „al-
       Gamaa al-Islamija“. Abd al-Maged war
       mitverantwortlich für das Touristenmassaker
       von Luxor 1997, bei dem 62 Menschen
       starben. Und er war einer der Hintermänner
       bei der Ermordung von Präsident
       Anwar al-Sadat 1981.
       Ägyptens heutiger Präsident hat die
       Terroristengruppe hoffähig gemacht. Vor
       drei Wochen ernannte er ein Mitglied der
       Gamaa al-Islamija zum Gouverneur von
       Luxor. Immerhin: Als dort protestiert
       wurde, trat der Mann wieder zurück.
       Und auch für Abd al-Maged fand sich
       Arbeit: Er organisierte eine Unterschriftenaktion,
       die Mursi als „legitimen Herrscher“
       bestätigen soll – eine Reaktion auf
       die Unterschriftenliste von Tamarud.
       Der Extremist Abd al-Maged ist ein
       wichtiger Vertrauter des Präsidenten. Das
       erklärt, warum Mursi eine Morddrohung
       von ihm toleriert. In einem Fernsehsender
       hatte Abd al-Maged nämlich den Publizisten
       Abdel-Samad für vogelfrei erklärt,
       weil dieser angeblich den Islam beleidigt
       habe. Der deutsche Außenminister
       Guido Westerwelle forderte die ägyptische
       Regierung auf, sich von dem Mordaufruf
       zu distanzieren. Doch Mursi
       schweigt beharrlich.
       „Die Verbrüderung mit einem ehemaligen
       Terroristen zeigt, wie moralisch
       bankrott das ägyptische Regime ist“, sagt
       Abdel-Samad, der inzwischen unter
       Polizeischutz in Deutschland lebt.
       Mit einer langatmigen Rede, die im
       Staatsfernsehen übertragen wurde, versuchte
       Mursi am vergangenen Mittwoch
       die Nation zu vertrösten. Gleichmütig
       gab er zu, Fehler gemacht zu haben – und
       beschuldigte im selben Atemzug seine
       Gegner als Feinde der Demokratie.
       Zu dem Massaker an den vier Schii -
       ten in Abu Musallam, deren einziges
       Ver brechen es war, der falschen Konfession
       anzugehören, sagte der Präsident
       nichts. DANIEL STEINVORTH
       DER SPIEGEL 27/2013, S. 84/85
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