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       #Post#: 1678--------------------------------------------------
       «Bismillah!», ruft die Kaffeetasse
   DIR By: KarlMartell
       Date: June 19, 2013, 7:50 am
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       Konsumkultur für Muslime
       Für Allah und das Wirtschaftswachstum
       Vom islamischen Banking bis zum Gebetsteppich aus dem Automaten
       reichen die Angebote, die türkischen Muslimen ein zeitgemässes
       Glaubensleben erlauben. Diese weitgehend unter Tayyip Erdogan
       entstandene Konsumwelt ist mit ein Grund für dessen Rückhalt
       unter religiösen Türken im derzeitigen Konflikt.
       Veronika Hartmann
       «Bismillah!», ruft die Kaffeetasse mit hübschem, orientalischem
       Design, sobald man sie ein Stückchen anhebt. Bismillah, also «im
       Namen Gottes», das sagt der gläubige Muslim, bevor er eine
       Arbeit beginnt. Damit er dies im hektischen Alltag nicht
       vergisst, gibt es nun also diese Kaffeetasse, im Set günstig zu
       bestellen.
       So eigenartig die sprechende Tasse auch anmuten mag: Sie ist
       Teil eines riesigen Marktes, der sich in der Türkei rund um den
       Glauben und den Islam spannt und beständig wächst. In dem Land,
       wo seit zehn Jahren mit Tayyip Erdogan ein Mann an der Macht
       ist, der sich aktiv zu seinem Glauben bekennt, eine
       Predigerschule absolviert und sich dafür eingesetzt hat, seinen
       Brüdern und Schwestern im Glauben den Weg zu ebnen, ist viel
       passiert in den vergangenen Jahren. Die einen sehen die Türkei
       im Begriff, zu einem zweiten Iran zu werden, andere fürchten um
       die letzten Reste der Meinungsfreiheit, doch Weggenossen des
       Ministerpräsidenten sind sich einig darin, dass sie mehr
       Freiheiten geniessen denn je. Das ermuntert eine breite Schicht
       dazu, den Schatten von Atatürks Flaggen zu verlassen und ein
       neues, vermeintlich auf ihre ureigenen Bedürfnisse abgestimmtes
       Konsumverhalten zu entwickeln. Güter, wie sie dem Propheten
       gefallen mögen, überfluten den Markt.
       Gottgefälliger Lifestyle
       Im Bankensektor hofft man auf schwindelerregende Umsatzraten
       durch schariakonforme Produkte, die zinsfrei funktionieren. Es
       locken muslimische Wohnanlagen ebenso wie Ferienresorts oder
       luxuriöse Amüsierlokale mit viel Tamtam, aber ohne
       Alkoholausschank. Im Lebensmittelsektor machen sich Produkte
       breit, die «halal» sind, also nach dem muslimischen
       Reinheitsgebot produziert.
       Seit einem Jahr gibt es sogar eine Kosmetikmarke, die «halal»
       ist. «Wir verwenden keinen Alkohol, keine chemischen
       Zusatzstoffe, keine Tierversuche und keine Produkte, die aus
       Embryonen gewonnen werden», erklärt Seref Balci, der
       Vertriebsleiter der Kosmetiklinie «Mihri». Schlicht möbliert ist
       sein Büro im Istanbuler Stadtteil Kadiköy, doch seine Crèmes und
       Shampoos zeigen sich im edlen Design. Zwölf seiner Produkte
       haben das begehrte Zertifikat, das sie international als «halal»
       ausweist. Weil das Konzept aufgeht, möchte Balci sein Sortiment
       erweitern. Sonnenschutz, Deodorants und dekorative Kosmetik
       werden von seiner Kundschaft gewünscht. «Früher blieb beim
       Verbraucher einfach immer ein Zweifel, ob das Produkt wirklich
       für Muslime geeignet ist, jetzt können sie ganz entspannt sein»,
       wirbt Balci. Dabei lässt schon die gediegene Verpackung ahnen,
       dass die Crèmes nur etwas für in jeder Hinsicht betuchte Frauen
       sind: Umgerechnet rund 80 Franken kostet beispielsweise die
       Antifaltencrème.
       Dass Gläubige einen lukrativen Markt darstellen, haben andere
       Branchen schon lange entdeckt. Allem voran natürlich die
       Modeindustrie. Umso erstaunlicher ist es, dass es eine kleine
       Sensation war, als vor rund zwei Jahren das Modemagazin «Ala»
       den Markt eroberte. Heute wird das Original, dessen
       Erfolgsrezept in Modetipps für islamisch gekleidete Frauen,
       informativen Artikeln zu muslimischen Themen und interessanten
       Frauenporträts in Hochglanz besteht, von mehreren anderen
       kopiert. «Uns kann man mit Helden im Schneesturm vergleichen»,
       findet Burak Birer, der CEO von «Ala». «Es braucht einen Helden,
       um eine schwangere Frau oder ein krankes Kind vom eingeschneiten
       Dorf ins weit entfernte Krankenhaus in der Stadt zu tragen, und
       das waren wir – im übertragenen Sinn und in Bezug auf die
       muslimische Frau!» So prahlt er, während er in seinen hellen,
       modern eingerichteten Redaktionsräumen sitzt und immer wieder
       phantasievoll gestylte Redakteurinnen freundlich lächelnd ihren
       Kopf zur Tür hineinstecken. Den abwegigen Vergleich mit dem
       Schneesturm strengt Burak an, weil «Ala» in seinen Augen keine
       geringere Mission hat, als das Image der bedeckten Frau zu
       ändern. «Bedeckte Frauen sind keine Bedrohung, die Mädchen haben
       ein Recht, sich so zu kleiden, ganz egal, was ihre Motivation
       ist. Es ist nicht hässlich, es ist keine Gefahr und kann sogar
       trendy sein!»
       Damit weist der untersetzte Mittvierziger, den man auf den
       ersten Blick nicht unbedingt als Frauenversteher einordnen
       würde, auf einen wichtigen Punkt hin: Islam ist in der Türkei
       nicht mehr nur politisch, er entwickelt sich zu einer
       Lebensanschauung, einer Haltung und degeneriert manchmal eben
       auch zum Modetrend. Gläubige kaufen Schrittzähler, um ihre
       Gebete damit zu messen, und Einkaufszentren stellen neben den
       Gebetsräumen Automaten auf, aus denen man für ein paar Lira
       einen Gebetsteppich ziehen kann. Vor einigen Jahren waren
       kitschige Wecker in Form von Moscheen, die mit einem Gebetsruf
       weckten, der Renner.
       Wachsendes Selbstbewusstsein
       Während der Regierungszeit von Tayyip Erdogan hat sich die
       türkische Wirtschaft von einer schweren Krise erholt, und die
       Türkei entwickelt sich gerade zu einem der wichtigsten Standorte
       der Region. In dem Land, dessen Bevölkerung offiziell zu 98
       Prozent muslimisch ist, hat sich die Kaufkraft im Zeitraum von
       2001 bis 2011 mehr oder weniger verdoppelt. Die stolze Haltung
       des Ministerpräsidenten gegenüber der EU und Israel, der viel
       beschriebene Neoosmanismus und die Tatsache, dass Erdogan die
       Türkei in der Region als Modell präsentiert, mögen ein weiterer
       Faktor sein, warum sich eine grosse Schicht ermuntert fühlt,
       «muslimisch» zu konsumieren.
       Das neue Interesse der türkischen Gesellschaft an osmanischen
       Motiven, Halal-Produkten und muslimischem Lifestyle hat auch die
       Aufmerksamkeit von Dr. Jeremy Walton geweckt. Er lehrt an der
       Universität von Georgetown und forscht zum Thema Islam. Für
       seine Doktorarbeit über islamische Stiftungen hat er lange in
       der Türkei gelebt, seine zukünftige Forschung soll dem
       türkisch-muslimischen Lifestyle gelten. Zuletzt hatte er im
       Februar vor Ort Gelegenheit zu beobachten, wie dieser sich
       etabliert und das «Big Business» mit sich bringt, wie Walton es
       nennt: «Früher gab es einfach eine sehr enge Vorstellung und
       Vorgabe darüber, was ‹muslimisch› ist. Heute kann man das auf
       verschiedene Art und Weise ausdrücken und vor allem auch mit
       mehr Öffentlichkeit. Nicht zuletzt muss man in diesem Kontext
       bedenken, dass früher nicht wenige Menschen in der Republik
       Türkei für ihre religiösen Überzeugungen mit Gefängnis bestraft
       wurden. Wenn heute Muslime keine Angst mehr vor dem Staat haben,
       dann hat das viel mit der AKP und Tayyip Erdogan zu tun»,
       erklärt Walton.
       Über die zahlreichen Angebote, die in der Türkei mittlerweile
       für muslimische Kunden und Kundinnen bereitstehen, freut sich
       Bahar Dogan. Die junge Mutter trägt ihr Kopftuch gern und ist
       begeistert, dass sie endlich nach ihrem Geschmack shoppen kann.
       Die «Ala» hat ihr häufig als Inspiration gedient, aber auch an
       den verschiedenen Angeboten für muslimische Sportbekleidung, an
       Schnittmustern oder Online-Shops findet sie Gefallen.
       «Muslimische Sport- und Badebekleidung gibt mir einfach mehr
       Freiheit. Und endlich finde ich Klamotten, mit denen ich gut
       aussehe. Früher gab es kaum etwas Schickes zu finden», meint
       sie. Ebenso begeistert spricht sie über ihre Familienferien,
       jedes Jahr mieten sie und ihre Familie sich in einem der
       sogenannten «Halal Hotels» ein. Diese bieten keinen Alkohol an,
       dafür aber getrennte Pools für Männer und Frauen. Damit die
       Eheleute sich nicht während der schönsten Tage im Jahr vermissen
       müssen, gibt es Badefahrten mit der Jacht in entlegene Buchten.
       Im Übrigen unterscheidet sich das Angebot, so Dogan, kaum von
       anderen Hotels – abgesehen natürlich vom Anblick
       leichtbekleideter Damen. «Die muss mein Mann nicht sehen, finde
       ich!», bestimmt die hübsche junge Frau selbstbewusst.
       Kauflust – mit Grenzen
       Ihr Glaube spielt für Bahar Dogan beim Einkauf eine wichtige
       Rolle. Nicht nur, wenn es darum geht, Kopftücher zu besorgen
       oder eben Ferien zu buchen. Ihr ist es auch wichtig, dass die
       richtigen Leute Geld verdienen. Manche Länder oder Unternehmen
       möchte sie nicht durch ihre Einkäufe finanziert wissen. «Aber
       das trifft auch auf muslimische Unternehmen zu, wenn sie
       Blödsinn verkaufen.» Als solchen betrachtet sie übrigens die
       sprechende Tasse, obwohl diese nach dem Abstellen höflich
       «Elhamdülillah!» ruft, also «Lob gebühre Gott».
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