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       Erdogan - Der Volkstribun von Anatolien
   DIR By: Kater Karlo
       Date: June 17, 2013, 7:35 pm
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       Volkstribun von Anatolien
       Von Popp, Maximilian 29.11.2010
       
       Der Nato-Partner Türkei ist den Amerikanern besonders
       unheimlich: Die Botschaftsdepeschen schildern Premier Erdogan
       als ignoranten Islamisten mit korrupter Regierung.
       Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan ist der
       wichtigste muslimische Verbündete der USA. Als er antrat,
       versprach er einen demokratischen Islam - eine Vision, die
       Vorbild hätte sein können für andere Staaten der Region.
       Doch wenn man den Depeschen der Amerikaner glauben kann, ist die
       Türkei davon weit entfernt. Die US-Diplomaten schätzen das Land
       ganz anders ein. Erdogan? Ein machtgieriger Islamist. Seine
       Minister? Unfähig, ungebildet, manche korrupt. Die Regierung?
       Zerstritten. Die Opposition? Lächerlich.
       Tausende Berichte schickten die US-Diplomaten in den vergangenen
       31 Jahren aus Ankara. Die jüngeren Dokumente sind eine
       gnadenlose Abrechnung - sie stehen im Widerspruch zu fast allem,
       was die Regierung der USA bislang offiziell zur Türkei zu sagen
       hatte.
       Vor allem Premier Erdogan misstrauen die Amerikaner: Er habe
       noch nie ein realistisches Weltbild gehabt, heißt es in einem
       Schreiben vom Mai 2005. Erdogan glaube, Gott habe ihn
       auserkoren, die Türkei zu führen, und inszeniere sich gern als
       "Volkstribun von Anatolien".
       Der Regierungschef des Nato-Partners mit der zweitgrößten
       Bündnisarmee informiere sich fast ausschließlich aus
       islamistennahen Zeitungen, behaupten die Amerikaner, Analysen
       aus seinen Ministerien interessierten ihn angeblich nicht. Das
       Militär und der Geheimdienst würden gewisse Berichte nicht mehr
       an ihn weiterleiten. Er traue niemandem wirklich und umgebe sich
       mit einem "eisernen Ring von unterwürfigen (aber hochnäsigen)
       Beratern". Trotz seiner "Prahlerei" sei er von Angst erfüllt,
       seine Macht zu verlieren. Ein Erdogan-Kenner sagt den
       Amerikanern: "Tayyip glaubt an Gott - aber er traut ihm nicht."
       Erdogan übernahm 2003 das Amt des Ministerpräsidenten, zwei
       Jahre zuvor hatte er seine Partei, die islamisch-konservative
       AKP, gegründet. Im Wahlkampf kündigte er an, die Korruption zu
       bekämpfen.
       Doch schon 2004 berichten Informanten den Amerikanern von
       Korruption auf allen Ebenen, sogar innerhalb der Familie
       Erdogans. Die Beschuldigungen sind nicht bewiesen, vielleicht
       wollen die Quellen den Premier nur anschwärzen. Aber sie prägen
       das Bild der Amerikaner von der Türkei - und das ist verheerend.
       Die Gerüchte klingen ungeheuerlich. So soll einer der
       wichtigsten Berater der Regierung einer Journalistin anvertraut
       haben, dass sich Erdogan bei der Privatisierung einer
       staatlichen Ölraffinerie bereichert habe. Einer Quelle im
       Energieministerium zufolge soll er im vergangenen Jahr die
       Iraner unter Druck gesetzt haben, einen Gas-Pipeline-Deal mit
       einer türkischen Firma einzugehen, die einem seiner Schulfreunde
       gehört. Das Geschäft hat Beobachter verwundert: Denn das
       Unternehmen baut Häfen aus, hat aber kaum Erfahrung im
       Energiebereich. Erdogan selbst soll, so behaupten zwei
       Informanten der Amerikaner, über acht Konten in der Schweiz
       verfügen.
       Die Erdogan-Partei AKP dementiert vehement alle Vorwürfe. Und
       der Premier sagt, seinen Reichtum habe er durch Geschenke
       erlangt, die Gäste seinem Sohn bei der Hochzeit überreichten.
       Außerdem finanziere ein türkischer Geschäftsmann seinen vier
       Kindern das Studium in den USA. Die US-Botschaft hält diese
       Erklärungen für "eine faule Ausrede".
       Aber Erdogan weiß offenbar, wie man die Basis für sich gewinnt:
       Als seine AKP eine empfindliche Niederlage bei der
       Bürgermeisterwahl 2004 in Trabzon einstecken musste, soll er, so
       die Botschaftsdokumente, seinen engen Vertrauten Faruk Nafiz
       Özak als Präsidenten des Fußballclubs Trabzonspor installiert
       haben. Die Depeschen geben unbewiesene Behauptungen von
       Informanten wieder, demnach soll der Premier Özak einige
       Millionen Dollar aus einer geheimen Staatskasse überwiesen
       haben. Er möge mit dem Geld, so ein Schreiben vom Juni 2005,
       bessere Spieler kaufen, um dem neuen Bürgermeister den Rang
       abzulaufen. Bis zum Redaktionsschluss war von Erdogan keine
       Stellungnahme zu erhalten.
       Der Premier habe die AKP zu einer "Erdogan-Maschine" umgebaut,
       konstatiert die US-Botschaft. Viele AKP-Spitzenkräfte seien
       Mitglied in einer muslimischen Bruderschaft: auch Erdogan und
       Staatspräsident Abdullah Gül.
       Es gebe allgemein "zu wenig Sachverstand" in der Regierung,
       kritisiert US-Botschafter Eric Edelman schon im Januar 2004:
       "Einige AKP-Leute wachsen zwar an ihrem Amt, andere sind
       inkompetent, gehen Privatinteressen nach oder den Wünschen ihrer
       religiösen Gemeinschaft. Politiker in den Provinzen sind
       engstirnige Islamisten."
       Viele hochrangige Staatsdiener sagen den Amerikanern, sie seien
       entsetzt über Erdogans Personal. So habe Erdogan einen
       "ignoranten, islamistischen Akademiker" zu seinem
       Unterstaatssekretär gemacht. Frauenministerin Nimet Çubukçu, so
       lästern US-Informanten, habe ihren Job bekommen, weil sie mit
       Erdogans Ehefrau Emine befreundet sei. Çubukçu setzt sich für
       die Kriminalisierung von Ehebruch ein. Einem Minister sagen sie
       Vetternwirtschaft nach, Verbindungen zum Heroinschmuggel und
       eine Vorliebe für viel zu junge Mädchen.
       Vom Wahlvolk werden Erdogan und die AKP verehrt, schreiben
       US-Diplomaten 2004: "Erdogan ist der geborene Politiker",
       "volkstümlich" und "charismatisch", er habe "die Instinkte eines
       Straßenkämpfers". Der Premier, aufgewachsen in einem rauen
       Hafenbezirk Istanbuls, engagierte sich schon als junger Mann in
       einer radikal-islamistischen Organisation und trat dem
       konservativen Orden der Nakşibendye bei. Noch vor
       Regierungsantritt bekannte er: "Demokratie ist wie ein Zug: Wenn
       wir an der Station sind, wo wir hin wollen, steigen wir aus."
       Damals lernte er Abdullah Gül kennen, mit dem er später den
       Aufstieg der AKP organisierte. Beide verbindet inzwischen eine
       tiefsitzende Rivalität. Immer wieder stänkere Gül gegen Erdogan,
       vor allem dann, wenn der Premier auf Reisen im Ausland sei. Gül,
       damals Außenminister, versuche, so werten das die Amerikaner im
       März 2005, Erdogans Politik zu untergraben, um mehr Macht über
       die Partei zu gewinnen. Er spreche, anders als Erdogan, Englisch
       und stelle sich, sagen die Diplomaten, als moderat und modern
       dar.
       In Wahrheit aber, so beurteilt die US-Botschaft Aussagen aus
       Güls Umfeld, sei er ideologischer als Erdogan und antiwestlich.
       Gül nutze fast jede Gelegenheit, Erdogan schlecht aussehen zu
       lassen - er lästere über ihn sogar vor Staatsgästen. Lange
       arbeitete Gül darauf hin, Präsident zu werden und damit Erdogan
       ebenbürtig zu sein; der Konkurrent versuchte, das zu verhindern
       - ohne Erfolg, Gül wurde Präsident.
       Erdogans Berater und Außenminister Ahmet Davutoglu verstünden
       wenig von der Politik außerhalb Ankaras, meinen die Amerikaner.
       Das halten sie für misslich, denn sie wollen die Türkei in der
       EU sehen. Sie glauben nur nicht, dass es dazu kommt. Um
       ernsthaft verhandlungsfähig zu sein, "müsste die Regierung ein
       paar tausend Mitarbeiter einstellen, die gut Englisch sprechen
       und von den EU-Bürokraten ernst genommen werden", schrieb der
       Botschafter. Bisher habe die AKP vor allem Vertraute aus
       islamistischen Bruderschaften eingestellt.
       Einige AKP-Politiker unterstützen nach Einschätzung der
       Amerikaner den EU-Beitritt aus "finsteren und verwirrenden"
       Gründen, auch weil sie glauben, die Türkei müsse den Islam in
       Europa verbreiten. Das Mitglied eines führenden AKP-Think-Tanks
       überspitzte es nach Aussagen von US-Diplomaten Ende 2004 so:
       "Wir wollen Andalusien zurück und uns für die Niederlage bei der
       Belagerung Wiens 1683 revanchieren."
       Außenminister Ahmet Davutoglu geht zwar nicht so weit, aber die
       Amerikaner sind alarmiert über seinen imperialistischen Ton. Im
       Januar 2010 resümiert der US-Botschafter eine Davutoglu-Rede in
       Sarajevo. "Davutoglus These: Dem Balkan, dem Kaukasus und dem
       Nahen Osten sei es unter Kontrolle und Einfluss der Osmanen
       bessergegangen. Seitdem haben Teilung und Krieg verheerende
       Auswirkungen gehabt. Jetzt jedoch sei die Türkei zurück und
       bereit zu führen. Davutoglu: 'Wir werden den osmanischen Balkan
       wiederherstellen.'"
       Davutoglus Selbstüberschätzung und seine neoosmanische Vision
       bereiten den Amerikanern Sorgen - die Türkei habe "Ambitionen
       wie Rolls-Royce, jedoch nur die Mittel von Rover", heißt es
       lapidar. Ein hochrangiger Regierungsbeamter hat nach den
       Botschaftsdepeschen schon 2004 vor den islamistischen Einflüssen
       Davutoglus auf Erdogan gewarnt:"Er ist besonders gefährlich."
       Unter Erdogans Truppe haben sich die Beziehungen zu Israel
       dramatisch verschlechtert. Die Regierungen stritten sich über
       den Krieg gegen die Hamas und den Angriff auf die
       Gaza-Hilfsflotte. Der israelische Botschafter in Ankara, Gabby
       Levy, behauptet im Oktober 2009, dass Erdogan die Verstimmung
       provoziere. "Er ist ein Fundamentalist. Er hasst uns aus
       religiösen Gründen", wird Levy in einem vertraulichen Schreiben
       zitiert.
       Die Amerikaner beobachten besorgt, wie sich Erdogan immer weiter
       vom Westen entfernt. Ob das System Erdogan im Nato-Land Türkei
       wirklich stabil bleibt, wissen sie aber auch nicht: "Jeder Tag
       hier ist anders. Keiner kann sicher sein, nach welcher Seite die
       gesamte Choreografie aus dem Gleichgewicht gerät", schreibt
       Botschafter James Jeffrey Ende Februar 2010 nach Washington.
       "Gebt acht."
  HTML http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-75376560.html
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