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       #Post#: 1653--------------------------------------------------
       Labor der Demokratie
   DIR By: KarlMartell
       Date: June 16, 2013, 11:56 am
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       Labor der Demokratie
       Die Widerstandsbewegung von Istanbul ist so heterogen wie das
       ganze türkische Volk. Ein Kurde sorgte für die Sicherheit im
       Protest-Camp, eine Muslimin rief zum Gebet gegen Erdogan auf.
       Es sind seine Flitterwochen, ungewöhnliche
       Flitterwochen, denn
       Yusuf hält gerade die leere Hülse
       einer Gasgranate in der Hand. Dutzende
       solcher Granaten, abgefeuert von der türkischen
       Polizei, sind in den vergangenen
       Tagen auf ihn niedergegangen. Manchmal
       hat Yusuf sie mit der bloßen Hand
       zurückgeworfen. Die leere Hülse will er
       behalten, zur Erinnerung. „Sie ist ein
       Zeichen für unseren Widerstand“, sagt
       er, „für unseren Sieg gegen den Provokateur.“
       Der 29-Jährige sitzt an einem abgeschabten
       Holztisch in einem Vorort von
       Istanbul und trinkt Tee. Seit Tagen hält
       er sich hier versteckt, weil er Angst hat,
       festgenommen zu werden von der Polizei,
       die jetzt nach den Aufrührern vom Taksim-
       Platz sucht. 70 Protestierende wurden
       schon verhaftet, auch Yusuf wäre dabei
       gewesen, wenn er sich an jenem
       Abend nicht schnell in ein Taxi hätte retten
       können. Seither sitzt er hier, in einer
       kargen Eineinhalb-Zimmer-Wohnung am
       Stadtrand, und schaut sich den Aufstand,
       auf den er so stolz ist, im Fernsehen an.
       Es ist der 17. Tag des Protests, er hat
       sich eine Prepaid-Karte für sein Handy
       auf den Namen eines Nachbarn besorgt,
       jede Stunde ruft er seine Freunde im
       Gezi-Park an. Die letzte Nachricht vom
       Freitagabend lautet: Wir werden nicht
       weichen, wir lassen uns nicht freiwillig
       räumen, wir vertrauen niemandem mehr,
       nicht der Justiz und schon gar nicht mehr
       Erdogan, den sie im Camp alle nur noch
       beim Vornamen nennen, Tayyip, weil
       auch er sie immer nur geduzt und bevormundet
       hat.
       Es fühlt sich nicht gut an, jetzt untätig
       hier herumzusitzen, er hat Angst um die
       anderen. Zehn Tage lang war Yusuf selbsternannter
       Sicherheitschef in diesem Dorf,
       das alle nur noch „Çapulcu“ nennen,
       „Plünderer“, diesen Namen gab Premierminister
       Erdogan den Protestierenden.
       Auch dank Yusuf und seinen Barrikaden
       aus Eisen und Stein steht das Dorf noch.
       Yusuf machte mehrmals am Tag einen
       Rundgang und kontrollierte, ob es irgendwo
       in den Zelten brennt. Er stieg nachts
       auf das Atatürk-Kulturzentrum und holte
       die Besoffenen runter, damit sie nicht abstürzten.
       Und er war dafür zuständig, die
       Straßenverkäufer aus dem Protestdorf
       fernzuhalten, weil die Bewohner hier eine
       wirtschaftsfreie Zone schaffen wollten.
       Yusuf ist in Istanbul aufgewachsen, seine
       Eltern stammen aus Diyarbakir, einer
       Metropole im Südosten. Er ist Kurde,
       aber als Kind verschwieg er das. „Bei uns
       in der Straße war Kurde gleich PKK,
       gleich Feind“, sagt Yusuf. Also sang er in
       der Schule jeden Morgen die türkische
       Nationalhymne mit. Er ist 16, als er anfängt,
       nach einem anderen System zu suchen,
       Lenin liest, Marx und Engels. Er
       wird Mitglied in einer linksradikalen Partei,
       träumt vom Sozialismus und lernt,
       wie man der Polizei entkommt. Das unterscheidet
       Yusuf von den vielen anderen
       im Gezi-Park, die zuvor nie etwas mit
       der Staatsgewalt zu tun hatten.
       Yusuf, der später Publizistik studierte,
       sich heute aber mit dem Programmieren
       von Internetseiten durchschlägt, sagt, es
       wurde Zeit, dass die Menschen aufwachen.
       Çapulcu ist für ihn die Keimzelle
       der neuen türkischen Widerstandsbewegung.
       Es habe sich etwas verändert in den
       vergangenen Tagen, auf diesem Platz mit
       den vielen Zelten, auf dem es sogar einen
       Kindergarten und zweimal am Tag Yogakurse
       für die Protestierenden gab. Auf
       dem Transvestiten den antikapitalistischen
       Muslimen ihre Decken zum Schlafen
       liehen. Und Feministinnen den Ultras
       vom Fußballclub Beşiktaş die frauenfeindlichen
       Schimpfwörter in ihren Parolen
       verboten. Und die sich das auch noch gefallen
       ließen.
       Egal, was jetzt passiere, ob das Dorf
       geräumt werde oder nicht, es werde nie
       wieder werden wie zuvor, sagt Yusuf:
       „Wir haben die Angst der Menschen gebrochen,
       sie wissen jetzt, man kann sich
       wehren, laut werden.“
       Am vergangenen Freitagabend, 18 Uhr,
       haben sich die Dorfbewohner vom Gezi-
       Park in sieben verschiedene Gruppen aufgeteilt,
       um zu diskutieren, wie es weitergehen
       soll. Erdogan hat die Demonstranten
       aufgefordert, den Park zu verlassen,
       er werde vorläufig keine Baumaßnahmen
       durchführen im Gezi-Park, das versprach
       er schon am Donnerstagabend, aber hier
       vertraut ihm keiner mehr. Alle reden
       durcheinander, Frauen weinen. „Wir können
       hier nicht einfach abziehen“, sagt
       eine der vielen Mütter, die seit ein paar
       Tagen zu ihren Kindern in den Park gezogen
       sind, „unser Ziel ist es, dass diese
       Regierung zurücktritt.“ Dann rufen sie
       ihre Parole: Überall ist Taksim.
       Fatma Dogan steht auch an diesem
       Abend vor ihrem Gebetszelt am Eingang
       vom Gezi-Park, es ist verbrannt, fast abgerissen,
       seit vergangenem Dienstag, als
       Polizeieinheiten nachts den Platz stürmten.
       Fatma ist seit der ersten Nacht der
       Proteste hier, die 28-Jährige ist Lehrerin,
       sie gehört zur Gruppe der antikapitalistischen
       Muslime, eine Frau mit schwarzem
       Kopftuch, dunklem Gewand und Gebetskette
       in der Hand. Eigentlich gehört sie
       zu der Jugend, für die Erdogan kämpft,
       für die er die Türen zu den Universitäten
       geöffnet hat. Aber Fatma sagt, er benutze
       den Islam nur, um seine Macht zu behalten.
       Für sie ist Erdogan ein Kapitalist, der
       den Islam für seine Zwecke missbraucht.
       So denken sie fast alle bei den anti -
       kapitalistischen Muslimen. Und sprechen
       ihre Wut in diesen Tagen in die Fernsehkameras,
       fordern das türkische Volk auf,
       die Augen zu öffnen. 90 Prozent seien
       doch Muslime in diesem Land, sie soll -
       ten genauer hinschauen. Die anderen hören
       ihnen dabei erstaunt zu. Warum wettern
       Musliminnen mit Kopftuch gegen
       Erdogan?
       Fatma sagt, dass Gottes Boden dem
       Volk gehöre und nicht den Kapitalisten.
       Und sie sagt, sie sei hier, um den Islam
       zu vertreten, um zu zeigen, dass es nicht
       um ein Treffen von illegalen Randgruppen
       geht.
       „Wir sind keine Plünderer, wir sind das
       Volk“, sagt Fatma, „aber wir haben noch
       nicht gewonnen.“ Deshalb will sie auch
       noch nicht gehen. Angst hat sie nicht. An
       der Stelle, wo ihr Zelt stand, haben die
       Dorfbewohner eine neue Barrikade gebaut,
       gegen die Polizei. Die Muslime laden
       alle ein zum Freitagsgebet. Sie beten
       gemeinsam für die toten Demonstranten,
       sie beten für den verstorbenen Polizisten,
       für die vielen Verletzten.
       Irgendwann an diesem Freitagabend
       beschließt die Dorfgemeinschaft, den anti -
       kapitalistischen Muslimen neue, größere
       Zelte zur Verfügung zu stellen, gleich in
       der Mitte, mit eigenem Gebetsraum.
       Auch die Linken und die Fans der drei
       eigentlich verfeindeten Istanbuler Fußballclubs
       stimmen dafür. Weitere Zelte
       werden aufgebaut, vor manchen wird
       wieder Gitarre gespielt. Und überall stehen
       Zivilpolizisten herum, unschwer zu
       erkennen in ihrem Einheitslook, weißes
       Hemd oder graues T-Shirt und Jeans. Die
       Staatsmacht ist nervös.
       Yusuf, der den Park nun nicht mehr
       schützen kann, hatte einen Blick für die
       eingeschleusten zivilen Kräfte der Polizei.
       Am vergangenen Dienstag sah er sie sofort,
       „die Zivilbullen“. Die beiden streiften
       herum, sie blieben stehen, machten
       heimlich Bilder. Yusuf ging zu ihnen,
       nahm ihnen die Kamera aus der Hand,
       schaute die Bilder durch und fragte:
       „War um fotografieren Sie hier?“ Fragte,
       wer sie seien, suchte sie ab. Sie seien Touristen,
       sagten sie, sie hätten aber keine
       Ausweise dabei. Yusuf nahm ihnen die
       Speicherkarte ab und sah all die Nahaufnahmen,
       die sie gemacht hatten: von
       Menschen, die im Camp freiwillig arbeiteten,
       an der Essensausgabe standen oder
       in der Apotheke. Sie hatten nah an ihre
       Gesichter gezoomt. Yusuf brach die Karte
       durch und warf die beiden raus.
       Auch von den Ärzten und Schwestern,
       die aus den staatlichen Krankenhäusern
       kommen, würden immer wieder Bilder
       gemacht, sagt er. Sie blieben trotzdem
       hier, behandelten junge Frauen mit Kopfverletzungen,
       die auf Plastikplanen herbeigetragen
       worden waren, junge Männer
       mit Verbrennungen, alte Frauen mit gebrochenen
       Armen. Die Ärzte zählen inzwischen
       mehr als tausend Verletzte in
       Çapulcu.
       Jungs wie Yusuf nennen sich die Wächter
       der Demokratie. Bis zur Stürmung
       des Dorfes am vergangenen Dienstag
       hielten sie Wache oben auf der Stadtmauer
       am Park, in einem Viertel, das auch
       vor der Besetzung als gefährlich galt. Viele
       im Camp wussten gar nichts von Yusuf
       und den anderen Beschützern. Wenn Yusuf
       durch die Barrikade kam, dann legte
       er sein Sprechfunkgerät ab. Hinter einer
       meterhohen Barrikade hatten sie eine
       Steinschleuder aufgestellt. Auf einem
       Schrottberg hockten junge Männer und
       Frauen, die Gesichter abgebunden, auf
       dem Kopf trugen sie Helme.
       Die Jungs an der Barrikade sind im
       Viertel bekannt. Die Bewohner von Tarlabaşi
       stehen hinter ihnen und gegen Erdogan.
       Die meisten von ihnen sind Roma
       oder Kurden, Straßenverkäufer oder
       Transvestiten. Für Erdogan alles Randgruppen
       der Gesellschaft, die er gern aus
       dem Stadtkern entfernen will.
       Yusuf sagt, es sei jetzt egal, ob das Dorf
       aufgelöst werde. Er zieht an seiner Zigarette,
       schaut auf die leere Gasbombenhülse
       und sagt: „Wir haben unser Ziel erreicht.“
       Die Flitterwochen haben Yusuf
       und seine Frau verschoben. „Die Revolution
       kam halt dazwischen.“
       Erdogan habe die Sprecher der Taksim-
       Widerstandgruppen getroffen, sie
       nach Ankara einfliegen lassen. Allein das
       sei schon ein Gewinn, sagt Yusuf. Erdogan
       habe Angst.
       Im Dorf gibt es am Freitagabend Nudeln
       und Kirschen auf Papptellern. Niemand
       trägt eine Gasmaske, niemand Taucherbrillen
       gegen das Tränengas. Der Boden
       wird gefegt, andere tragen den Müll
       raus. Es ist nicht so, dass sie keinen Angriff
       fürchten, aber sie haben sich nun
       daran gewöhnt. Wenn es losgeht, sind sie
       vorbereitet. ÖZLEM GEZER
       Der Spiegel 25/2013, S. 84-85
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