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       #Post#: 1652--------------------------------------------------
       Erdogan-Moschee in Konstantinopel
   DIR By: KarlMartell
       Date: June 16, 2013, 11:51 am
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       Der Rambo aus Kasimpaşa
       Erst ging Ministerpräsident Erdogan mit Polizeigewalt gegen den
       Jugendprotest
       vor, dann lenkte er ein. Aber hat er wirklich begriffen,
       was in seinem Land gerade passiert? Seine eigene Zukunft ist
       ungewiss.
       Sie soll eine gigantische Moschee werden,
       die größte Istanbuls. Sie soll
       30 000 Gläubigen Platz bieten und
       auf dem höchsten Hügel der Stadt stehen,
       dem Çamlica-Berg. Unübersehbar, unvergleichbar,
       unvergänglich.
       Der türkische Ministerpräsident träumt
       seit langem von dieser Moschee, sie gehört
       zu seinen Lieblingsprojekten. Sie hat
       zwar noch keinen Namen, aber es ist
       nicht ausgeschlossen, dass man sie nach
       ihm, Recep Tayyip Erdogan, benennen
       wird. Wie sein Lieblingssultan Süleyman
       der Prächtige beschreibt sich Erdogan
       gern als „Baumeister“.
       Bis vor drei Wochen schien ihn auch
       niemand bremsen zu können, nicht in
       seiner Bauwut, nicht in seinem brachialen
       Politikverständnis, nicht in seinen
       stockkonservativen Ideen von Volks -
       erziehung.
       Doch dann passierte etwas, das die
       Selbstherrlichkeit des Premiers erschütterte:
       ein Jugendaufstand, ausgelöst
       durch den geplanten Abriss eines symbolträchtigen
       Parks. Er führte dazu, dass
       man Istanbul im Jahr 2013 mit Paris im
       Jahr 1968 verglich.
       Denn die Generation vom Gezi-Park
       weigert sich auf einmal, nur noch zu gehorchen.
       Sie will eine offenere Gesellschaft,
       nicht mehr bevormundet werden,
       weder von Islamisten noch von Kemalisten.
       Ihre Wut richtet sich gegen den spaßlosen
       Sozialkonservatismus der AKP,
       aber mindestens ebenso gegen den autoritären
       türkischen Staat und dessen repressiven
       Polizeiapparat.
       Es begann am 28. Mai, als vor allem
       junge Türken gegen einen Bebauungsplan
       im Herzen Istanbuls demonstrierten, brutal
       ging daraufhin die Polizei mit Tränengas
       und Wasserwerfern gegen sie vor. Diese
       Gewalt mobilisierte Hunderte, dann
       Tausende, dann mehrere hunderttausend
       Regierungsgegner. Mindestens fünf Menschen
       starben bei den Unruhen im ganzen
       Land, es gab über 5000 Verletzte. Erst
       am vergangenen Donnerstag lenkte Erdogan
       ein und sprach mit Vertretern der
       Protestbewegung.
       Linke Proteste hat es in der Türkei immer
       wieder gegeben, vor allem in den
       unruhigen siebziger Jahren. Doch damals
       wurden die Kämpfe ungleich härter ausgetragen.
       Radikale Gruppen bekämpften
       sich auf offener Straße, es gab viele Tote,
       das Militär griff ein. Einige der damaligen
       Revoluzzer sind die heutigen Eltern der
       Generation Gezi, und sie unterstützen
       ihre Kinder darin, gegen Erdogan zu demonstrieren,
       sie halten auch ihn für einen
       Despoten. Zu Recht?
       Viele Türken glauben, dass sich das
       Ausland in den vergangenen Jahren zu
       sehr vom Wirtschaftswachstum habe blenden
       lassen, vom coolen Istanbul mit seinen
       glitzernden Szeneclubs und Glastürmen
       – während gleichzeitig massenhaft
       Oppositionelle und Kurden ins Gefängnis
       wanderten, Reporter eingeschüchtert und
       Künstler gegängelt wurden.
       Im Schatten des Booms hat die AKP
       ihren Parteistaat ausgebaut, so viel ist
       klar. An den Spitzen von Justiz und Polizei
       stehen heute Leute von Erdogans
       Gnaden, auch die Medien sind, wie die
       Berichterstattung um die Jugendproteste
       bewies, auf Regierungskurs geschaltet.
       Aufträge für Großprojekte werden fast
       nur noch an regierungsfreundliche Un -
       ternehmer vergeben. Auch der lukrative
       Neubau auf dem Gelände des Gezi-Parks
       soll angeblich von einer Holding durchgezogen
       werden, in der Erdogans Schwiegersohn
       Vorstandsmitglied ist.
       Es bedurfte nicht mehr viel, um die
       türkische Mai-Revolte zu entfachen. Und
       dafür hatte fast jeder seine Gründe, wie
       die bunte Zusammensetzung der Protestierer
       zeigt: Ein Sammelbecken aus Naturschützern
       und linken Muslimen, Fußballfans
       und jungen Kreativen ist da entstanden;
       eines, das als Bewegung zwar
       noch amorph und unorganisiert ist, aber
       allein schon durch seine Existenz den
       Ministerpräsidenten herausfordert.
       Und der? Sieht überall, wo ihm Widerstand
       entgegenschlägt, den Geist seiner
       alten Gegner, der Kemalisten, am Werk.
       Immer wieder beschimpfte er die Protestierer
       als „radikale Randgruppen“ und
       „Lumpen“, dann machte er die „alte Elite“
       für die Unruhen verantwortlich. Das
       zeigt, wie wenig Erdogan die gesellschaftlichen
       Veränderungen in seinem Land begriffen
       hat. Denn Funktionäre der Kemalistenpartei
       CHP hatten zwar versucht,
       Ansprachen auf den Demonstrationen zu
       halten, wurden aber niedergepfiffen.
       Man kann ergründen, woher die polarisierende
       Weltsicht des Ministerpräsidenten
       kommt. Als Sohn aus Arme-Leute-
       Verhältnissen musste Erdogan viele
       Kränkungen aushalten, sie hatten ihn oft
       kleinzuhalten versucht, eingeschüchtert,
       ins Gefängnis geworfen, mit einem Politikverbot
       belegt.
       Sie: Das waren stets die Angehörigen
       der Kemalistenklasse, die auf ihn, den
       streng religiösen Proletarier aus dem
       Istanbuler Armenviertel Kasimpaşa, her -
       unterblickten. Seinen Aufstieg bis an die
       Spitze der Politik musste sich Erdogan
       hart erkämpfen. Er musste lernen, auszuteilen,
       sich gelegentlich zu zügeln, aber
       niemals aufzugeben.
       In Erdogans Wahlkampf spielt die säuberliche
       Trennung in „sie“ und „wir“ bis
       heute eine Rolle. „Wir“, das sind die Unterdrückten,
       die Frommen, die Einfachen.
       „Sie“, das sind die Unterdrücker, die Dekadenten,
       oft auch das Ausland, die Euro -
       päer, die Märkte, die „Zinslobby“.
       Dabei gab es in den drei Legislatur -
       perioden Erdogans durchaus Zeiten, in
       denen es gut lief zwischen ihm und den
       anderen. Viele Liberale wollten genau
       wie er mehr Demokratie und weniger
       Militärstaat. Doch dann übernahm Erdogan
       die alten Herrschaftsmuster, und es
       zeigte sich, dass ihm wohl eher eine
       „gelenkte Demokratie“ vorschwebte.
       Um sie zu legitimieren, spricht er noch
       immer von der Gefahr, die von „ihnen“
       ausgeht, obwohl viele von „ihnen“ im
       Gefängnis sitzen.
       Wie viele Anhänger seiner Partei aber
       tatsächlich noch seinen Rambo-Kurs
       schätzen, ist fraglich. Im konservativen
       Lager zeichnen sich Risse ab.
       Abdullah Gül, der milde wirkende
       Staatspräsident, hat jedenfalls Erstaunliches
       hinter dem Rücken des Premiers gesagt:
       dass man die „Botschaft“ der Straße
       verstanden habe, und ja, dass Demokratie
       nicht nur am Wahltag stattfinde.
       Die einflussreiche islamische Fethullah-
       Gülen-Bewegung, hinter der auch
       Gül steht, drückte ihre Kritik noch deutlicher
       aus. In ihrem Sprachrohr, der Tageszeitung
       „Zaman“, prangerte sie an,
       der Ministerpräsident habe der „nationalen
       Psyche“ einen „enormen Schaden“
       zugefügt. Und Fehmi Koru, ein regierungsnaher
       Journalist, sinnierte über die
       Gründung einer eigenen Gülen-Partei für
       den Fall, dass sich die Differenzen zwischen
       den „Fethullahçi“ und Erdogan
       verschärfen.
       Es könnte deswegen der Gülen-Bewegung
       zu verdanken sein, dass der Premier
       über seinen Schatten sprang und den Protestierern
       ein Referendum über die Zukunft
       des Parks vorschlug.
       Erdogan will es sich mit den „Fethullahçi“
       nicht verscherzen, sie könnten ja
       gegen ihn arbeiten und verhindern, dass
       sich der Mann aus Kasimpaşa im nächsten
       Jahr seinen Lebenstraum erfüllen will:
       Präsident zu werden.
       Nach drei Perioden als Regierungschef
       kann sich Erdogan nicht ein weiteres Mal
       als Spitzenkandidat seiner Partei auf -
       stellen lassen, die Statuten der AKP verbieten
       ihm das. Aus ebendiesen Gründen
       bastelte er am Aufbau eines Präsidial -
       systems und führte die Direktwahl des
       Präsidenten ein. 2014 soll das Volk selbst
       entscheiden, wer Staatsoberhaupt wird.
       Und Erdogan möchte Gül gern ablösen.
       Dieser aber hat Interesse an einer weiteren
       Amtszeit als Präsident bekundet.
       Erdogan bliebe also nur noch, das eigene
       Parteigesetz umzuschreiben und ein viertes
       Mal als Premier anzutreten.
       Denn von der Macht lassen, das hat er
       gezeigt, will Erdogan so schnell nicht. Er
       möchte den Tag noch erleben, an dem er
       als Führer seines Volkes die Çamlica-Moschee
       von Istanbul einweiht.
       DANIEL STEINVORTH
       Der Spiegel 25/2013, S. 82-83
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