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#Post#: 1650--------------------------------------------------
Die Saudis wollen die Bombe
DIR By: KarlMartell
Date: June 16, 2013, 11:19 am
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„Europa muss mitziehen“
Der ehemalige saudi-arabische Geheimdienstchef
Prinz Turki Bin Faisal über die Strategie seines Landes im
Syrien-Konflikt und die Macht Irans
Prinz Turki Bin Faisal ist Mitglied des
saudi-arabischen Herrscherhauses, enger
Berater des Königs und Bruder des Außen -
ministers. In den achtziger Jahren ließ er
als Geheimdienstchef gemeinsam mit den
Amerikanern die Mudschahidin in Afghanistan
gegen die Sowjetarmee aufrüsten.
Fünfmal traf Prinz Turki, 68, den Qaida-
Gründer Osama Bin Laden, doch schon
seit Jahren distanziert er sich von der
Terror organisation.
SPIEGEL: Königliche Hoheit, Saudi-Arabien
rüstet syrische Rebellen auf, mit
Geld und Waffen. Was wollen Sie damit
erreichen?
Turki: Den schnellstmöglichen Sturz des
Regimes von Präsident Baschar al-Assad
und das schnellstmögliche Ende von Assads
„Mörder-Maschine“ – wie unser König
Assads Vernichtungsfeldzug gegen
dessen eigenes Volk nennt.
SPIEGEL: Truppen der schiitischen Hisbollah,
die von Iran unterstützt werden, greifen
auf Seiten des Regimes in den Kampf
ein und könnten als Nächstes Richtung
Aleppo marschieren. Sind die Rebellen
nicht schon zum Scheitern verurteilt?
Turki: In den letzten beiden Jahren haben
Assad und seine Helfer wiederholt Siege
verkündet, wenn sie mal etwas voran -
kamen. Das syrische Volk ist entschlossen,
für das zu kämpfen, was es will.
SPIEGEL: Syriens bewaffnete Opposition
ist aber weit davon entfernt, vereint zu
sein. In ihr finden sich inzwischen Tausende
Extremisten, auch saudi-arabische
Kämpfer. Und die Rebellen haben sehr
unterschiedliche Vorstellungen davon,
wie Syrien nach Assad aussehen soll.
Turki: Radikale kommen nicht nur aus
Saudi-Arabien, sondern von überall her,
auch aus Deutschland. Und Saudi-Arabien
ist alles andere als glücklich darüber,
wenn unsere Bürger dorthin gehen, um
zu kämpfen. Wer sich daran beteiligt,
wird nach seiner Rückkehr vor Gericht
gestellt und zur Verantwortung gezogen,
weil er sich dem Befehl des Königs wider -
setzt hat. Aber die radikal sten Extremisten
sind immer noch Baschar al-Assads
Truppen mit ihren tödlichen Waffen,
Flugzeugen, Panzern, Helikoptern. Und
die wiederum werden unterstützt von
den Kämpfern der Hisbollah.
SPIEGEL: Die könnten, wie sich gerade in
der Schlacht um Kusair gezeigt hat, entscheidend
dazu beitragen, dass sich die
Waage womöglich wieder zugunsten Assads
neigt. Haben der Westen und die
Golf-Staaten Assad unterschätzt?
Turki: Ich glaube nicht, dass wir ihn unterschätzt
haben. Wenn Sie die Ansprachen
unseres Außenministers zurückverfolgen
…
SPIEGEL: … Ihres Bruders Prinz Saud Bin
Faisal …
Turki: … war das Königreich von Anfang
an der Auffassung, dass dies ein langwieriger,
blutiger Kampf wird, wenn die Opposition
nicht die notwendigen Mittel bekommt.
Nun hält der Kampf seit zwei
Jahren an, und all diese negativen Elemente
konnten sich festsetzen. Da sind
radikale Dschihadisten, Fundamentalisten
und Wahhabiten, wie Sie sie zu nennen
pflegen, auf der einen Seite. Und auf
der anderen Seite kommt nun die Hisbollah
herein, dazu iranische Experten
für Aufstandsbekämpfung und russische
Waffen. Hätte die Aufstandsbewegung –
wie von uns erbeten – von Anfang an die
Fähigkeit zur Selbstverteidigung gehabt,
hätten die positiven Elemente der Opposition
das verhindert. Sie hätten heute
auch die politische Akzeptanz, eine Führung
zu bilden.
SPIEGEL: Die Europäer sind gespalten in
der Frage, ob Waffen zum Ende des Blutvergießens
führen würden – oder ob sie
es nur verlängern. Die meisten Deutschen
glauben, Waffenlieferungen würden die
Lage verschlimmern.
Turki: Russland liefert Panzer, gepanzerte
Fahrzeuge, Geschütze, Raketen und Flugzeuge.
Iran liefert ebenfalls Angriffs -
waffen. 90 Prozent der syrischen Opfer
sterben durch diese Waffen, die meisten
sind unschuldige Zivilisten. Aber wenn
die USA und Europa mitgezogen hätten,
wären Panzer- und Flugabwehrwaffen geliefert
worden, die jene getötet hätten,
die das syrische Volk töten. Diese Waffen
wären defensiv, während Russland und
Iran Angriffswaffen liefern, gemacht, um
zu töten. Das ist der Unterschied. Man
muss die moderaten Rebellen unterstützen,
um das Regime zu zwingen, auf die
Forderungen des Volkes einzugehen.
Europa muss mitziehen.
SPIEGEL: Der Krieg gefährdet die Stabilität
der Nachbarländer Syriens, er könnte
sich auf die ganze Region ausweiten.
Turki: Das könnte nur passieren, wenn
Saudi-Arabien seine Armee schicken
oder Amerika eine Flugverbotszone installieren
und russische MiGs vom Himmel
schießen würde.
SPIEGEL: Wie sehr geht es in diesem Konflikt
darum, Iran zu schwächen?
Turki: Iran ist ein Papiertiger, aber eben
einer mit stählernen Klauen. Ich spreche
von der Hisbollah und von jenen Kampfgruppen,
die die Hisbollah über die vergangenen
Jahre im Irak ausgebildet hat,
seit dem Fall von Saddam Hussein. Und
jetzt versucht die Hisbollah, auch in Syrien
eine Miliz aufzubauen. Iran hat seine
Agenten überall, in Bahrain, Pakistan,
Afghanistan, es gibt längst eine iranische
Hisbollah in der Türkei.
SPIEGEL: Was bedeutet es für Saudi-Arabien,
falls Iran die Atombombe baut?
Turki: Wenn das geschieht, müssen wir
alle Optionen erwägen, inklusive der,
selbst Nuklearwaffen zu erwerben.
SPIEGEL: Und was würde passieren, wenn
Israel, um den Bau der Bombe zu verhindern,
zuvor Iran angreift?
Turki: Iran würde gnadenlos zurückschlagen,
global und gegen alles und jeden,
mit seinen Raketen, mit Selbstmord -
attentätern und seinen Agenten. Und wir
wären die ersten Opfer. Stellen Sie sich
vor, eine Nuklearanlage wird bombardiert,
und durch den Regen, den Wind
gelangt der Fallout auf unsere Seite der
Grenze. Die Iraner würden sich geschlossen
hinter ihre Regierung stellen, kurzum,
es würde die totale Zerstörung bedeuten.
SPIEGEL: Was ist die Alternative?
Turki: Die Nuklearverhandlungen mit Iran
waren von Anfang an falsch eingeleitet.
Die EU-Troika – Deutschland, Frankreich
und Großbritannien – versuchte es mit
Zuckerbrot und Peitsche. Das konnte
nicht funktionieren, weil man die Peitsche
nie benutzte. Richtig wäre es gewesen,
die ganze Region zur atomwaffenfreien
Zone zu machen, mit zwei Garantien:
mit wirtschaftlicher und technischer
Unterstützung für jene Länder, die eine
friedliche Nutzung von Atomenergie anstreben,
und mit militärischem Schutz
durch die fünf ständigen Mitglieder im
Sicherheitsrat. Auch heute ist das noch
ein Option.
SPIEGEL:Wer sollte Israel je dazu bringen,
seine Atomwaffen aufzugeben?
Turki: Präsident Barack Obama müsste seinen
Kollegen Wladimir Putin überzeugen.
Zusammen mit dem neuen chinesischen
Premierminister, dem französischen
Präsidenten und dem britischen
Premierminister müssten sie die Länder
dieser Zone einladen, die Idee eines entsprechenden
Fünfjahresplans zu diskutieren
und alle damit verbundenen Probleme
zu lösen.
SPIEGEL: Saudi-Arabien hat dem benachbarten
Bahrain, das durch Aufstände erschüttert
wird, seine Armee zur Unterstützung
geschickt. Haben die Bürger von
Bahrain kein Recht auf Freiheit?
Turki: Bahrain ist völlig anders als Syrien
oder Ägypten. In Syrien geht es um vorsätzlichen
Massenmord.
INTERVIEW: SUSANNE KOELBL
Der Spiegel 25/2013, S. 78-79
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