DIR Return Create A Forum - Home
---------------------------------------------------------
Station13
HTML https://station13.createaforum.com
---------------------------------------------------------
*****************************************************
DIR Return to: Artikel aus der Presse
*****************************************************
#Post#: 1545--------------------------------------------------
Was macht eigentlich.........? Der Bremer Taliban.
DIR By: KarlMartell
Date: May 14, 2013, 7:18 am
---------------------------------------------------------
Ja, ich weiss, es muss Talib heissen, aber so wir er nun mal
genannt.
Um es vorwegzunehmen: Er reist in der Welt rum, cruist mit nem
schweren Moped durch Bremen, trinkt viel Kaffee und redet nicht
gern über seine weiteren Geschäfte. Zu denen wohl auch der im
Folgenden besprochene Film gehört, Märchen aus der Bremer
Moschee.
KINO
Lebenslänglich
Murat Kurnaz aus Bremen wurde jahrelang in Guantanamo verhört
und gefoltert. Jetzt
erzählt ein Spielfilm sein Schicksal nach. Kurnaz findet den
Film zu soft.
Guantanamo riecht nach Rost. Und
nach Kaffee. Den tranken seine
Bewacher, die Verhörspezialisten
der US-Armee. Als Jugendlicher hatte
sich Murat Kurnaz nie etwas aus Kaffee
gemacht, aber im Lager lernte er, den
Duft von Kaffee zu lieben. Es war eine
schöne Abwechslung zum schwülen Tropendunst,
der Gitterstäbe und Gefängnisbaracken
vermodern lässt. Trinken
durfte er den Kaffee nicht; er bekam nur
abgestandenes Wasser aus Plastikkanistern.
Manchmal schwamm ein Frosch
darin.
Als Kurnaz schließlich wieder in Freiheit
war, kaufte er sich eine teure Kaffeemaschine,
er trank 20, 30 Tassen am Tag,
die Maschine war bald kaputt. Kurnaz
kaufte sich eine neue. „Ich trinke noch
immer viel Kaffee“, sagt Kurnaz heute,
bald sieben Jahre nach seiner Freilassung.
Im Herbst 2001, ein paar Wochen nach
den Anschlägen vom 11. September, war
Murat Kurnaz, geboren 1982 in Bremen,
türkischer Staatsbürger, nach Pakistan gegeflogen,
eine religiöse Bildungsreise zum
denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Er fiel
der örtlichen Polizei in die Hände. Für
ein Kopfgeld von 3000 Dollar wurde er
an die Amerikaner verkauft, die damals
gerade ihren sogenannten Krieg gegen
den Terror begonnen hatten. Kurnaz wurde
verdächtigt, ein Qaida-Mann zu sein,
ein Taliban-Kämpfer, ein Terrorist, was
auch immer, auf jeden Fall irgendein verdächtiges
Subjekt, das von nun an seine
Menschenrechte verwirkt hatte.
Anfang 2002 wurde er ins Gefangenenlager
nach Guantanamo auf Kuba transportiert,
einen Ort, an dem nach Auffassung
der Regierung von George W. Bush
weder amerikanische Gesetze noch die
Genfer Konvention zum Schutz von
Kriegsgefangenen gelten. Kurnaz war der
einzige der zeitweise mehr als 700 Gefangenen,
der aus Deutschland stammte.
Erst im August 2006, nach unendlichen
Qualen in „Camp X-Ray“ und „Camp
Delta“, kam Kurnaz frei. Dass es so lange
gedauert hatte, bis seine Unschuld erwiesen
und die Modalitäten für die Heim -
reise geklärt waren, verdankte er gleichermaßen
der Willkür der Amerikaner und
der Gleichgültigkeit der rot-grünen Bundesregierung.
Insbesondere Frank-Walter
Steinmeier (SPD), bis 2005 Kanzleramtschef,
wollte Kurnaz nicht wieder in
Deutschland haben. Auch in Bremen legten
sich die Behörden lange quer: Kurnaz
habe versäumt, fristgerecht seine Aufenthaltsgenehmigung
verlängern zu lassen.
Bis heute hält sich in vielen Köpfen die
Legende vom „Bremer Taliban“.
Was Kurnaz tatsächlich in Guantanamo
erlebt hat, das wissen viele noch immer
nicht. Vielleicht will es heute auch
niemand mehr so genau wissen? Jetzt,
wo die USA unter Barack Obama wieder
zu den Guten gehören?
Am 23. Mai kommt ein Spielfilm in
die Kinos, der das Vergessen schwierig
macht: „5 Jahre Leben“ erzählt das
Schicksal Kurnaz’, seinen Weg von Bremen
in die perfekt organisierte Hölle von
Guantanamo, dem Gulag in den Tropen.
Der Film, „nach einer wahren Geschichte“,
wie es im Vorspann heißt, beruht auf
Kurnaz’ Erinnerungsbuch „Fünf Jahre
meines Lebens“. Das Buch ist ein er -
schütte rndes Dokument über Leben und
Sterben im rechtsfreien Raum, aber auch
über die Suche eines jungen Mannes
nach Gott und sich selbst. Er beschreibt
darin auch, was es für ihn bedeutete, dass
der damalige Anti-Terror-Chef der CIA
befahl, „die Samthandschuhe auszu -
ziehen“.
Der Film, inszeniert von Regisseur
Stefan Schaller, 30, setzt Kurnaz’ Schilderungen
in Bilder um. Er zeigt, nicht nur,
aber auch: Folter, Beleidigungen, Verhöre,
Schläge, vier, fünf, sechs Soldaten in
Kampfmontur gegen einen Gefangenen.
Einige Szenen sind schwer zu ertragen.
„Ich bin zufrieden mit dem Film“, sagt
Kurnaz, „aber das Ganze ist ein bisschen
soft.“
Kurnaz sitzt im Tendüre, einem anatolischen
Restaurant in Bremen, er bestellt
den Grillteller. Man kennt ihn hier. Draußen
parkt sein schweres Motorrad, feuerrot,
ein Sticker mit der türkischen Flagge
klebt neben dem Tacho. Kurnaz erzählt
von Guantanamo, im Film und in der
Wirklichkeit, damals und heute.
Archivbilder aus Guantanamo sind gerade
wieder allgegenwärtig, Männer in
orangefarbenen Overalls, gefesselt zwischen
Stacheldrahtzäunen. Nach elf Jahren
staatlich sanktionierter Gesetzlosigkeit
ist die Situation im Lager endgültig
eskaliert. Mindestens 100 der verbliebenen
166 Gefangenen befinden sich seit
Wochen im Hungerstreik, um gegen ihre
ausweglose Lage – kein Prozess, aber
auch keine Chance auf Entlassung – zu
protestieren; viele werden zwangsernährt.
Die Regierung musste zusätzliche
Ärzte ins Lager abkommandieren. Nur
drei der noch dort einsitzenden Gefangenen
sind bisher von Militärgerichten
verurteilt worden.
Von den schlechten Nachrichten alarmiert,
trat US-Präsident Barack Obama
in Washington vor die Presse. Er erneuerte
das Versprechen, das er bereits 2009
zu Beginn seiner ersten Amtszeit abgegeben
hatte: das Lager zu schließen. Es
sei „nicht durchzuhalten“, sagte Obama,
ein studierter Jurist, „auf ewig 100 Männer
im Niemandsland“ festzuhalten.
„War um genau machen wir das?“, fragte
der Präsident sich selbst und die Öffentlichkeit.
Eine Antwort gab er nicht.
„Dies wird für die meisten Gefangenen
der letzte Hungerstreik sein“, sagt Kurnaz,
„weil sie diesmal dabei draufgehen werden.
Nicht, weil sie die Hoffnung verloren haben,
sondern weil sie gesundheitlich nicht
mehr zu einem Hungerstreik in
der Lage sind. Trotz Zwangsernährung
sind sie mittlerweile sehr anfällig
für Krankheiten.“
Kurnaz kennt viele der Häftlinge
persönlich. Einige waren
erst 14 Jahre alt, als sie nach
Guan tanamo kamen, inzwischen
haben sie fast die Hälfte ihres Lebens
im Lager verbracht. Kurnaz
hat die Zwangsernährung am eigenen
Leib erlitten, als er selbst
vorübergehend in Hungerstreik
getreten war. Gefesselt und geknebelt,
bekam er einen Schlauch
in die Nase geschoben und eine
Nährlösung eingeflößt. „Einige
Male mussten sie abbrechen, weil
sich der Schlauch mit Blut füllte“, schrieb
er in seinen Erinnerungen.
Es gibt Grenzen dessen, was man Menschen
zumuten kann, nicht an Misshandlungen,
da fallen kreativen Folterknechten
offenbar stets neue Methoden ein, aber an
Berichten über die Folter, die Menschen,
die sie nicht erlebt haben, ertragen können.
Kurnaz hat das akzeptiert: „Ich muss Rücksicht
nehmen, wenn ich davon erzähle.“
Ein Spielfilm kann nicht jede Grausamkeit
zeigen, die ihm angetan wurde.
So wird die Zwangsernährung im Film
nicht nachgestellt, auch einige besonders
skandalöse Äußerungen der Soldaten
kommen nicht vor. „Weißt du, was die
Deutschen mit den Juden gemacht haben?
Genau das machen wir jetzt mit
euch“ – diese Drohung eines US-Offiziers
beispielsweise, die Kurnaz in Guantanamo
gehört hat, fehlt.
„5 Jahre Leben“ konzentriert sich vor
allem auf die Vernehmungen, eine Art
Duell zwischen Kurnaz (gespielt von Sascha
Alexander Geršak) und dem Verhörexperten
Holford (Ben Miles). Holford
will Kurnaz ein Geständnis entlocken,
eine Verbindung zu Osama Bin
Laden, zu den Taliban. Mal versucht
er es auf die sanfte Tour,
mal mit Drohungen und Isola -
tionshaft, mal mit Zynismus
(„Entspannen Sie sich, Sie sind
doch in der Karibik“). Zwischendurch
wird der Gefangene von
Soldaten geschlagen, brutalen Dilettanten,
die ihren Frust an
Wehrlosen auslassen.
Je länger die Folter dauert,
desto dringender braucht Holford
ein Geständnis, um die Methoden
zu rechtfertigen. Doch Kurnaz
lässt sich nicht brechen, er gesteht
nicht, er will nicht, er kann
nicht – weil er unschuldig ist.
Zwischendurch gönnt der Regisseur seinem
Protagonisten und den Zuschauern
Momente kontemplativer Ruhe. Er zeigt,
wie Kurnaz und die anderen Gefangenen
beten, wie sie Gespräche führen über
Gott und die Welt. Kurnaz’ Zellennachbar
schwärmt vom Fußballspielen mit seinen
Söhnen. Dann schwenkt die Kamera
auf die Beine des Gefangenen, auf das,
was von ihnen übrig geblieben ist. Die
Lagerärzte haben dem Mann beide Unterschenkel
amputiert, nachdem Wärter
ihm die Knochen gebrochen hatten.
Es gibt auch komische Szenen. Kurnaz
lockt eine Echse in seine Zelle, er füttert
sie mit Brotkrumen, streichelt sie und versteckt
sie unter seiner Decke, trotz des
Verbots der Lagerleitung („Keine Haustiere!“)
und der Paranoia eines Mitgefangenen.
„Vorsicht“, sagt der Mann, als das
Reptil durch das Toilettenrohr in die Zelle
kriecht, „ein Spion.“
Kurnaz versucht in Guantanamo alles,
um seine Würde zu bewahren. In einer
Sequenz wird er zum Duschen geführt.
Kaum hat er sich eingeseift, dreht ein
Wärter das Wasser ab. „Die Zeit ist um“,
höhnt er, „du musst deinen dreckigen
Schwanz ein anderes Mal waschen, Arschloch.“
Als der Wärter ihn abführen will,
greift Kurnaz ihn an. Der Soldat geht zu
Boden, Kurnaz verpasst ihm mit dem
Kopf mehrere Stöße ins Gesicht. Dass er
anschließend selbst verprügelt wird,
nimmt er in Kauf.
„In Hollywood-Filmen sind Amerikaner
immer die Helden“, sagt Kurnaz, tatsächlich
aber seien viele seiner Peiniger
Feiglinge gewesen, ängstlich „wie kleine
Mädchen“, die sogar beim Anblick einer
Schlange in Ohnmacht gefallen seien.
Körperlich hat Kurnaz die Zeit in Guan -
tanamo gut überstanden. Schon als Jugendlicher
hatte er viel Sport getrieben,
vor allem Boxen, er war durchtrainiert
und stark, als er im Lager ankam, er hatte
Reserven, das half. In Guantanamo nahm
er 30 Kilogramm ab.
Seit Kurnaz wieder in Freiheit ist, trainiert
er mehr denn je, Kampfsportarten
wie Brasilianisches Jiu-Jitsu und Street
Fighting. Anders als in Guantanamo geht
es dabei Mann gegen Mann, mit festen
Regeln, kontrollierte Aggression. Sein
Kampfsportlehrer ist Amerikaner.
Dass Kurnaz sich beim Training ab und
an verletzt, halb so wild, „Kleinigkeiten,
das ist im Kampfsport normal“. Kurnaz
sagt, er wisse nicht immer genau, welche
Verletzungen noch aus dem Lager stammten
und welche neu seien.
Kurnaz wirkt entschlossen, abgeklärt,
„ich habe keine Alpträume“. Seine Religion,
der Islam, habe ihm geholfen, „ich
bin Gott dankbar, dass es mir gutgeht“.
Anders als die USA, die seit den An -
schlägen von 2001 an einem kollektiven
posttraumatischen Stresssymptom leiden,
hat Kurnaz offenbar keine psychischen
Macken davongetragen. Er ist verheiratet
und Vater von zwei kleinen Kindern, er
lebt wieder in Bremen-Hemelingen, dem
Stadtteil, in dem er aufgewachsen ist.
Bevor er 2001 nach Pakistan aufbrach,
hatte Kurnaz eine Lehre als Schiffbauer
begonnen. Heute hat er verschiedene
Jobs, „immer zeitlich begrenzt“, er redet
nicht gern darüber. Der „Stempel Guantanamo“,
sagt Kurnaz’ Rechtsanwalt
Bernhard Docke, sei „nicht gerade hilfreich“
bei der Stellensuche. Viele Menschen
reagierten „noch immer mit Angst
auf den Namen Murat Kurnaz“.
Kurnaz sieht es als seine Verpflichtung
an, keine Ruhe zu geben. Er will über
Guantanamo und seine Erlebnisse berichten,
in Deutschland, überall. Er tritt in
Universitäten auf, vor kurzem war er
drei Wochen lang in Japan, Interviews,
Podiums gespräche, Vorträge. „Haupt -
sächlich bin ich Menschenrechtsaktivist“,
sagt Kurnaz. In den USA kann er nicht
auftreten, dort gibt es ein Einreiseverbot.
Solange Guantanamo nicht geschlossen
ist, wird Kurnaz die Aufgabe als Zeitzeuge
erhalten bleiben. Seine Zeit als Gefangener
definiert, wer er ist und wie andere
Menschen ihn sehen.
Möglicherweise ist das gut so, nicht unbedingt
für Kurnaz, aber für die westliche
Welt, die Guantanamo, die größte Schande
Amerikas im 21. Jahrhundert, am liebsten
vergessen möchte. Kurnaz hindert
uns daran, durch seine bloße Existenz,
mit seinen Auftritten, jetzt auch mit einem
Spielfilm. „Ich rede gern darüber,
weil ich überlebt habe“, sagt Murat Kurnaz,
„es gibt nicht so viele andere, die
das können.“
DER SPIEGEL 20/2013, S. 125-27
*****************************************************
Page 1 of 1