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       #Post#: 1514--------------------------------------------------
       Ersatzkanzler in Ankara
   DIR By: KarlMartell
       Date: May 5, 2013, 6:41 am
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       Ersatzkanzler in Ankara
       Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan geriert
       sich als Patron türkischer Einwanderer in Deutschland.
       Doch seine aggressive Diaspora-Politik torpediert Integration.
       Die junge Frau aus Melle in Niedersachsen
       wurde wie ein Staatsgast
       empfangen. Ein Regierungsvertreter
       und etliche Fotografen erwarteten Elif
       Yaman in Ankara. Eine Limousine brachte
       die 19-Jährige zu einem Hotel, vor dem
       sie ihrer Mutter weinend in die Arme fiel.
       Das Fernsehen war live dabei.
       Auf diese Bilder hatten die türkischen
       Journalisten und Politiker gewartet, und
       auf den Satz, den Elif Yaman dann sagte:
       „Ich hätte es schöner gefunden, in einer
       türkischen Familie aufzuwachsen.“
       Es war ein Satz, wie ihn Bekir Bozdag
       liebt. Bozdag, 48, ist stellvertretender türkischer
       Ministerpräsident und, im Fall
       Yaman ist das noch wichtiger, Chef des
       „Amts für Auslandstürken“.
       Vor sieben Jahren hatte ein deutsches
       Jugendamt Elif Yamans alleinerziehender,
       überforderter Mutter das Sorgerecht entzogen.
       Das Mädchen kam zu deutschen
       Pflegeeltern. Dort wuchs es auf. Die Mutter
       zog zurück in die Türkei.
       Vor wenigen Monaten begann Bekir
       Bozdag, sich für die Yamans zu inter -
       essieren. Sein Chef, Ministerpräsident
       Recep Tayyip Erdogan, betreibt eine
       europa weite Kampagne gegen die angebliche
       Zwangsbekehrung türkisch-mus -
       limischer Pflegekinder. In Wahrheit versuchen
       deutsche Jugendämter, wenn muslimische
       Eltern ihr Sorgerecht verlieren,
       die Kinder bei muslimischen Familien unterzubringen.
       Erst wenn dies nicht gelingt,
       können die Kinder auch Eltern mit einer
       anderen Konfession anvertraut werden.
       Bekir Bozdag denunziert diese Praxis
       als „Assimilierung“. „Wir stehen vor einer
       großen Tragödie“, sagte er im vergangenen
       Jahr und versprach, alles zu
       tun, um „unsere Kleinen zu retten“. Tatsächlich
       schürt er damit den Argwohn
       von Einwanderern gegenüber deutschen
       Behörden. Türkische Medien nehmen
       Bozdags Vorwürfe gern auf: „Nazis also“,
       empörte sich das Boulevardblatt „Takvim“.
       Die deutschen Jugendämter würden
       „Familien zerstören“, schrieb die
       größte türkische Tageszeitung „Zaman“.
       Der Fall Yaman sollte genau dies illu -
       strieren. Bozdags Beamte organisierten
       ein Wiedersehen von Mutter und Tochter.
       Die Begegnung wurde inszeniert wie die
       Heimkehr eines vermissten Kindes – als
       hätte die türkische Regierung mit Heldenmut
       wiedergutgemacht, was herzlose
       deutsche Behörden verbrochen hatten.
       Im Pflegefamilien-Streit setzt sich Ministerpräsident
       Erdogan so in Szene, wie
       er sich am liebsten sieht: als Patron der
       Türken weltweit. Bei einem Wahlkampfauftritt
       in Düsseldorf 2011 rief er seinen
       Anhängern zu: „Ich bin hier, um nach
       eurem Wohl zu schauen. Ihr seid meine
       Staatsbürger, ihr seid meine Freunde, ihr
       seid meine Geschwister.“
       Die jüngste Kampagne ist typisch für
       Erdogans zunehmend aggressive Diaspora-
       Politik. Seine Regierung gibt vor, sich
       für die Integration türkischer Einwanderer
       und ihrer Kinder in Deutschland einzusetzen.
       Tatsächlich bewirkt sie das Gegenteil.
       2010 schuf Erdogan das Amt für Auslandstürken,
       eine Behörde in Ankara mit
       etwa 300 Mitarbeitern, verantwortlich für
       rund vier Millionen Türken in aller Welt.
       „Wo immer einer unserer Landsleute ist,
       da sind auch wir“, verspricht das Amt
       von Bekir Bozdag.
       In den vergangenen Monaten fiel der
       Vizepremier jedoch vor allem durch Angriffe
       gegen den deutschen Staat auf. Bei
       einem Treffen mit Bundesinnenminister
       Hans-Peter Friedrich im Februar kritisierte
       er Sprachkurse für Einwanderer als
       „Menschenrechtsverletzung“. Als in Köln
       bei einem Häuserbrand zwei türkische
       Migranten ums Leben kamen, verhöhnte
       Bozdag die Informationspolitik der Behörden
       als „lächerlich“. Im Streit um den
       Zugang türkischer Journalisten zum NSUProzess
       bezweifelte er die Glaubwürdigkeit
       der Richter und sagte: „Aus unserer
       Sicht ist dieses Gericht erledigt.“
       So nutzt die türkische Regierung das
       infolge der Sarrazin-Debatte und der
       NSU-Morde erschütterte Vertrauen vieler
       Migranten in den deutschen Staat – um
       einen Keil zwischen Einwandererfamilien
       und Mehrheitsgesellschaft zu treiben.
       Zwar hätten Politiker aus Ankara seit je
       versucht, Einfluss auf Türken im Ausland
       auszuüben, sagt Ali Dogan, Generalsekretär
       der Alevitischen Gemeinde Deutschland,
       die der türkischen Regierung eher
       fernsteht. Aber kein anderer gehe so
       schamlos vor wie Erdogan, und gleichzeitig
       so strategisch.
       Bereits 2005 eröffnete der Ministerpräsident
       in Köln die Zentrale der Union Europäisch-
       Türkischer Demokraten (UETD),
       einen Lobbyverein seiner islamisch-konservativen
       AK-Partei. Die Organisation
       wirbt unter Einwanderern um Stimmen
       für Erdogan und bereitete auch dessen
       Reden in Deutschland vor.
       Als das UETD-Büro in Berlin eingeweiht
       wurde, hielt Vizepremier Bozdag
       eine Ansprache: „Wir wollen uns um Ihre
       Sorgen kümmern und uns Tag und Nacht
       um eine Lösung bemühen.“
       Das ist allenfalls ein Teil der Wahrheit.
       Mit ihrer Diaspora-Politik verfolgt die tür-
       kische Regierung vor allem eigennützige
       Ziele: Sie will die Migranten als AKP-Unterstützer
       im Ausland einspannen und
       sich zu Hause als Anwältin türkischer Interessen
       profilieren.
       Zum Jahreswechsel hat das Amt für
       Auslandstürken einen Beirat geschaffen,
       dem Vertreter von Migrantenorganisationen,
       Wissenschaftler, Islam-Funktionäre
       aus aller Welt, insbesondere aus Deutschland,
       angehören. Darunter sind der Generalsekretär
       der islamistischen Milli-Görüs-
       Bewegung, die in Deutschland vom
       Verfassungsschutz beobachtet wird, und
       ein hochrangiger Funktionär der islamistischen
       Gemeinde des Predigers Fethullah
       Gülen.
       Auf der Homepage des Amts für Auslandstürken
       wird als Beiratsmitglied allerdings
       auch der Politikwissenschaftler
       Ahmet Ünalan genannt, der als Referent
       im nordrhein-westfälischen Schulministerium
       für die Gestaltung des Islam-Unterrichts
       zuständig ist. Ünalan kritisiert die
       Polemik des Vize-Premiers Bozdag und
       sagt, er habe sich inzwischen darum bemüht,
       von der Beiratsliste gestrichen zu
       werden.
       Offiziell soll das Amt der Regierung
       dabei helfen, türkische Staatsbürger im
       Ausland besser unterstützen zu können.
       Murat Cakir von der Rosa-Luxemburg-
       Stiftung glaubt hingegen, dass die Beiratsmitglieder
       als Lobbyisten der türkischen
       Regierung tätig werden sollen – etwa für
       eine linientreue Bewertung des Kurden-
       Konflikts oder des Völkermords an den
       Armeniern.
       Schon 2008 warnte Erdogan in seiner
       umstrittenen Kölner Rede, Assimilation
       sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
       Gleichzeitig forderte er seine Landsleute
       in der Fremde unverhohlen dazu
       auf, sich für die Belange der Türkei einzusetzen.
       „Sie können Druck ausüben,
       um Beschlüsse der Parlamente in den jeweiligen
       Ländern zu erwirken. Warum
       sollten nicht auch wir Lobbyismus betreiben,
       um unsere Interessen zu schützen?“
       Bundestagsabgeordnete türkischer Herkunft
       wie Memet Kilic, integrationspolitischer
       Sprecher der Grünen, werden regelmäßig
       von türkischen Regierungsvertretern
       zu AKP-Veranstaltungen in die
       Türkei gebeten. Kilic hat solche Einladungen
       bislang ausgeschlagen. Er will nicht
       Teil einer Strategie sein, die Migranten
       für Erdogans „neo-osmanische“ Agenda
       instrumentalisiert.
       In Deutschland leben zwischen 1,1 und
       1,3 Millionen wahlberechtigte Türken.
       Die Bundesrepublik ist damit nach Istanbul,
       Ankara und Izmir der viertgrößte
       türkische Wahlbezirk – allerdings mussten
       Türken im Ausland bislang in ihr Heimatland
       reisen, um ihre Stimme am Flughafen
       abzugeben, Briefwahl gab es nicht.
       Erdogan will im kommenden Jahr erstmals
       Urnen in der türkischen Botschaft
       und in den Konsulaten in Deutschland
       aufstellen lassen.
       Bei der Parlamentswahl 2011 votierten
       61 Prozent der Auslandstürken für die
       AKP, weit mehr als in der Türkei selbst,
       wo die Partei auf insgesamt 50 Prozent
       der Stimmen kam. Erdogan ist bei Mi -
       granten in Deutschland beliebt, er vermittelt
       ihnen Selbstbewusstsein und ein
       Gefühl, das sie hier allzu häufig vermissen:
       Zugehörigkeit.
       Sein Stellvertreter Bozdag würde am
       liebsten das Wahlrecht ausweiten, auf
       Menschen, die einen türkischen Pass besaßen
       – also auch auf deutsche Staatsbürger
       türkischer Herkunft. Der CDU-Politiker
       und frühere Integrationsminister
       Nordrhein-Westfalens Armin Laschet
       nannte das Vorhaben „integrationspolitisch
       schädlich“, auch weil es suggeriere,
       der türkische Staat könne die Lebensbedingungen
       der Menschen in Deutschland
       verbessern.
       Menschen mit Migrationshintergrund
       haben hierzulande immer noch schlechtere
       Chancen, einen Ausbildungs- oder
       Arbeitsplatz zu finden, als Kinder deutscher
       Eltern. Viele Einwanderer fühlen
       sich mit ihren Sorgen von deutschen Poli -
       tikern nicht ernst genommen. Die türkische
       Regierung springt in diese Lücke:
       Erdogan präsentiert sich als eine Art Ersatzkanzler
       für türkische Migranten und
       ihre Kinder. Gleichzeitig entfremdet er
       sie der deutschen Gesellschaft mit Kampagnen
       wie zuletzt der gegen christliche
       Pflegefamilien.
       Vergebens hat sich Innenminister Friedrich
       bei seinem Besuch in Ankara im Fe -
       bruar bemüht, die türkische Regierung
       zu beschwichtigen. Auch von Appellen
       aus Europa lässt sich der selbstbewusste
       Premierminister nicht schrecken. Ausbremsen,
       sagt der Grünen-Politiker Kilic,
       könne man Erdogan am besten durch
       eine erfolgreiche Integrationspolitik: eine,
       die bei Migranten gar nicht erst die Sehnsucht
       nach Unterstützung aus Ankara aufkommen
       lässt.
       DER SPIEGEL 19/2013, S. 36-37
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