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       #Post#: 1398--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 5:56 am
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       7. Die Scheidung
       15. April 2008
       Der große Tag ist gekommen, schneller als erwartet! So viele
       Menschen! Der Gerichtssaal ist zum Bersten voll. Beeindruckend.
       All diese Leute, die sich da auf den Zuschauerbänken drängeln,
       sind die etwa alle wegen mir gekommen? Shada hat mich
       vorgewarnt. Die Vorbereitungen haben viel Zeit in Anspruch
       genommen. Doch Shadas Pressearbeit hat Früchte getragen. So
       sehr, dass sie angesichts dieser Menschenmenge nicht weniger
       überrascht scheint als ich! Etwa eine Woche ist seit unserer
       ersten Begegnung verstrichen. Eine Woche Zeit, um mit der
       Presse, dem Fernsehen, den Frauenorganisationen zu sprechen. Und
       dies ist das Ergebnis. Ein Wunder! Noch nie in meinem Leben habe
       ich so viele Fotoapparate und Filmkameras gesehen. Sind es die
       vielen Menschen im überfüllten Saal, die mir die Luft zum Atmen
       nehmen, oder habe ich einfach Lampenfieber? Unter meinem
       schwarzen Kopftuch bin ich schweißgebadet.
       »Nojoud, bitte lächeln«, ruft ein Fotograf, der sich unter
       Einsatz seiner Ellbogen zu mir durchkämpft.
       Kaum ist er bei mir angekommen, da richtet sich eine ganze
       Batterie von Objektiven auf mich. Sogar Videokameras sind dabei!
       Ich erröte. Das viele Blitzlicht kann einem richtig Angst
       machen. Und nirgends in der Menge ein bekanntes Gesicht. All
       diese Leute, die mich anschauen … Ich halte mich an Shada fest.
       Ihr Duft hilft mir. Der Duft von Jasmin, der mir mittlerweile so
       vertraut ist. Sie ist wie eine zweite Mutter für mich, Shada!
       »Khaleh Shada«, frage ich, »Tante Shada?«
       »Ja, Nojoud?«
       »Ich habe Angst.«
       »Wir schaffen das schon. Wir schaffen das«, flüstert sie mir zu.
       Ich hätte mir nie vorstellen können, dass sich so viele Leute
       für mich interessieren könnten. Für mich, die ich so viele
       Monate lang still gelitten hatte. Nun stand ich plötzlich mitten
       im Rampenlicht, wurde von Journalisten belagert.
       Shada hatte mir doch versprochen, es kämen keine, es wären
       überhaupt keine anderen Leute da. Was soll ich nun sagen, wenn
       sie anfangen, mir Fragen zu stellen? Ich habe nicht gelernt, wie
       man das macht.
       »Shada?«
       »Ja, Nojoud?«
       »Diese vielen Blitzlichter, das ist ja, wie wenn … wie wenn Bush
       kommt, dieser Amerikaner, den man immer im Fernsehen sieht.«
       Shada lächelt.
       »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen«, sagt sie.
       Ich versuche, tapfer zu lächeln. Doch innerlich bin ich wie
       gelähmt. Ich kann mich kaum bewegen, mir ist, als seien meine
       Füße an den Boden genagelt. Da steht eine große Frage vor mir,
       die mir Angst macht. Wie geht das überhaupt, Scheidung, was
       heißt das eigentlich? Ich habe ganz vergessen, Shada danach zu
       fragen. In der Schule haben wir nie über solche Sachen geredet.
       Auch wenn ich mit Malak, meiner besten Freundin, immer über
       alles gesprochen habe. Aber doch nie über so etwas.
       Wahrscheinlich haben wir uns gedacht, das ist ein Thema für die
       Großen, und wir fühlten uns noch zu klein, um uns mit solchen
       Dingen zu beschäftigen. Und jetzt fällt mir ein, dass ich nicht
       einmal weiß, ob meine Lehrerinnen verheiratet oder geschieden
       waren. Es ist mir nie eingefallen, sie danach zu fragen. Daher
       ist es nicht so einfach für mich, meine Geschichte mit der von
       anderen Frauen zu vergleichen.
       Da schießt mir ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf: Und
       wenn das Monster einfach »nein« sagt? Was soll ich tun, wenn er
       sich der Trennung widersetzt, wenn er, seine Brüder und die
       anderen Männer des Dorfs im Rücken, den Richter mit seinem
       jambia bedroht? Was dann?
       »Hab keine Angst, alles wird gutgehen«, sagt Shada und legt mir
       beruhigend die Hand auf die Schulter.
       Ich hebe den Kopf, um sie besser sehen zu können. Wahrscheinlich
       hat sie nicht viel geschlafen. Sie hat Ringe unter den Augen und
       sieht müde aus. Alles wegen mir, das ist mir unangenehm. Aber
       auch wenn sie müde ist, Shada ist immer schön. Und elegant. Wie
       eine Frau aus der Stadt! Sieh mal an, sie trägt heute ein
       anderes Kopftuch, es ist rosa, wie ihre Tunika. Eine meiner
       Lieblingsfarben! Heute trägt sie einen langen grauen Rock und
       Schuhe mit hohen Absätzen. Ich bin froh, sie an meiner Seite zu
       haben.
       Da bemerke ich, wie mir aus der Menge heraus jemand zuwinkt. Das
       ist Hamed Thabet, der Reporter der »Yemen Times«! Endlich
       jemand, den ich kenne. Hamed, mein neuer Freund, er ist wie ein
       großer Bruder, ein echter, nicht einer wie Mohammad. Eine
       Bekannte von Shada hat ihn uns vorgestellt. Er ist groß und
       gebräunt, hat ein rundes Gesicht, ich fand ihn gleich sehr nett.
       Ich habe keine Ahnung, wie alt er genau ist. Ich habe mich nicht
       getraut, ihn danach zu fragen. Wir sind uns erst vor wenigen
       Tagen zum ersten Mal begegnet, im Hof des Gerichtsgebäudes, fast
       an der gleichen Stelle, wo mir kurz zuvor Shada über den Weg
       gelaufen ist.
       Erst hat er mich gefragt, ob er ein Foto von mir machen darf,
       und dann sind wir in ein kleines Restaurant ganz in der Nähe des
       Gerichts gegangen. Mit einem Kugelschreiber und einem Notizblock
       in der Hand hat er mir viele Fragen gestellt: über meine Eltern,
       über meine Ehe, über Khardji, über die erste Nacht … Mit
       Schamröte im Gesicht habe ich ihm meine Geschichte erzählt. Aber
       als ich sah, wie er schmerzlich das Gesicht verzog, als ich den
       Blutfleck auf dem Laken erwähnte, da wusste ich, dass er
       Mitgefühl hatte. Ich konnte sehen, wie er unwillkürlich mit
       seinem Kugelschreiber auf dem Tisch trommelte. Sosehr er sich
       bemühte, seine Gefühle zu verbergen, ich bemerkte doch, dass ihm
       die Geschichte zu Herzen ging. Sie machte ihn zornig, er litt
       mit mir mit, das war nicht zu übersehen.
       »Aber du bist doch noch so klein! Wie konnte er nur?«, murmelte
       er.
       Seltsam, dass ich diesmal nicht zu weinen anfing. Nach einigen
       Minuten Schweigen fuhr ich fort:
       »Ich wollte draußen spielen, wie alle Kinder in meinem Alter.
       Aber er hat mich geschlagen und mich gezwungen, mit ihm ins
       Schlafzimmer zu gehen, wo er schmutzige Sachen von mir verlangt
       hat. Er hat mich immer nur mit Schimpfwörtern angeredet.«
       Als wir uns verabschiedeten, war Hameds Notizblock ganz
       vollgekritzelt. Er hat alles aufgeschrieben, jedes Wort. Es ist
       ihm dann sogar gelungen, sich Einlass im Gefängnis zu
       verschaffen und mit seinem Handy Fotos von Aba und dem Monster
       zu machen. Einige Tage später erzählte mir Shada, dass sein
       Artikel erschienen ist und im Jemen einen ziemlichen Wirbel
       ausgelöst hat. Hamed ist der erste Journalist, der meine
       Geschichte erzählt hat. Erst war mir das alles peinlich, das ist
       wahr. Aber heute weiß ich, dass ich ihm viel verdanke.
       Unter Blitzlichtgewitter betrete ich den Gerichtssaal.
       Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Eskortiert von zwei
       Soldaten mit schwarzem Barett und olivgrüner Uniform, erkenne
       ich Aba und … ihn. Beide sehen wütend aus. Das Monster schlägt
       die Augen nieder, als es an uns vorbeigeht, dreht sich dann aber
       plötzlich nach Shada um.
       »Sie sind wohl stolz, wie? Ich habe kein richtiges Hochzeitsfest
       gehabt. Aber dafür haben Sie jetzt gesorgt, für ein richtiges
       Fest!«, zischt er sie an.
       Wie kann er es wagen, so mit ihr zu reden? Kommt es nun so, wie
       ich befürchtet habe? Doch Shada bleibt erstaunlich ruhig. Sie
       senkt nicht einmal den Blick. Ihre Stärke beeindruckt mich. Sie
       braucht nicht wild herumzufuchteln, um ihre Empfindungen zum
       Ausdruck zu bringen. Ihr Blick zeigt deutlich genug, welche
       Verachtung sie für ihn empfindet. Nur ein Blick, das ist alles.
       Ich habe in den letzten Tagen viel von ihr gelernt.
       »Hör einfach gar nicht hin«, rät sie mir.
       Sosehr ich versuche, nach dem Vorbild von Shada meine Gefühle
       unter Kontrolle zu halten, es will mir nicht gelingen.
       Jedenfalls noch nicht. Keine Chance, mein Herz beginnt zu
       klopfen. Ich hasse ihn so sehr, nach allem, was er mir angetan
       hat! Ich hebe den Kopf, und mein Blick kreuzt den von Aba. Er
       sieht gequält aus. Ich muss mich zusammenreißen. Aber ich habe
       Angst, dass er mir sein ganzes Leben lang nicht verzeihen wird.
       Die Ehre, sagt er. Die Ehre. Wenn ich sein Gesicht sehe, fange
       ich an zu begreifen, was dieses schwierige Wort sagen will. Ich
       sehe in seinen Augen Wut und Scham zugleich. Die vielen Kameras,
       die sich auf ihn richten. Ich bin so zornig auf ihn, und dennoch
       habe ich Mitleid. Ich kann nicht dagegen an. Vor Männern hat man
       eben Respekt, so ist das im Jemen.
       »Was für ein Gewühle!«, entfährt es einem Saalordner. »So voll
       war es hier im Gerichtssaal noch nie!«
       Schon geht das Blitzlichtgewitter wieder los. Anscheinend ist
       eine wichtige Persönlichkeit gekommen. Es ist Mohammad al-Ghazi,
       der Vorsitzende des Gerichts. Ich erkenne seinen weißen, hinter
       dem Kopf zusammengeknoteten Turban sofort wieder. Er hat einen
       schmalen Schnurrbart und einen kleinen Kinnbart. Über seiner
       weißen Tunika trägt er eine graue Weste. In seinem Gürtel prangt
       der jambia.
       Ich schaue ihn an, verfolge jede seiner Gesten. Jetzt tritt er
       hinter den Richtertisch, auf dem die vielen Mikrofone der
       Fernsehsender und Radiostationen stehen.
       Er setzt sich, legt einen Stapel Aktenordner vor sich hin. Er
       sieht aus wie der Staatspräsident, der gleich eine Rede hält.
       Richter Abdo setzt sich an seine Seite. Wie gut, dass sie da
       sind, um mir zu helfen! Ich kann immer noch nicht glauben, dass
       das alles nun Wirklichkeit ist.
       »Im Namen Gottes des Allmächtigen und Barmherzigen erkläre ich
       die Sitzung hiermit für eröffnet«, sagt al-Ghazi und fordert uns
       mit einer Geste auf, dem Richtertisch näher zu kommen.
       Shada gibt mir ein Zeichen, ihr zu folgen. Auch Aba und das
       Monster treten näher. Ich spüre die unruhige Menge hinter uns.
       Ein Teil von mir fühlt sich erstaunlich stark. Doch der andere
       Teil, den ich nicht unter Kontrolle bekomme, würde sich in
       diesem Augenblick am liebsten in eine kleine Maus verwandeln.
       Ich stehe mit gekreuzten Armen da und bemühe mich, nicht einfach
       umzufallen.
       Nach einer Weile ergreift schließlich Richter Abdo das Wort:
       »Wir haben es hier mit dem Fall eines Mädchens zu tun, das ohne
       seine Zustimmung verheiratet worden ist. Nach Abschluss des
       Ehevertrags wurde sie mit Gewalt in den Bezirk Hajjah gebracht.
       Dort hat sie ihr Mann sexuell missbraucht, denn sie hat noch
       nicht die Pubertät erreicht und war für diese Art von Beziehung
       noch gar nicht bereit. Er hat sie nicht nur missbraucht, er hat
       sie auch geschlagen und beschimpft. Daher ist sie heute hier
       erschienen und bittet darum, geschieden zu werden.«
       Der große Augenblick, den ich so lange erwartet habe, rückt
       näher. Der Augenblick, in dem die Schuldigen bestraft werden.
       Wie in der Schule, wenn die Lehrerin uns in die Ecke stellte.
       Vorausgesetzt, ich gewinne gegen das Monster, vorausgesetzt, er
       willigt in die Scheidung ein!
       Mohammad al-Ghazi klopft einige Mal mit einem kleinen Hammer auf
       den Tisch.
       »Hören Sie mir gut zu«, herrscht er das Monster an, das ich mehr
       als alles auf der Welt hasse. »Stimmt es, dass Sie vor zwei
       Monaten dieses Mädchen geheiratet und mit ihr geschlafen, sie
       auch geschlagen haben? Ist das wahr? Ja oder nein!«
       Er fängt an zu blinzeln, ehe er antwortet:
       »Nein, das stimmt nicht! Sie und ihr Vater haben in die Heirat
       eingewilligt.«
       Was höre ich da? Wie kann er es wagen? So ein Lügner! Ich hasse
       ihn!
       »Haben Sie mit ihr geschlafen? Haben Sie mit ihr geschlafen?«,
       wiederholt al-Ghazi.
       Eisiges Schweigen senkt sich über den Saal.
       »Nein!«
       »Haben Sie sie geschlagen?«
       »Nein! Ich habe nie Gewalt angewendet.«
       Ich klammere mich an den Mantel von Shada. Wie kann er so dreist
       sein, der Kerl mit seinen gelben Zähnen, seinem schiefen Lächeln
       und seinen struppigen Haaren? Wie kann er nur einfach so lügen?
       Das kann ich nicht durchgehen lassen. Ich muss etwas sagen!
       »Er lügt!«, entfährt es mir.
       Der Richter kritzelt etwas auf sein Blatt. Dann heftet er seinen
       Blick auf meinen Vater.
       »Waren Sie mit dieser Heirat einverstanden?« »Ja.«
       »Wie alt ist Ihre Tochter?«
       »Meine Tochter ist dreizehn.«
       Dreizehn? Niemand hat je zuvor gesagt, ich sei dreizehn! Seit
       wann bin ich denn dreizehn? Ich dachte immer, ich sei acht, neun
       oder höchstens zehn Jahre alt! Ich zupfe an meinen Fingern, um
       die Fassung zu bewahren. Dann höre ich wieder genau hin.
       »Ich habe meine Tochter verheiratet, weil ich Angst hatte«, sagt
       mein Vater. »Ich hatte Angst …«
       Seine Augen sind gerötet. Angst? Angst vor was?
       »Ich habe sie verheiratet, weil ich Angst hatte, dass sie
       entführt wird, wie ihre beiden großen Schwestern …«, fährt er
       fort und hebt die Fäuste zum Himmel. »Schon zwei Töchter sind
       mir von einem Mann genommen worden! Entführt! Das ist schlimm
       genug. Er ist jetzt im Gefängnis.«
       Ich verstehe nicht richtig, was er da sagt. Seine Antworten sind
       ausweichend und gewunden. Auch die Fragen des Richters werden
       immer unverständlicher. Für mich ist es alles andere als
       einfach, solchen Gesprächen zu folgen. Worte, Worte, nichts als
       Worte. Erst leise Worte, dann harte und immer härtere, wie
       Steine, die man an eine Mauer wirft, so dass sie zerspringen.
       Unmerklich wird der Wortwechsel immer schneller, der Ton
       aggressiver. Im Saal wird gemurmelt. Mein Herz klopft immer
       mehr. Das Monster murmelt Mohammad al-Ghazi etwas zu, das ich
       nicht verstehe. Der klopft mehrmals energisch mit dem Hammer auf
       den Tisch.
       »Auf Antrag des Ehemanns wird die Sitzung unter Ausschluss der
       Öffentlichkeit fortgesetzt«, verkündet er.
       Er macht uns ein Zeichen, ihm in einen anderen Raum zu folgen.
       Hier gibt es kein Publikum. Ohne die Menschenmenge fühle ich
       mich gleich besser. Wo es hier doch um ganz persönliche Dinge
       geht. Doch es ist noch nicht vorbei mit den Fragen. Ich muss das
       aushalten.
       »Herr Faez Ali Thamer, haben Sie die Ehe vollzogen?«, fragt der
       Richter.
       Ich halte die Luft an.
       »Ja«, antwortet er. »Aber ich war zärtlich mit ihr.
       Rücksichtsvoll. Ich habe sie nicht geschlagen.«
       Seine Antwort springt mir ins Gesicht, lässt all die Schläge,
       Schimpftiraden, Schmerzen wiederaufleben. »Wie bitte, nicht
       geschlagen? Und alle diese blauen Flecke, und alle die Tränen,
       die du vor Schmerzen geweint hast? Deine Stunde ist gekommen, du
       musst etwas tun!«, sagt mir meine innere Stimme. Ich reiße mich
       zusammen.
       »Das stimmt nicht!«, rufe ich laut aus.
       Alle schauen mich an. Ich bin wohl selbst am meisten überrascht
       von dieser Spontaneität, die sonst so gar nicht meine Art ist.
       Von diesem Moment an geht alles sehr schnell. Das Monster läuft
       vor Zorn rot an. Er sagt, mein Vater habe ihn betrogen und über
       mein Alter belogen. Nun regt sich auch Aba auf. Er sagt, es sei
       abgemacht gewesen, dass er mich erst anrührt, wenn ich größer
       bin. Da wird das Monster erst richtig dreist. Er wolle nur unter
       der Bedingung in die Scheidung einwilligen, dass mein Vater das
       Brautgeld zurückzahlt! Er habe nie Geld erhalten, gibt mein
       Vater zurück. Auf einmal geht es zu wie im Basar! Wie viel?
       Wann? Wie? Wer sagt die Wahrheit? Wer lügt? Jemand bietet dem
       Monster 50 000 Rial an, wenn die Sache damit geregelt wäre. So
       viel verdient ein Arbeiter im Jemen in vier Monaten. Mir wächst
       das alles über den Kopf. Ich will das alles nicht mehr hören!
       Ich möchte nur meine Ruhe haben, ein für alle Mal! Ich habe
       genug von diesen Streitereien unter den Großen, unter denen
       immer wir Kinder zu leiden haben!
       Endlich kommen die erlösenden Worte des Richters.
       »Die Scheidung ist hiermit vollzogen!«, verkündet er.
       Die Scheidung ist vollzogen! Ich wage es kaum, meinen Ohren zu
       trauen. Ich möchte jubeln, meine Freude laut hinausrufen! So
       glücklich bin ich, dass ich es gar nicht mitbekomme, als der
       Richter verfügt, dass mein Vater und das Monster freigelassen
       werden sollen. Ohne das geringste Bußgeld, sie müssen nicht
       einmal eine Verpflichtung zur Besserung unterzeichnen!
       Im Moment möchte ich nur meine wiedergefundene Freiheit
       genießen. Als wir den kleinen Raum verlassen, stelle ich fest,
       dass die Menschenmenge immer noch da ist – lauter als zuvor!
       »Ein Satz für die Kameras, nur ein Satz!«, ruft ein Journalist.
       Alle drängen herbei, alle wollen mich sehen. Sie applaudieren.
       »Mabrouk!«, schallt es mir wie ein Chor in den Ohren.
       So jung sei sicherlich noch niemand auf der Welt geschieden
       worden, höre ich jemanden hinter mir murmeln.
       Dann geht ein Regen von Geschenken auf mich nieder. Ein Mann,
       den meine Geschichte gerührt hat, drückt mir ein Bündel
       Geldscheine in die Hand. 150 000 Rial! Er stellt sich als
       Vertreter eines saudischen Spenders vor. Noch nie in meinem
       Leben habe ich so viel Geld in der Hand gehabt.
       »Dieses Mädchen ist eine Heldin. Sie hat eine Belohnung
       verdient!«, ruft er.
       Ein anderer Mann erzählt mir von einer Irakerin, die mir Gold
       schenken will.
       Schon geht wieder das Blitzlichtgewitter los. Da erhebt sich in
       der Menge einer meiner Onkel und ruft zu Shada hinüber:
       »Sie haben das Ansehen unserer Familie beschmutzt! Sie haben
       unsere Ehre befleckt!«
       Shada schaut mich an.
       »Dummes Zeug, was er da sagt«, flüstert sie mir ins Ohr.
       Sie nimmt mich an der Hand und führt mich hinaus. Vor meinem
       Onkel brauche ich keine Angst mehr zu haben, schließlich habe
       ich gewonnen! Gewonnen! All das Geschimpfe, es hat ein Ende! Ich
       bin geschieden! Die Ehe, sie ist vorbei! Wie seltsam, mit einem
       Mal fühle ich mich ganz leicht, ich habe das Gefühl, wieder ein
       Kind zu sein …
       »Khaleh Shada?«
       »Ja, Nojoud?«
       »Ich möchte neue Spielsachen haben! Ich möchte Schokolade und
       Kuchen essen!«
       Ihre ganze Antwort ist ein Lächeln.
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       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 5:57 am
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       8. Der Geburtstag
       So fühlt sich das also an, das Glück. In den wenigen Stunden,
       seit ich das Gerichtsgebäude verlassen habe, ist etwas
       Erstaunliches mit mir passiert. Noch nie sind mir das Hupen und
       der Lärm auf den verstopften Straßen so wundervoll erschienen.
       Gerade eben bin ich an einem Laden vorbeigekommen und habe Lust
       auf ein großes Eis bekommen. »Und ich esse auch noch eins, und
       wenn ich will, sogar noch ein drittes.« Ich habe eine Katze
       gesehen und wollte gleich zu ihr hinlaufen und sie streicheln.
       Ich muss dauernd blinzeln, so als würde ich zum ersten Mal die
       kleinen Freuden des Lebens entdecken. Ich fühle mich glücklich.
       Es ist der schönste Tag in meinem Leben.
       »Wie sehe ich aus, Shada?«
       »Schön, wunderschön!«
       Zur Feier meines Sieges hat mir Shada ganz neue Kleider
       geschenkt. In meinem neuen rosa Sweatshirt und meiner mit bunten
       Schmetterlingen bestickten Jeans komme ich mir wie eine ganz
       neue Nojoud vor. Ich gefalle mir mit meinen langen, lockigen
       Haaren, die ich mit einem grünen Band zu einem Knoten gebunden
       habe. Vor allem deshalb, weil ich zur Feier des Tages mein
       schwarzes Kopftuch ablegen durfte, weshalb mir auch alle
       Komplimente über meine Frisur machen.
       Wir sind mit Hamed von der »Yemen Times« und einigen anderen
       Journalisten verabredet. Das dreistöckige Gebäude macht großen
       Eindruck auf mich. Ein uniformierter Portier bewacht den
       Eingang. Wie vor den Villen in den schicken Vierteln von Sanaa,
       die ich so gerne zeichne! Noch ganz benommen, steige ich langsam
       die Stufen der großen Marmortreppe hinauf und halte mich dabei
       am Holzgeländer fest. Die Fenster sind so blank geputzt, dass
       die Sonnenstrahlen sich in kleinen gelben Kreisen an den Wänden
       abzeichnen. Ein angenehmer Geruch von Bohnerwachs hängt in der
       Luft.
       Nadia, die Chefredakteurin der »Yemen Times«, empfängt mich in
       der zweiten Etage mit offenen Armen. Eine Frau an der Spitze
       einer Zeitung? Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Und ihr
       Mann erlaubt ihr das so einfach? Nadia, der meine Verblüffung
       nicht entgeht, lacht schallend.
       »Komm, ich zeige dir etwas«, sagt sie.
       Nadia öffnet eine Tür im hinteren Teil ihres großen,
       hellerleuchteten Büros. Ein Kinderzimmer! Überall liegen kleine
       Kissen, Spielzeug ist auf dem Boden verstreut.
       »Das Zimmer meiner Tochter«, erklärt sie mir. »Manchmal nehme
       ich sie mit zur Zeitung. So kann ich gleichzeitig Omma sein und
       arbeiten.«
       Ein ganzes Zimmer nur für ihre Tochter! Vor mir tut sich eine
       völlig unbekannte Welt auf. Mir ist, als käme ich von einem
       anderen Planeten. Ich fühle mich ein wenig eingeschüchtert, aber
       es ist auch sehr faszinierend.
       Doch damit fangen die Überraschungen erst an. Als Nadia mich in
       den Redaktionssaal führt, stelle ich zu meinem Erstaunen fest,
       dass hier in der Mehrzahl Journalistinnen arbeiten, Frauen!
       Manche sind von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt und lüften ihren
       niqab nur, wenn sie an ihrem Tee nippen. Andere tragen
       orangefarbene oder rote Kopftücher, unter denen blonde
       Haarsträhnen hervorschauen, die gut zu ihren blauen Augen und
       ihrem milchweißen Teint passen. Sie haben lange, lackierte
       Fingernägel, und ihr Arabisch hat einen merkwürdigen Akzent. Ob
       es Ausländerinnen sind – Amerikanerinnen oder Deutsche
       vielleicht, verheiratet mit jemenitischen Männern? Sicherlich
       haben sie studiert, um hier arbeiten zu können. Und bestimmt
       fahren sie auch im eigenen Auto zur Arbeit, so wie Shada.
       Ich stelle mir vor, wie sie Kaffee trinken und Zigaretten
       rauchen, wie im Fernsehen. Vielleicht tragen sie sogar
       Lippenstift auf, wenn sie in der Stadt essen gehen. Eine von
       ihnen führt gerade ein intensives Telefongespräch. Ich spitze
       die Ohren und lasse mich von dieser wohlklingenden Sprache
       entführen. Englisch, nehme ich an. Eines Tages möchte ich auch
       Englisch lernen.
       Ich werde nicht müde, sie zu betrachten. Besonders beeindruckt
       bin ich davon, wie sie gleichzeitig tippen und dabei auf die
       Fernseher schauen, die auf jedem der hellen Holzschreibtische
       stehen. Arbeiten und dabei »Tom und Jerry« schauen, was für eine
       artistische Leistung und was für ein Luxus!
       »Nojoud, das sind Computer!«, ruft Hamed, der meine Verwunderung
       bemerkt hat.
       »Was für Dinger?«
       »Computer! Das sind Geräte mit einer Tastatur, mit denen kann
       man Artikel schreiben und Briefe verschicken. Auch Fotos kann
       man darauf anschauen.«
       Geräte, mit denen man Briefe verschicken und Fotos anschauen
       kann! Diese Frauen haben nicht nur Stil, sie sind auch sehr
       modern. Ich versuche, mir vorzustellen, wie ich hier in zehn
       oder zwanzig Jahren sitze. Mit lackierten Fingernägeln und einem
       Kugelschreiber. Journalistin, das wäre etwas für mich. Oder
       vielleicht doch lieber Rechtsanwältin? Warum nicht beides? Mit
       meinem Computer schicke ich dann Briefe an Hamed und Shada.
       Jedenfalls würde ich hart arbeiten! In einem Beruf, in dem ich
       Menschen in Not helfen könnte, ein besseres Leben zu führen.
       Die Besichtigung endet im großen Konferenzraum. »Hier treffen
       wir uns bei großen Anlässen«, erklärt mir Nadia.
       »Bravo, Nojoud!«, ruft eine Männerstimme.
       »Nojoud hat gewonnen, Nojoud hat gewonnen!«, ruft es im Chor.
       Kaum bin ich durch die große Tür getreten, finde ich mich von
       etwa dreißig Personen umringt, die mich mit großen Augen
       ansehen. Applaus brandet auf, man zwinkert mir zu, lächelt mich
       an, Handküsse fliegen durch die Luft. Ich zwicke mich in den
       Arm, um mich zu vergewissern, dass ich nicht träume. Der »große
       Anlass«, das bin heute ich!
       Nun regnet es von allen Seiten Geschenke! Hamed ist der Erste,
       er überreicht mir einen riesigen roten Teddybären. Er ist so
       groß, dass er mir fast bis zu den Schultern reicht. Auf seinem
       runden Bauch trägt er ein großes Herz, auf dem Buchstaben
       stehen, die ich nicht entziffern kann.
       »Da steht ›I love you‹«, erklärt mir Hamed. »Das ist Englisch
       und heißt ›Ich liebe dich‹.«
       Ich weiß gar nicht, wohin mit den vielen Päckchen, die mir von
       allen Seiten gereicht werden. Eine nach der anderen öffne ich
       die Schleifen, jedes enthält eine Überraschung: ein kleines
       elektrisches Klavier, Malstifte, Zeichenblöcke, eine
       Fulla-Puppe, wie ich sie beim Richter Abdel Wahed gesehen habe.
       Ich suche nach Worten, um meine Dankbarkeit auszudrücken, aber
       ich finde nur ein einziges:
       »Shokran!«, rufe ich lächelnd. »Danke!«
       Nun fordert mich Nadia auf, den Kuchen anzuschneiden. Ein
       Schokoladenkuchen, mein Lieblingskuchen! Er ist mit fünf roten
       Kirschen dekoriert. Da kommt mir plötzlich die Erinnerung, wie
       ich mit Mona in Sanaa über die Hayle Avenue gebummelt bin. Wie
       oft hatte ich, die Nase an die Schaufenster der Läden gepresst,
       von einer Hochzeitsfeier mit Geschenken und Abendkleidern
       geträumt? Aber es ist ganz anders gekommen.
       Verglichen mit den Träumen, die man hat, kommt einem die
       Wirklichkeit manchmal sehr grausam vor. Aber sie kann auch
       schöne Überraschungen bereithalten.
       Heute ist ein richtiges Fest. Wäre es ein Nachtisch, so wäre er
       nicht nur süß, sondern auch noch mit dicker Glasur und dazu
       innen herrlich weich. Genau wie meine Lieblingsbonbons mit
       Kokosnussfüllung.
       »Die Scheidungsfeier ist ja viel besser als die
       Hochzeitsfeier!«, rufe ich und schließe meinen großen Teddybären
       in die Arme.
       »Welches Lied sollen wir dir denn zur Feier des Tages singen,
       Nojoud?«, fragt mich Nadia.
       »Ich weiß nicht«, murmele ich unentschieden.
       Doch Shada hat eine Idee: »Warum singen wir nicht einfach ›Happy
       Birthday‹?«, schlägt sie vor.
       »›Happy Birthday‹? Was ist das denn?«, frage ich, ein wenig
       verwundert.
       »Nun, das singt man an dem Tag, an dem jemand geboren worden
       ist.«
       »Ach so. Nur …«
       »Was denn?«
       »Ich weiß ja gar nicht, an welchem Tag ich geboren wurde.«
       »Das macht nichts. Dann ist eben ab heute dieser Tag dein
       Geburtstag!«, ruft sie.
       Alle applaudieren.
       »Happy Birthday, Nojoud! Happy Birthday!«
       Ich lache fröhlich. Es ist so einfach, glücklich zu sein, wenn
       man unter lauter lieben Menschen ist!
       #Post#: 1400--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 5:59 am
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       9. Mona
       Juni 2008
       Seit ich geschieden bin, ist mein Leben wie verwandelt. Ich
       weine nicht mehr. Ich habe immer seltener Alpträume. Was ich
       durchlitten habe, hat mich auch stärker gemacht. Wenn ich aus
       dem Haus gehe, kommt es vor, dass mich die Frauen aus der
       Nachbarschaft ansprechen und mich beglückwünschen. »Mabrouk!«,
       rufen sie mir zu – ein Wort, an das sich für mich böse
       Erinnerungen knüpfen, das ich nun aber wieder gern höre. Dabei
       kenne ich viele der Frauen gar nicht! Auch wenn ich dann erröte,
       im Innern bin ich sehr stolz!
       Ich fühle mich nun viel stärker. Ich höre genau hin, wenn
       geredet wird. Langsam lüften sich für mich all die Geheimnisse
       um meine Familie, meine Schwestern, meine Brüder. Die
       Geheimnisse um Mona vor allem. Das komplizierte Puzzle setzt
       sich Stück für Stück zusammen …
       »Wartet, ich komme mit!«, ruft Mona und läuft zum Auto.
       Heute ist Eman gekommen, eine Aktivistin, die sich für die
       Rechte der Frauen einsetzt. Sie besucht mich zu Hause, begleitet
       von einer ausländischen Journalistin. Seit kurzem lebe ich nicht
       mehr bei meinem Onkel, sondern wieder bei meinen Eltern. So ist
       es besser.
       Meine Eltern sind in ein anderes Viertel gezogen, nach Dares,
       das liegt an der Straße zum Flughafen. Es ist ein kleines
       Häuschen, nur zwei Zimmerchen. An die Wände gelehnte Polster
       sind die ganze Einrichtung. Nachts wird man oft vom Lärm der
       landenden Flugzeuge geweckt.
       Aber hier kann ich wenigstens ein Auge auf Haïfa haben, sie
       beschützen. Falls jemand auftauchen sollte und sie heiraten
       will, dann würde ich sofort einschreiten. »Nein! Das ist
       verboten!« würde ich sagen. Und wenn niemand auf mich hören
       wollte, würde ich die Polizei rufen! Tief in meiner Tasche
       vergraben hüte ich das Handy, das mir Hamed gegeben hat. Ein
       ganz neues Handy, so eines, wie Shada hat, damit kann ich sie
       jederzeit anrufen.
       Mein großer Bruder Mohammad ist weniger glücklich. Seit der
       Gerichtsverhandlung schimpft er häufig über Haïfa und mich. Er
       nimmt auch öfter meinen Vater beiseite und sagt ihm, dass all
       der Aufruhr um die Familie unserem Ansehen schade. Er ist
       einfach eifersüchtig, so viel steht fest. Das sieht man an den
       Gesichtern, die er schneidet, wenn Journalisten an unsere Tür
       klopfen. Zu meiner großen Überraschung hat sich meine Geschichte
       um die ganze Welt verbreitet. Jede Woche kommen andere
       Journalisten aus Ländern mit so exotischen Namen wie Frankreich,
       Italien oder sogar Amerika vorbei – nur wegen mir!
       »Nojoud bringt Schande über unsere Familie, wenn ihretwegen
       dauernd Ausländer in unserem Viertel herumschleichen!«, hat
       Mohammad zu Eman gesagt, kaum dass sie heute Morgen zur Tür
       hereingekommen ist.
       »Sie ist es, die sich wegen euch schämen sollte!«, hat sie ihm
       erwidert.
       »Bravo, Eman«, hat mir meine innere Stimme gesagt. Da wusste
       Mohammad nicht mehr, was er sagen sollte. Er hat sich einfach in
       die Ecke des großen Zimmers gesetzt. Und ich habe mich beeilt,
       mein schwarzes Kopftuch anzuziehen, bevor es ihm einfiel, zu
       schimpfen, weil ich weggehe, und habe mir Haïfa geschnappt,
       damit sie nicht mit ihm und seiner schlechten Laune allein
       bleiben muss. Haïfa, mein Augapfel, sie werde ich nie im Stich
       lassen. Eman hat uns einen Ausflug in den Vergnügungspark
       versprochen. Dort war ich noch nie. Ein ganz besonderes Erlebnis
       also! Und so sitzen wir also im Auto, als Mona gerannt kommt.
       »Mohammad hat gesagt, ich soll euch begleiten!«, stößt sie ganz
       außer Atem hervor.
       Mona scheint die Sache etwas peinlich zu sein, aber sie ist sehr
       bestimmt. Ohne sie dürfen wir nicht fahren, meint sie. Wir sehen
       ein, dass es besser ist, sich den Anordnungen des großen Bruders
       zu beugen. Den niqab über dem Gesicht, steigt Mona vorne ein,
       neben dem Fahrer. Ich glaube, genau zu wissen, was los ist.
       Mohammad hat sich geärgert und uns aus Rache meine Schwester
       hinterhergeschickt, damit sie uns nachspioniert. Doch bald wird
       mir klar, dass Mona ganz anderes im Sinn hat, etwas, worauf ich
       nie gekommen wäre …
       Kaum sind wir losgefahren, äußert sie einen Wunsch. Bevor wir in
       den Vergnügungspark fahren, möchte sie noch einen Abstecher in
       unser früheres Viertel machen, nach Al-Qa. Was für ein
       merkwürdiger Einfall! Ob ihr Mohammad einen besonderen Auftrag
       erteilt hat? Eman, die sich ebenfalls wundert, willigt
       schließlich ein. Wir fahren also im Zickzack durch die Gassen,
       bis wir an einer Moschee vorbeikommen.
       »Anhalten!«, ruft Mona dem Fahrer zu.
       Ich habe sie noch nie so aufgeregt gesehen. Der Fahrer tritt auf
       die Bremse. Auf den Eingangsstufen der Moschee streckt eine Frau
       unter einem schwarzen Schleier eine Hand nach Münzen aus. Mit
       der anderen hält sie ein kleines schlafendes Mädchen in einem
       schmutzigen Kleidchen und mit struppigem Haar.
       »Aber das ist ja Monira!«, entfährt es mir.
       Monira, meine kleine Nichte, die Tochter von Mona! Was um alles
       in der Welt macht sie denn hier, in den Armen einer von Kopf bis
       Fuß schwarz verhüllten Bettlerin, die ihr Gesicht hinter einem
       Schleier verbirgt?
       »Als mein Mann ins Gefängnis gekommen ist, hat meine
       Schwiegermutter Monira von mir verlangt«, murmelt Mona, als wir
       sie verwundert anschauen.
       »Mit einem kleinen Kind ist es einfacher, die Passanten zu
       rühren, sagt sie«, erklärt Mona.
       Mir steht der Mund offen. Monira, dieses zarte Püppchen, dazu
       verdammt, in den Armen einer alten Frau in Lumpen zu betteln?
       Der Mann von Mona im Gefängnis? Was denn noch alles? Es stimmt
       also, was Aba bei Gericht gesagt hat … Doch Mona ist nun zu sehr
       damit beschäftigt, zärtlich ihre Kleine zu begrüßen, die sie der
       verschleierten Gestalt aus den Armen genommen hat, um uns
       weitere Erklärungen zu geben.
       »Sie fehlt mir so. Ich bringe sie wieder, versprochen …
       versprochen«, höre ich sie zu der Frau in Schwarz sagen, bevor
       sie sich, die Dreijährige auf dem Arm, wieder zu uns ins Auto
       setzt.
       Ein unangenehmer Geruch verbreitet sich im Wagen. Monira starrt
       so vor Dreck, dass man kaum erraten kann, welche Farbe ihre
       schmutzigen Schuhe einst hatten.
       Die Wagentür fällt zu, weiter geht die Fahrt. Die Kleine freut
       sich so sehr, uns alle wiederzusehen, dass wir unsere
       Verwunderung, sie unter solchen Umständen angetroffen zu haben,
       beinahe vergessen.
       Der Fahrer hält nun auf den Südwesten der Stadt zu. Unterwegs
       kommen wir an einer anderen, noch im Bau befindlichen Moschee
       vorbei. Sie wirkt so groß und prächtig, dass man an einen Palast
       denkt. Ich presse das Gesicht an die Scheibe und bewundere die
       sechs riesigen Minarette. Eman erklärt mir, die lasse unser
       Präsident bauen, für 60 Millionen Dollar. 60 Millionen Dollar!
       Das muss eine riesige Summe sein, denke ich – wo ich doch gerade
       bis 100 zählen kann. Ist das Leben nicht merkwürdig? Auf der
       einen Seite Moscheen, die wie Paläste aussehen, und auf der
       anderen Bettler, die nichts zu essen haben. Ich muss Shada
       einmal bitten, mir das zu erklären.
       Doch im Augenblick beschäftigt mich vor allem die Geschichte von
       Mona. Im Vergnügungspark angekommen, schüttet sie uns ihr Herz
       aus.
       »Es ist eine lange Geschichte«, seufzt sie und lässt Monira los,
       die sich, gefolgt von Haïfa, hinter einem Busch versteckt.
       Eman und die Journalistin haben ihr gegenüber Platz genommen, zu
       dritt sitzen sie im Schneidersitz im Schatten eines Baumes. Ich
       höre zu.
       »Mohammad, mein Mann, ist einige Wochen vor der Heirat von
       Nojoud ins Gefängnis gekommen. Man hat ihn im Schlafzimmer
       meiner großen Schwester Jamila gefunden. Ich hatte die beiden
       schon eine ganze Weile im Verdacht. Um der Sache auf den Grund
       zu gehen, habe ich jemanden geschickt, und die beiden sind
       überrascht worden. Es ist rasch zu einer Prügelei ausgeartet.
       Die Polizei ist gekommen und hat Mohammad und Jamila
       mitgenommen. Nun sind beide im Gefängnis. Ich weiß nicht, wie
       lange noch …«
       Mona senkt den Blick. Ich schaue sie nur groß an und weiß gar
       nicht, was ich dazu sagen soll. Ich kann gar nicht richtig
       erfassen, was sie da erzählt. Aber es klingt nach einer
       schrecklichen Geschichte.
       »Im Jemen kann Ehebruch mit dem Tod bestraft werden«, murmelt
       Eman schließlich.
       »Ja, ich weiß«, antwortet Mona. »Deshalb setzt mich Mohammad
       auch unter Druck, ein Papier zu unterschreiben, auf dem ich
       behaupte, wir seien schon vor seiner Verhaftung geschieden
       gewesen, damit die Sache vertuscht werden kann. Ich besuche ihn
       zwar nicht im Gefängnis, aber das hat er mir ausrichten lassen.
       Ich denke nicht daran! So kommt er nicht davon, diesmal nicht!
       Ich habe mir genug von ihm gefallen lassen.«
       Ich habe Mona noch nie so viel reden hören. Sie gestikuliert
       wild, ihre Augen funkeln im Sehschlitz ihres niqab. Es bricht
       mir das Herz, wenn ich ihre zitternde Stimme höre. Und trotzdem
       müssen wir auf einmal alle schallend lachen. Hinter dem Busch
       hat Monira ihr Unterhöschen heruntergelassen und wässert mit
       einem kleinen Strahl das von der Sonne ausgedörrte Gras.
       »Monira!«, ruft Mona und findet für einen Augenblick in ihre
       Rolle als zärtliche Mutter zurück.
       Doch gleich fällt wieder ein Schatten über ihre Augen.
       »Monira, meine Kleine … Nun muss ich meine beiden Kinder ganz
       alleine erziehen, sofern mich meine Schwiegermutter überhaupt an
       sie heranlässt. Mohammad hat als Vater nie getaugt. Als Ehemann
       sowieso nicht …«
       Nach kurzer Pause fährt sie fort: »Ich war ungefähr so alt wie
       Nojoud, als man mich zwang, ihn zu heiraten. Unsere Familie hat
       glücklich in Khardji gelebt, bis zu jenem ›schwarzen Tag‹, der
       alles kaputt gemacht hat.«
       Ich kneife die Augen zusammen und rücke vorsichtig näher, um sie
       besser verstehen zu können. Eigentlich habe ich schon genug
       gehört für mein Alter. Doch ich will unbedingt erfahren, wie
       diese Geschichte ausgegangen ist. Es geht hier immerhin um meine
       Schwester, und so seltsam es klingt, ich fühle mich für sie
       verantwortlich.
       »Omma war nach Sanaa gefahren, um sich dort behandeln zu lassen.
       Sie war sehr krank, und die Ärzte hier haben ihr gesagt, sie
       solle zu einem Spezialisten in der Hauptstadt gehen. Aba ist wie
       immer früh aus dem Haus gegangen, um das Vieh zu versorgen. Ich
       bin mit meinen kleinen Brüdern und Nojoud, die damals noch ein
       Baby war, zu Hause geblieben. Ein junger Mann, den ich nicht
       kannte, ist um das Haus herumgeschlichen. So um die dreißig war
       er. Er hat Annäherungsversuche gemacht. Es hat mir nichts
       geholfen, ihn abzuweisen, er hat mich einfach ins Schlafzimmer
       gestoßen. Ich habe mich gewehrt. Ich habe geschrien. Ich habe
       ›nein!‹ gesagt. Aber …«
       Sie schweigt einen Moment.
       »Als Aba zurückgekommen ist, war es schon zu spät. Alles ist so
       schnell gegangen …«
       Ich traue meinen Ohren nicht! Arme Mona. Sie also auch! Daher
       ist sie immer so streng, daher dieser traurige Blick, das
       nervöse Lachen. Das ist also der Grund.
       »Aba war außer sich. Er hat alle zusammengetrommelt, um
       herauszufinden, was da passiert ist. Er hat den Dorfbewohnern
       sogar ein Komplott vorgeworfen. Aber davon wollte niemand etwas
       hören. Als man den Scheich des Dorfes über die Affäre
       informierte, ist ihm nichts Besseres eingefallen, als uns auf
       der Stelle zu verheiraten, bevor sich das Gerede von Haus zu
       Haus, von Tal zu Tal verbreitet. Zur Rettung der Ehre! Am besten
       alles so schnell wie möglich vertuschen, hat er gesagt.
       Mich hat keiner gefragt. Man hat mir ein blaues Kleid gegeben,
       und ich bin seine Ehefrau geworden. Dann ist Omma ins Dorf
       zurückgekommen. Sie hat die Hände zum Himmel gehoben und sich
       Vorwürfe gemacht, weil sie nicht da war. Aba hat sich geschämt.
       Er wollte Rache nehmen. Er hat gesagt, die Nachbarn seien
       schuld, jemand habe etwas gegen ihn und habe sich deshalb an
       seiner Familie vergangen. Er fühlte sich erniedrigt, verraten.
       Eines Abends sind sie alle zusammengekommen und haben geredet.
       Es wurde immer lauter, schließlich kam es zu Beschimpfungen,
       einige haben ihren jambia gezogen. Ein wenig später – noch am
       gleichen Abend oder am Tag danach, ich weiß es nicht mehr so
       genau, sind die Nachbarn wiedergekommen, diesmal mit
       Revolvern.Sie haben uns bedroht und verlangt, dass wir so
       schnell wie möglich verschwinden. Also sind meine Eltern nach
       Sanaa geflohen. Ich habe mich mit meinem Mann einige Wochen
       irgendwo anders versteckt und bin dann der Familie in die
       Hauptstadt gefolgt.«
       Ich zittere am ganzen Leib. Der überstürzte Aufbruch nach Sanaa,
       der Zorn meines Vaters, die Traurigkeit von Mona und ihre
       rührende Aufmerksamkeit für mich – das war also der Grund.
       »Als uns mein Vater einige Jahre später sagte, dass nun auch
       Nojoud heiraten solle, bin ich richtig krank geworden. Ich habe
       ihn unablässig angefleht, sich das zu überlegen, habe ihm
       gesagt, Nojoud sei noch viel zu jung. Aber er wollte nichts
       hören. Wenn sie einmal verheiratet wäre, hat er gesagt, dann
       wäre sie sicher vor Entführern und Männern, die im Viertel
       herumschleichen. Er hätte schließlich mit mir und Jamila schon
       genug Sorgen. Während die Männer der Familie sich versammelten,
       um den Ehevertrag aufzusetzen, war sogar die Rede davon, im
       Rahmen eines sighar die Schwester meines Ehemanns Fares zur Frau
       zu geben, wenn er eines Tages aus Saudi-Arabien zurückkäme.
       Am Abend der Hochzeit musste ich weinen, als ich Nojoud so ganz
       verloren in dem viel zu großen Kleid sah. Sie war doch noch so
       jung! Ach, habe ich viele Tränen vergossen! In der Hoffnung, sie
       irgendwie schützen zu können, habe ich sogar mit ihrem Mann
       gesprochen. Ich habe ihn bei Allah schwören lassen, sie nicht
       anzurühren, zu warten, bis sie reif genug ist, und sie mit
       Kindern ihres Alters spielen zu lassen. Seine Antwort lautete:
       ›Versprochen!‹ Aber er hat sein Wort nicht gehalten. Das ist ein
       Verbrecher! Wie alle Männer. Man darf ihnen nicht glauben.
       Niemals … Niemals!«
       Ich kann den Blick nicht von Monas niqab lösen. Wie gern würde
       ich ihr in diesem Augenblick genau ins Gesicht sehen können, das
       hinter dem schwarzen Stoff verborgen ist, wie gern würde ich die
       Tränen sehen, die nun sicher über ihre Wangen strömen.
       Ich schäme mich dafür, dass ich gedacht habe, sie habe mit uns
       in den Park kommen wollen, um uns nachzuspionieren. Wenn ich das
       geahnt hätte! All das hat sie über so viele Jahre ertragen, ohne
       zu protestieren, ohne die Stimme zu erheben, ohne zu klagen,
       ohne nach Hilfe zu suchen. Mona, meine große Schwester, Opfer
       eines noch viel tragischeren Schicksals als ich selbst, gefangen
       in einem Labyrinth von Problemen. Man hat ihr ihre Kindheit
       gestohlen. So wie mir. Und mir wird in diesem Augenblick auch
       klar, dass ich im Unterschied zu Mona das Glück und die Kraft
       hatte, gegen mein Schicksal rebellieren zu können.
       »Mona! Nojoud! Guckt her! Guckt her!«
       Wir heben die Köpfe. Haïfa sitzt auf einer Schaukel, die kleine
       Monira zwischen den Knien, und lacht strahlend. Mona steht auf.
       Ich folge ihr. Die Schaukel daneben ist noch frei.
       »Nojoud, schubs mich bitte an«, sagt sie. Mona setzt sich auf
       die Schaukel. Ich steige hinter ihr auf den Sitz, stehend,
       stemme die Füße fest gegen das Brett, greife mit beiden Händen
       fest in die Seile und schwinge meinen Körper. Vorwärts.
       Rückwärts. Vorwärts. Rückwärts. Schneller und immer schneller.
       Die Schaukel fliegt zum Himmel.
       »Höher, Nojoud, noch höher!«, ruft Mona begeistert.
       Ich spüre den Wind im Gesicht. Wie angenehm frisch! Mona lacht.
       Ihr Herz ist frei, ihr Körper ist leicht. Noch nie habe ich sie
       so fröhlich lachen hören. Und wir haben auch noch nie zusammen
       geschaukelt! Ich fühle mich wie eine Feder im Wind.
       Wie schön das ist, dieses Gefühl von Unschuld wiedergefunden zu
       haben …
       »Omma fliegt! Omma fliegt!«, lacht Monira an meiner Seite.
       Mona stößt Freudenschreie aus. Sie kann gar nicht genug
       bekommen.
       Es dauert nicht lange, und mein Kopftuch fliegt davon. Zum
       ersten Mal habe ich nicht das Bedürfnis, es gleich wieder
       anzulegen. Mein Haar fällt mir auf die Schultern und fliegt im
       Wind. Ich fühle mich frei. So frei!
       #Post#: 1401--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 6:00 am
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       10. Fares kommt nach Hause
       August 2008
       Ich habe eine »Bizza« gegessen. Das war vor einigen Tagen, in
       einem sehr modernen Restaurant, in dem die Kellner kleine Mützen
       auf dem Kopf tragen und die Bestellungen in ein Mikrofon rufen.
       Komisch hat das geschmeckt! Knusprig, wie ein großer Fladen
       khobz mit vielen guten Sachen darauf: Tomaten, Mais, Hühnchen
       und Oliven. Am Tisch nebenan saßen Frauen mit Kopftuch, die
       jenen aus der »Yemen Times« glichen. Sie sahen sehr elegant aus
       und haben das Essen mit Messer und Gabel zum Mund geführt.
       Ich habe versucht, es ihnen nachzumachen und meine »Bizza« mit
       meinem Besteck zu zerkleinern. Das war erst gar nicht so leicht.
       Es ist mir alles vom Teller geflutscht. Haïfa hat eine junge
       Frau beobachtet, die sich ganz viel Tomatenzeugs aus einer
       Flasche über ihr Essen gegossen hat. Das wollte sie auch
       ausprobieren. Aber schon beim ersten Bissen hat es ihr im Hals
       gebrannt, und ihre Augen sind ganz rot geworden. Zum Glück hat
       sich einer der Kellner von seinem Mikrofon losgerissen und ihr
       eine große Flasche Wasser gebracht.
       Das ist für uns seitdem ein Spiel geworden. Wenn wir Omma beim
       Kochen helfen, stellen wir uns vor, dass wir Gäste in einer
       »Bizzeria« sind, die sich ihr Lieblingsessen aussuchen. So wie
       heute: »Was darf ich Ihnen bringen?«, fragt mich Haïfa, wenn sie
       den sofrah im großen Zimmer ausbreitet.
       »Hm, heute eine ›Bizza‹ mit Käse«, antworte ich.
       Dabei habe ich nur »mit Käse« gesagt, weil ich bei den Vorräten
       sonst gar nichts mehr anderes gefunden habe. Macht nichts, das
       wird es schon tun.
       »Das Essen ist fertig!«, ruft Haïfa die Familie zusammen. Aber
       kaum haben wir unsere karge Mahlzeit begonnen, da klopft es
       energisch.
       »Nojoud, erwartest du schon wieder Journalisten?«, fragt
       Mohammad misstrauisch.
       »Nein, heute nicht …«
       »Na, dann ist es vielleicht der Wasserwagen, der die Zisterne
       auffüllt. Kommt der sonst nicht immer am Morgen?«
       Mohammad erhebt sich stirnrunzelnd, den Mund voller Brot. Mit
       raschen Schritten geht er zur Eisentür. Wer will uns um diese
       Zeit besuchen, im August, in der Mittagshitze? In der heißen
       Jahreszeit besucht man sich normalerweise erst gegen Abend.
       Doch gleich springen wir auf.
       »Fares!«, ruft Mohammad. »Fares ist wieder da!«
       Ich falle fast in Ohnmacht. Fares, mein geliebter Bruder, den
       ich seit vier Jahren nicht gesehen habe! Meine Mutter tastet
       sich mit zitternden Händen an der Wand entlang zur Tür. Wir
       stürzen ihr alle hinterher, die kleine Rawdha will die Erste
       sein und drängt sich durch unsere Beine. Noch nie ist mir der
       kurze Weg zur Tür so weit vorgekommen.
       Vor der Tür steht ein junger Mann mit sonnenverbranntem Gesicht
       und hohlen Wangen. Wie hat er sich verändert! Groß und schmal
       ist Fares geworden, nicht mehr der Heranwachsende auf dem Foto,
       das ich so oft betrachtet habe, um mir jedes Detail seiner Züge
       einzuprägen, aus Angst, sein Gesicht zu vergessen. Nun muss ich
       den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht schauen zu
       können. Sein Blick ist härter geworden, auf seiner Stirn
       zeichnen sich dunkle Linien ab, wie bei Aba. Er ist nun ein
       Mann.
       »Fares! Fares! Fares!«, seufzt meine Mutter und greift nach
       seiner weißen Tunika, um ihn an sich zu drücken.
       »Du hast uns so gefehlt«, sage ich und umarme ihn ebenfalls.
       Fares steht stocksteif und stumm da. Erschöpft sieht er aus,
       sein Blick ist leer, fast traurig. Wo ist all sein Ungestüm hin?
       »Fares! Fares!«, wiederholt Rawdha wie eine sprechende Puppe,
       ohne dass sie richtig begreift, dass dieser Mann ihr großer
       Bruder ist, der uns verlassen hat, als sie noch ein ganz kleines
       Baby war.
       Außer dem kurzen Anruf aus Saudi-Arabien, zwei Jahre, nachdem er
       weggelaufen war, haben wir nichts von ihm gehört. Bis zu dem
       unerwarteten Anruf eines Abends im letzten Monat. Omma hat vor
       Freude aufgeschrien, als sie seine Stimme erkannte. Wir haben
       uns gegenseitig den Hörer aus der Hand gerissen, um ihn für
       einen kurzen Moment zu hören. Er klang so weit weg, so weit,
       doch es hat mir das Herz erwärmt, ihn noch am Leben zu wissen.
       »Alles in Ordnung bei dir?«, hat mein Vater, den Tränen nahe,
       ihn mit erstickter Stimme gefragt.
       Aba wollte alles von Fares wissen. Für wen er arbeitet. Ob es
       ihm dort gefällt, er gut verdient. Statt zu antworten, hat mein
       Bruder nur immer wieder die gleiche Frage wiederholt, eine
       Frage, die ihn offenbar sehr beschäftigte: »Aber ihr, wie geht
       es euch?«
       Das Wort »euch« hat er dabei stark betont. »Ich mache mir große
       Sorgen um die Familie. Ich habe da Geschichten gehört … Bitte,
       sagt mir, dass alles in Ordnung ist.«
       Er war besorgt, das hörte man seiner Stimme an. Aber um was? Er
       erklärte uns, dass ihm dort in der Ferne Gerüchte um unsere
       Familie zu Ohren gekommen seien. Ganz weit weg, in diesem
       Saudi-Arabien, das ich noch nicht einmal auf der Karte zeigen
       konnte.
       Offenbar hatten ihm Leute, die aus dem Jemen kamen, berichtet,
       dass wir Probleme hätten, ohne Genaueres zu wissen. Und dann ist
       Fares eines Tages auf ein Foto von mir und meinem Vater in einer
       Zeitung gestoßen. Da er nie richtig zur Schule gegangen ist – er
       hat es schon im ersten Jahr aufgegeben –, konnte er den Artikel
       nicht lesen. Desto mehr hat ihn die Geschichte beschäftigt, so
       sehr, dass sie ihn um den Schlaf gebracht hat.
       Ich bin verblüfft. Gerüchte, die von Reisenden verbreitet
       werden. Ein Foto in einer Zeitung. Sollte das etwa heißen, dass
       die Nachricht von meiner Scheidung sich über die Grenzen meines
       Landes verbreitet hatte? Da Fares so drängte, fasste ihm Aba
       rasch die Ereignisse der letzten Monate zusammen.
       »Nun verstehe ich alles etwas besser«, antwortete mein Bruder.
       »Fares, mein Sohn, bitte, komm nach Hause zurück!«, bettelte
       meine Mutter schluchzend.
       »Ich kann nicht, ich habe dort Arbeit«, erwiderte er. Und dann
       war das Gespräch mit einem Mal unterbrochen.
       Dieses Telefongespräch hatte vielleicht zehn Minuten gedauert,
       doch das genügte, um Omma in die tiefste Verzweiflung zu
       stürzen. In den Tagen danach wurde ihre Stimmung immer trüber.
       Nachdem sie sich so über meine Scheidung gefreut hatte, regte
       sie sich nun wieder über jede Kleinigkeit auf. Sie wollte ihren
       Sohn wiedersehen, ihn um sich haben, ihn berühren. Sie hatte
       einfach genug davon, dass in unserer Familie ständig jemand
       weglief, ständig jemand entführt wurde. Warum hatte sich das
       Schicksal nur so gegen sie verschworen? Hatte nicht auch sie das
       Recht auf ein kleines bisschen Glück, so wie andere Ommas?
       Sie bekam wieder Alpträume und stellte sich vor, Fares nie
       wiederzusehen. Sie fürchtete, dass er nie mehr zu seiner Familie
       zurückkehren würde und uns nur angerufen habe, um sein
       schlechtes Gewissen zu beruhigen. Nachts konnte sie wieder nicht
       schlafen. Es brach mir das Herz, sie anzuschauen. Meine
       Scheidung hatte mir über viele Dinge die Augen geöffnet, seitdem
       war ich viel empfänglicher für das Unglück der anderen.
       
       Und nun, an diesem drückend heißen Tag, ist Fares auf einmal
       zurückgekommen! Er ist viel stiller und schweigsamer als der
       Fares, an den ich mich erinnere. Aber seine dichten Wimpern und
       sein lockiges Haar, das ist ganz mein Bruder. Ich möchte alles
       von ihm wissen. Hat ihn sein Boss gut behandelt? Hat er neue
       Freunde gefunden in Saudi-Arabien? Dort unten gibt es doch
       bestimmt gute »Bizzas«?
       Meine Mutter lässt ihn gar nicht mehr los. Sie zerrt ihn am Arm
       in das kleine Wohnzimmer. Fares ist nicht sehr gesprächig.
       Langsam zieht er seine Schuhe aus und setzt sich auf ein Kissen.
       Ich lasse ihn nicht aus den Augen. In Windeseile hat ihm Omma
       ein Glas chai gebracht, den er hastig in kleinen Schlucken
       trinkt.
       »Nun, jetzt erzähle mal«, drängt mein Vater.
       Fares stellt das kleine Glas auf den sofrah.
       »Es ist mir nicht gelungen, in den vier Jahren etwas zu sparen.
       Tut mir leid. Wenn ich nur gewusst hätte«, murmelt er mit
       gesenktem Kopf.
       Auf einmal wird es ganz still im Raum. Da entspannt sich sein
       Gesicht ein wenig, er lächelt sogar.
       »Weißt du noch, Aba? Ich war so wütend auf dich, an dem Tag, als
       du mich angeschrien hast, weil ich mit leeren Händen vom Bäcker
       zurückkam. Ich sollte um Brot betteln, und ich habe mich so
       geschämt, ich war es so leid. Ich habe von einer neuen Hose
       geträumt, wie sie andere Jungen in meinem Alter hatten. Aber zu
       Hause hat es allerhöchstens für das Essen gereicht. Am nächsten
       Tag ist mir der verrückte Gedanke gekommen, von nun ab für mich
       selbst zu sorgen. Ich wollte es schaffen, richtiges Geld
       verdienen, mir Kleider kaufen. Also bin ich von hier weggegangen
       und habe mir geschworen, wenn ich eines Tages zurückkomme, dann
       nur, wenn ich die Taschen voller Geld habe.«
       Er macht eine kleine Pause, um an seinem Tee zu nippen, bevor er
       fortfährt: »Im Viertel hat man erzählt, dass man in
       Saudi-Arabien Arbeit finden, dass man dort Geld verdienen könne,
       genug, um sogar noch etwas an die Familie zu schicken. Das war
       genau das, was ich brauchte! Ich beschloss, das Abenteuer zu
       wagen. Ich platzte fast vor Ehrgeiz. Was hatte ich schon zu
       verlieren? Ich war jung und machte mir keine Sorgen. Nie hätte
       ich mir vorstellen können, wie schwer das ist.
       Vier Tage hat die Reise nach Saudi-Arabien gedauert. Zuerst bin
       ich mit einem Sammeltaxi Richtung Saada im Nordwesten des Jemen
       gefahren. Alle paar Kilometer wurden wir von einem
       Kontrollposten der Armee aufgehalten. Rasch wurde mir klar, dass
       die Reise lang und beschwerlich werden würde. In Saada habe ich
       einen Schleuser gefunden, der mir versprochen hat, mich für 5000
       Rial über die Grenze zu bringen. Viel Geld, aber nachdem ich
       einmal so weit gekommen war, wollte ich nicht aufgeben. Immerhin
       schien er sich auszukennen. Er sagte, er kenne alle Wege und
       wisse, wie man es anstellen müsse, um an der Grenze nicht
       geschnappt zu werden. Da ich keinen Ausweis hatte, musste ich
       auf seine Dienste vertrauen.«
       »Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Wir haben gedacht, du bist
       für immer verschwunden«, unterbricht ihn mein Vater.
       Fares, ganz in seine Gedanken versunken, setzt seine Erzählung
       fort, ohne auf die Bemerkung meines Vaters einzugehen.
       »Wir sind in der Nacht zu Fuß über die Grenze gegangen. Nie in
       meinem Leben habe ich so große Angst gehabt. Unterwegs haben wir
       andere Jemeniten getroffen, manche waren jünger als ich. Sie
       wussten genauso wenig wie ich, was sie auf der anderen Seite der
       Grenze erwartete, sie hatten nur eins im Kopf: Geld verdienen.
       Erst unterwegs ist mir klargeworden, welches Risiko ich eingehe.
       Sollten mich die Soldaten erwischen, so würden sie mich sofort
       nach Sanaa zurückschicken.
       Meine Erleichterung, über die Grenze gekommen zu sein, wurde
       bald von Ratlosigkeit abgelöst. Wohin nun? Ich war noch nie im
       Ausland gewesen. Todmüde bin ich immer weiter marschiert, bis
       ich nach Khamiss Mousheid gekommen bin. Was für eine
       Enttäuschung! Dieser Teil von Saudi-Arabien ist nicht besser
       dran als Sanaa. Ein Mann, den ich nach dem Weg fragte, bot mir
       an, die Nacht bei ihm zu verbringen. Er wohnte mit seiner Frau
       und seinen Kindern auf dem Land.
       Am nächsten Morgen hat er mich gefragt, ob ich für ihn arbeiten
       will, und ich habe sofort »ja« gesagt. Ich hatte keine andere
       Wahl. Er war Schafzüchter und übertrug mir eine Herde von
       sechshundert Tieren, die ich täglich mit Hilfe eines zweiten
       Schäfers, eines Sudanesen, auf die Weide führte. So habe ich
       zwölf Stunden am Tag gearbeitet, von sechs bis achtzehn Uhr.
       Zusammen mit dem Sudanesen habe ich in einem winzigen Häuschen
       gelebt, das irgendwo ganz einsam stand. Die ganze Einrichtung
       bestand aus zwei kleinen Matratzen. Es gab keinen Fernseher,
       keinen Kühlschrank, keine Toilette, keine Klimaanlage. Ich war
       enttäuscht.«
       Fares hält inne und schluckt. Seine Stimme droht ihm zu
       versagen. Sicher die Müdigkeit von der langen Reise.
       »Und das waren noch lange nicht alle Enttäuschungen«, fährt er
       fort. »Mit jedem Tag wurde unser Boss anspruchsvoller. Wir
       mussten die Tiere füttern, sie tränken, sie auf die Weide
       führen. Der Arbeitstag wurde immer länger. Am Ende des Monats
       wurde mir klar, in welche Lage ich geraten war: Ich erhielt 200
       Rial für dreißig Tage Arbeit, davon konnte ich mir gerade einmal
       ein paar Bonbons im Laden kaufen. Und der gehörte natürlich auch
       noch unserem Boss!
       Ich war ratlos. Es war nicht schwierig auszurechnen, dass ich
       zwei Jahre arbeiten müsste, um mir überhaupt nur die Rückreise
       nach Sanaa zu verdienen. Ich hatte nicht einmal Geld, um euch
       anzurufen. Außerdem war ich zu stolz, mir mein Scheitern
       einzugestehen. Das erste Mal, als ich euch angerufen habe,
       wollte ich euch nur glauben machen, dass alles in Ordnung ist.
       Beim zweiten Mal, zwei Jahre später, habe ich mir wirklich
       Sorgen gemacht.«
       Er senkt den Kopf, atmet tief durch und stößt einen Seufzer aus.
       »Doch kaum hatte ich aufgelegt, da musste ich immer an die
       Tränen von Omma denken. Ich konnte nachts nicht mehr schlafen.
       Also habe ich mein Geld gezählt. Es war gerade so viel, um die
       Rückkehr nach Sanaa zu bezahlen. So habe ich mich letzte Woche
       von meinem Boss verabschiedet. Ich war entschlossen: Die Zeit
       war gekommen, nach Hause zurückzukehren.«
       »Und was willst du jetzt machen?«, fragt ihn Mohammad.
       »Nun, ich mache es wie alle anderen, ich verkaufe kath auf der
       Straße«, antwortet er mutlos. Wie er sich verändert hat! Fares,
       der so ehrgeizig war, ist nun bereit, sich bei den Verlierern
       einzureihen. Ich sehe ihn immer noch vor mir, wie er meinem
       Vater die Stirn geboten hat, ein Bild, das ich mir
       unauslöschlich eingeprägt habe. Ich erinnere mich auch an all
       den Unsinn, den er angestellt, über den sich Aba aufgeregt hat,
       der mich aber zum Lachen brachte. Wenn wir zusammen in der
       »Bizzeria« waren, hat er immer Papierflugzeuge aus den
       Servietten gefaltet und sie zu den Nachbartischen segeln lassen.
       Der Gedanke an ihn hat mir im April die Kraft gegeben, mich an
       das Gericht zu wenden. Dass er weggelaufen ist, hat mir den Mut
       gegeben, es ebenso zu versuchen. Ich glaube, in seiner Schuld zu
       stehen.
       Fares besiegt, nein, das kann nicht sein. Dass er aufgibt, das
       hätte ich mir nie vorstellen können. Niemals. Ich fühle mich
       ganz elend. Eines Tages muss ich eine Möglichkeit finden, ihm zu
       helfen. Ich weiß zwar nicht, wie, aber irgendeine Lösung finde
       ich schon.
       #Post#: 1402--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 6:01 am
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       11. Wenn ich erst einmal Anwältin bin …
       16. September 2008
       Es ist windig geworden in Sanaa. Es ist der Wind des
       Spätsommers, der Vorbote kühler Abende und der ersten
       Regentropfen. Meine Geschwister können dann wieder mit den
       anderen Kindern des Viertels in den Pfützen spielen. Bald werden
       die Bäume gelbe Blätter haben, und die fliegenden Händler an den
       Straßenecken werden Umhänge verkaufen.
       Für mich bedeutet dieser Wind, dass ich wieder in die Schule
       gehen darf, worauf ich mich so lange gefreut habe. Vor Aufregung
       konnte ich kaum schlafen. Vor dem Einschlafen habe ich
       sorgfältig die neuen Schulhefte in meinem neuen Ranzen aus
       braunem Segeltuch verstaut. Auf einem Blatt Papier habe ich
       geübt, meinen Namen zu schreiben. Und den von Malak. Ich musste
       immerzu an meine frühere Klassenkameradin denken. Leider werde
       ich sie nicht treffen, da ich nun in eine neue Schule gehe.
       Im Traum habe ich weiße Hefte gesehen, Buntstifte und viele
       Mädchen in meinem Alter. Seit einigen Wochen habe ich endlich
       keine Alpträume mehr. Ich wache nicht mehr schweißgebadet, mit
       feuchten Augen und mit diesem klebrigen Gefühl im Mund auf, ich
       denke nicht mehr an die zuschlagende Tür und die umgeworfene
       Öllampe. Stattdessen träume ich von der Schule. Es ist wie ein
       inniger Wunsch, den man laut äußert, damit er wahr wird.
       Als ich an diesem Morgen die Augen geöffnet habe, hatte ich
       Herzklopfen. Ich bin leise aufgestanden, um mir die Zähne zu
       putzen und mich zu kämmen. In dem kleinen Zimmerchen lagen die
       Frauen der Familie noch alle schlafend auf dem Boden. Im Zimmer
       nebenan, wo die Männer schliefen, konnte man die Fliegen summen
       hören. Bevor ich meine neue Schuluniform anzog – ein grünes
       Kleid und ein weißes Kopftuch –, habe ich mir lange kaltes
       Wasser über das Gesicht laufen lassen.
       »Haïfa, wach auf, wir kommen zu spät!«
       Meiner kleinen Schwester fällt es nicht leicht, aufzuwachen.
       Ihre Haare sind zerzaust, ihr Gesicht ist vom Kissen ganz
       verdrückt. Ich stürze schon zur Tür, um Ausschau nach dem Taxi
       zu halten, während Omma ihr noch beim Anziehen und mit den
       Schuhen hilft. Haïfa kann ihr Kopftuch nicht finden. Macht
       nichts, dann nimmt sie eben ein anderes. Das ist zwar etwas
       schmutzig, aber es ist ja nur für heute. Unser Chauffeur ist
       schon da. Er kommt von einer internationalen Hilfsorganisation,
       die unser Schulgeld und die Transportkosten übernimmt.
       »Seid ihr fertig?«
       »Ja.«
       »Na, dann mal los!«
       Mein Herz schlägt noch schneller. Stolz setze ich meinen Ranzen
       auf. Bevor wir in den Wagen klettern, umarmen wir Omma. Die
       kleine Rawdha, die sich an ihr Kleid hängt, winkt uns. Dann
       lacht sie, sie hat in der Ferne eine Herde Schafe entdeckt.
       Unser Häuschen liegt am Ende einer ungeteerten Sackgasse, direkt
       hinter einer Coca-Cola-Fabrik und einem zur Hälfte
       brachliegenden Feld, auf das die Schäfer morgens ihre Tiere
       treiben. Haïfa und ich sitzen nebeneinander auf der Rückbank und
       lächeln uns verständnisvoll an, als der Wagen startet. Wir
       brauchen uns gar nichts zu sagen, wir wissen, dass wir in diesem
       Augenblick beide glücklich sind. Und auch ein wenig ängstlich.
       Wie habe ich diesem Tag entgegengefiebert, an dem ich endlich
       wieder zeichnen darf, Arabisch und Mathematik lernen kann, den
       Koran studieren! Als ich im Februar die Schule verlassen musste,
       konnte ich bis hundert zählen. Nun will ich bis zu einer Million
       zählen lernen!
       Das Gesicht an die Scheibe gepresst, werfe ich einen Blick zum
       blauen Himmel. Heute Morgen hat der Wind die Wolken vertrieben.
       Die Straßen sind noch weitgehend leer, die Händler haben die
       eisernen Rollläden noch nicht geöffnet. Der alte Nachbar, der
       immer über die Journalisten vor unserer Tür schimpft, ist noch
       nicht aus seinem Haus getreten, um uns von seiner Treppe aus zu
       beobachten. Auch vor der Bäckerei an der Ecke gibt es noch keine
       Schlange. Dieses Jahr fällt der erste Schultag in den Ramadan.
       Die halbe Stadt schläft noch.
       Zum ersten Mal faste ich wie die Großen zwischen dem Morgen- und
       dem Abendgebet. Anfangs ist mir das bei der Hitze nicht leicht
       gefallen. Mein Hals war trocken, ich hatte großen Durst.
       Manchmal habe ich sogar geglaubt, ich würde gleich in Ohnmacht
       fallen. Doch ich habe diesen langen Monat der Sammlung und des
       Feierns schätzen gelernt, in dem man so anders lebt als im
       übrigen Jahr. Wenn sich am späten Nachmittag die Sonne hinter
       die Häuser senkt, dann essen wir Datteln, shorba, eine
       Gerstensuppe, und floris, kleine frittierte Bällchen aus
       Kartoffeln und Fleisch. Das sind typische Gerichte für den
       Ramadan.
       Am Abend bleiben wir lange auf – bis drei Uhr morgens. In den
       Restaurants herrscht die ganze Nacht Betrieb, und auch in den
       Boutiquen und Spielzeugläden brennt lange das Licht. In der
       Altstadt um das Bab al-Yemen, das Jementor, gibt es kaum ein
       Durchkommen.
       Beim ersten Aufwachen am Morgen, um fünf Uhr, zum Morgengebet,
       habe ich Gott dafür gedankt, mich in den letzten Monaten nicht
       verlassen zu haben. Ich habe ihn gebeten, mir zu helfen, mein
       zweites Schuljahr zu bestehen und gesund zu bleiben. Ich habe
       ihn auch darum geben, Aba und Omma zu helfen, Geld zu verdienen,
       damit meine Brüder nicht mehr auf der Straße betteln müssen und
       damit Fares wieder lachen kann. Wenn man nur alle Kinder zum
       Schulbesuch verpflichten könnte, das würde Jungen wie ihn davon
       abhalten, an den Kreuzungen kath zu verkaufen. Ich habe auch
       intensiv an Jad gedacht, meinen Großvater. Er fehlt mir sehr,
       aber ich bin sicher, dass er von da oben stolz auf mich
       herabsieht.
       Das Taxi biegt in die Hauptstraße ein, die zum Flughafen führt.
       Wir passieren einen Kontrollposten der Armee. Davon gibt es seit
       einigen Monaten viel mehr, wegen der Terroristen von al-Qaida,
       sagt man. Wir biegen nach rechts ab, vorbei an Häusern, deren
       Dächer Satellitenschüsseln tragen. Vielleicht haben wir auch
       eines Tages einen Fernseher. Der Fahrer drückt auf einen Knopf,
       und die hinteren Fenster öffnen sich automatisch. In der Ferne
       höre ich Mädchen singen. Je näher wir kommen, desto deutlicher
       wird die Melodie.
       »Da wären wir«, sagt der Fahrer und hält vor einem großen
       schwarzen Eisentor.
       Die Fahrt hat kaum fünf Minuten gedauert. Ein Schauer von
       Begeisterung und Vorfreude durchläuft meinen ganzen Körper. Nun
       ist der Gesang der Mädchen so deutlich, dass ich die Worte
       verstehen kann – es ist ein alter Abzählreim, den ich im letzten
       Jahr gelernt habe. Hinter dem Tor ist meine neue Schule.
       »Guten Tag, Nojoud!«
       Shada! Was für eine Überraschung! Ich werfe mich in ihre Arme
       und drücke sie ganz fest. Sie wollte an meinem großen Tag
       unbedingt dabei sein. Wenn sie wüsste, wie froh ich bin, ein
       bekanntes Gesicht zu sehen! Das Tor öffnet sich auf einen
       großen, mit Kies bestreuten Hof. Das graue, zweistöckige
       Ziegelgebäude beherbergt etwa zehn Klassenzimmer. Alle Mädchen
       tragen die gleiche Uniform wie ich, grün und weiß. Ich kenne
       niemanden. Das macht mir ein wenig Angst. Shada stellt mich der
       Direktorin vor, Njala Matri, eine schwarz verschleierte Frau,
       von der ich nur die Augen sehe.
       »Kifalek, Nojoud?« – »Wie geht es dir, Nojoud?«
       Ihre Stimme ist zugleich sanft und bestimmt. Sie bittet uns, ihr
       ins Büro zu folgen, das am Ende des Hofes liegt. Ein rotes
       Tischtuch und ein Blumentopf aus Plastik schmücken den Tisch, an
       dem wir uns niederlassen. An der Wand hängt ein großes Bild des
       Präsidenten Ali Abdallah al-Salih. Eine Sekretärin tippt an
       einem Schreibtisch auf einer Computertastatur herum. Als die Tür
       geschlossen ist, lüftet Njala Matri den niqab, der ihr Gesicht
       verhüllt. Wie schön sie ist! Sie hat blaugraue Augen, und ihre
       Haut ist so weiß wie Milch.
       »Willkommen bei uns, Nojoud. Betrachte die Schule als dein
       Zuhause.«
       Ich fange an, mich ein wenig zu entspannen. Sie erklärt uns,
       dass die Schule hauptsächlich durch Spenden der Bewohner des
       Viertels finanziert wird und ungefähr 500 Schülerinnen hat. In
       jeder Klasse gibt es vierzig bis fünfzig Kinder. Die Lehrerinnen
       gehen hier auf die Mädchen ein, sagt sie, und man kann sogar am
       Ende der Stunde zu ihnen hingehen und ihnen persönliche Fragen
       stellen.
       Beim Zuhören wird mir immer leichter ums Herz. Und ich habe
       gedacht, ich könnte nie mehr in die Schule zurück. Es hatte
       allerdings auch eine Lehrerin gegeben, die zunächst gegen meine
       Aufnahme war:
       »Sie müssen verstehen, sie ist kein Mädchen wie die anderen …
       ähm … sie hatte Beziehungen … ähm … mit einem Mann. Das könnte
       einen negativen Einfluss auf ihre Klassenkameradinnen haben«,
       hat sie Shada zugeflüstert, als wir das erste Mal hier waren.
       So hat Shada zunächst andere Möglichkeiten erkundet, die zwar
       auch sehr reizvoll, in ihren Augen aber zu extravagant waren:
       eine Schule im Ausland, finanziert von einer internationalen
       Hilfsorganisation, oder auch eine der Privatschulen von Sanaa,
       wo die Mädchen schicke Kleider tragen und sich die Fingernägel
       lackieren. Aber war ich dafür wirklich geschaffen? War ich
       wirklich dazu bereit, meine Familie zu verlassen, Haïfa vor
       allem? Nein, nicht jetzt. Noch nicht. So habe ich mich
       schließlich für die Nachbarschule von Rawdha entschieden. Ich
       hatte es satt, immer als etwas Besonderes betrachtet zu werden.
       Ich wollte wie alle anderen behandelt werden. So wie meine
       kleine Schwester.
       »Hiiiiiiiiiii Nojoud! Oh, you are sooooooo cute!«
       Für heute hat das nicht geklappt! Mitten auf dem Hof steht eine
       Frau mit blauen Augen und breiten Schultern. Ungeschickt hat sie
       ein blasslila Kopftuch über ihre kurzen Haare gelegt. Sie wird
       von Schülerinnen umringt und gestikuliert in alle Richtungen.
       Sie spricht laut, doch die Worte, die aus ihrem Mund dringen,
       sind für mich unverständliches Kauderwelsch. Eine ausländische
       Sprache, zweifelsohne. Meint sie etwa, dass hier ein Zoo ist?
       Shada erklärt mir, dass sie für »Glamour«, ein großes
       amerikanisches Frauenmagazin, arbeitet. Sie ist nur wegen mir in
       den Jemen gekommen! Das heißt, dass ich schon wieder meine
       Geschichte erzählen soll. Wieder und wieder. Beim bloßen
       Gedanken an all die persönlichen Fragen, die zu beantworten mir
       immer so schwerfällt, erstarrt mein Gesicht. Und die Angst, die
       ich endlich begraben will, steigt wieder aus dem Grund meines
       Herzens auf.
       Da ertönt die Schulglocke. Gerettet! Einen Stab in der Hand gibt
       uns Najmiya, eine der Lehrerinnen, das Zeichen, uns an der Mauer
       aufzustellen. Ich beeile mich, ihren Anordnungen zu folgen. Dann
       sollen wir uns in die hölzernen Schulbänke setzen, die in zwei
       Reihen den Klassenraum einnehmen. Ich entscheide mich für einen
       Platz am Fenster. Weder ganz vorne noch ganz hinten. In der
       dritten Reihe, um genau zu sein, neben zwei neuen
       Mitschülerinnen, deren Vornamen ich noch nicht kenne. Ich hefte
       den Blick auf die Tafel und versuche, die Schriftzeichen zu
       entziffern, die die Lehrerin mit weißer Kreide anschreibt.
       »Ra-ma-dan Kar-im.« Ramadan Karim! – »Fröhlicher Ramadan!« Wie
       ein Puzzle setzt sich das Wort für mich zusammen. Und mein Herz
       schlägt endlich wieder normal.
       Während die Lehrerin uns dazu auffordert, die Nationalhymne zu
       rezitieren, wird meine Aufmerksamkeit auf einmal vom Geräusch
       der umgeblätterten Seiten abgelenkt. Das Geräusch der Schule.
       Das echte Geräusch der Schule, endlich habe ich es
       wiedergefunden!
       Einen Moment lang bleibe ich in Gedanken bei einer Geschichte
       hängen, die die Direktorin gerade erzählt hat: »Letztes Jahr ist
       eine unserer Schülerinnen von einem Tag auf den anderen nicht
       mehr in der Schule erschienen. Einfach so, ohne einen Grund
       anzugeben. Am Anfang habe ich noch gedacht, sie würde sicher
       wiederkommen. Und dann sind Wochen ins Land gegangen, ohne dass
       man etwas von ihr hörte. Bis ich schließlich vor einigen Monaten
       erfahren habe, dass die Kleine verheiratet worden ist und ein
       Kind bekommen hat. Mit dreizehn!«
       Njala Matri hat das nur ganz leise zu Shada gesagt, ich sollte
       es nicht mitbekommen. Das hat sie sicherlich gut gemeint. Sie
       kann ja nicht wissen, dass in mir in den letzten Wochen ein Plan
       gereift ist. Ja, es ist entschieden: Wenn ich groß bin, will ich
       Anwältin werden, wie Shada, und für kleine Mädchen wie mich
       kämpfen. Ich werde mich dafür einsetzen, das Heiratsalter auf
       achtzehn Jahre anzuheben. Oder vielleicht auf zwanzig. Warum
       nicht auf zweiundzwanzig! Ich muss stark sein und hartnäckig
       bleiben. Ich muss lernen, keine Angst vor Männern zu haben und
       ihnen gerade in die Augen zu sehen. Und demnächst muss ich auch
       mal den Mut aufbringen, Aba zu sagen, dass ich es nicht gut
       finde, wenn er sagt, schließlich habe der Prophet Aischa auch
       mit neun Jahren geheiratet. Ich will wie Shada Schuhe mit hohen
       Absätzen tragen und mir nicht das Gesicht bedecken. Unter einem
       niqab kriegt man keine Luft! Doch bis dahin gibt es noch viel zu
       tun. Ich muss eine gute Schülerin werden. Nur so kann ich auf
       die Universität und Jura studieren. Doch mit Willenskraft kann
       ich es schaffen.
       
       Die Ereignisse haben sich so überschlagen, seit ich mich an das
       Gericht gewendet habe, dass mir noch gar nicht klar ist, was mir
       eigentlich passiert ist. Das wird noch seine Zeit dauern,
       sicher. Zeit und Geduld. Übrigens hat mir Shada schon mehrfach
       vorgeschlagen, ich könnte zu einem Arzt gehen, der würde mir
       helfen. Jedes Mal habe ich den Termin im letzten Moment
       abgesagt. Es ist doch peinlich, oder, zu einem Arzt zu gehen,
       den man gar nicht kennt? Schließlich hat es Shada aufgegeben. Am
       Anfang habe ich mich furchtbar geschämt. Die Scham, die Angst,
       anders als die anderen zu sein, das schreckliche Gefühl der
       Minderwertigkeit. Ich konnte mich nicht gegen das furchtbare
       Gefühl wehren, dieser Sache ganz allein ausgesetzt gewesen zu
       sein. Das anonyme Opfer einer Geschichte geworden zu sein, die
       die anderen nicht verstehen können. Mich isoliert zu fühlen.
       Ausgeschlossen. Gedemütigt.
       Doch im Laufe der letzten Wochen habe ich auch begriffen, dass
       mein Fall nicht einzigartig ist. Über Geschichten wie meine oder
       die der dreizehnjährigen Schülerin spricht man zwar selten, doch
       kommen sie häufiger vor, als man denkt. Vor einigen Wochen hat
       mich Shada mit Arwa und Rym bekannt gemacht, zwei anderen
       Mädchen, die wie ich die Scheidung verlangt haben. Ich habe sie
       ganz fest in die Arme geschlossen, wie Schwestern. Ihre
       Erzählungen haben mich aus der Fassung gebracht. Arwa ist mit
       neun Jahren von ihrem Vater gegen ihren Willen mit einem
       fünfundzwanzig Jahre älteren Mann verheiratet worden. Als sie
       von meiner Geschichte im Fernsehen erfahren hat, ist sie in das
       nächste Krankenhaus geflüchtet, nach Jibla, im Süden von Sanaa.
       Das Leben der zwölfjährigen Rym ist nach der Scheidung ihrer
       Eltern aus den Fugen geraten. Ihr Vater hat sie aus Rache mit
       einem einunddreißigjährigen Cousin verheiratet. Nach mehreren
       Selbstmordversuchen hat Rym den Mut gefunden, an der Tür des
       Gerichts anzuklopfen.
       Ich war stolz darauf, dass sie meine Geschichte zum Anlass
       genommen haben, sich zu wehren. Ihr Unglück hat mich tief
       berührt. Irgendwie fühle ich mich auch verantwortlich dafür,
       dass sie sich entschieden haben, sich gegen ihre Ehemänner
       aufzulehnen. Wenn sie vor Gericht gezogen sind, dann wegen mir.
       Es sind hübsche Mädchen, sie haben es nicht verdient, dass man
       sie gegen ihren Willen verheiratet. Ich habe viel mit ihnen
       gelitten. Als ich ihre unglücklichen Geschichten hörte, sah ich
       meine eigene wie in einem Spiegel. »Khalass!«, habe ich mir
       gesagt – »Es ist vorbei!« Die Ehe macht Mädchen unglücklich. Ich
       werde nie heiraten. Nie mehr! Machi! Machtich!
       
       Oft muss ich an die Geschichte von Mona denken. Auch ihr hat
       sich das Leben nicht von seiner schönsten Seite gezeigt. Vor
       einer Woche ist meine große Schwester Jamila endlich aus dem
       Gefängnis freigekommen! Dort hat sie die Zelle mit echten
       Kriminellen teilen müssen, darunter Frauen, die ihren Ehemann
       getötet hatten! Doch zu Hause hat man über solche Dinge nicht
       gesprochen. Seit langem ist unsere Familie endlich wieder
       vereint. Doch die Freude währte nicht lange, bald haben die
       Streitereien wieder angefangen, und erst kürzlich haben sich
       auch meine Schwestern wieder gezankt. Um Jamila zu retten, hat
       Mona schließlich das berühmte Papier unterzeichnet. Doch sie ist
       natürlich sauer darüber. Sie wirft ihr vor, die Familie entzweit
       zu haben. Zwischen ihnen wird es nie mehr so werden wie zuvor.
       Letztlich ist aber ihr Mann daran schuld. Manchmal denke ich,
       ich muss mit Fares sprechen und mir von ihm versprechen lassen,
       dass er ganz zärtlich ist, wenn er sich eines Tages verheiratet.
       
       Ein Flugzeug zieht über den Himmel und hinterlässt einen langen,
       weißen Kondensstreifen. Es wird immer größer und größer, gleich
       landet es auf dem nahe gelegenen Flughafen. Ob es aus Frankreich
       kommt, oder aus Bahrain? Welches dieser Länder ist näher? Ich
       werde Shada fragen. Eines Tages werde ich auch fliegen, ich
       werde bis ans andere Ende der Welt reisen. In so ein Flugzeug
       sollen dreihundert Menschen reinpassen, habe ich gehört. Ein
       Nachbar, der neulich aus Saudi-Arabien zurückgekehrt ist, hat
       mir erzählt, drinnen sähe es aus wie in einem großen Wohnzimmer,
       man würde Zeitungen lesen und könne sich etwas zu essen
       bestellen. In einem Flugzeug essen alle mit richtigem Besteck.
       Wie in der »Bizzeria«!
       Die helle Stimme der Lehrerin reißt mich aus meinen Gedanken:
       »Wer will uns die erste Sure des Korans aufsagen?«, fragt sie an
       die ganze Klasse gewandt.
       Begeistert und mutig wie schon lange nicht mehr, strecke ich die
       Hand in die Luft, sehr hoch, damit alle mich sehen können.
       Komisch, diesmal habe ich mir vorher gar nicht überlegt, ob ich
       mich melden soll oder nicht. Ich habe mich nicht gefragt, was
       Aba darüber denkt oder was die Leute hinter meinem Rücken
       tuscheln mögen. Ich, Nojoud, zehn Jahre alt, ich habe mich
       entschieden, auf eine Frage zu antworten. Und diese Entscheidung
       hängt von niemand anderem ab.
       »Nojoud?«, wiederholt die Lehrerin und schaut in meine Richtung.
       Mein Eifer ist ihr nicht entgangen.
       Ich hole tief Luft, erhebe mich von meiner Sitzbank und stelle
       mich kerzengerade auf. Ich suche in meinem Gedächtnis die
       Koranverse, die ich letztes Jahr gelernt habe:
       »Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!
       Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten,
       dem Allerbarmer, dem Barmherzigen,
       dem Herrscher am Tage des Gerichts!
       Dir allein dienen wir, und Dich allein bitten wir um Hilfe.
       Führe uns den geraden Weg,
       den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht den Weg
       derer, die Deinen Zorn erregt haben, und nicht den Weg der
       Irregehenden.«
       Feierliche Stille breitet sich im Klassenzimmer aus.
       »Bravo, Nojoud. Gott möge dich beschützen!«, applaudiert mir die
       Lehrerin und ermuntert die anderen Schüler, einzustimmen. Ihre
       Augen wandern weiter durch die Klasse, auf der Suche nach der
       nächsten Kandidatin.
       Lächelnd setze ich mich wieder hinter mein Pult.
       Wenn ich mich umschaue, entfährt mir automatisch ein Seufzer der
       Erleichterung. In meiner grünweißen Uniform bin ich eine von
       fünfzig Schülerinnen der Klasse. Ich bin eine Schülerin im
       zweiten Schuljahr. Ich habe heute meinen ersten Schultag wie
       Tausende andere kleine Jemenitinnen. Wenn ich heute Nachmittag
       nach Hause komme, dann habe ich Hausaufgaben zu machen, Bilder
       zu malen.
       Heute habe ich endlich das Gefühl, wieder ein kleines Mädchen
       geworden zu sein. Ein ganz normales Mädchen. Wie vorher. Ganz
       einfach.
       #Post#: 1403--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 6:02 am
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       Epilog
       Nojoud trägt ihr hübsches lila Kleid und lächelt nach rechts und
       links. Es wirkt ein wenig schüchtern, wie sie sich an die Hand
       von Shada klammert. Doch ihr Blick ist entschlossen.
       »Noch ein Foto!«, rufen die Reporter.
       Es ist der 10. November 2008, die jüngste Geschiedene der Welt
       wurde soeben in New York von der amerikanischen
       Frauenzeitschrift Glamour zur »Frau des Jahres« gekürt. Gerade
       einmal zehn Jahre alt, teilt sie diese überraschende
       Auszeichnung mit der Schauspielerin Nicole Kidman, der
       amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice und Senatorin
       Hillary Clinton! Ganz schön viel für die tapfere kleine
       Jemenitin, die so plötzlich vom unbekannten Opfer zur Heldin
       unserer Zeit geworden ist und die sich nichts sehnlicher
       wünscht, als wieder ein ganz normales Leben zu führen. Aber
       diesen Preis hat sie wahrhaftig verdient.
       
       Nojoud hat gesiegt. Und sie ist stolz darauf. Das ist mir gleich
       an ihr aufgefallen, als ich sie im Juni 2008, zwei Jahre nach
       ihrer Scheidung, zum ersten Mal gesehen habe: ihre große
       Selbstsicherheit – der schwere Kampf hat sie reifer werden
       lassen, ihr allerdings auch viel von der Unschuld der Kindheit
       geraubt.
       Wie eine Große hat sie mir am Telefon bis ins kleinste Detail
       den Weg zu ihrem bescheidenen Haus beschrieben, das mitten im
       Gewirr der staubigen Gässchen von Dares liegt, einem Viertel am
       Rand von Sanaa, der Hauptstadt des Jemen.
       Sie erwartet mich zwischen den vielen Autos an der Tankstelle,
       in einen schwarzen Schleier gehüllt und in Begleitung ihrer
       kleinen Schwester Haïfa. »Ich bin beim Süßigkeitenstand«, hat
       sie mir gesagt und sich damit als kleines Leckermäulchen
       verraten. Eines mit Mandelaugen, einem Puppengesicht und einem
       süßen Lächeln – ein Mädchen wie alle anderen, das gerne Bonbons
       lutscht, sich einen großen Fernseher wünscht und mit seinen
       Geschwistern Blindekuh spielt. Aber sie ist auch schon eine
       richtige Persönlichkeit, gereift durch schwere Erfahrung – und
       dennoch lächelt sie, wenn die Frauen von Sanaa ihr im
       Vorübergehen laut und freudig »Mabrouk« zurufen, was so viel
       heißt wie »Alles Gute!«.
       »Die Scheidung von Nojoud hat eine Tür aufgestoßen«, meint
       Husnia al-Kadri, die Leiterin der Abteilung für Frauenstudien an
       der Universität Sanaa. Eine von ihr durchgeführte Untersuchung
       hat vor kurzem ergeben, dass mehr als die Hälfte der Mädchen im
       Jemen vor ihrem achtzehnten Geburtstag verheiratet werden.[1]
       Ja, man muss es so sagen: Nojouds Geschichte ist eine frohe
       Botschaft. Ihr unglaublicher Bravourakt hat in diesem Land der
       arabischen Halbinsel, in dem die Zwangsverheiratung kleiner
       Mädchen bislang als unumstößliche Tradition galt, auch anderen
       zarten Stimmen Mut gemacht, sich gegen ihre Ehemänner zu
       erheben. Nach dem Prozess von Nojoud haben zwei weitere Mädchen,
       Arwa, neun Jahre alt, und Rym, zwölf, es gewagt, sich gegen ihre
       barbarische Verheiratung zur Wehr zu setzen. Auch in
       Saudi-Arabien hat ein achtjähriges Mädchen, das von seinem Vater
       einem Fünfzigjährigen zur Frau gegeben worden war, ein Jahr nach
       dem Drama von Nojoud eine Scheidung erreicht – eine Sensation in
       Jemens ultratraditionellem Nachbarstaat!
       Im Februar 2009 errangen die Frauen im Jemen einen weiteren
       Sieg: Unter dem Druck örtlicher Frauenrechtsverbände hat das
       Parlament endlich in eine Reform des Eherechts eingewilligt. Das
       Mindestalter für die Eheschließung wurde, für Mädchen wie Jungen
       gleichermaßen, auf 17 Jahre angehoben. Das Gesetz verlangt jetzt
       auch, unabhängig vom Alter, die Zustimmung der zukünftigen
       Ehefrau. Und falls doch vom Mindestalter abgewichen wird – die
       Tradition forderte ihr Recht –, so muss der Ehevertrag zwingend
       von einem Richter unterzeichnet werden. Für den Fall einer
       Scheidung ist nun gesetzlich geregelt, dass die Kinder bis zum
       zwölften Lebensjahr bei der Mutter bleiben. Und nimmt sich ein
       Mann eine weitere Ehefrau, so ist er fortan verpflichtet, seine
       erste davon zu informieren. Die Polygamie wurde etwas
       eingeschränkt, ein Mann darf nur noch dann mehrere Ehefrauen
       nehmen, wenn er über ein gewisses Vermögen verfügt – damit
       sollen unübersichtlich verflochtene Familien wie die von Nojoud
       verhindert werden, in denen oft niemand die Mittel aufbringen
       kann, für die Kinder zu sorgen. Kleine Fortschritte, gewiss. Und
       es wird noch einige Zeit brauchen, ehe sie ihre volle Wirkung
       entfalten und die Verhältnisse sich wirklich ändern.
       
       Nojoud ist die Tragweite ihrer Tat vielleicht noch nicht voll
       bewusst: Sie hat es geschafft, ein Tabuthema ans Licht der
       Öffentlichkeit zu bringen. Die Nachricht von ihrer Scheidung hat
       sich um die ganze Welt verbreitet und das Schweigen gebrochen,
       das über dieser Sitte liegt, die leider in vielen Ländern
       verbreitet ist: Ägypten, Indien, Iran, Mali, Pakistan …
       Dass uns Nojouds Schicksal so berührt, liegt aber auch daran,
       dass wir selbst ebenso betroffen sind. Sosehr es im Westen zum
       guten Ton gehören mag, sich über das Los der Frauen im Islam zu
       entrüsten: Die Zwangsverheiratung von Mädchen und Gewalt in der
       Ehe sind Probleme, die sich nicht auf die islamische Welt
       beschränken. Noch unsere Urgroßmütter wurden in Ländern wie
       Frankreich, Spanien oder auch Italien nicht selten sehr jung
       verheiratet, auch im Westen werden bis heute Frauen von ihren
       Ehemännern misshandelt. Und in den USA konnte Warren Jeffs, der
       Führer einer Mormonensekte, noch bis vor kurzem die Trauung von
       vierzehnjährigen Mädchen durchführen, ehe er 2006 schließlich
       verhaftet wurde.
       
       Doch es ist nicht der Glaube allein, der jemenitische Väter dazu
       veranlasst, ihre Töchter noch vor der Pubertät zu verheiraten.
       »Armut, Bildungsmangel und Traditionen spielen ebenfalls eine
       Rolle«, bemerkt Husnia al-Kadri. Familienehre, Angst vor
       Ehebruch, Begleichung alter Rechnungen zwischen Clans: die
       Gründe, die Eltern vorbringen, sind ebenso zahlreich wie
       verschieden. Und ein jemenitisches Sprichwort besagt: »Heirate
       ein Mädchen mit neun, und deine Ehe wird glücklich sein.«
       Das große Problem ist, dass die Zwangsverheiratung von Kindern
       für viele Jemeniten einfach etwas ganz Normales ist. »Vor kurzem
       starb ein neunjähriges jemenitisches Mädchen, das mit einem
       Saudi verheiratet worden war, drei Tage nach der Hochzeit. Die
       Eltern hätten entsetzt sein müssen! Stattdessen haben sie sich
       eiligst bei dem Ehemann entschuldigt und ihm als Ersatz die
       siebenjährige Schwester des Mädchens angeboten, so als hätten
       sie ihm schlechte Ware geliefert«, erzählte mir vor kurzem Nadia
       al-Saqqaf, die Chefredakteurin der Yemen Times. Während uns das
       Aufbegehren von Nojoud als mutige Tat erscheint, sehen die
       Traditionalisten darin einen Skandal – und ganz Hartgesottene
       gar ein Ehrverbrechen.
       Verglichen mit dem Glanz und Glamour von New York wirkt die
       tägliche Realität unserer kleinen jemenitischen Heldin nicht
       gerade wie eine Märchenwelt.
       Nojoud ist ihrem Wunsch entsprechend zu ihren Eltern
       zurückgekehrt. Ihre großen Brüder betrachten die internationale
       Aufmerksamkeit, die ihre Scheidung ausgelöst hat, mit Argwohn.
       Die Nachbarn beschweren sich über die vielen ausländischen
       Fernsehteams. Nicht alle, die sich nach ihrer Geschichte
       erkundigen, tun dies in bester Absicht. Ihr früherer Ehemann ist
       längst nicht mehr im Gefängnis. Die Familie von Nojoud hat alle
       Verbindungen zu ihm abgebrochen, und niemand weiß, wo er sich
       derzeit aufhält.
       Auch Shada ist vor Misshelligkeiten nicht gefeit. Böse Zungen
       werfen ihr vor, sie hätte den Jemen in schlechtes Licht gesetzt.
       Unterdessen bemühen sich Nichtregierungsorganisationen, die
       Bevölkerung auf dem Land für die Probleme solcher Zwangsehen zu
       sensibilisieren. Mit Rücksicht auf die vorhandenen
       Empfindlichkeiten wägt Oxfam, die in dieser Region am stärksten
       engagierte Organisation, in Workshops zu diesem Thema die Worte
       sehr genau ab. Statt vom »legalen Heiratsalter« spricht man
       lieber vom »Schutzalter« und legt den Akzent damit auf die
       Risiken einer allzu frühen Verheiratung: psychologische
       Traumata, Kindbettfieber, Schulabbruch. Doch die Aufgabe bleibt
       schwierig. »Es ist schon mehrfach vorgekommen, dass Scheichs
       gegen Mitarbeiter vor Ort eine Fatwa ausgesprochen haben, unter
       dem Vorwurf, sie würden den Islam missachten und westlicher
       Dekadenz Vorschub zu leisten«, vertraute mir Souha Bashren von
       Oxfam an. Der Weg zu einer besseren Zukunft bleibt lang und
       steinig …
       
       Das Viertel von Nojoud liegt nachts nicht wie New York im
       Lichterglanz. Im Winter ist es kalt, Brennmaterial ist teuer.
       Lange Abendkleider sieht man in Sanaa nur im Schaufenster.
       Frühmorgens heißt es für Nojoud, aufzustehen und Brot für die
       ganze Familie zu kaufen. Nicht selten versagt der Wecker den
       Dienst. Die großen Brüder hingegen schlafen bis zum Frühstück.
       Nojouds Vater, kränklich und fiebrig, hat selten Arbeit. Ihre
       Mutter, die nicht lesen kann, vernachlässigt manchmal ihre
       Pflichten.
       Trotz all dieser Schwierigkeiten geht die kleine Geschiedene nun
       in Begleitung ihrer Schwester Haïfa wieder zur Schule. Während
       wir hier an dieser Neuausgabe arbeiten, fängt für die beiden
       bald das dritte Schuljahr an.
       Die Tantiemen für dieses Buch, das in zwanzig Sprachen übersetzt
       wurde, ermöglichen die Schulausbildung und die Unterstützung der
       Familie: Lebensmittel, Wohnung, Schulhefte und Kleider für die
       Kinderschar … Später einmal werden sie Nojoud auch helfen, zu
       studieren und eine Hilfsorganisation für Mädchen in Not zu
       gründen, wie es ihr Traum ist. Und außerdem möchte sie weiter
       ihre Familie unterstützen.
       Jedes Mal, wenn ich nach Sanaa komme, wünscht sie sich
       Buntstifte von mir. Dann kauert sie auf dem Fußboden des
       bescheidenen Wohnraums und zeichnet immer dasselbe: ein buntes
       Haus mit vielen Fenstern. Einmal habe ich sie gefragt, ob das
       ein Wohnhaus, eine Schule oder ein Pensionat sei. »Das ist das
       Glückshaus. Das Haus für glückliche Mädchen«, hat sie mir
       lächelnd geantwortet.
       
       Delphine Minoui
       September 2009
       #Post#: 1407--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: Morena
       Date: April 14, 2013, 12:20 pm
       ---------------------------------------------------------
       was für eine Geschichte. Einj sehr mutiges Mädchen und ich
       hoffe für sie, dass sie ihr Ziel erreicht, trotz des Islam
       und der grausamen Männerwelt dort.
       Wobei leider auch die Solidarität der Frauen, bis auf Ausnahmen
       leider durch die Traditionen nicht sehr stark ausgeprägt ist.
       #Post#: 1411--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 6:11 pm
       ---------------------------------------------------------
       Woanders hätte sie das vielleicht nicht überlebt, aber im Jemen
       bremst der ewige Kat-Rausch neben allem anderen wohl auch den
       religiösen Wahn. Natürlich merkt man, dass die amerikanische
       Journalistin das Buch geschrieben hat, aber imho gibt es doch
       ein paar Einblicke.
       Hier der aktuelle Wikipedia-Artikelüber die Protagonistin:
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       Nojoud Ali Muhammed Nasser, auch Nodschud Ali, engl. Nujood Ali,
       (* 1998 in Khardji, Jemen) ist eine jemenitische Aktivistin und
       Autorin. Die Scheidung ihrer Zwangsehe mit einem 22 Jahre
       älteren Mann, die sie im Alter von zehn Jahren durchsetzte,
       erregte weltweit Aufsehen. Über ihr Schicksal hat sie mit Hilfe
       einer französischen Journalistin ein Buch geschrieben, das zum
       Welt-Bestseller wurde.
       Leben
       Nojoud Ali wurde in dem Dorf Khardji im Norden von Jemen
       geboren. Ihre Familie lebte in Armut. Ihr Vater, Mohammad Ali
       Al-Ahdal, der mit seinen zwei legalen Frauen insgesamt 16 Kinder
       gezeugt hat, war arbeitslos und Nojouds Brüder und Schwestern
       bettelten. Die Familie Ali zog später in die Umgebung der
       Hauptstadt Sanaa. Dort besuchte Ali vor ihrer Heirat nur ein
       Jahr lang eine Klasse mit 40 bis 50 Schülerinnen und wurde dann
       von ihrem Vater im Januar 2008 gegen eine Zahlung von
       umgerechnet 1100 Euro mit einem 22 Jahre älteren Mann
       zwangsverheiratet und mit körperlicher Gewalt zur Einwilligung
       gezwungen.[1]
       Sie wurde von ihrem Ehemann mehrmals körperlich misshandelt und
       vergewaltigt. Anfang April 2008 suchte sie bei ihrer Familie
       Hilfe, die sich dazu jedoch aufgrund der gesetzlichen Lage nach
       der Heirat nicht in der Lage sah. Von der zweiten Ehefrau ihres
       Vaters kam der Hinweis, dass sie „ja [selbst] zum Gericht gehen
       könne“. Ali entfloh ihrem Mann und fragte sich zum
       Bezirksgericht West in Saana durch. Dort fand sie bei dem
       Richter Muhammed Al-Qathi Unterstützung, der sowohl Nojouds
       Ehemann wie auch ihren Vater vorübergehend in Untersuchungshaft
       nehmen ließ. Die Haftgründe waren Kindeshandel und
       Vergewaltigung Minderjähriger.[1]
       In dem nachfolgenden Gerichtsverfahren erhielt Ali kostenlose
       Hilfe von der jemenitischen Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin
       Shada Nasser, die eine Scheidungsklage einreichte. Unterdessen
       war Ali eine Zeitlang von dem Richter bei sich zuhause
       aufgenommen worden. Die Ehe wurde Mitte April 2008 geschieden.
       Ali musste jedoch ihrem Ex-Mann eine Entschädigung, die
       sogenannte Khulla (arab. Chul’) in Höhe von umgerechnet 500
       Dollar zahlen; der Betrag wurde von Spendern übernommen.[1][2]
       Erstmals an die Öffentlichkeit gebracht wurde der Fall dann von
       der Yemen Times; eine alle drei Tage erscheinende jemenitische
       Zeitung, die Missstände offen anprangert und sich für Reformen
       und Rechtsstaatlichkeit einsetzt; Herausgeberin ist Nadia
       Abdulaziz Al-Sakkaf. Der Bericht vom 9. April 2009 in der Yemen
       Times über die Scheidung der minderjährigen Ali[3] wurde rasch
       von internationalen Massenmedien aufgegriffen und sorgte
       weltweit für Aufsehen und ein langanhaltendes
       Medieninteresse.[1]
       So berichtete nach einem entsprechenden Artikel der Deutschen
       Presse-Agentur[4] in Deutschland unter anderem die Süddeutsche
       Zeitung und die Welt am Sonntag über Alis Schicksal[5], in den
       USA schrieb die Los Angeles Times im Juni 2008 über Hintergründe
       der „international headlines story“[6], und in Frankreich
       befasste sich die französische Ausgabe der Gratiszeitung metro
       im Januar 2009 zum wiederholten Male mit dem Thema und brachte
       anlässlich des bevorstehenden Erscheinens des Buches von und
       über Nojoud Ali ein Interview mit ihr[7]. Darüber hinaus gab es
       weltweit eine Vielzahl von Berichterstattungen in Printmedien,
       Hörfunk und Fernsehen sowie im Internet.
       Ali wurde von dem US-amerikanischen Magazin Glamour als Frau des
       Jahres 2008 (Woman of the year 2008) geehrt, die Auszeichnung
       wurde ihr im November 2008 in New York überreicht.[8]
       Die französische Journalistin und Nahost-Korrespondentin des
       Figaro, Delphine Minoui, die im Libanon lebt, wurde im April
       2008 auf den Fall aufmerksam und gewann das Vertrauen von Ali,
       die ihr ihre Geschichte erzählte. Das autobiografische Buch über
       die zweieinhalbmonatige Zwangsehe von Ali und die darauffolgende
       Scheidung erschien zuerst in französischer Sprache und kam beim
       französischen Verlag Michel Lanfon unter dem Titel Divorcée à
       dix ans Ende Januar 2009 heraus. Die erste deutschsprachige
       Ausgabe wurde im Februar 2009 vom Münchener Knaur Verlag
       herausgegeben. Das Buch von Ali/Minoui erschien mittlerweile in
       mehr als acht Ländern und entwickelte sich zu einem weltweiten
       Bestseller. Najoud Ali jedoch beklagt die Tatsache, dass sie
       selbst bis auf eine anfängliche Abfindung von umgerechnet 3000
       Euro keinerlei finanzielle Erträge aus dem Buchverkauf erhält
       und Delphine Minoui den Kontakt zu ihr nach der
       Buchveröffentlichung abgebrochen hat.[1]
       Inzwischen hat Ali in verschiedenen Ländern weitere
       Auszeichnungen und Ehrungen erhalten. So wurde sie zum Beispiel
       im März 2009 in Wien im Rahmen der Women’s World Awards 2009 mit
       dem World Hope Award gewürdigt, wobei Ali die Auszeichnung nicht
       persönlich entgegennehmen konnte, da sie nicht aus ihrer Heimat
       ausreisen durfte.[9]
       Nojoud Ali lebt weiterhin in Armut und ist ob der dem Land Jemen
       wenig willkommenen Medienpräsenz in ihrer Bewegungsfreiheit
       heute deutlich eingeschränkt. Der Reisepass wurde ihr entzogen,
       eine Teilnahme am Women’s World Awards 2009 wurde verwehrt.
       Erziehungsberechtigt ist nach wie vor ihr Vater. Einzige
       Einkommensquelle der 19-köpfigen Familie Nojoud Alis ist die
       Bettelei.[1]
       Nojoud Ali will sich zusammen mit der Rechtsanwältin Shada
       Nasser dafür einsetzen, dass andere Mädchen vor einer
       Zwangsheirat bewahrt werden.
       Im März 2010 erschien in der Los Angeles Times [10] ein Artikel
       über das Leben Alis zwei Jahre nach ihrer Scheidung. Die
       Situation der Familie verbesserte sich nach dem Umzug in ein
       neues Haus merklich. Dazu trugen die Erträge durch die
       Lizenzgebühren des inzwischen in mehreren Sprachen
       herausgegebenen Buches bei, welche Nojoud Ali und ihren
       Angehörigen ein Jahr nach der Erstveröffentlichung zuflossen.
       Leider ist die Rechtssicherheit, über diese Einnahmen selbst
       verfügen zu können, für das Mädchen nach den Gesetzen ihres
       Heimatlandes nicht festgeschrieben. Ihr Vater als
       Erziehungsberechtigter verwaltet die finanziellen Zuflüsse und
       entscheidet über deren Verwendung.[11] Hinzu kommt, dass ihr
       Engagement gegen die Zwangsheirat in der von Tribalismus und
       streng durch islamische Lebensvorstellungen geprägten
       Gesellschaft auf wenig Gegenliebe stößt und sie daher Schikanen
       und Belästigungen ausgesetzt ist.
       Rechtliche Situation
       Das gesetzliche Mindestalter für Eheschließungen lag 2008 für
       jeminitische Mädchen bei 15 Jahren[12] und wurde inzwischen auf
       17 Jahre hochgesetzt. Nach Schätzung der Leiterin der Abteilung
       für Frauenstudien an der Universität von Sanaa, Husnia al-Kadri,
       wurden bislang jedoch mehr als die Hälfte der Mädchen vor ihrem
       15. Lebensjahr verheiratet. Das effektive Alter in dem von
       archaischen Strukturen geprägten Land ist vielerorts unbekannt,
       da es in den Dörfern keine Geburtsurkunden und keine Ausweise
       gibt.[12]
       Männer dürfen im Jemen laut Gesetz bis zu vier Ehefrauen haben.
       Eine Heirat war bisher nicht nur erlaubt, sobald die Braut 15
       Jahre alt war, sondern bei Einwilligung des Vaters als
       gesetzlicher Vormund auch früher. Die traditionelle Regel,
       wonach der Ehemann mit dem Vollzug der Ehe bis zum Ende der
       Pubertät warten muss, werde jedoch immer öfter gebrochen,
       berichtete die Psychologieprofessorin Najat Sajam von der
       Universität Sanaa im April 2008.[13] Das Schutzalter, welches
       das Erreichen der Einwilligungsfähigkeit für sexuelle Handlungen
       festlegt, war in Jemen 1999 von ehemals 15 Jahren auf den Beginn
       der Pubertät gesenkt worden, wobei man darunter dort meist ein
       Alter von nur neun Jahren versteht.[14]
       Nachdem das jemenitische Parlament noch Anfang 2009 eine
       Gesetzesänderung abgelehnt hatte, wurde das Mindestalter für
       Eheschließungen für Mädchen im März 2009 auf 17 Jahre
       heraufgesetzt. Damit diese Grenze insbesondere auch in
       ländlichen Gegenden eingehalten wird, muss künftig jeder
       Heiratsvertrag von einem Richter beglaubigt werden. Das
       Parlament gab damit dem internationalen Druck nach, der durch
       den Fall Nojoud Ali und die weltweiten Berichterstattungen
       darüber entstand.[15]
       Buchveröffentlichungen (Auswahl)
       Nojoud Ali (Bearb.: Delphine Minoui): Moi Nojoud, 10 ans,
       divorcée. Michel Lafon, Neuilly-sur-Seine (Frankreich) 2009,
       ISBN 978-2-7499-0976-9. (französisch)
       Nojoud Ali (Bearb.: Delphine Minoui): Ich, Nojoud, 10 Jahre,
       geschieden. Knaur, München 2009, ISBN 978-3-426-65470-5. (Aus
       dem Französischen von Andreas Riehle und Thomas Wollermann;
       französischer Originaltitel: Moi, Nojoud, 10 ans, divorcée)
       Nojoud Ali (Bearb.: Delphine Minoui): Ich, Nojoud, 10 Jahre,
       geschieden. Weltbild, Augsburg 2009 (= Weltbild-Reader), ISBN
       978-3-8289-9613-7. (Aus dem Französischen von Andreas Riehle und
       Thomas Wollermann; Lizenzausgabe des Knaur-Verlags, München)
       Literatur
       Calvin C. Jillson: American Government. Political
       Development and Institutional Change. 5th ed., Routledge, New
       York 2009, ISBN 978-0415995702, S. 338. (Englisch)
       Keren Soel: Women. The Status of Women in Islam, Hinduism,
       and Christianity. CreateSpace, Scotts Valley (Kalifornien/USA)
       2008, ISBN 978-1-440-41750-4, S. 97. (Englisch)
       Weblinks
       Literatur von und über Nojoud Ali im Katalog der Deutschen
       Nationalbibliothek
       Einzelnachweise
       ↑ a b c d e f Kleine große Frau: profil besuchte die
       zehnjährige Jemenitin Nojoud Ali in Sanaa, Bericht von Emil Bobi
       beim österreichischen Nachrichtenmagazin profil auf
       www.profil.at vom 14. März 2009 (aufgerufen am 11. September
       2009).
       ↑ Achtjährige im Jemen erwirkt Scheidung. Ein
       unschuldiges Kind, sonst nichts! (Die ursprüngliche Seite ist
       nicht mehr abrufbar.) → Erläuterung, Bericht von Esther
       Saoub in der ARD-Tagesschau, auf wwww.tagesschau.de vom 16.
       April 2009 (aufgerufen am 11. September 2009).
       ↑ For the first time in Yemen. 8-year-old girl asks
       for divorce in court, Artikel von Hamed Thabet vom 9. April
       2009, veröffentlicht in der Yemen Times (1145), Ausgabe 18, vom
       10. April 2008 bis 13. April 2008 (englisch; aufgerufen am 11.
       September 2009).
       ↑ Nach Zwangsheirat: Achtjährige Jemenitin erkämpft
       Scheidung, Artikel von Frederik Obermaier von der Deutschen
       Presse-Agentur, vom 16. April 2008
       ↑ Wie es einer Achtjährigen im Jemen gelang, sich nach
       ihrer Zwangsheirat scheiden zu lassen, Artikel von Silke Mertins
       in der Welt am Sonntag, auf www.welt.de vom 27. April 2008
       (aufgerufen am 11. September).
       ↑ Yemen child bride Nujood Ali gets divorce, Artikel
       von Borzou Daragahi in der Los Angeles Times vom 11. Juni 2008
       (englisch; aufgerufen am 11. September 2009).
       ↑ Divorcée à dix ans, Artikel von Alexandra Bogaert in
       der französischen Ausgabe der metro, auf www.metrofrance.com vom
       28. Januar 2009 (französisch; aufgerufen am 11. September 2009).
       ↑ Women of the year 2008. Nujood Ali & Shada Nasser:
       The Voices for Children, Artikel von Carla Power in dem
       US-amerikanischen Magazin Glamour vom August 2008 auf
       www.glamour.com (englisch; aufgerufen am 11. September 2009).
       ↑ Women's World Awards: Auftakt ohne zehnjährige
       Preisträgerin, APA-Pressemitteilung auf Die Presse.com vom 5.
       März 2009 (aufgerufen am 11. September 2009).
       ↑ 2 years after divorce
       ↑ RI Yemen seeks help for famous child bride Nojoud
       ↑ a b „Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden“, Artikel
       von Olga Grimm-Weissert in der österreichischen Tageszeitung Der
       Standard vom 4. Februar 2009 (aufgerufen am 11. September 2009).
       ↑ Zwangsehen im Jemen. Acht Jahre alt und geschieden,
       Artikel in der Süddeutschen Zeitung, auf www.sueddeutsche.de vom
       16. April 2008 (aufgerufen am 11. September 2009).
       ↑ Human Rights Watch: World Report 2000 – Yemen: Human
       Rights Developments (englisch; aufgerufen am 11. September
       2009).
       ↑ Kinder, die sich scheiden lassen. Eine Zehnjährige
       bewirkt Gesetzesänderung im Jemen, Bericht von Sabine Bitter
       beim österreichischen Hörfunksender Ö1, auf oe1.orf.at vom Juli
       2009 (aufgerufen am 11. September 2009).
       2 years after divorce 9. März 2010, Artikel von Meris Lutz in
       der Los Angeles Times in englischer Sprache
       RI Yemen seeks help for famous child bride Nojoud 6. August
       2012, Artikel von Mohammed Al Kibsi in englischer Sprache in
       einer Onlineausgabe der Zeitung Yemen Observer
  HTML http://de.wikipedia.org/wiki/Nojoud_Ali
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