DIR Return Create A Forum - Home
---------------------------------------------------------
Station13
HTML https://station13.createaforum.com
---------------------------------------------------------
*****************************************************
DIR Return to: Der Islam und die Orks
*****************************************************
#Post#: 1388--------------------------------------------------
"Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
DIR By: KarlMartell
Date: April 14, 2013, 5:34 am
---------------------------------------------------------
1. Im Gericht
2. April 2008
Mir dreht sich alles im Kopf. Ich habe in meinem ganzen Leben
noch nie so viele Menschen gesehen. In dem Hof, der zum
Hauptgebäude des Gerichts führt, hetzt eine Menschenmenge hin
und her. Männer in Anzug und Krawatte, vergilbte Aktenstapel
unter den Arm geklemmt. Andere, mit einer zanna bekleidet, der
traditionellen Tunika, die man in den Dörfern des Nordjemen
trägt. Und zudem all diese Frauen, die in unverständlichem
Stimmengewirr schreien und weinen. Ich würde gerne von ihren
Lippen ablesen, was sie zu sagen versuchen, doch die Ton in Ton
auf die langen schwarzen Schleier abgestimmten niqabs lassen von
ihren Gesichtern nur ihre runden Augen durchscheinen. Man könnte
meinen, es seien Handgranaten kurz vor der Explosion. Wütend
sehen sie aus, als hätte ein Wirbelsturm gerade ihr Haus
zertrümmert. Ich spitze die Ohren.
Von ihren Gesprächen erhasche ich nur ein paar Wörter:
»Sorgerecht für das Kind«, »Justiz«, »Menschenrechte« … Ich weiß
nicht so recht, was das bedeutet. Nicht weit von mir erzählt ein
Riese mit kantigen Schultern, den Turban auf die Schläfen
gepfropft und eine Plastiktüte voller Schriftstücke unterm Arm,
jedem, der es hören will, dass er hergekommen ist, um sich das
Land, das man ihm genommen hat, zurückzuholen. Autsch! Der Kerl
hätte mich fast gerammt, der springt ja hin und her wie ein
verschreckter Hase.
So ein Durcheinander! Ich muss an den Al-Qa-Platz denken, den
Platz der Arbeitslosen im Herzen von Sanaa, von dem Aba oft
spricht. Jeder will der Erste ein, um eine Anstellung für den
Tag zu ergattern, beim ersten Sonnenstrahl, gleich nach dem
azan, dem Aufruf zum Morgengebet. Diese Männer haben solchen
Hunger, dass sie da, wo bei anderen das Herz ist, einen Stein in
der Brust haben. Keine Zeit, mir über das Schicksal anderer
Gedanken zu machen. Trotzdem würde ich mir so sehr wünschen,
dass mich jemand an der Hand nimmt, mich mitfühlend ansieht.
Dass man mir zuhört, nur das eine Mal! Aber es ist, als sei ich
unsichtbar. Keiner sieht mich. Ich bin zu klein für sie. Ich
reiche ihnen gerade bis zur Hüfte. Ich bin erst zehn Jahre alt,
vielleicht noch nicht mal, wer weiß?
Das Gericht hatte ich mir anders vorgestellt, eher als einen
ruhigen, sauberen Ort. Ein großes Haus, wo das Gute gegen das
Böse siegt, wo alle Probleme der Welt gelöst werden. Im
Fernsehen, bei den Nachbarn, hatte ich schon Gerichtssäle
gesehen, mit Richtern in langer Tracht. Es heißt, sie könnten
den Menschen in Not helfen. Ich muss einen finden und ihm meine
Geschichte erzählen. Ich bin erschöpft. Mir ist warm unter
meinem Schleier. Ich schäme mich, und mein Kopf tut mir weh.
Habe ich die Kraft, weiterzumachen? Nein. Ja. Vielleicht. Zu
spät, jetzt einen Rückzieher zu machen, sage ich mir. Das
Schlimmste ist vorbei. Jetzt muss es vorwärtsgehen.
Als ich heute Morgen das Haus meiner Eltern verließ, habe ich
mir geschworen, es erst wieder zu betreten, wenn ich mein Ziel
erreicht habe. Es war genau zehn Uhr.
»Geh Brot kaufen für das Frühstück«, hatte meine Mutter gesagt
und mir 150 Rial gegeben.
Automatisch knotete ich meine langen dunkelbraunen Haare unter
meinem schwarzen Kopftuch zusammen und hüllte meinen Körper in
einen gleichfarbigen Mantel – die Kleidung der jemenitischen
Frauen, wenn sie auf die Straße gehen. Zitternd ging ich ein
paar Meter, dann nahm ich den ersten Minibus, der auf dem
breiten Boulevard Richtung Stadtzentrum fuhr. An der Endstation
stieg ich aus. Und zum ersten Mal in meinem Leben bezwang ich
meine Angst und stieg ganz alleine in ein gelbes Taxi.
Im Hof zieht sich das Warten in die Länge. An wen soll ich mich
wenden? Unverhofft bemerke ich in der Menge verständnisvolle
Blicke. Drüben bei der Treppe, die zum Eingang des großen
Gebäudes aus sandfarbenem Zement führt, stehen drei Jungen in
Plastiksandalen und mustern mich von Kopf bis Fuß. Ihre
Gesichter sind ganz schwarz vor Staub. Sie erinnern mich an
meine Brüder.
»Dein Gewicht für zehn Rial!«, ruft der eine mir zu und schwenkt
eine alte verbeulte Waage.
»Ein Tee für deinen Durst!«, bietet mir ein anderer an und
schaukelt einen kleinen Korb voll dampfender Gläser hin und her.
»Einen frischen Möhrensaft?«, fragt der dritte, wobei er sein
schönstes Lächeln aufsetzt und gleichzeitig die Hand ausstreckt
in der Hoffnung, ein Geldstück zu bekommen.
Nein, danke. Ich habe keinen Durst. Und ehrlich gesagt, ist es
mir völlig egal, wie viel ich wiege! Wenn die wüssten, was mich
hierhergeführt hat.
Hilflos hebe ich den Kopf und schaue wieder in die Gesichter der
vielen Erwachsenen, die um mich herumwirbeln. Mit ihren langen
Schleiern sehen alle Frauen gleich aus. Wie schwarze Schatten,
eher furchterregend als verführerisch. Auf was habe ich mich da
nur eingelassen? Na so was, da drüben, der Mann im weißen Hemd
und schwarzen Anzug, der kommt jetzt auf mich zu. Vielleicht ein
Richter … oder ein Rechtsanwalt? Los, jetzt muss ich mich nur
trauen, ihn anzusprechen.
»Entschuldigung, ich möchte zum Richter!«
»Zum Richter? Da lang, die Treppe hoch«, antwortet er, ohne mich
richtig anzusehen, und verschwindet danach sofort wieder in der
Menge.
Ich habe keine andere Wahl mehr. Ich muss ihr die Stirn bieten,
dieser Treppe, die sich nun direkt vor mir befindet. Das ist
meine einzige und letzte Chance, aus alldem herauszukommen. Ich
fühle mich schmutzig. Ich muss diese Stufen emporsteigen, eine
nach der anderen, um meine Geschichte zu erzählen, muss diese
Woge von Menschen durchqueren, die sich immer mehr auftürmt, je
näher ich der großen Eingangshalle komme. Fast wäre ich
hingefallen. Ich richte mich wieder auf. Meine Augen sind
trocken vom vielen Weinen. Ich kann nicht mehr. Meine Füße sind
schwer wie Blei, als ich sie endlich auf dem Marmorboden der
großen Eingangshalle aufsetze. Ich darf nicht die Fassung
verlieren. Nicht jetzt.
Auf den Wänden, die weiß glänzen wie in einem Krankenhaus,
erkenne ich Hinweise in arabischer Schrift. Sosehr ich mich auch
anstrenge, es gelingt mir nicht, sie zu lesen. Man hat mich dazu
gezwungen, die Schule im zweiten Schuljahr abzubrechen, kurz
bevor sich mein Leben in einen Albtraum verwandelte, und außer
meinem Vornamen Nojoud kann ich kaum etwas schreiben. Mein Blick
fällt schließlich auf eine Gruppe Männer in olivgrüner Uniform
und mit tief in die Stirn gezogenen Schirmmützen. Das sind
sicher Polizisten. Oder vielleicht Soldaten? Einer von ihnen hat
eine Kalaschnikow quer umgehängt.
Mir läuft es eiskalt über den Rücken. Wenn sie mich sehen,
verhaften sie mich womöglich. Ein kleines Mädchen, das von zu
Hause wegläuft, das gehört sich nicht. In meiner Angst hänge ich
mich unauffällig an den ersten Schleier, der an mir vorbeikommt,
in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit der Unbekannten, die sich
dahinter versteckt, auf mich zu lenken. »Los! Nojoud!«, befiehlt
mir meine zaghafte innere Stimme. »Du bist zwar ein Mädchen.
Aber du bist auch eine Frau! Eine echte, auch wenn es dir noch
schwerfällt, das zu akzeptieren!«
»Ich möchte mit dem Richter sprechen!«
Zwei große, schwarz eingerahmte Augen mustern mich erstaunt. Die
Dame, die mir gegenübersteht, hat mich erst jetzt bemerkt.
»Wie bitte?«
»Ich möchte mit dem Richter sprechen!«
Will sie mich absichtlich nicht verstehen, damit sie mich
schneller loswird, so wie die anderen?
»Welchen Richter suchst du denn?«
»Ich möchte einfach nur mit einem Richter sprechen!«
»Aber es gibt viele Richter an diesem Gericht …«
»Nehmen Sie mich zu einem Richter mit, egal, zu welchem!«
Sie schweigt, erstaunt über meine Entschlossenheit. Vielleicht
hat sie auch mein kleiner durchdringender Schrei sprachlos
gemacht.
Ich bin ein Mädchen vom Land, das in der Hauptstadt lebt. Ich
habe mich immer den Befehlen der Männer aus der Familie gebeugt.
Seit jeher habe ich gelernt, zu allem »ja« zu sagen. Heute habe
ich beschlossen, »nein« zu sagen. Ich fühle mich innerlich
beschmutzt. Es ist, als hätte man einen Teil von mir geraubt.
Niemand hat das Recht, mich davon abzuhalten, bei der Justiz
vorzusprechen. Es ist meine letzte Chance, aus alldem
herauszukommen. Ich werde nicht einfach aufgeben. Und dieser
erstaunte Blick, so kalt wie der Marmor in der großen Halle, in
der das Echo meines Schreis seltsam widerhallte, wird mich nicht
zum Schweigen bringen.
Mittag ist nun längst vorbei. Seit über drei Stunden irre ich
jetzt schon verzweifelt durch das Labyrinth dieses Gerichts. Ich
will mit dem Richter sprechen!
»Komm mit!«, sagt sie und gibt mir durch ein Zeichen zu
verstehen, dass ich ihr folgen soll.
Die Tür öffnet sich zu einem mit braunem Teppichboden
ausgelegten Raum, der die Geräusche dämpft. An einem
Schreibtisch im Hintergrund gibt sich ein Schnauzbärtiger mit
feinen Gesichtszügen redliche Mühe, die Flut der Fragen zu
beantworten, die von allen Seiten auf ihn hereinbricht. Das ist
der Richter. Endlich! Obwohl es ziemlich laut zugeht, ist die
Atmosphäre doch beruhigend. Ich fühle mich sicher hier. An der
mittleren Wand erkenne ich das eingerahmte Foto von »Amma Ali«,
Onkel Ali. In der Schule hat man mir beigebracht, den
Präsidenten unseres Landes, Ali Abdallah al-Salih, vor über
dreißig Jahren gewählt, so zu nennen. Manche sagen von ihm, er
sei ein Diktator, andere bezichtigen ihn der Korruption. Für
mich ist das unwichtig. Ich bin hier, um mit dem Richter zu
sprechen. Das ist alles.
Wie die anderen setze ich mich auf einen der braunen Sessel, die
an der Wand aufgereiht sind. Draußen ruft der Muezzin zum
Mittagsgebet. Rings um mich bemerke ich Gesichter, die ich zuvor
im Hof gesehen habe, blicke in vertraute Augen. Manche von ihnen
beugen sich zu mir herunter und sehen mich merkwürdig an.
Sieh mal einer an, endlich fällt ihnen auf, dass ich existiere!
Wurde auch Zeit. Zufrieden lehne ich mich mit dem Kopf zurück an
die Sessellehne und warte geduldig darauf, dass ich an die Reihe
komme.
Wenn es einen Gott gibt, dann soll Er kommen und mich retten.
Ich habe immer brav meine Gebete gesprochen, fünf Mal am Tag.
Während des Aïdfestes, das den Fastenmonat Ramadan abschließt,
habe ich immer meiner Mutter und meinen Schwestern geholfen, die
Speisen zuzubereiten. Ich war immer ein gehorsames Kind. Ich
hoffe, Allah hat Mitleid mit mir …
In meinem Kopf wirbeln undeutliche Bilder herum. Ich schwimme im
Meer, das ganz ruhig ist. Dann werden die Wellen höher. In der
Ferne bemerke ich meinen Bruder Fares, aber es gelingt mir
nicht, ihn zu erreichen. Ich rufe ihn, aber er hört mich nicht.
Ich rufe lauter, doch da werde ich von den Windböen erfasst und
zurück in Richtung Strand geschleudert. Ich wehre mich dagegen
und fange wie wild an, mit den Armen zu rudern. Kommt gar nicht
in Frage, dass ich mich zum Ausgangspunkt zurücktreiben lasse.
Immer heftiger toben die Wellen. Jetzt ist die Bucht schon ganz
nahe. Ich habe Fares aus den Augen verloren. Hilfe! Ich will
nicht nach Khardji zurück, nein, ich will nicht nach Khardji
zurück!
»Was kann ich für dich tun?«
Eine männliche Stimme weckt mich aus meinem Dämmerzustand. Sie
klingt seltsam leise. Mehr Lautstärke ist auch nicht nötig, um
meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Stimme hat sich
damit begnügt, ein paar Worte zu flüstern. »Was kann ich für
dich tun?« Endlich jemand, der mir zu Hilfe kommt. Ich reibe mir
über das Gesicht und erkenne den Richter mit dem Schnurrbart.
Die Menge hat sich gelichtet, die vertrauten Augen sind
verschwunden, und der Raum ist nun fast leer. Da ich noch immer
schweige, stellt mir der Richter nochmals die Frage:
»Worauf wartest du?«
Meine Antwort lässt nicht auf sich warten:
»Auf meine Scheidung!«
#Post#: 1389--------------------------------------------------
Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
DIR By: KarlMartell
Date: April 14, 2013, 5:42 am
---------------------------------------------------------
2. Khardji
In Khardji, dem Dorf, in dem ich geboren bin, bringt man Frauen
nicht bei, sich frei zu entscheiden. Dort haben die Männer das
letzte Wort. Mit ungefähr sechzehn hat meine Mutter Shoya ohne
Murren meinen Vater Ali Mohammad-al-Ahdel geheiratet. Und als er
vier Jahre später beschloss, die Familie zu vergrößern, und sich
eine zweite Frau nahm, fügte sie sich willig den Wünschen ihres
Mannes. Mit der gleichen Ergebenheit nahm ich zunächst meine
eigene Heirat hin, ohne ihre Tragweite zu erahnen. In meinem
Alter stellt man sich nicht allzu viele Fragen.
»Wie macht man Kinder?«, hatte ich eines Tages Omma unschuldig
gefragt.
»Das wirst du schon sehen, wenn du größer bist!«, hatte sie mir
geantwortet und mit einer Handbewegung meine Frage
beiseitegefegt.
Ich habe mich gefügt, mir meine kindliche Neugier verkniffen und
bin in den Garten zurückgegangen, um mit meinen Brüdern und
Schwestern zu spielen. Unser liebster Zeitvertreib war das
Versteckspielen. Im Tal von Wadi La’a im Bezirk Hajjah, wo ich
geboren bin, gibt es unzählige Schlupfwinkel, in denen wir
einfach verschwinden konnten: hohle Baumstämme, schmale
Felsspalten, von der Zeit ausgehöhlte Grotten. Wenn wir vom
vielen Herumtollen außer Atem waren, stürzten wir uns kopfüber
ins frische Gras und schmiegten uns in dieses grüne Nest. Die
Sonne nutzte die Gelegenheit, unsere Haut zu streicheln und
unsere ohnehin schon braunen Gesichter noch mehr zu bräunen.
Wenn wir uns genug ausgeruht hatten, vergnügten wir uns damit,
die Hühner zu verscheuchen und die Esel mit Ästen zu necken.
Meine Mutter hatte siebzehn Kinder. Sie hatte drei Fehlgeburten
erlitten, ohne es jemandem zu sagen, und für sie bedeutete jede
Schwangerschaft eine Lebensgefahr. Mangels ärztlicher Versorgung
verlor sie zudem eines ihrer Babys bei der Geburt. Vier weitere
Brüder und Schwestern, die ich nicht gekannt habe, starben ohne
jegliche ärztliche Hilfe an unheilbaren Krankheiten. Alle waren
zwischen zwei Monaten und vier Jahren alt.
Wie ihre anderen Sprösslinge brachte sie mich zu Hause auf die
Welt, ausgestreckt auf einer geflochtenen Matte, schweißgebadet
die Qualen erduldend und zu Allah betend, er möge ihr
Neugeborenes schützen.
»Du hast lange gebraucht, bis du kamst. Die Wehen begannen
mitten in der Nacht, gegen zwei Uhr morgens. Und die Entbindung
dauerte einen guten halben Tag, im Hochsommer, bei Gluthitze. Es
war ein Freitag, der wöchentliche Feiertag«, so erzählt sie mir
von Zeit zu Zeit, um meine Neugier zu stillen.
Aber wäre ich an einem Wochentag zur Welt gekommen, so hätte das
nicht viel geändert. Für Omma hatte sich die Frage, im
Krankenhaus zu entbinden, nie gestellt. Unser Dorf, eingezwängt
an der engsten Stelle des Tals, lag viel zu weit entfernt von
jeder medizinischen Einrichtung. Es bestand aus höchstens fünf
Steinhäusern und besaß weder ein Rathaus noch ein
Lebensmittelgeschäft, weder eine Autowerkstatt noch einen
Barbier und noch nicht einmal eine Moschee! Man konnte nur auf
dem Rücken eines Maulesels dorthin gelangen.
Nur eine Handvoll waghalsiger Pick-up-Fahrer, sofern sie stabile
Reifen hatten, trauten sich, den holprigen Weg an der Schlucht
entlang zu befahren, aber wegen der schlechten Straße mussten
sie alle zwei Monate ihre Reifen auswechseln. Man stelle sich
also vor, wie stark die Wehen meiner Mutter hätten sein müssen,
wenn sie sich dazu entschieden hätte, sich in die Obhut eines
Krankenhauses zu begeben. Womöglich hätte sie mitten auf der
Straße entbunden! Omma sagt, selbst mobile Krankenhäuser hätten
es niemals riskiert, Khardji anzusteuern!
»Aber wer hat dann zu Hause die Krankenschwester gespielt?«,
frage ich gelegentlich beharrlich, wenn Omma, erschöpft von
meinen Fragen, vergisst, mir das Ende der Geschichte zu
erzählen, wie ich auf die Welt gekommen bin.
»Nun ja, zum Glück war deine große Schwester Jamila da! Wie
jedes Mal half sie mir, die Nabelschnur mit einem Küchenmesser
durchzutrennen. Dann hat sie dich gebadet und dich anschließend
in ein Tuch gewickelt. Dein Großvater Jad hat dann beschlossen,
dich Nojoud zu nennen. Man sagt, das sei ein Beduinenname.«
»Omma, bin ich im Juni oder im Juli geboren? Oder vielleicht
mitten im August?«
Meistens beginnt Omma in diesem Moment, sich zu ärgern.
»Nojoud, wann hörst du endlich auf, all diese Fragen zu
stellen?«, sagt sie dann jedes Mal, um meiner Fragerei Einhalt
zu gebieten.
In Wirklichkeit tut sie das, weil sie nicht die geringste Ahnung
hat. Weder mein Vorname noch mein Familienname erscheinen in den
offiziellen Registern. In der Provinz setzt man haufenweise
Kinder in die Welt, ohne eine Geburtsurkunde auszustellen. Mein
Geburtsjahr weiß kein Mensch. Meine Mutter nimmt an, dass ich
ungefähr zehn sein müsste. Aber es kann gut sein, dass ich erst
acht oder neun bin … Wenn ich hartnäckig genug nachfrage, kommt
es vor, dass sie überlegt und versucht, die Reihenfolge der
Geburt ihrer Kinder auszuklügeln, indem sie sich an den
Jahreszeiten, den Todestagen unserer Ahnen, den Hochzeiten
bestimmter Cousins oder unseren Umzügen orientiert. Echte
Gehirnakrobatik!
Aufgrund von Berechnungen, die weitaus komplizierter sind als
die des Lebensmittelhändlers, kommt sie schließlich jedes Mal zu
dem Schluss, dass Jamila die Älteste ist, gefolgt von Mohammad,
dem ältesten Jungen und »zweiten Mann« im Haus – der die
Befugnis hat, Entscheidungen zu treffen, gleich nach meinem
Vater. Danach folgen Mona, die Rätselhafte, und Fares, der
Hitzkopf. Dann komme ich, gefolgt von meiner Lieblingsschwester
Haïfa, die fast so groß ist wie ich. Schließlich Abdo, Morad und
die Jüngste, Rawdha, mit ihrem Kraushaar. Dowla, meine »Tante«
und zweite Frau meines Vaters, die eigentlich eine entfernte
Cousine von ihm ist, hat fünf Kinder.
»Omma ist eine richtige Glucke!«, spottet Mona oft, wenn sie
meine Mutter aufziehen will. Ich erinnere mich, dass ich mehrere
Male morgens aufgewacht bin und in ihrem Bett ein Neugeborenes
entdeckt habe, das sie liebevoll in den Armen wiegte! Sie wird
nie damit aufhören.
Omma kann sich jedoch erinnern, dass sie eines Tages Besuch von
der Vertreterin eines Hilfswerks bekam, zwecks
»Familienplanung«. Man hat ihr Pillen verschrieben, die sie
einnehmen sollte, um nicht wieder schwanger zu werden. Ab und
zu, wenn sie gerade daran dachte, nahm sie die Pillen auch. Doch
einen Monat später begann ihr Bauch zu ihrer großen Überraschung
wieder anzuschwellen, und sie sagte sich, dass das Leben eben so
sei, und dass man zuweilen nichts gegen die Natur ausrichten
könne.
Khardji trägt seinen Namen zu Recht. Auf Arabisch bedeutet er
»draußen«. Anders ausgedrückt: am Ende der Welt. Die meisten
Geographen machen sich nicht mal mehr die Mühe, diese
mikroskopisch kleine Ortschaft auf den Landkarten zu
lokalisieren. Um es einfach zu machen, kann man sagen, dass
Khardji unweit von Hajjah liegt, einer relativ bekannten Stadt
im Nordwestjemen, nördlich von Sanaa. Zwischen diesem kleinen
abgelegenen Ort und der Hauptstadt muss man mindestens vier
Stunden Asphaltstraße rechnen und mindestens genauso viel auf
Sand und Geröll. Wenn meine Brüder morgens zur Schule im größten
Dorf des Tales aufbrachen, hatten sie einen zweistündigen
Fußmarsch vor sich. Der Schulbesuch war nur ihnen vorbehalten.
Mein Vater, ein sehr fürsorglicher Mann, war der Meinung,
Mädchen seien zu zart und verletzlich, um ganz allein durch eine
fast ausgestorbene Gegend zu laufen, wo hinter jedem Kaktus die
Gefahren lauern. Davon abgesehen, konnten weder er noch meine
Mutter lesen und schreiben, und er sah auch für seine Kinder
keine Notwendigkeit darin.
Meine Schule war also die Natur, und im Übrigen sah ich Omma bei
der Hausarbeit zu. Wenn sich meine beiden großen Schwestern
Jamila und Mona mit zwei kleinen gelben Kanistern aufmachten, an
der Quelle Wasser zu holen, trampelte ich ungeduldig hin und
her, weil ich noch nicht mitdurfte. Im Jemen ist das Klima so
trocken, dass man täglich mehrere Liter Wasser trinken muss, um
nicht auszutrocknen. Sobald ich laufen konnte, steuerte ich am
liebsten den Fluss an. Er lag nur wenige Meter unterhalb des
Hauses und war uns sehr nützlich. In seinem kristallklaren
Wasser wusch Omma die Wäsche und spülte die Töpfe nach jeder
Mahlzeit aus. Morgens, nachdem die Männer zur Feldarbeit
gegangen waren, wuschen sich die Frauen dort im Schatten hoher
Bäume. An Gewittertagen suchten wir im Haus Schutz vor den
Blitzen und dem Regen. Doch sobald sich die Sonne wieder zeigte
und die Wolken durchbrach, eilten wir erneut zum Fluss, wo das
Wasser jetzt so hoch stand, dass es mir bis zum Hals reichte. Um
zu vermeiden, dass der Fluss über die Ufer trat, vergnügten sich
meine Brüder damit, kleine Stauwerke zu bauen, die seinen Lauf
umleiteten. Wir hatten viel Spaß.
Wenn sie von der Schule nach Hause kamen, sammelten die Jungen
Äste auf, um damit den tandour anzuheizen, den traditionellen
Ofen, der zur Zubereitung von khobz, unserem jemenitischen Brot,
dient. Meine Schwestern waren Expertinnen in der Zubereitung
dieser knusprigen Fladen. Manchmal bestrichen wir sie mit Honig,
dem »jemenitischen Gold«, wie die Erwachsenen sagen. Der Honig
aus unserer Gegend ist besonders berühmt, und mein Vater besaß
einige Bienenstöcke, die er mit erstaunlicher Sorgsamkeit hegte
und pflegte. Omma hat uns immer gesagt, dass Honig sehr gut für
die Gesundheit und außerdem ein Energiespender sei.
Abends nahmen wir die Mahlzeit traditionsgemäß rings um den
sofrah ein, eine Decke, die auf dem blanken Boden ausgebreitet
wird. Sobald Omma den großen heißen Kochtopf daraufgestellt
hatte, gefüllt mit salta, einem Rinder- oder Schafsragout in
Bockshornkleesoße, tauchten wir unsere Finger hinein und formten
dann aus Reis und Fleisch kleine Bällchen, die blitzschnell in
unseren Mündern verschwanden. Wir machten es wie unsere Eltern
und aßen direkt aus dem Kochgeschirr. Ohne Teller, Gabeln oder
Messer. So isst man in den jemenitischen Dörfern.
Ab und an nahm uns Omma mit auf den Samstagsmarkt, der
wöchentlich in der Mitte des Tals abgehalten wurde. Für uns war
das ein großer Ausflug. Wir legten den Weg auf dem Maulesel
zurück und kauften Vorräte für die nächsten Tage ein. Wenn die
Sonne besonders heiß brannte, setzte Omma einen Strohhut auf
ihren schwarzen Schleier, der den Großteil ihres Gesichts
bedeckte. Damit sah sie aus wie eine Sonnenblume.
Wir verlebten recht glückliche Tage, deren Rhythmus von der
Sonne bestimmt wurde. Ein einfaches, doch friedliches Leben ohne
elektrischen Strom, ohne fließendes Wasser. Die hinter einem
Strauch verborgenen Toiletten bestanden aus einem einfachen
Loch, umrahmt von Ziegelsteinen. Nach Einbruch der Dunkelheit
verwandelte sich das große Wohnzimmer, dessen einzige Dekoration
aus ein paar auf den Boden geworfenen Kissen bestand, in unser
Schlafzimmer. Um von einem Zimmer ins andere zu gelangen,
mussten wir den Innenhof überqueren. Dieser wurde während des
Sommers zum wichtigsten Ort unseres Familienlebens. Omma
richtete sich eine Küche unter freiem Himmel ein, und während
ihre salta auf einem Holzfeuer köchelte, stillte sie die
Kleinsten. Meine Brüder büffelten dort ihr Alphabet. Und die
Mädchen hielten auf einem Bett aus Stroh ihren Mittagsschlaf.
Mein Vater war selten zu Hause. Normalerweise stand er bei
Sonnenaufgang auf, um seine Herde auf die Weide zu treiben. Er
besaß achtzig Schafe und vier Kühe. Diese gaben ausreichend
Milch, um Butter, Joghurt und Quark herzustellen. Wenn mein
Vater aus dem Haus ging, um den Bewohnern des Nachbardorfes
einen Besuch abzustatten, zog er immer eine braune Jacke über
seine zanna und band seinen jambia an den Gürtel. Man sagt,
dieser scharfe Dolch, der von Hand verziert ist und von den
Männern meines Landes getragen wird, sei ein Symbol für Macht,
Männlichkeit und Ansehen in der jemenitischen Gesellschaft. In
der Tat verlieh er meinem Vater eine gewisse Würde und eine
beeindruckende Eleganz. Ich war stolz auf meinen Aba. Doch
offenbar dient der Dolch eher als Zierde denn als wirkliche
Waffe. Jeder wetteifert darin, den schönsten jambia zu tragen.
Die Preise sind übrigens sehr unterschiedlich, je nachdem, aus
welchem Material der Schaft gefertigt ist, aus Plastik,
Elfenbein oder echtem Rhinozeroshorn. Die Gesetze unserer
Stammeskultur verbieten anscheinend, ihn dafür zu benutzen, sich
gewaltsam zu verteidigen oder den Gegner bei einem Streit
anzugreifen. Dagegen kann ein jambia als Hilfsmittel bei der
Schlichtung eines Konflikts dienen. Er ist vor allem ein Symbol
für die Stammesjustiz. Niemals hätte mein Vater gedacht, dass er
sich einmal seiner bedienen müsste, bis zu jenem Unglückstag, an
dem wir innerhalb von vierundzwanzig Stunden aus dem Dorf
fliehen mussten.
Ich war zwei oder drei Jahre alt, als sich der »Skandal«
ereignete. Omma war wegen Gesundheitsbeschwerden ausnahmsweise
unterwegs in die Hauptstadt Sanaa. Aus einem Grunde, der sicher
mit ihrer Abwesenheit zusammenhing, doch dessen Einzelheiten mir
damals entgingen, kam es zu einem gewaltsamen Streit zwischen
meinem Vater und den anderen Dorfbewohnern von Khardji. In den
Gesprächen fiel häufig der Name von Mona, meiner zweitältesten
Schwester. Es wurde damals entschieden, das Problem nach
Stammestradition zu regeln, indem man die jambias und
Rial-Bündel zwischen den gegnerischen Parteien aufhäufte. Doch
die Diskussion eskalierte, und entgegen den üblichen Regeln
wurden die scharfen Klingen aus den Futteralen gezogen. Die
Einwohner von Khardji bezichtigten meinen Vater, die Ehre des
Dorfes mit Füßen getreten und sein Ansehen geschädigt zu haben.
Mein Vater war außer sich. Er fühlte sich von all denen, die er
für seine Freunde hielt, hintergangen und gedemütigt. Mona wurde
von heute auf morgen verheiratet. Sie dürfte kaum dreizehn Jahre
alt gewesen sein. Was war genau vorgefallen? Das sollte ich erst
später erfahren. Wir mussten uns Hals über Kopf auf den Weg
machen und ließen alles zurück: Schafe, Kühe, Hühner, Bienen und
die Erinnerungen an das, was mir als ein Stück vom Paradies
erschienen war.
Die Ankunft in Sanaa war schrecklich. Es war schwer, sich an die
staubige, laute Hauptstadt zu gewöhnen.
Der Übergang von dem satten Grün des Wadi- La’a-Tals zu dieser
ausgedorrten, in alle Richtungen ausufernden Stadt war brutal.
Sobald man den ehemaligen Stadtkern und seine hübschen
traditionellen Lehmhäuser mit ihrem weißen, wie Klöppelspitzen
wirkenden Fensterschmuck hinter sich ließ, wandelte sich die
Stadtlandschaft in ein monströses Gewirr von unförmigen
Betonbauten. Auf der Straße war ich praktisch auf Augenhöhe mit
den Auspuffen, und die Dieselschwaden brannten mir im Hals.
Öffentliche Gärten, wo man ein bisschen Auslauf gehabt hätte,
gab es kaum. Der Zugang zu den meisten Vergnügungsparks kostete
Geld und war damit den Reicheren vorbehalten.
#Post#: 1390--------------------------------------------------
Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
DIR By: KarlMartell
Date: April 14, 2013, 5:43 am
---------------------------------------------------------
Wir zogen ins Erdgeschoss einer Bruchbude im Viertel Al-Qa,
eingezwängt in eine Gasse, wo sich der Müll auftürmte. Aba war
deprimiert. Er redete kaum und hatte völlig den Appetit
verloren. Wie konnte ein einfacher Bauer, Analphabet und ohne
Schulabschluss, hoffen, in dieser Großstadt, die bereits von
Arbeitslosen überschwemmt war, eine Arbeit zu finden, die ihn
und seine Familie ernährte? Andere Dorfbewohner vor ihm hatten
ihr Glück in der Hauptstadt versucht und sich unüberwindlichen
Problemen gegenübergesehen. Manche sahen sich gezwungen, ihre
Frauen und Kinder zum Betteln auf die Plätze der Stadt zu
schicken. Nachdem mein Vater überall herumgefragt hatte,
ergatterte er schließlich einen Job als Straßenkehrer bei der
Stadtverwaltung. Das Geld reichte jedoch kaum für die Miete.
Sobald er damit in Verzug geriet, fuhr der Vermieter ihn wütend
an. Omma weinte dann. Doch niemand konnte ihren Schmerz
besänftigen.
Als Fares, der Viertälteste der Familie, zwölf war, kam er
ständig mit irgendwelchen für dieses Alter typischen Wünschen
an. Jeden Tag verlangte er Geld, um sich Bonbons, modische Hosen
und neue Schuhe zu kaufen, wie man sie auf den Werbeplakaten
sieht. Schöne, nagelneue Schuhe, die mehr kosteten, als Aba in
einem Monat verdiente! In seiner fröhlichen, unbesonnenen Art
verlangte er immer mehr. Es kam sogar vor, dass er meinen Eltern
drohte, von zu Hause abzuhauen, sollten sie seinen Launen nicht
nachgeben. Trotz seiner Großspurigkeit war er mein
Lieblingsbruder. Er schlug mich wenigstens nicht, ganz im
Gegensatz zu Mohammad, meinem ältesten Bruder, der sich für das
Oberhaupt der Familie hielt. Ich bewunderte Fares’ Ehrgeiz,
seine ungestüme Art, allen die Stirn zu bieten, ohne sich darum
zu scheren, wie seine Umgebung darauf reagierte. Er traf
Entscheidungen und stand dazu, auch auf die Gefahr hin, sich die
ganze Familie zum Feind zu machen. Eines Tages, nach einem
Streit mit meinem Vater, machte er seine Drohung wahr: Er ging
endgültig von zu Hause weg, und wir dachten, wir würden ihn nie
wiedersehen.
Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Aba weinen. Um seinen
Kummer zu vergessen, verschwand er oft stundenlang und ging mit
alten Bekannten kath kauen. Schließlich verlor er seine Arbeit.
Omma wurde indessen zunehmend von Alpträumen geplagt. Wir
Geschwister schliefen mit ihr zusammen im größten Raum der
Wohnung auf Matratzen, die direkt auf dem Boden lagen, und ich
wurde öfters mitten in der Nacht von ihrem Gejammer wach. Die
Arme litt sichtlich.
Fares hatte nur eine einzige Spur hinterlassen: ein farbiges
Passfoto, das Mohammad sorgsam in seiner Brieftasche
aufbewahrte. Das Foto zeigte Fares, wie wir ihn kannten: In
aufrechter Kopfhaltung, mit einem weißen Turban auf seinen
braunen Locken – damit wollte er sicher erwachsener wirken –
fixierte er mit übermütigem, vor Spottlust sprühendem Blick die
Kamera.
Und dann, zwei Jahre nach seiner Flucht, dieser unerwartete
Anruf, das erste Lebenszeichen:
»Saudi-Arabien … Alles bestens … Hirte … Ich arbeite als Hirte …
Macht euch keine Sorgen um mich …«, konnte man am anderen Ende
der Leitung vernehmen.
Er hatte inzwischen den Stimmbruch gehabt. Aber ich habe seine
Stimme sofort erkannt. Er schien noch selbstsicherer geworden zu
sein. Dann knackte es plötzlich in der Leitung, und das Gespräch
war weg. Wie hatte Fares es geschafft, so weit von zu Hause
wegzukommen? Wo war er genau, in welcher Stadt? War es ihm
gelungen, ein Flugzeug zu nehmen, abzuheben und die Wolken zu
durchbrechen? Wo genau lag eigentlich Saudi-Arabien? War dort,
wo er war, das Meer? Die Fragen schwirrten mir nur so durch den
Kopf. Als ich einmal in ein Gespräch zwischen meinen Eltern und
Mohammad platzte, glaubte ich zu verstehen, dass Fares Opfer
eines Kinderhändlers geworden sei. Das scheint im Jemen recht
häufig vorzukommen. Hieß das, dass er Adoptiveltern gefunden
hatte? Vielleicht war er alles in allem glücklich und konnte
sich endlich seine heißersehnten Bonbons und Bluejeans kaufen.
Ich jedenfalls vermisste ihn schrecklich. Um mich über seine
Abwesenheit hinwegzutrösten, schloss ich mich in meiner
Traumwelt ein. In Träumen von Wasser! Nicht von Flüssen, sondern
vom Meer. Schon immer wollte ich wie eine Schildkröte meinen
Kopf ins Wasser tauchen. Ich habe das Meer noch nie gesehen. Mit
meinen Buntstiften zeichnete ich Wellen in mein kleines Heft.
Ich stellte sie mir grün und blau vor.
»Sie sind blau!«, korrigierte mich eines Tages Malak, während
sie einen Blick über meine Schulter warf.
Malak und ich waren unzertrennlich geworden. Ich hatte sie in
der Schule des Al-Qa-Viertels kennengelernt, nachdem meine
Eltern endlich eingewilligt hatten, mich dort einzuschreiben.
Während der Pause spielten wir häufig mit Murmeln. Von den
siebzig Schülern, allesamt Mädchen, die sich in der Klasse
drängten, war sie mit Abstand meine beste Freundin. Ich hatte
mein erstes Schuljahr erfolgreich abgeschlossen und eben das
zweite begonnen. Morgens kam Malak mich abholen, und wir gingen
zusammen in die Schule.
»Woher willst du das wissen?«, entgegnete ich.
»In den Ferien fahre ich mit meinen Eltern immer nach Hodeida.
Da kann man das Meer sehen.«
»Wie schmeckt es denn?«
»Salzig!«
»Und ist der Sand auch blau?«
»Nein, der ist gelb! Und so weich, wenn du wüsstest …«
»Und was findet man alles im Meer?«
»Boote, Fische und Leute, die baden …«
Malak erzählte mir, dass sie dort schwimmen gelernt habe. Da ich
noch nie ein Schwimmbad betreten hatte, fand ich das
faszinierend. Sosehr ich mich auch anstrengte, ich konnte
einfach nicht verstehen, wie es ihr gelang, auf der
Wasseroberfläche zu bleiben, ohne unterzugehen. Ich erinnerte
mich nur, dass Omma in Khardji immer mit mir schimpfte, wenn ich
zu nahe an den Fluss ging, und mich warnte:
»Vorsicht! Wenn du reinfällst, gehst du unter!«
Malak sagte, ihre Mutter hätte ihr einen hübschen bunten
Badeanzug gekauft. Und dass sie sogar Sandburgen bauen könne,
mit Türmen und breiten Treppen, die danach unter den Wellen
verschwänden. Eines Tages stülpte sie eine große Muschel auf
mein Ohr, die sie aus Hodeida mitgebracht hatte.
»Hörst du das Meer rauschen?«
»Ja, die Wellen, ich höre die Wellen. Das ist ja unglaublich!«,
rief ich begeistert.
Wasser, das war für mich vor allem der Regen, der heute im Jemen
immer seltener fällt. Manchmal wurden wir mitten im Sommer von
Hagel überrascht. War das eine Freude! Mit meinen Brüdern und
Schwestern stürmte ich auf die Straße und sammelte die kleinen
Eiswürfel in einer großen Schüssel auf. Ich zählte sie stolz,
denn in der Schule hatte ich gelernt, von eins bis hundert zu
zählen. Wenn die Hagelkörner geschmolzen waren, machten wir uns
einen Spaß daraus, uns mit dem Eiswasser zu bespritzen. Das war
sehr erfrischend. Mona, die seit unserem Umzug nach Sanaa
meistens vor sich hin schmollte, schloss sich uns zuweilen sogar
an. Nach unserer überstürzten Abreise von Khardji war sie zwei
Monate später mit ihrem Mann, den sie von heute auf morgen
geheiratet hatte, nach Sanaa nachgekommen.
Im Laufe der Jahre fand Mona allmählich ihr natürliches Lächeln,
ihre spöttische Miene und ihren Sinn für schwarzen Humor wieder,
der Omma oft irritierte. Sie brachte zwei hübsche Babys zur
Welt, Monira und Nasser, und genoss ihr Mutterglück. Unsere
Familie und die Familie ihres Mannes kamen sich schließlich
sogar näher. Um die Familienbande noch zu verstärken, wurde
beschlossen, meinen großen Bruder Mohammad mit einer der
Schwestern meines Schwagers nach der Tradition des sighar zu
verheiraten.
Doch das alles war zu schön, um von Dauer zu sein. Eines Tages
verschwand Monas Mann von der Bildfläche und mit ihm meine große
Schwester Jamila. Waren sie wie Fares geflohen, in der Hoffnung,
ebenfalls in Saudi-Arabien reich zu werden und uns vielleicht
elektronisches Spielzeug mitzubringen? Oder einen Fernseher mit
bewegten Bildern in Farbe? Im Zimmer der Eltern wurde zunehmend
über sie getuschelt. Doch es war den Kindern streng verboten,
Fragen zu stellen. Ich erinnere mich nur, dass Mona nach ihrem
Verschwinden von neuem unter Stimmungsschwankungen litt.
Meistens war sie traurig und melancholisch, doch plötzlich
konnte es vorkommen, dass sie in Gelächter ausbrach, was ihre
natürliche Schönheit wiederaufleben ließ und ihre großen braunen
Augen und ihre feinen Gesichtszüge zur Geltung brachte. Mona
hatte viel Charme.
Zu mir war sie immer besonders liebevoll, an guten wie an
schlechten Tagen. Irgendwie mütterlich und fürsorglich. Es kam
sogar vor, dass sie mich zum Schaufensterbummel auf die Hayle
Avenue mitnahm, die für ihre Kleiderboutiquen bekannt war. Das
Gesicht an die Scheibe gedrückt, warf ich begehrliche Blicke auf
die Abendkleider mit Pailletten, die roten Röcke, die Blusen aus
roter, blauer, violetter, gelber und grüner Seide. Ich stellte
mir vor, wie ich mich in eine Prinzessin verwandelte. Es gab
sogar Hochzeitskleider, die Filmkostümen oder Zaubergewändern
für Feen ähnelten. Das war schön. Da konnte man ganz neidisch
werden.
Als ich eines Abends, es war im Februar 2008, nach Hause kam,
verkündete Aba, er hätte eine gute Nachricht für mich.
»Nojoud, du wirst bald heiraten«, sagte er zu mir.
Ich nickte gehorsam, ohne wirklich zu verstehen, was nun auf
mich zukommen würde.
#Post#: 1391--------------------------------------------------
Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
DIR By: KarlMartell
Date: April 14, 2013, 5:45 am
---------------------------------------------------------
3. Beim Richter
Richter Abdo kann sein Erstaunen kaum verbergen.
»Du willst dich scheiden lassen?«
»Ja!«
»Aber … heißt das, dass du verheiratet bist?«
»Ja!«
Er hat feine Gesichtszüge und trägt ein weißes Hemd, das seine
dunkle Haut hervorhebt. Als er meine Antwort hört, verfinstert
sich seine Miene. Anscheinend kann er mir das nicht glauben.
»In deinem Alter … Wie kannst du schon verheiratet sein?«
»Ich will mich scheiden lassen!«, beharre ich in entschiedenem
Ton, ohne auf seine Frage einzugehen.
Ich verstehe nicht so recht, warum, aber kein einziger
Schluchzer kommt aus mir heraus, während ich mit ihm spreche.
Als hätte ich meinen Vorrat an Tränen bereits erschöpft. Ich bin
zwar völlig aufgewühlt, doch ich weiß, was ich will. Ja, ich
will dieser Hölle entrinnen. Ich habe genug davon, das alles
still zu erdulden.
»Aber du bist noch so jung und wirkst so zerbrechlich …«
Ich sehe ihn an und nicke. Er beginnt, nervös an seinem
Schnurrbart zu zupfen. Wenn er doch nur bereit wäre, mir zu
helfen! Schließlich ist er Richter und hat sicher viel Macht.
»Und warum willst du dich scheiden lassen?«, fragt er weiter,
diesmal in einem natürlicheren Tonfall, anscheinend versucht er,
sein Erstaunen zu verbergen.
Ich sehe ihm direkt in die Augen:
»Weil mein Mann mich schlägt!«
Von neuem erstarrt sein Gesicht, als hätte ich ihm eine Ohrfeige
verpasst. Soeben hat er begriffen, dass mir etwas Schlimmes
zugestoßen ist und dass ich keinen Grund habe, ihn zu belügen.
Ohne Umschweife stellt er mir die entscheidende Frage:
»Bist du noch Jungfrau?«
Ich schlucke. Ich schäme mich, von diesen Dingen zu sprechen.
Das ist peinlich. In meinem Land müssen Frauen zu Männern, die
sie nicht kennen, Distanz wahren. Zudem sehe ich diesen Richter
zum allerersten Mal. Doch im selben Augenblick wird mir klar,
dass ich den Sprung ins kalte Wasser wagen muss, wenn ich aus
alldem herauskommen will.
»Nein … Ich habe geblutet …«
Er ist schockiert, und ich habe den Eindruck, dass er plötzlich
derjenige von uns beiden ist, der Angst bekommt. Seine
Bestürzung entgeht mir nicht. Ich sehe genau, wie er versucht,
seine Gefühle zu verbergen. Er atmet tief ein, dann sagt er:
»Ich werde dir helfen!«
Plötzlich wird mir ganz leicht zumute. Als ob mir ein Stein vom
Herzen fällt. Endlich habe ich es geschafft, mich jemandem
anzuvertrauen. Mit einer hektischen Bewegung sehe ich ihn nach
dem Telefon greifen. Ich höre, wie er sich mit einer anderen
Person, sicherlich einem Kollegen, austauscht. Während des
Gesprächs wirbeln seine Hände in alle Richtungen. Er scheint
entschlossen, mich aus meinem Alptraum zu befreien. Hoffentlich
findet er eine endgültige Lösung für mich! Wenn ich Glück habe,
handelt er schnell, sehr schnell, und ich kann schon heute Abend
zu meinen Eltern zurückkehren und wieder mit meinen Geschwistern
spielen. In ein paar Stunden werde ich geschieden sein.
Geschieden! Wieder frei. Ohne Mann. Von der Angst befreit, bei
Einbruch der Dunkelheit alleine mit dem Monster im Schlafzimmer
zu sein. Von der Angst befreit, wieder und wieder die gleiche
Qual zu erleiden.
Ich habe mich zu früh gefreut.
»Weißt du, Kleine, das kann länger dauern, als du denkst. Das
ist eine heikle Angelegenheit. Und ich kann dir leider nicht
garantieren, dass du gewinnst.«
Der zweite Richter, der gerade hereingekommen ist, setzt meiner
Vorfreude ein jähes Ende. Er heißt Mohammad al-Ghazi und ist der
Gerichtspräsident, der oberste Chef, wie mir Abdo erklärt. Er
wirkt verlegen. In seiner ganzen Laufbahn, so sagt er, sei ihm
noch kein Fall wie der meine begegnet. Beide erklären mir, dass
die Mädchen im Jemen oft sehr jung verheiratet werden, unter dem
gesetzlichen Mindestalter von fünfzehn Jahren. Das sei eine alte
Tradition, erklärt mir Abdo. Doch seines Wissens wurde für keine
dieser frühzeitig geschlossenen Ehen in unserem Land eine
Scheidung eingereicht. Denn kein Mädchen hat sich, so wie ich,
bisher bis zum Gericht aufgemacht. Das sei eine Frage der
Familienehre, sagen sie. Meine Situation sei außergewöhnlich.
Und kompliziert.
»Wir werden einen Anwalt finden müssen«, erklärt Abdo hilflos.
Einen Anwalt, aber wozu denn? Wozu ist ein Gericht gut, wenn es
nicht einmal fähig ist, auf der Stelle eine Scheidung
auszusprechen? Es ist mir völlig egal, ob ich ein
außergewöhnlicher Fall bin. Sind Gesetze denn nicht dazu da, den
Leuten zu helfen? Diese Richter sind ja ganz nett, aber ist
ihnen klar, dass mich mein Mann, wenn ich ohne jegliche
Sicherheit nach Hause komme, abholen wird und die Schikanen
weitergehen? Nein, ich will nicht zu ihm zurück.
»Aber ich will mich scheiden lassen!«, sage ich in beschwörendem
Ton.
Das Echo meiner Stimme lässt mich zusammenfahren. Ich habe wohl
ein wenig zu laut gesprochen. Oder liegt es an den hohen Wänden,
die wie ein Resonanzkörper wirken?
»Wir werden eine Lösung finden, wir werden eine Lösung finden«,
murmelt Mohammad al-Ghazi und rückt seinen Turban zurecht.
Doch anscheinend macht ihm noch etwas anderes Sorgen. Soeben
schlug die Uhr zweimal. Es ist vierzehn Uhr, also Büroschluss.
Heute ist Mittwoch, und das Wochenende der Muslime steht vor der
Tür. Das Gericht öffnet erst wieder am Samstag. Ich begreife,
dass auch sie mich, nach allem, was sie eben gehört haben,
ungern nach Hause schicken.
»Kommt nicht in Frage, dass sie zurück nach Hause geht. Und wer
weiß, was ihr noch alles passiert, wenn sie alleine in den
Straßen umherirrt«, fährt Mohammad al-Ghazi fort.
Abdo hat eine Idee: Ich könnte doch bei ihm zu Hause
Unterschlupf finden. Noch immer scheint er meine Geschichte
nicht verdaut zu haben und ist zu allem bereit, um mich aus den
Klauen meines Mannes zu retten. Doch er nimmt sein Angebot
gleich wieder zurück, als ihm einfällt, dass seine Frau und
seine Kinder aufs Land gefahren sind. In unserer islamischen
Tradition darf sich eine Frau nicht alleine bei einem Mann
aufhalten, der nicht ihr mahram, also nicht direkt mit ihr
verwandt ist.
Was tun?
Schließlich zeigt sich ein dritter Richter, Abdel Wahed, bereit,
mich bei sich aufzunehmen. Bei ihm ist die Familie zu Hause, und
sie haben Platz genug, um mich unterzubringen. Ich bin gerettet!
Zumindest vorläufig. Abdel trägt ebenfalls einen Schnurrbart,
doch er ist stämmiger als Abdo. Seine Nickelbrille verleiht ihm
ein ernstes Aussehen, und in seinem Anzug wirkt er sehr
imponierend. Ich traue mich nicht so recht, mit ihm zu sprechen.
Doch ich reiße mich zusammen. Lieber überwinde ich meine
Schüchternheit, als nach Hause zurückzugehen. Außerdem beruhigt
es mich, dass er wie ein wirklicher Aba aussieht, der sich gut
um seine Kinder kümmert. Nicht wie meiner …
Sein Auto ist groß und bequem. Und sehr sauber. Es kommt sogar
kühle Luft aus kleinen Ventilatoren, die vorne im Auto eingebaut
sind. Das kitzelt mir im Gesicht und ist sehr angenehm. Während
der Fahrt mache ich kaum den Mund auf. Keine Ahnung, ob das an
meiner Schüchternheit liegt oder an meiner Bangigkeit, oder
einfach daran, dass ich mich jetzt so gut fühle, weil plötzlich
so viele um meine Sicherheit besorgt sind und weil ich Menschen
gefunden habe, die bereit sind, mir zu helfen.
Abdel Wahed bricht das Schweigen:
»Du bist ein sehr mutiges Mädchen! Bravo! Mach dir keine Sorgen,
es ist dein gutes Recht, die Scheidung zu beantragen. Vor dir
standen schon andere Mädchen vor demselben Problem, aber sie
haben es leider nicht gewagt, darüber zu sprechen. Wir tun unser
Möglichstes, um dich zu schützen. Wir werden nichts unversucht
lassen. Und wir werden dich auf keinen Fall zu deinem Mann
zurückschicken. Niemals! Ehrenwort!«
Meine Lippen formen sich zu einer Mondsichel. Es ist lange her,
dass ich das letzte Mal gelächelt habe!
»Vielleicht ist es dir noch nicht klargeworden, aber du bist ein
außergewöhnliches Mädchen!«, fügt er bekräftigend hinzu.
Ich werde rot.
Als wir zu Abdel Wahed nach Hause kommen, stellt er mich sofort
seiner Frau Saba und seinen Kindern vor. Ihre Tochter Shima
dürfte drei bis vier Jahre jünger sein als ich. In ihrem Zimmer
hat sie ganz viele Fulla-Puppen, die orientalische Version der
blonden amerikanischen Barbie, von der die Mädchen im Jemen
träumen.
»Haram!«
Das ist Shimas spontane Reaktion auf die Mitteilung ihrer Omma,
dass ein böser Mann mich geschlagen habe. Die Kleine runzelt die
Stirn und ahmt einen Erwachsenen nach, der dazu ansetzt,
jemanden auszuschimpfen. Es berührt mich, dass sie so mitfühlend
ist. Mit einem kameradschaftlichen Lächeln nimmt sie mich an der
Hand und gibt mir mit einer Geste zu verstehen, dass ich ihr
folgen soll, um mit ihr zu spielen.
Die vier Jungen schauen sich derweil Trickfilme an. Es gibt hier
zwei Fernseher. Was für ein Luxus!
»Fühl dich wie zu Hause«, sagt Saba mit sanfter, einladender
Stimme.
So kann also Familienleben aussehen. Zuerst hatte ich Bammel,
dass sie mich neugierig anstarren würden, und jetzt gehöre ich
schon zu ihnen. Ich fühle mich wohl! Sie geben mir das Gefühl,
dass ich ihnen alles sagen kann. Ohne verurteilt zu werden. Ohne
bestraft zu werden. An diesem Abend sitze ich im Schneidersitz
im Wohnzimmer und habe zum ersten Mal die Kraft, meine
Geschichte zu erzählen.
#Post#: 1392--------------------------------------------------
Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
DIR By: KarlMartell
Date: April 14, 2013, 5:48 am
---------------------------------------------------------
4. Die Heirat
Februar 2008
Mit Mona verging die Zeit wie im Flug, wenn wir auf der Hayle
Avenue flanieren gingen. Manchmal, wenn wir unsere Nasen zu
lange an dem Schaufenster unserer Lieblingsboutique
plattdrückten, verschwanden die Abendkleider hinter einem
feuchten Beschlag, der sich vor unseren Augen bildete. Meine
ganze Aufmerksamkeit galt stets einem weißen Hochzeitskleid, das
an einer Schaufensterpuppe aus Plastik wie angegossen wirkte.
Ein Kleid für eine Dame! Was für ein Gegensatz zu all diesen
Frauen auf der Straße, die von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt
waren.
»Inch’Allah – so Gott will –, bekommst du so eins am Tag deiner
Hochzeit«, flüsterte mir Mona zu, und ihre schelmischen Augen
waren umrahmt von ihrem niqab, der ihr restliches Gesicht
bedeckte, sobald sie aus dem Haus ging.
Mona lächelte selten. Sie hatte nicht das Glück gehabt, ein
fröhliches Hochzeitsfest zu erleben. Auf die Schnelle
verheiratet, hatte sie nur ein blaues Kleid bekommen, und
abgesehen von dieser einen Auskunft, antwortete sie immer
ausweichend auf Fragen über die Umstände ihrer Heirat. Seit ihr
Mann verschwunden war, hatte ich nichts mehr über ihn gehört.
Ich stellte mir vor, dass er auf Reisen war, irgendwo, weit
entfernt vom Jemen, doch hütete ich mich, mehr darüber erfahren
zu wollen. Mona hatte es nicht gern, wenn man ihr Fragen darüber
stellte. Sie begnügte sich damit, mir zuzuflüstern, sie wünsche
mir, glücklich zu werden und einen liebevollen und respektvollen
Mann zu bekommen.
Ich hätte nie gedacht, dass dieser Tag so schnell kommen würde.
Von der Heirat hatte ich keine klare Vorstellung. Für mich war
es vor allem ein großes Fest mit einer Menge Geschenke,
Schokolade und natürlich Schmuck. Ein neues Haus, ein neues
Leben! Einige Jahre zuvor hatte ich schon einmal verschiedene
Zeremonien von entfernten Vettern und Cousinen miterlebt. Es gab
Musik und fröhliche Tänze. Unter ihren balto, den langen
schwarzen Mänteln, waren die Frauen sehr elegant. Ihre Gesichter
perfekt geschminkt, ihre Haare vom Friseur geglättet. Wie auf
den Fotos der Shampoo-Fläschchen. Die Verführerischsten knipsten
sich eine kleine schmetterlingsförmige Spange in den Pony. Ich
hatte auf diesen Festen immer sehr viel Spaß! Ich erinnere mich
an die Hennamuster, die die Hände und Arme der jungen Bräute
zierten. Mit Motiven in Form von Blumen. Henna war schön. Ich
sagte mir, dass auch ich eines Tages meine Hände mit Henna
schmücken würde.
Die Nachricht kam plötzlich und unerwartet. Als Aba mir
ankündigte, dass nun ich an der Reihe sei, begriff ich nicht,
was auf mich zukam. Anfangs nahm ich die bevorstehende Hochzeit
fast erleichtert hin und sah sie als eine Art Notausgang. Zu
Hause war das Leben unmöglich geworden. Seit Aba seine Arbeit
bei der Stadtverwaltung verloren hatte, war es ihm nie wieder
gelungen, eine Vollzeitstelle zu finden. Wir waren immer zu spät
mit der Miete, und der Eigentümer drohte regelmäßig, uns
hinauszuwerfen.
Um Geld zu sparen, kochte Omma nur Reis mit Gemüseragout. Sie
brachte mir neuerdings bei, ihr im Haushalt mitzuhelfen. Mit ihr
bereitete ich das shafout zu, eine Art großen Pfannkuchen, auf
den man mit Zwiebeln und Knoblauch verfeinerten Joghurt
streicht, und den bin-al-sahn, eine köstliche Honignachspeise.
Wenn mein Vater genügend Geld nach Hause brachte, schickte sie
meine Brüder ein Hühnchen kaufen, das sie dann am Freitag, dem
heiligen Wochentag des muslimischen Kalenders, kochte. Rotes
Fleisch kam nicht in Frage, das war zu teuer. Das letzte Mal,
dass ich mich erinnern kann, fatah, ein Rinderragout, gegessen
zu haben, war bei meinem ersten Besuch in einem Restaurant, in
das uns unsere Cousins eingeladen hatten, um das Aïdfest zu
feiern. Wir durften sogar »Bebsi« trinken, ein schwarzes,
kohlensäurehaltiges Getränk aus Amerika. Und als wir gingen,
besprühte ein Ober meine Hände mit Parfum, als gehörte ich schon
zu den Großen. Wie das duftete!
Omma hatte mir außerdem beigebracht, wie man Brotfladen backt.
Sie entfachte das Feuer, während ich den Brotteig knetete, ihn
ausrollte und ihm dabei die Form eines Vollmondes gab, um ihn
anschließend an den Seiten des tandour, des traditionellen
Ofens, auszulegen. Eines Tages aber verzichtete sie schließlich
auf ihren tandour und verdiente sich damit ein paar Scheine auf
dem Schwarzmarkt. Immer wenn wir in Not waren, verkaufte sie ein
paar ihrer eigenen Habseligkeiten. Sie hatte letztlich gelernt,
nicht mehr auf meinen Vater zu zählen.
Und dann kam der Tag, an dem kaum mehr etwas zu verkaufen blieb.
Da bei uns aus Geldmangel ständig die Mahlzeiten ausfielen,
gesellten sich meine Brüder irgendwann zu den kleinen
Straßenhändlern, die an der roten Ampel an die Scheiben der
Autos klopfen, in der Hoffnung, etwas Kleingeld für ein Päckchen
Kaugummi oder Papiertaschentücher zu bekommen. Mona fing
schließlich auch damit an. Doch mit dem Betteln hatte sie kein
Glück. Nach vierundzwanzig Stunden wurde sie von der Polizei
aufgelesen und für ein paar Tage in ein Heim für Leute gesteckt,
die Dummheiten machen. Nach ihrer Rückkehr erzählte sie zu
Hause, sie habe Damen kennengelernt, die man bezichtigte, mit
mehreren Männern zugleich zu verkehren, und die von den
Gefängniswärterinnen an den Haaren gezogen wurden. Als sie sich
von ihren Aufregungen wieder erholt hatte, machte sie sich
erneut auf, um ein paar Geldstücke zu erbetteln, und wieder sah
sie sich unverhofft einer Polizeistreife gegenüber. Nach dieser
zweiten Verhaftung gab sie es endgültig auf. Nun waren wir,
Haïfa und ich, an der Reihe, unser Glück zu versuchen. Uns an
den Händen haltend, kratzten wir mit den Fingernägeln an den
Autoscheiben und wagten kaum, unseren Blick zu den Autofahrern
zu erheben. Ich machte das gar nicht gern, aber wir hatten keine
andere Wahl.
An den Tagen, an denen Aba sich nicht bis spät im Bett verkroch,
ging er los und hockte sich wie die anderen Arbeitslosen auf
einen der Plätze unseres Viertels, in der Hoffnung, eine
Tagesanstellung als Arbeiter, Maurer oder Mann für alles zu
ergattern, gegen eine Bezahlung von 1000 Rial. Seine Nachmittage
verbrachte er immer häufiger bei Nachbarn zum kath-Kauen. Er
sagte, es helfe ihm, seine Probleme zu vergessen. Es war zum
Ritual geworden. Im Schneidersitz zwischen den anderen Männern
des Viertels fischte er sich die besten grünen Blätter aus einer
Plastiktüte und steckte sie sich in den Mundwinkel. Je leerer
die Tüte wurde, desto mehr schwoll seine Wange an. Die Blätter
bildeten schließlich eine Kugel, auf der er stundenlang
herumkaute.
Bei einer dieser kath-Sitzungen war ein junger Mann um die
dreißig auf ihn zugegangen.
»Ich möchte, dass unsere beiden Familien einen Bund schließen«,
sagte der Mann zu ihm.
Er hieß Faez Ali Thamer, arbeitete als Bote und lieferte mit
seinem Motorrad überallhin Pakete aus. Er stammte wie wir aus
dem Dorf Khardji und war auf der Suche nach einer Frau. Mein
Vater stimmte sofort zu. In der logischen Abfolge war ich
diejenige, die nun nach meinen älteren Schwestern Jamila und
Mona verheiratet werden musste. Als er nach Hause kam,
verkündete er uns seine Entscheidung. Und niemand konnte
widersprechen.
Noch am selben Abend hörte ich zufällig ein Gespräch zwischen
meinem Vater und Mona.
»Nojoud ist viel zu jung, um zu heiraten«, rief Mona aus.
»Zu jung? Als der Prophet Mohammed Aischa heiratete, war sie
erst neun Jahre alt«, entgegnete ihr mein Vater.
»Ja, aber das war zur Zeit des Propheten. Heute ist das anders.«
»Hör zu, diese Hochzeit ist die beste Möglichkeit, sie zu
schützen!«
»Wie meinst du das?«
»Das weißt du genau. Wir ersparen ihr damit den Ärger, den du
und Jamila gehabt habt. Wir ersparen ihr, von einem Unbekannten
mitgenommen zu werden und böse Gerüchte über sich hören zu
müssen. Dieser Mann macht wenigstens einen anständigen Eindruck.
Er ist im Viertel bekannt. Er kommt aus unserem Dorf. Und er hat
versprochen, Nojoud nicht anzurühren, bevor sie nicht größer
ist.«
»Aber …«
»Ich habe meinen Entschluss gefasst! Außerdem weißt du ganz
genau, dass wir nicht genügend Geld haben, um die ganze Familie
zu ernähren. So haben wir ein Maul weniger zu stopfen.«
Meine Mutter schwieg zu alldem. Sie wirkte traurig, doch sie
schien sich damit abzufinden. Schließlich hatte auch meine
Mutter eine arrangierte Heirat hinnehmen müssen, wie die meisten
jemenitischen Frauen. Sie musste es also wissen, dass in unserem
Land die Frauen alles erdulden, während die Männer die Befehle
erteilen. Mich zu verteidigen, wäre zwecklos gewesen.
Abas Worte gingen mir durch den Kopf: »Ein Maul weniger zu
stopfen«. Ich war also in seinen Augen nur eine Last, die er
sich bei der ersten Gelegenheit vom Halse schaffen wollte. Es
stimmt, dass ich nicht immer das brave Mädchen gewesen war, das
er gerne gehabt hätte. Aber es liegt doch in der Natur von
Kindern, dass sie Dummheiten machen, oder nicht? Und ich liebte
ihn, trotz seiner Fehler, trotz des kath-Gestanks, trotz der
Beharrlichkeit, mit der er uns auf die Straße schickte, um ein
paar Stücke Brot zu erbetteln.
»Wir ersparen ihr den Ärger, den du und Jamila gehabt habt.« Was
genau meinte er mit diesem Satz? Das Einzige, das ich wusste,
war, dass eine Woche vergangen war, dann eine weitere und dann
noch eine, ohne dass Jamila wiederkam. Ich hatte am Ende sogar
aufgegeben, die Tage zu zählen, die mich immer weiter von ihr
trennten. Ausgerechnet sie, die uns so oft besucht hatte, war
nun endgültig verschwunden. Ich mochte Jamila sehr. Sie war
zurückhaltend und redete nicht viel. Doch sie war großzügig und
aufmerksam. Manchmal brachte sie mir Süßigkeiten. Monas Mann war
seit dieser rätselhaften Abreise ebenfalls nicht mehr
zurückgekommen. Wo steckte er nur? Zu kompliziert für mich,
diese Erwachsenengeschichten.
In seiner Abwesenheit stellte Monas Schwiegermutter die
Forderung, das Sorgerecht für ihre Enkel zu bekommen. Monira war
nun drei Jahre und Nasser anderthalb Jahre alt. Mona brach es
fast das Herz, und sie legte eine unglaubliche Energie an den
Tag, um nicht von ihren Kindern getrennt zu werden. Ihr Kampf
endete mit einem halben Sieg. Da sie hartnäckig blieb, gelang es
ihr schließlich, den Kleinen bei sich zu behalten, unter dem
Vorwand, er müsse von ihr gestillt werden. Wie besessen von der
Angst, ihn zu verlieren, ließ sie ihn keine Sekunde aus den
Augen. Sobald er sich von ihr entfernte, rannte sie ihm nach und
schloss ihn fest in die Arme, wie einen Schatz, den man zu
verbergen sucht.
Die Heiratsvorbereitungen folgten Schlag auf Schlag. Und mein
Unglück wurde mir nun sehr schnell klar. Auf Beschluss der
Familie meines künftigen Mannes durfte ich einen Monat vor der
Hochzeitsnacht nicht mehr zur Schule gehen. Schweren Herzens gab
ich Malak einen Abschiedskuss und sagte ihr, ich würde bald
wiederkommen, versprochen.
»Irgendwann fahren wir mal zusammen ans Meer«, flüsterte sie mir
zu und schloss mich fest in die Arme.
Ich sollte sie nie wiedersehen.
#Post#: 1393--------------------------------------------------
Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
DIR By: KarlMartell
Date: April 14, 2013, 5:49 am
---------------------------------------------------------
Auch von meinen beiden Lieblingslehrerinnen, Samia und Samira,
musste ich mich verabschieden. Sie hatten mir beigebracht,
meinen Vornamen auf Arabisch zu schreiben, von rechts nach links
– den Bogen des »noun«, den Hüftschwung des »jim«, die Schlaufe
des »waou« und die Zange des »del«: Nojoud! Ich hatte ihnen viel
zu verdanken.
Mathematik und der Koranunterricht zählten zu meinen
Lieblingsfächern. In der Schule hatten wir die fünf Säulen des
Islams auswendig gelernt: die chahada, das Glaubensbekenntnis,
die fünf täglichen Gebete, der haj, also die große Pilgerreise
nach Mekka, der zakat, das Almosen, das man den Bedürftigen
gibt, um ihnen zu helfen, und schließlich der Fastenmonat
Ramadan, während dem man zwischen Aufgang und Untergang der
Sonne weder essen noch trinken darf. Wenn wir einmal größer
seien, sagte Samia zu uns, würden auch wir fasten.
Doch am liebsten mochte ich den Malunterricht. Mit meinen
Buntstiften malte ich Birnen und Blumen. Und auch Villen mit
blauen Dächern, grünen Fensterläden und roten Schornsteinen. Vor
dem Eingangstor stellte ich zuweilen einen Wächter in Uniform
dar. Ich hatte gehört, dass die Häuser von Leuten, die viel Geld
haben, von Wächtern beschützt werden. Im Garten malte ich immer
viele Obstbäume. Mit einem kleinen Wasserbecken in der Mitte.
In der Pause spielten wir Verstecken und sagten Abzählreime auf.
Ich hatte die Schule für mein Leben gern. Sie war mein
Zufluchtsort, mein eigener kleiner Glücksmoment.
Auch die kurzen Abstecher zu meinen Nachbarn, die nur ein paar
Meter von uns entfernt wohnten, konnte ich nun vergessen. Bei
ihnen gab es ein Transistorradio. Ich hatte es mir angewöhnt,
sie mit meiner kleinen Schwester Haïfa zu besuchen und Kassetten
von Haïfa Wehbe und Nancy Ajram zu hören, zwei hübschen
libanesischen Sängerinnen mit langen Haaren und einer Menge
Make-up. Sie hatten schöne Augen und vollendete Nasen. Wir
vergnügten uns damit, sie zu imitieren, indem wir mit den
Wimpern klimperten und die Hüften wiegten. Es gab auch eine
jemenitische Sängerin, Jamila Saad, die uns gut gefiel. Ein
echter Star! »Du bist so stolz auf dich. Du meinst, du bist der
Beste«, hieß es in einem ihrer Liebeslieder.
Unsere Nachbarn gehörten zudem zu den wenigen Glücklichen im
Viertel, die einen Fernseher besaßen. Fernsehen war für mich wie
Reisen. Ich liebte »Tom und Jerry«, das war meine
Lieblingszeichentrickserie, aber auch »Adnan und Lina«, die
Geschichte zweier asiatischer Freunde in einem fernen Land. Sie
hatten alle beide Schlitzaugen. Ich glaube, sie waren Japaner
oder Chinesen. Aber das Unglaubliche war, dass sie arabisch
sprachen wie ich, ganz ohne Akzent! Adnan war ein mutiger Junge,
der Lina immer helfen wollte. Er rettete sie auch mehrmals aus
den Fängen böser Figuren, die sie entführen wollten. Hatte sie
ein Glück! Ich beneidete sie sehr.
Adnan erinnerte mich an Eyman, einen Jungen aus Al-Qa, den ich
nie vergessen werde. Eines Tages, als ich mit ein paar
Freundinnen die Straße entlangging, versperrte uns ein Junge den
Weg. Er wollte uns Angst machen und rief unanständige Dinge, die
sich wie Beleidigungen anhörten, deren Bedeutung ich aber nicht
wirklich verstand. Als er unsere verschüchterten Gesichter sah,
grinste er blöd. Da tauchte unerwartet Eyman auf und schnappte
ihn sich.
»Hau ab, oder ich werfe dir Steine ins Gesicht!«, drohte er ihm.
Verängstigt hatte der Junge die Flucht ergriffen. So eine
Erleichterung! Das war das erste und letzte Mal, dass mich
jemand verteidigt hat. Eyman wurde für mich zum Held meiner
Träume. Ich sagte mir, dass ich, wenn ich einmal groß wäre,
vielleicht das Glück haben würde, einen Mann wie ihn zu
bekommen.
»Jujujujujuju!!!«
Die Cousinen der Familie klatschten in die Hände, als sie mich
ankommen sahen. Ich konnte kaum ihre Gesichter erkennen, denn
Tränen erfüllten meine Augen. Ich schritt langsam voran und gab
mir größte Mühe, nicht über das Gewand zu stolpern, das mir zu
groß war und über den Boden streifte. Man hatte mir auf die
Schnelle eine lange schokoladenbraune, halb verwaschene Tunika
übergezogen, die der Frau meines künftigen Schwiegervaters
gehörte. Eine Verwandte hatte mir die Haare zu einem Knoten
gerafft, der mir auf den Kopf drückte. Ich bekam nicht einmal
einen Strich Wimperntusche auf die Augen. Als mein Blick einen
kleinen Spiegel streifte, konnte ich rasch meine runden Wangen
und meine braunen Mandelaugen betrachten, die sich zur Seite hin
leicht verengten. Meine Stirn war glatt und meine Lippen
hellrot. So genau ich mein Gesicht untersuchte, ich konnte keine
einzige Falte erkennen. Ich war zu jung, viel zu jung.
Keine zwei Wochen waren seit dem Heiratsantrag vergangen. Nach
den hiesigen Bräuchen fand das Fest unter Frauen im winzigen
Haus meiner Eltern statt. Wir waren allerhöchstens vierzig
Personen. Währenddessen saßen die Männer bei einem meiner Onkel,
um kath zu kauen. Ebenfalls unter Männern und hinter
verschlossener Tür war zwei Tage zuvor der Ehevertrag
unterzeichnet worden. Alles war ohne mein Wissen geschehen.
Weder ich noch meine Mutter oder meine Schwestern hatten das
Recht, zu erfahren, was geschah. Nur weil sich meine kleinen
Brüder auf die Straße aufgemacht hatten, um etwas Geld für die
Verköstigung der Runde zu erbetteln, die sich aus Aba, meinem
Onkel und meinem künftigen Mann in Begleitung seines Bruders und
seines Vaters zusammensetzte, hatten wir am Spätnachmittag Wind
von der Sache bekommen. Das Treffen hatte unter Einhaltung genau
festgelegter Stammesregeln stattgefunden. Der Schwager meines
Vaters, der als Einziger lesen und schreiben konnte, diente als
Notar. Er verfasste den Vertrag. Es wurde beschlossen, dass
meine Mitgift 150 000 Rial betragen sollte.
»Keine Sorge«, hörte ich meinen Vater meiner Mutter zuflüstern,
als es dunkel geworden war. »Er musste uns versprechen, dass er
Nojoud bis ein Jahr nach ihrer ersten Periode nicht anrührt.«
Ein Schauder durchfuhr meinen Körper.
Das Fest, das zur Mittagszeit begonnen hatte, war im Nu wieder
vorbei. Ohne weißes Kleid. Ohne Henna-Blumen auf den Händen.
Ohne meine Lieblingsbonbons mit Kokosnuss, die ich so sehr mag
und die mich an den süßen Geschmack meiner glücklichen Tage
erinnern. Mir jedoch schien es eine Ewigkeit zu dauern. In einer
Zimmerecke sitzend, weigerte ich mich, mit den anderen Frauen zu
tanzen, denn langsam begriff ich, dass mein Leben sich an einem
Wendepunkt befand. Doch nicht zum Besseren. Die Jüngsten
begannen, ihre Bauchnabel zur Schau zu stellen und sich hin- und
herzuwiegen wie in einem kitschigen Videoclip. Hand in Hand
erhoben sich die Älteren zu traditionelleren Folkloretänzen, wie
man sie in den Dörfern sieht. Zwischen zwei Musikstücken machten
sie eine Pause und sprachen mir Grüße aus. Ich gab ihnen einen
Kuss, wie es sich gehörte. Doch es gelang mir nicht einmal, ein
Lächeln aufzusetzen.
Ich blieb, das Gesicht aufgedunsen vom vielen Weinen, regungslos
in einer Ecke des Wohnzimmers sitzen. Ich wollte meine Familie
nicht verlassen. Ich fühlte mich noch nicht bereit. Ich
vermisste die Schule bereits entsetzlich, und Malak noch viel
mehr. Als ich während des Festes dem traurigen Blick meiner
kleinen Schwester Haïfa begegnete, begann mir klarzuwerden, dass
ich auch sie vermissen würde. Eine Befürchtung erfüllte
plötzlich meine Gedanken: Was, wenn auch sie zum selben
Schicksal verdammt wäre wie ich?
Bei Sonnenuntergang zogen sich die Gäste zurück, und ich nickte
vollständig bekleidet neben Haïfa ein. Meine Mutter kam etwas
später zu uns, nachdem sie das Wohnzimmer aufgeräumt hatte. Als
mein Vater von seiner Männerversammlung nach Hause kam, waren
wir alle schon eingeschlafen. In meiner letzten Nacht als
Unverheiratete träumte ich nichts. Ich erinnere mich genauso
wenig daran, unruhig geschlafen zu haben. Ich fragte mich
lediglich, ob ich am nächsten Morgen wie aus einem bösen Traum
erwachen würde.
Als die Sonnenstrahlen gegen sechs Uhr morgens in das
Schlafzimmer fluteten, riss mich Omma aus dem Schlaf und winkte
mich in den kleinen Gang. Wie jeden Morgen verneigten wir uns
vor Allah und sprachen dabei das erste Gebet des Tages. Dann
servierte sie mir eine Schale mit foul – weißen Bohnen mit
Zwiebeln und Tomatensoße, die man zum Frühstück isst – und dazu
eine Tasse chai – Tee – mit Milch.
Ein kleines Bündel erwartete mich vor der Tür, doch ich tat, als
hätte ich es nicht gesehen. Erst als vor dem Haus eine Hupe
erklang, musste ich mich in mein neues Leben voller
Ungewissheiten fügen. Meine Mutter drückte mich fest an sich und
half mir dann, mich in meinen Mantel und ein schwarzes Kopftuch
zu hüllen. In den Jahren zuvor hatte ich mich mit einem kleinen
bunten Schleier begnügt, wenn ich auf die Straße ging. Es kam
sogar vor, dass ich ihn vergaß, doch das kümmerte niemanden.
Dann sah ich, wie Omma in das Bündel fasste und einen schwarzen
niqab daraus hervorholte, den sie mir übergab. Bis zu diesem Tag
war ich noch nie dazu gezwungen worden, mich vollständig zu
verschleiern.
»Von heute an musst du dich verschleiern, wenn du auf die Straße
gehst. Du bist jetzt eine verheiratete Frau. Dein Gesicht darf
nur dein Mann sehen. Denn sein sharaf – seine Ehre – steht auf
dem Spiel. Und du darfst seine Ehre nicht beflecken.«
Ich nickte traurig und verabschiedete mich von ihr. Ich war böse
auf sie, dass sie mich im Stich ließ, aber ich fand keine Worte,
um ihr meinen Schmerz auszudrücken.
Auf dem Rücksitz des Geländewagens, der mich vor der Eingangstür
erwartete, saß ein kleiner Mann, der mich anstarrte. Er trug
eine lange weiße Tunika, wie Aba, und einen Schnurrbart. Sein
zerzaustes Haar war kurzgeschnitten und leicht gelockt. Er hatte
braune Augen und war schlecht rasiert. Seine Hände waren
ölverschmiert. Er war kein schöner Mann. Auf mich wirkte er wie
ein Monster. Das also war Faez Ali Thamer, der sich dazu
entschlossen hatte, mich zur Frau zu nehmen, dieser Unbekannte,
dem ich vielleicht schon einmal in Khardji begegnet war, wohin
wir in den letzten Jahren zuweilen zurückgekehrt waren, jedoch
konnte ich mich nicht an ihn erinnern.
Mir wurde der Platz auf der ersten Rückbank hinter dem Fahrer
zugewiesen, neben vier weiteren Fahrgästen, darunter die Frau
vom Bruder meines Mannes.
Sie alle lächelten verkrampft und wirkten nicht sehr gesprächig.
Er, der Unbekannte, saß neben seinem Bruder auf der zweiten
Rückbank. Ich war etwas beruhigt, dass ich ihm während unserer
langen Fahrt nicht ins Gesicht sehen musste. Doch spürte ich
seinen Blick auf mir, was mich erschauern ließ. Wer war er
eigentlich? Warum hatte er mich heiraten wollen? Was erwartete
er von mir? Und was bedeutete Heirat denn eigentlich genau? Auf
all diese Fragen hatte ich keine Antwort.
Als der Motor zu knattern begann und der Fahrer auf das Gaspedal
trat, konnte ich mir ein paar weitere Tränen nicht verkneifen.
Mein Herz klopfte mir bis an den Hals. Das Gesicht ans Fenster
gepresst, ließ ich Omma nicht aus den Augen, bis von ihr nur
noch ein winzig kleiner Punkt übrig blieb, der im Unendlichen
verschwand.
Ich gab während der ganzen Fahrt kein Wort von mir.
Gedankenverloren hatte ich nur diese eine Idee im Kopf: ein
Mittel zu finden, um wieder nach Hause zu können. Reißaus
nehmen! Doch je weiter sich das Auto von Sanaa entfernte, desto
klarer wurde mir, dass ein solcher Versuch aussichtslos wäre.
Immer wieder war ich drauf und dran, mir den niqab
herunterzureißen, durch den ich kaum Luft bekam. Ich fühlte mich
klein, zu klein für all das. Für diesen niqab, für diese lange
Reise, weit entfernt von meinen Eltern, für dieses neue Leben an
der Seite eines Mannes, der mich anwiderte und den ich nicht
kannte. Der Geländewagen bremste abrupt.
»Kofferraum aufmachen!«
Die Stimme des Soldaten schreckte mich auf. Erschöpft vom vielen
Weinen, war ich schließlich eingenickt. Doch dann fiel mir
sogleich wieder ein, dass an der Straße nach Norden zahlreiche
Kontrollposten aufgestellt waren und wir uns erst am ersten
befanden. Sie hingen anscheinend mit dem Krieg zusammen, der im
Norden zwischen der Armee und den Al-Huthi-Rebellen wütete. Mein
Vater sagt, die Huthis seien Schiiten, während die meisten
Jemeniten Sunniten sind. Was der Unterschied ist? Ich habe nicht
die geringste Ahnung. Ich weiß nur, dass ich Muslimin bin und
täglich meine fünf Gebete spreche.
Nach einem kurzen Blick ins Innere des Wagens gab uns der Soldat
das Zeichen zur Weiterfahrt. Hätte ich doch nur die Gelegenheit
genutzt, ihn um Hilfe zu bitten und mich aus dieser Lage zu
retten! Hatte er denn mit seiner grünen Uniform und der
geschulterten Waffe nicht die Aufgabe, für Ordnung und
Sicherheit zu sorgen? Ich hätte ihm doch sagen können, dass ich
Sanaa nicht verlassen wollte, dass ich befürchtete, mich auf dem
Dorf zu langweilen, und dort niemanden mehr kannte.
An die Hauptstadt Sanaa hatte ich mich schließlich gewöhnt. Ich
mochte die Baustellen, die breiten Straßen, die Werbeplakate für
Handys und Orangenlimonade, die am Gaumen prickelt. Die
Luftverschmutzung und die Staus waren für mich zum Alltag
geworden. Doch vor allem würde ich die Altstadt, Bab al-Yemen,
das Tor des Jemen, vermissen. Bab al-Yemen, eine regelrechte
Stadt in der Stadt, ein zauberhaftes Viertel, durch das ich
gerne schlenderte, an Monas oder Jamilas Hand, und mich dabei
fühlte wie eine Abenteurerin, die auf Forschungsreise geht. Eine
Welt für sich, mit Lehmhäusern und weißen Arabesken als
Fensterschmuck. So zart waren diese Muster, dass ich mir
vorstellte, indische Architekten wären vor sehr langer Zeit dort
vorbeigekommen, lange vor meiner Geburt. Dieses Viertel war so
edel, dass ich mir die Geschichte eines Königs und einer Königin
erdacht hatte, die dort glückliche Tage verlebt haben mussten.
Vielleicht gehörte ihnen sogar die gesamte Altstadt?
Sobald man Bab al-Yemen betrat, ertönten von überallher
Geräusche: Die Rufe der Händler und barfüßigen Bettler
vermischten sich mit dem Gedudel alter Kassettenrekorder. In
einer Seitengasse konnte es vorkommen, dass ein junger
Schuhputzer einen am Fuß packte und seine Dienste anbot. Dann
plötzlich übertönte der Ruf zum Gebet das wirre Konzert. Mit
Vergnügen streckte ich die Nase in die Luft und schnupperte den
Duft von Kümmel, Zimt, Nelken, Nüssen und Rosinen, die aus den
Verkaufsständen kullerten. Zuweilen stellte ich mich auf die
Fußspitzen, um das Warenangebot der Stände besser zu
überblicken, denn sie waren etwas zu hoch für mich. Sie drängten
sich, so weit das Auge reichte, und boten in buntem
Durcheinander jambias aus Silber, gestickte Dreieckstücher,
Teppiche, süße Krapfen, Henna und Kleider für kleine Mädchen in
meinem Alter.
In Bab al-Yemen konnte es auch geschehen, dass einem Frauen mit
langen, buntgeblümten Schleiern begegneten, die man sitara –
Vorhänge – nennt. Ich sagte mit Vorliebe »die Altstadtdamen« zu
ihnen, denn ihre Gewänder in fröhlichen Farben unterschieden
sich stark von den schwarzen Schleiern, die Frauen für
gewöhnlich auf der Straße trugen, und schienen einem anderen
Zeitalter entsprungen.
Eines Nachmittags, als ich meine Tante zum Einkaufen begleitete,
verirrte ich mich schließlich im dichten Gedränge. Ich hatte
mich von dieser fast übernatürlichen Welt ablenken lassen, die
ich mit beiden Augen genüsslich in mich aufsog. Ich machte
kehrt, um meine Tante wiederzufinden. Doch bald stellte ich
fest, dass sich die Gassen alle ähnelten. Musste ich nun die
nächste rechts abbiegen? Oder links? Verwirrt und schluchzend
sank ich in die Knie. Ich war verloren. Nichts zu machen. Und es
dauerte gut zwei Stunden, bis mich ein Händler bemerkte, der
meine Tante kannte.
»Nojoud, wann hörst du endlich auf, so kopflos durch die Welt zu
gehen?«, herrschte sie mich an und packte mich bei der Hand.
#Post#: 1394--------------------------------------------------
Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
DIR By: KarlMartell
Date: April 14, 2013, 5:49 am
---------------------------------------------------------
Verloren war ich auch am Tag nach meiner Hochzeit gewesen, als
ich in dem unbequemen Geländewagen saß. Doch nun war die Welt um
mich herum pure Wirklichkeit. Vorbei war es mit dem Zauber der
Gewürze und den wohlwollenden Blicken der Händler, die den
Kindern ihre warmen Krapfen zum Probieren anboten. Mein Leben
nahm allmählich eine neue Wendung in dieser Welt der Großen, in
der Träume keinen Platz mehr haben, in der alle Gesichter
erstarrt sind und kein Mensch sich um mich schert.
Sobald die Hauptstadt hinter uns lag, verwandelte sich die
Autobahn in ein langes Asphaltband, das sich zwischen Berg und
Tal hindurchschlängelte. In jeder Kurve klammerte ich mich fest
an den Haltegriff meines Sitzes. Mein Magen rebellierte und
verkrampfte sich. Mehrmals musste ich mich kräftig kneifen, um
meine Übelkeit zu unterdrücken. Lieber wäre ich gestorben, als
das Monster darum zu bitten, mich am Straßenrand aussteigen zu
lassen, um frische Luft zu schnappen. Ich musste durchhalten,
also schluckte ich vorsichtig immer wieder und versuchte, dabei
so wenige Geräusche wie möglich zu machen.
Um mich von der Umgebung abzukapseln, vertrieb ich mir die Zeit
damit, die winzigsten Einzelheiten der Landschaft zu erfassen.
Alte, verfallene Ruinen, die sich an Felsvorsprünge krallten.
Kleine braune Häuser mit weißen Verzierungen, die mich entfernt
an Bab al-Yemen erinnerten. Kakteen am Straßenrand,
ausgetrocknete Passhöhen, die mit kleinen Parzellen Ackerland
abwechselten, auf denen Ziegen und Kühe weideten. Auch Frauen
waren zu sehen, die Gesichter mit Tüchern verhüllt, die sie auf
Mundhöhe knoteten. Ich meinte auch, zwei überfahrene Katzen zu
erkennen, doch kniff ich schnell die Augen zu, denn sie waren
ein trauriger Anblick. Als ich sie wieder aufmachte, war unser
Auto umgeben von einem Meer aus kath-Sträuchern. Rechts und
links Grün, so weit das Auge reichte. Es war wunderschön! Eine
sanfte Frische!
»Der kath, das ist unser Untergang. Der braucht so viel Wasser,
dass wir bald alle in diesem Land vor Durst verrecken werden!«,
rief der Fahrer.
Das Leben, dachte ich im Stillen, ist schon seltsam. Sogar
schöne Dinge können Schaden anrichten. Nicht nur die Bösen säen
Böses. Wie soll man da noch durchblicken.
Ein Stück weiter, zu meiner Rechten, erkannte ich schließlich
Kokaban, ein kleines Dorf, das hoch oben auf einem Hügel direkt
in den Fels gehauen war. Ich erinnerte mich, dass ich als
kleines Kind mit meinen Eltern dort vorbeigekommen war, als wir
zum Aïdfest in ein anderes Dorf unterwegs waren. Es heißt, die
Frauen von Kokaban seien schön und schlank, weil sie jeden
Morgen zur Feldarbeit den Berg hinabsteigen. Eine Stunde bergab.
Und eine Stunde bergauf. Eine ganz schöne Leistung! Und wie
tapfer von ihnen! Eine Stunde bergab. Und eine Stunde bergauf.
Eine Stunde bergab. Und eine Stunde bergauf …
Das Brummen des Motors weckte mich und ließ mich aufschrecken.
Wie viele Stunden hatte ich geschlafen? Wie viele Kilometer
hatten wir schon zurückgelegt? Ich hatte keine Ahnung.
»Eins … zwei … und drei!«
An der Rückseite unseres Geländewagens drängte sich ein halbes
Dutzend Männer um den Kofferraum und mühte sich mit voller
Kraft, unser Fahrzeug anzuschieben, das in einem Erdloch
festhing. Auf einer Tafel, die in eine von den Rädern
aufgewirbelte Staubwolke gehüllt war, entzifferte ich mühsam den
Namen des ausgetrockneten und öden Dorfes, in dem wir gelandet
waren. Arjom. Offenbar hatten wir soeben die Hauptstraße
verlassen und einen holprigen Weg voller Schlaglöcher
eingeschlagen, der den Abgrund entlang in eine tiefe Schlucht
führte. Das Auto saß tatsächlich fest.
»Drehen Sie besser um! Sie werden auf diesem Weg nie
vorankommen, er wird immer schlechter«, rief ein Dorfbewohner,
der sich ein rotweißes Tuch um den Kopf gewickelt hatte, das ihn
vor dem Staub schützte.
»Aber wir müssen nach Khardji!«, entgegnete der Fahrer.
»Pah, mit so einem Auto, soll das ein Witz sein?«
»Und was nun?«
»Das Beste ist, auf Esel umzusteigen!«
»Auf Esel! Aber wir haben Frauen dabei. Das wird nicht gehen.«
»Hören Sie, ich kann Ihnen die Dienste eines unserer Männer
anbieten. Er ist es gewohnt, Leute hin- und herzutransportieren.
Und sein Wagen hat die passenden Reifen. Er wechselt sie
mindestens alle zwei Monate, so schlecht ist die Straße!«
Also wurde beschlossen, ein anderes Auto zu nehmen. Während sich
die Großen damit abmühten, die Bündel in das andere Fahrzeug
umzuladen, nutzte ich die kleine Ruhepause und vertrat mir die
Beine. Ich atmete tief ein und pumpte meine Lungen, so weit es
ging, mit der klaren Bergluft auf. Ich war so verschwitzt, dass
mein braunes Kleid, das ich immer noch unter meinem schwarzen
Schleier trug, an mir klebte. Ich hob die Falten etwas an und
näherte mich dem Abgrund. Wadi La’a! Tief unten, weit, sehr weit
entfernt erkannte ich Wadi La’a, das Tal meines Heimatdorfes. Es
hatte sich nicht verändert! Doch ich war noch sehr klein
gewesen, als wir es verließen. Stiegen da meine
Kindheitserinnerungen wieder in mir auf, gespeist von einigen
kürzlich mit meinen Eltern unternommenen Reisen in diese Gegend?
Oder die Erinnerungen aus den lose in ein Album geworfenen,
vergilbten Fotos, die Aba von Zeit zu Zeit mit Tränen in den
Augen betrachtete? Das Bild meines Großvaters kam mir in den
Sinn. Ich hatte ihn ja so lieb, meinen Jad. Als er im vorigen
Jahr gestorben war, hatte ich viel geweint. Er hatte immer einen
weißen Turban um seinen Kopf gewickelt. Sein feiner,
graumelierter Bart hob sich stark von seinen dunkelbraunen
Augenbrauen ab. Zuweilen nahm er mich auf seine Knie und
vergnügte sich damit, mich kopfüber nach hinten fallen zu
lassen, um mich im letzten Moment aufzufangen. In seinen Armen
fühlte ich mich unglaublich wohl. Ich hatte mich an den Gedanken
gewöhnt, dass mein Jad, auch wenn die Welt um uns herum
untergehen würde, immer an meiner Seite sein würde, um mich zu
retten. Doch er musste zu früh gehen.
»Nojoud! Nojoud!«
Ich drehte mich um und fragte mich, wer mich da wohl rief. Es
war eine wenig vertraute Stimme. Eine ungewöhnliche Klangfarbe,
die sich für meine Ohren fremd anhörte. Nicht wie die von Jad,
die ich jederzeit auch mit geschlossenen Augen erkannt hätte.
Als ich den Kopf hob, begriff ich, dass er es war, mein
unbekannter Mann, der mich das erste Mal seit unserer Abfahrt
aus Sanaa ansprach. Ohne mich richtig anzusehen, verkündete er
mir, dass es Zeit war, weiterzufahren. Ich nickte und ging auf
unsere neue »Karosse« zu: ein rotweißer, völlig verrosteter
Toyota Pick-up. Man ließ mich vorne mit meiner verschleierten
Schwägerin einsteigen, zur Rechten des neuen Fahrers. Die Männer
stiegen hinten auf die offene Ladefläche mit anderen Fahrgästen,
die dieses Verkehrsmittel mitbenutzten.
»Gut festhalten, gleich wird’s schaukeln!«, warnte der Fahrer.
Bevor er losfuhr, stellte er seinen Radiorekorder auf höchste
Lautstärke. Eine folkloristische Melodie schmetterte aus den
Boxen, die genauso verrostet waren wie der Pick-up. Der wabernde
oud und die Stimme des bei uns sehr bekannten Sängers Hussein
Moheb verschmolzen bald mit den Stößen, die die riesigen,
widerspenstigen Steine unter unserem Pick-up auslösten. Wir
schaukelten nicht, wir hüpften in alle Richtungen! Mehrmals
prallten Steine an unserer Windschutzscheibe ab. Ich hielt mich
verkrampft an einem Griff fest und betete zu Allah, dass alles
schön ganz bleibe, bis wir im Dorf ankämen.
»Hör der Musik zu! Dann vergeht dir die Angst!«, meinte der
Fahrer.
Wenn der wüsste, was für eine Angst mich wirklich erfüllte …
Wir fuhren stundenlang im Rhythmus von Hussein Mohebs
Liebesklagen. Ich hätte zählen sollen, wie oft der Fahrer die
Kassette wieder zurückspulte. Er war wie trunken von dieser
Musik, und sie half ihm sicher, der Kraft der Natur
standzuhalten. Wie ein Reiter an sein Pferd war er an sein
Lenkrad geklammert und trotzte der kleinsten Kurve, indem er den
Blick starr auf den gewundenen Weg heftete. Als kenne er alle
Gefahren auswendig.
»Die Natur, die Allah schuf, ist unerbittlich, aber zum Glück
hat er Menschen geschaffen, die noch widerstandsfähiger sind!«,
sagte er.
Na ja, dachte ich, wenn er recht hatte, dann musste Allah mich
vergessen haben.
Je tiefer wir in das Tal hineinfuhren, desto dicker wurde der
Angstkloß in meinem Hals. Ich war müde. Mir war schlecht, ich
hatte Hunger und Durst. Aber vor allem hatte ich Angst. In
meinem Kopf hatte ich alle möglichen Spielideen erschöpft, um
mein Unglück zu vergessen. Je näher wir Wadi La’a kamen, desto
ungewisser wurde mein Schicksal. Und mein letzter
Hoffungsschimmer, noch zu entkommen, war vollkommen erloschen.
Khardji hatte sich nicht verändert. Das Ende der Welt. Kaum
angekommen, wie gerädert von den vielen Stößen, erkannte ich
sofort die fünf Steinhäuser, den kleinen Bach, der durch das
Dorf fließt, die Bienen, die Nektar von den Blüten sammeln, die
Bäume, so weit das Auge reicht. Und die Kinder der Umgebung, die
an der Quelle mit ihren kleinen gelben Kanistern Wasser holen.
Auf der Türschwelle eines der Häuser erwartete uns eine Dame.
Von Anfang an spürte ich, wie sie mich musterte. Sie gab mir
keinen Kuss. Nicht einmal ein Küsschen, nicht mal ein
Streicheln. Sie war seine Mutter. Meine neue Schwiegermutter.
Sie war alt und hässlich. Ihre Haut war runzlig wie die einer
alten Eidechse. Ihr fehlten die beiden Vorderzähne. Alle anderen
waren von Fäulnis verdorben und von Tabak geschwärzt. Ein
schwarzgraues Tuch bedeckte ihr Haar. Mit einer Handbewegung
winkte sie mich herein. Innen war das Haus einfach und kaum
möbliert. Es besaß vier Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und eine
winzige Küche. Aufs Klo ging man im Freien, hinter die Büsche.
Ohne mich zu zieren, verschlang ich den Reis und das Fleisch,
das seine Schwestern zubereitet hatten. Ich starb beinahe vor
Hunger. Ich hatte seit unserer Abfahrt aus Sanaa nichts
gegessen. Nach der Mahlzeit versammelten sich die Großen zu
einer kath-Sitzung. Schon wieder! Gäste aus der Nachbarschaft
schlossen sich der Runde an. In einer Ecke zusammengekauert,
schaute ich ihnen stumm zu. Zu meiner großen Überraschung schien
sich niemand über mein niedriges Alter zu wundern. Später erfuhr
ich, dass eine Heirat mit kleinen Mädchen in der Provinz gang
und gäbe war. Für sie stellte ich also keine besondere Ausnahme
dar. »Wenn du ein neunjähriges Mädchen heiratest, ist dir eine
glückliche Ehe sicher«, besagt sogar ein altes
Stammessprichwort.
Zwischen den Großen wurde die Unterhaltung immer lebhafter.
»Das Leben in Sanaa ist sehr teuer geworden«, klagte meine
Schwägerin.
»Ab morgen zeige ich der Kleinen, was sie hier für Aufgaben
hat«, fügte meine Schwiegermutter hinzu, ohne mich direkt beim
Namen zu nennen. Ȇbrigens hoffe ich, dass sie Geld mitgebracht
hat.«
»Die Kinderspiele sind vorbei. Wir zeigen ihr, was eine richtige
Frau ist!«
Als mir nach Aufbruch der Gäste bei Sonnenuntergang mein Zimmer
zugewiesen wurde, erinnere ich mich, wie erleichtert ich war.
Endlich konnte ich diese braune Tunika abstreifen, die ich seit
dem Vortag trug und die inzwischen ganz schön stank. Sobald sich
die Tür hinter mir schloss, stieß ich einen lauten Seufzer aus
und zog mir sofort ein kurzes rotes Baumwollhemd an, das ich aus
Sanaa mitgebracht hatte. Es roch nach meinem alten Zuhause,
einem muffigen Geruch mit leichtem Oud-Duft. Ein vertrauter
Geruch, der beruhigend wirkte. Auf dem Boden lag eine lange
Matte. Mein Bett. Daneben eine alte Öllampe als Beleuchtung,
deren Flammenschein an der Wand flackerte. Ich kam nicht einmal
dazu, sie zu löschen, so schnell schlief ich ein. Endlich!
Ich wäre am liebsten nie wieder aufgewacht. Als plötzlich
polternd die Tür aufging, schreckte ich auf und wunderte mich
über den starken Wind in dieser Nacht. Kaum hatte ich die Augen
geöffnet, spürte ich, wie sich ein verschwitzter, haariger
Körper an mich drückte. Jemand hatte die Lampe ausgeblasen, und
nun war es stockdunkel. Ich zitterte. Das war er, das Monster!
Ich erkannte ihn sofort an dem aufdringlichen Zigaretten- und
kath-Geruch. Er stank! Er roch bestialisch!
Ohne ein Wort zu sagen, begann er, sich an mir zu reiben.
»Ich flehe Sie an, lassen Sie mich in Ruhe!«, keuchte ich
bibbernd.
»Du bist meine Frau! Von heute an entscheide ich. Wir müssen in
einem Bett schlafen.«
Mit einem Satz war ich aufgestanden und wollte fliehen. Aber
wohin? Ganz egal! Ich musste dieser Falle entrinnen. Er stand
ebenfalls auf. Im Dunkeln bemerkte ich einen Lichtspalt an der
angelehnten Tür. Wohl der Glanz der Sterne und des Mondes. Ohne
eine Sekunde zu zögern, entwischte ich in den Hof. Doch das
Monster rannte mir hinterher.
»Hilfe! Hilfe!«, brüllte ich schluchzend.
Meine Stimme hallte durch die Nacht. Doch es war, als würde ich
ins Leere rufen. Ich rannte atemlos hin und her. Ich stürzte ins
erste Zimmer, flitzte jedoch sogleich wieder hinaus, als er
eintrat. Ich rannte weiter, ohne mich umzudrehen. Ich stolperte
über etwas, vielleicht eine Glasscherbe, richtete mich wieder
auf und wollte weiterrennen. Zwei Arme bremsten meinen Lauf,
umklammerten mich mit ganzer Kraft und schleppten mich zurück
ins Schlafzimmer, wo sie mich auf die Matte niederdrückten. Ich
lag wie festgenagelt auf dem Boden, ich war wie gelähmt.
»Amma! Amma!«, flehte ich, in der vagen Hoffnung auf einen
Anflug weiblicher Solidarität.
Keine Antwort. Ich rief erneut:
»Hilfe! Hilfe!«
Er zog seine weiße Tunika aus. Ich rollte mich schutzsuchend
zusammen. Doch er begann, an meinem Nachthemd zu zerren, und
verlangte, dass ich mich auszog. Dann ließ das Monster seine
rauhen Hände über meinen Körper gleiten und presste seine Lippen
auf meine. Er stank widerlich. Eine Mischung aus Tabak und
Zwiebeln.
»Gehen Sie! Oder ich sage es meinem Vater!«, stöhnte ich und
versuchte, mich erneut loszureißen.
»Du kannst deinem Vater erzählen, was du willst. Er hat einen
Heiratsvertrag unterschrieben. Er hat mir seine Einwilligung
gegeben, dass ich dich heirate.«
»Das dürfen Sie nicht!«
»Nojoud, du bist meine Frau!«
»Hilfe! Hilfe!«
Dann fing er an, höhnisch zu lachen:
»Hör doch: Du bist meine Frau. Und jetzt musst du tun, was ich
will! Kapiert?«
Ich fühlte mich plötzlich wie von einem Orkan erfasst, von einem
Wirbel in den nächsten gerissen. Der Blitz brach über mich
herein, und mir fehlte die Kraft, mich zu wehren. Ein
Donnergrollen. Noch eines und noch eines. Der Himmel fiel mir
auf den Kopf. Dann erfüllte ein Brennen das Innerste meines
Körpers. Ein Brennen, das ich nie zuvor empfunden hatte. Sosehr
ich auch schrie, niemand kam mir zu Hilfe. Es tat weh, sehr weh,
und ich war ganz allein mit dem Schmerz.
»Aua!«, stieß ich in einem letzten Seufzer aus.
Ich glaube, in diesem Augenblick wurde ich halb ohnmächtig.
#Post#: 1395--------------------------------------------------
Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
DIR By: KarlMartell
Date: April 14, 2013, 5:51 am
---------------------------------------------------------
5. Shada
9. April 2008
Das Handy ans Ohr gedrückt, geht Shada in der Halle des Gerichts
auf und ab.
»Wir müssen alles unternehmen, um Nojoud aus den Klauen ihres
Mannes zu befreien! Wir müssen die Presse, die Frauenverbände
einschalten …«, höre ich sie rufen. Dann legt sie auf und kniet
sich vor mich, um mit mir auf Augenhöhe zu sein.
»Hab keine Angst, Nojoud, ich helfe dir, dich scheiden zu
lassen!«
Noch nie hat mir jemand so viel Beachtung geschenkt.
Shada Nasser ist Rechtsanwältin. Es heißt, sie sei eine sehr
wichtige Anwältin, eine der bedeutendsten im Jemen, die sich für
die Rechte der Frauen einsetzt! Mit aufgerissenen Augen sehe ich
sie bewundernd an. Schön ist sie, Shada. Und so sanft.Ihre
Stimme ist etwas schrill, und sie redet schnell, wahrscheinlich,
weil sie ständig in Eile ist. Ihr Parfum duftet nach
Jasminblüten. Schon beim ersten Anblick mochte ich sie sehr. Im
Gegensatz zu den Frauen meiner Familie trägt sie nie einen
Schleier. Es ist selten im Jemen, dass eine Frau keinen niqab
trägt. Shada hat einen langen schwarzen Seidenmantel an. Und für
den Kopf begnügt sie sich mit einem farbigen Tuch. Ihr Teint
strahlt, und das Rot ihrer Lippen verleiht ihr das Aussehen
einer eleganten Dame, wie in einem Film. Übrigens wirkt sie mit
ihrer Sonnenbrille tatsächlich wie ein Filmstar. Welch ein
Gegensatz zu all den verschleierten Frauen, denen man auf der
Straße begegnet!
»Mit mir an deiner Seite hast du nichts zu befürchten«, fügt sie
hinzu und streicht mir beruhigend über das Gesicht.
Heute Morgen war sie gleich, als sie mich erkannte, auf mich
zugekommen. Im Gericht hatte man ihr nach dem Wochenende von mir
erzählt. Meine Geschichte wühlte sie auf. Sie sagte sofort alle
weiteren Termine ab. Und der Richter musste ihr versprechen, sie
zu benachrichtigen, sobald ich zurückkommen würde. Sie wollte
mich um jeden Preis treffen.
»Entschuldigung, bist du das Mädchen, das seine Scheidung
einreichen will?«, fragte sie mich zunächst, als sie auf dem
Hof, der zum Gericht führt, auf mich zugekommen war.
»Ja, genau«, antwortete ich.
»Mein Gott! Komm, das müssen wir unbedingt besprechen.«
Es ist einiges passiert in den letzten Tagen. Mir dreht sich
noch alles im Kopf. Das ganze Wochenende über – im Jemen sind
das der Donnerstag und der Freitag – behandelten mich Richter
Abdel Wahed und seine Frau mit einer Freundlichkeit, die ich
nicht erwartet hätte. Sie verwöhnten mich mit Spielsachen,
leckeren Gerichten, einer heißen Dusche und sogar einem
Gutenachtkuss vor dem Einschlafen. Wie ihre eigenen Kinder! Im
Haus durfte ich sogar den Schleier, den verheiratete Frauen
tragen, abnehmen. Vor meiner Schwiegermutter musste ich ihn
immer zurechtziehen, sobald er etwas verrutschte. Was für ein
Glück, keine Stockhiebe fürchten zu müssen, nicht vor Angst zu
zittern, wenn man schlafen geht, nicht aufzuschrecken, wenn nur
eine Tür knallt! Doch trotz all dieser Zuwendung waren meine
Nächte noch sehr unruhig. Jedes Mal, wenn ich einschlafe, habe
ich den Eindruck, dass mir der Wirbelsturm auflauert und die
Tür, wenn ich die Augen zu lange schließe, wieder aufgehen kann.
Und dass das Monster zurückkommt … Wie grässlich! Richter Abdel
Wahed sagt aber, das sei normal, und es würde noch lange dauern,
bis ich all dieses Leid vergessen habe.
Als er mich am Samstagmorgen zum Gericht zurückbringt, fällt mir
die Rückkehr in die Realität schwer. Um neun Uhr sitzen wir
schon in seinem Büro, zusammen mit den beiden anderen Richtern,
Abdo und Mohammad al-Ghazi, die mir freundlich zulächeln, als
sie mich kommen sehen. Hm, aber leider quält Mohammad al-Ghazi
ein neues Problem.
»Nach jemenitischem Recht ist es schwierig, wenn du gegen deinen
Vater und deinen Mann eine Klage einreichen willst«, sagt er zu
mir.
»Und warum?«
»Das ist ein bisschen kompliziert für ein Mädchen in deinem
Alter. Es ist schwer zu erklären.«
Dann zählt er mir mehrere Hindernisse auf. Wie die meisten
Kinder, die auf dem Dorf geboren werden, habe ich keine Papiere
und nicht einmal eine Geburtsurkunde. Zudem bin ich zu jung, um
ein Gerichtsverfahren zu eröffnen. Alles Gründe, die einem
gelehrten Mann wie Mohammad al-Ghazi sehr konkret erscheinen,
die mir aber kaum einleuchten. Ich muss mich jedoch damit
zufriedengeben, die positive Seite der Dinge zu sehen.
Wenigstens, so sage ich mir, bin ich fürsorglichen Richtern
begegnet, die bereit sind, mir zu helfen. Schließlich sind sie
nicht dazu gezwungen, sich um mich zu kümmern. Wie viele andere
auch hätten sie mein Ansuchen ignorieren und mir raten können,
nach Hause zu gehen und meine Pflichten als Ehefrau zu erfüllen.
Denn es war ja tatsächlich ein Vertrag unterschrieben und
einstimmig von allen Männern meiner Familie gebilligt worden.
Nach jemenitischer Tradition ist er also gültig.
»Wie die Dinge stehen«, fährt Mohammad al-Ghazi an seine
Kollegen gerichtet fort, »müssen wir schnell handeln. Ich
schlage also vor, dass wir Nojouds Vater und ihren Mann in
Untersuchungshaft nehmen. Sie sind besser im Gefängnis
aufgehoben als in Freiheit, wenn wir Nojoud schützen wollen.«
Gefängnis? Was für eine harte Strafe! Würde mir mein Aba das
verzeihen? Plötzlich überfallen mich Scham- und Schuldgefühle.
Und wie beschämend für mich, als sie mich bitten, den Soldaten,
der sie verhaften soll, zu begleiten, damit er auch die richtige
Adresse findet! Meine Familie hat mich das ganze Wochenende
nicht gesehen und nimmt sicher an, dass ich wie mein Bruder
Fares für immer geflohen bin. Ich möchte mir nicht einmal das
Gesicht meiner Mutter vorstellen, wenn meine kleinen Brüder und
Schwestern das Brot für ihr Frühstück verlangen! Zudem erinnere
ich mich, dass mein Vater kurz vor meiner Flucht krank wurde und
sogar anfing, Blut zu spucken. Würde er eine Inhaftierung
überleben? Ich würde mir mein ganzes Leben lang Vorwürfe machen,
wenn er sterben würde.
Aber ich habe keine andere Wahl. Wenn die Netten leiden, müssen
die Bösen bestraft werden, hatte mir Abdo erklärt. Schließlich
steige ich also in das Auto des Soldaten. Doch als wir vor der
Haustür ankommen, ist sie von innen zweimal verriegelt. Ich
fühle mich seltsam erleichtert. Und als der Soldat einige
Stunden später wieder unser Haus aufsucht, muss ich ihn nicht
mehr begleiten.
Noch am selben Abend wird beschlossen, mich an einen sicheren
Ort zu bringen. Im Jemen gibt es keine Heime für Mädchen wie
mich. Ich kann ja nicht bei Abdel Wahed Wurzeln schlagen, der
schon genügend Entgegenkommen gezeigt hat.
»Wer ist dein Lieblingsonkel?«, fragt mich einer der Richter.
Mein Lieblingsonkel? Wenn ich es mir recht überlege, fällt mir
nur Shoyi ein, der Bruder von Omma, ein ehemaliger Soldat der
jemenitischen Armee, groß und stämmig, inzwischen im Ruhestand,
und er genießt eine gewisse Autorität in meiner Familie. Er
wohnt in Beit Boss, einem Viertel weit von uns entfernt, mit
seinen zwei Frauen und seinen sieben Kindern. Er hat sich zwar
nicht gegen meine Heirat ausgesprochen, aber er verkörpert so
etwas wie Ordnung und schlägt wenigstens nicht seine Töchter.
Shoyi ist nicht sehr gesprächig, was mir gelegen kommt. Er
vermeidet es, mir zu viele Fragen zu stellen, und lässt mich mit
meinen Cousins spielen. Abends, vor dem Einschlafen, danke ich
Allah, dass mir Shoyi meine Dreistigkeit nicht vorwarf und sich
nicht einmal nach dem Anlass meiner Flucht erkundigte.
Eigentlich, so sage ich mir, ist ihm diese Geschichte sicher
genauso unangenehm wie mir.
Die folgenden vier Tage erscheinen mir lang und eintönig. Ich
verbringe die meiste Zeit am Gericht und hoffe auf ein Wunder,
eine unerwartete Lösung. Doch die weiteren Aussichten sind
leider nicht besonders klar. Die Richter haben mir versprochen,
ihr Möglichstes zu unternehmen, um meine Scheidung zu erreichen,
doch sie brauchen Zeit. Schon lustig, seit ich nun täglich in
diesen Hof komme, der schwarz vor Menschen ist, habe ich mich
inzwischen an diese Menge gewöhnt, die mich anfangs so
eingeschüchtert hatte. Ich erkenne schon von weitem am Fuße der
Treppe die kleinen Tee- und Saftverkäufer. Der Junge mit der
Waage hat die ganze Zeit damit zu tun, die Besucher zu wiegen,
die es nicht so eilig haben. Neuerdings lächle ich ihm manchmal
ermutigend zu, wenn ich ihm begegne. Jedoch wird mir bei jedem
Besuch am Gericht schwer ums Herz. Wie oft werde ich noch den
Weg hierher machen müssen, bis wieder ein ganz normales Mädchen
aus mir wird? Abdo warnte mich, mein Fall sei außergewöhnlich.
Doch was tun die Richter mit einem außergewöhnlichen Fall? Keine
Ahnung. Die Antwort meine ich endlich mit Shada gefunden zu
haben, der schönen Rechtsanwältin mit der Sonnenbrille.
Als sie mich heute Morgen ansprach, fiel mir ihre Ergriffenheit
auf, als sie mich ansah und dann rief: »Mein Gott!« Sie warf
einen Blick auf ihre Uhr und schmiss ihren sichtlich
vollgepackten Terminplan um. Sogleich rief sie der Reihe nach
ihre Angehörigen, Freunde und Kollegen an. »Ich muss mich um
einen wichtigen, um einen sehr wichtigen Fall kümmern«, hörte
ich sie mehrmals sagen.
Diese Frau scheint über eine unerschöpfliche Geduld zu verfügen!
Abdel Wahed hat recht. Sie ist eine beeindruckende
Rechtsanwältin. Sie muss viel Macht haben. Ihr Handy klingelt
unaufhörlich. Und all diese Menschen, die ihr über den Weg
laufen, grüßen sie immer sehr höflich.
»Nojoud, du bist für mich wie eine Tochter! Ich lasse dich nicht
im Stich!«, flüstert sie mir ins Ohr.
So langsam fange ich an, ihr zu glauben. Diese Frau hat keinen
Grund, zu lügen. Ich fühle mich wohl mit Shada. An ihrer Seite
habe ich das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Sie findet immer die
richtigen Worte. Ihre melodische Stimme tröstet mich.
Sie hat es geschafft, dass ich wieder zuversichtlicher ins Leben
blicke. Und wenn die Welt um mich herum untergehen sollte, weiß
ich, dass sie mir beistehen wird. Bei ihr spüre ich zum ersten
Mal diese mütterliche Zuneigung, die mir meine Mutter nicht
geben wollte oder vielleicht nicht geben konnte, weil zu viele
Sorgen auf ihr lasteten.
Eine Frage jedoch bohrt weiter in mir.
»Shada?«, wage ich sie schließlich anzusprechen.
»Ja, Nojoud?«
»Darf ich Sie etwas fragen?«
»Natürlich!«
»Können Sie mir versprechen, dass ich nie wieder zu meinem Mann
zurückmuss?«
»Inch’Allah, Nojoud. Ich werde alles unternehmen, um zu
verhindern, dass er dir noch einmal etwas zuleide tut. Alles
wird gut. Alles wird gut. Aber …«
»Aber was?«
»Du musst stark sein, denn es kann noch dauern.«
»Wie lange?«
»Denk jetzt nicht daran. Sag dir, dass das Schlimmste
überstanden ist. Nämlich, dass du die Kraft für die Flucht
aufgebracht hast, das war eine Heldentat von dir!«
Als ich seufze, huscht Shada ein Lächeln über die Lippen, und
sie tätschelt mir zärtlich den Kopf.
»Darf ich dir auch eine Frage stellen?«, fährt sie fort.
»Ja.«
»Wo hast du den Mut hergenommen, bis zum Gericht zu fliehen?«
»Den Mut zu fliehen? Ich konnte seine Boshaftigkeit nicht mehr
ertragen. Ich konnte einfach nicht mehr …«
#Post#: 1396--------------------------------------------------
Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
DIR By: KarlMartell
Date: April 14, 2013, 5:53 am
---------------------------------------------------------
6. Die Flucht
In Khardji war das Leben unmöglich geworden. Hin- und
hergerissen zwischen meinem Schmerz und meinem schlechten
Gewissen, litt ich im Stillen. Mit wem hätte ich über diese
ekligen Dinge, die das Monster mir Tag um Tag, Nacht um Nacht
zumutete, schon reden können? Vom ersten Abend an war mir klar,
dass nichts mehr sein würde wie zuvor. »Mabrouk! Mabrouk!« –
Herzlichen Glückwunsch!
Den Blick auf meinen kleinen nackten Körper geheftet, trommelt
mir meine Schwiegermutter aufs Gesicht, um mich zu wecken. Ich
sehe sie vor mir, als wäre es gestern gewesen. Das frühe
Morgenlicht fällt ins Zimmer. In der Ferne kräht ein Hahn. Über
ihre Schulter hinweg erkenne ich meine Schwägerin, die uns auf
der Fahrt begleitet hat. Ich bin noch schweißgebadet. Ich reiße
die Augen auf und bemerke die Unordnung im Schlafzimmer. Die
Öllampe ist bis zur Tür gerollt. Mein braunes Kleid liegt auf
dem Boden wie ein alter Putzlappen. Er ist da, auf der Matte,
und schläft wie ein Bär. Was für ein walesh – was für ein
Monster! Und auf dem vollkommen zerknitterten Leinentuch der
kleine frische Blutfleck.
»Mabrouk!«, jubelt die Schwägerin.
Mit hämischem Lächeln beschaut sie sich die rote Spur. Ich bin
stumm. Wie gelähmt. Meine Schwiegermutter beugt sich zu mir
nieder und nimmt mich in die Arme wie ein Paket. Warum ist sie
nicht früher gekommen, als ich ihre Hilfe brauchte? Jetzt ist es
zu spät. Aber vielleicht ist sie ja seine Mitwisserin und
billigt, was das Monster mir angetan hat? Sie rammt mir die
Hände in die Rippen, stößt mit dem Fuß die Tür auf, zieht mich
ins Badezimmer, einen engen Raum, in dem ein Waschzuber und ein
Eimer stehen, und beginnt, mich mit Wasser zu bespritzen. Brr,
ist das kalt!
»Mabrouk!«, rufen die beiden Frauen im Chor.
Ihre Worte dröhnen in meinen erschöpften Ohren. Ich fühle mich
klein, winzig klein. Ich habe die Kontrolle über meinen Körper
und meine Bewegungen verloren. Außen ist mir kalt, innen aber
glühe ich. Mir ist, als sei ich besudelt. Ich habe Durst. Ich
koche vor Wut, aber ich kann sie nicht ausdrücken. Omma, du bist
zu weit weg, um dich um Hilfe zu rufen. Aba, warum hast du mich
verheiratet? Warum? Warum mich? Und warum hat mich niemand
gewarnt, was mir da zustoßen würde? Womit habe ich das verdient?
Ich will zurück nach Hause!
Als das Monster an jenem Morgen schließlich aufwachte, drehte
ich den Kopf zur Seite, um seinem Blick nicht begegnen zu
müssen. Er gab einen lauten Seufzer von sich, frühstückte und
verschwand für den ganzen Tag. In einer Ecke zusammengekauert,
bat ich Allah den Allmächtigen, er möge kommen und mich retten.
Mir tat alles weh. Die Vorstellung, mein Leben an der Seite
dieses Monsters verbringen zu müssen, ergriff mich mit
Entsetzen. Eine Falle, ich war in eine Falle geraten, und es gab
kein Entkommen. Wie konnte es sein, dass mein Leben so plötzlich
zu einem Alptraum wurde?
Ich musste mich schnell den neuen Regeln anpassen. Ich durfte
nicht aus dem Haus, durfte kein Wasser an der Quelle holen,
durfte mich nicht beklagen, durfte nicht »nein« sagen. Und an
Schule war nicht einmal zu denken. Wie gern hätte ich mich auf
eine Schulbank gesetzt, der Lehrerin zugehört, wie sie uns neue
Geschichten beibringt, und dann meinen Namen mit weißer Kreide
an die schwarze Tafel geschrieben.
Khardji, mein Heimatdorf, war mir fremd geworden. Zu Hause
musste ich tagsüber von nun an die Anweisungen meiner
Schwiegermutter befolgen: Gemüse schneiden, die Hühner füttern,
den Tee für vorbeikommende Gäste zubereiten, den Boden
aufwischen, das Geschirr spülen. Sosehr ich mich auch abmühte,
die vor schwarzem Fett strotzenden Töpfe zu schrubben, es war
mir unmöglich, ihre ursprüngliche Farbe wieder freizulegen. Die
Geschirrtücher waren gräulich und stanken. Immer schwirrten
Fliegen um mich. Wenn ich eine Pause machte, zog mir meine
Schwiegermutter mit fettigen Händen an den Haaren. Schließlich
wurde ich genauso klebrig wie die Küche, und unter den
Fingernägeln war ich ganz schwarz.
Eines Morgens bat ich sie um Erlaubnis, mit den Kindern meines
Alters spielen zu dürfen.
»Du bist hier nicht im Urlaub«, entgegnete sie.
»Bitte! Nur ein paar Minuten.«
»Kommt nicht in Frage! Eine verheiratete Frau kann sich nicht
erlauben, mit jedem Dahergelaufenen Umgang zu haben. Es hätte
gerade noch gefehlt, dass du uns in Verruf bringst. Wir sind
hier nicht in der Hauptstadt! In Khardji weiß jeder, sieht
jeder, hört jeder sofort alles. Ich kann dir nur empfehlen,
vorsichtig zu sein. Vergiss auf keinen Fall, was ich dir gesagt
habe, klar? Sonst werde ich es direkt deinem Mann melden.«
Das Monster brach morgens auf und kam erst kurz vor
Sonnenuntergang zurück. Dann ließ er sich seine Mahlzeit auf dem
sofrah servieren, aber er half nie beim Abräumen. Wenn ich
hörte, dass er kam, spürte ich die immergleiche Furcht in meinem
Herzen.
Wenn es dunkel wurde, wusste ich, dass es wieder losgehen würde.
Wieder und wieder. Dieselben Schikanen. Derselbe Schmerz.
Dieselbe Verzweiflung. Die zuknallende Tür, die Öllampe, die
über den Boden rollt, die zerknitterten Leinentücher. Ya beint!
– Hey, Mädchen! – rief er mir brutal zu, bevor er sich auf mich
stürzte. Er nannte mich nie beim Vornamen.
Ab dem dritten Tag begann er, mich zu schlagen. Er konnte es
nicht ertragen, dass ich es wagte, mich gegen ihn aufzulehnen.
Als ich versuchte, ihn davon abzuhalten, sich neben mich auf die
Matte zu legen, wenn das Licht erloschen war, fing er an, auf
mich einzuprügeln. Zuerst mit den Händen. Dann mit einem Stock.
Der Donner, der Blitz, wieder und wieder. Seine Mutter
ermunterte ihn noch.
»Schlag fester zu! Sie soll auf dich hören! Sie ist deine
Frau!«, hämmerte sie ihm mit ihrer rauhen Stimme ein, als er
sich über mich beklagte.
»Ya beint!«, schrie er noch lauter und rannte mir hinterher.
»Das dürfen Sie nicht!«, stöhnte ich.
»Du gehst mir auf die Nerven mit deinem Gejammer. Ich habe dich
nicht geheiratet, um mir dein andauerndes Geheule anzuhören!«,
brüllte er dann und bleckte seine riesigen gelblichen Zähne.
Es tat mir weh, dass er in diesem Ton mit mir sprach. Er machte
mich vor allen lächerlich. Er war verächtlich. Ich lebte in der
ständigen Angst vor neuen Stockhieben und Ohrfeigen. Es kam
sogar vor, dass er mir Fausthiebe gab. Täglich tauchten neue
blaue Flecken auf meinem Rücken, neue Blutergüsse an meinen
Armen auf. Und dieses kneifende Brennen im Bauch. Mein ganzer
Körper fühlte sich dreckig an. Wenn die Nachbarinnen zu meiner
Schwiegermutter zu Besuch kamen, hörte ich, wie sie miteinander
tuschelten und zuweilen auf mich deuteten. Was erzählten sie
sich wohl?
Sobald ich konnte, verkroch ich mich verloren und hilflos in
eine Ecke. Ich klapperte mit den Zähnen und dachte an die Nacht,
die mir bevorstand. Ich war allein, ganz allein. Ich konnte mich
niemandem anvertrauen, mit niemandem reden. Ich hasste dieses
Monster! Ich hasste sie zutiefst! Sie widerten mich alle an!
Mussten alle verheirateten Mädchen dieselben Qualen durchmachen?
Oder war ich die Einzige, die diese Folter über sich ergehen
lassen musste? Ich empfand nichts für diesen Fremden. Empfanden
meine Eltern etwas füreinander? Erst durch ihn begriff ich den
wahren Sinn des Wortes »Grausamkeit«.
So vergingen Tage und Nächte. Zehn, zwanzig, dreißig? Ich weiß
nicht mehr genau. Abends brauchte ich immer länger zum
Einschlafen. Nachts, immer wenn er kam und seine ekligen Dinge
mit mir machte, konnte ich danach keinen Schlaf mehr finden.
Tagsüber dämmerte ich vor mich hin. Verloren. Zerschlagen.
Nichts zu machen, ich verlor allmählich das Zeitgefühl. Ich
vermisste Sanaa. Die Schule vermisste ich auch. Und meine Brüder
und Schwestern: Abdos ewige Akrobatenkunststücke, Morads dumme
Späße, Monas Scherze, wenn sie einen guten Tag hatte, die
Abzählverse der kleinen Rawdha. Ich dachte immer öfter an Haïfa
und hoffte, dass man sie nicht auch noch verheiraten würde. Im
Laufe der Zeit begann ich sogar, ihre Gesichtszüge zu vergessen.
Mir fiel es schwer, mich an die Farbe ihrer Haut, die Form ihrer
Nase, die Einkerbung ihrer Grübchen zu erinnern. Ich musste
unbedingt bald wieder zurück, um sie zu sehen!
Jeden Morgen schluchzte ich und flehte, man möge mich zu meinen
Eltern zurückschicken. Ich hatte keine Möglichkeit, sie
anzurufen. In Khardji gab es keinen elektrischen Strom. Telefon
schon gar nicht. Hier sah man kein Flugzeug am Himmel
vorbeiziehen, gab es keine Busse, keine Autos. Ich hätte ihnen
einen Brief schicken können, doch abgesehen von meinem Vornamen
und einigen ganz einfachen Wörtern konnte ich nicht viel
schreiben. Ich musste also nach Sanaa zurückfahren. Um jeden
Preis. Ich wollte nach Sanaa zurück!
Sollte ich fortlaufen? Ich hatte schon öfter daran gedacht. Aber
wohin? Im Dorf kannte ich niemanden. Da war es schwierig für
mich, bei jemandem Zuflucht zu suchen oder einen Durchreisenden
anzuflehen, mich auf seinem Esel mitzunehmen und zu retten.
Khardji, mein Heimatdorf, hatte sich in ein Gefängnis
verwandelt.
Eines Morgens hatte er es satt, mein Weinen anzuhören, und
teilte mir mit, er würde mir einen Besuch bei meinen Eltern
erlauben. Endlich! Er würde mich begleiten und bei seinem Bruder
auf mich warten. Aber danach, und darauf bestand er
ausdrücklich, würden wir hierher zurückkehren. Ich packte hastig
meine Sachen zusammen, damit er es sich nicht noch einmal anders
überlegte.
Die Rückfahrt erschien mir schneller als der Hinweg. Doch jedes
Mal, wenn ich einnickte, stellten sich dieselben alptraumhaften
Bilder ein: der Blutfleck auf dem Leinentuch, das Gesicht meiner
Schwiegermutter, die sich über mich beugt, der Eimer Wasser.
Plötzlich fuhr ich aus dem Schlaf hoch. Nein! Ich würde nie
wieder zurückgehen. Ich würde nie wieder zurückgehen. Niemals!
Khardji, das Ende der Welt. Ich wollte dieses Dorf nie wieder
betreten!
»Es kommt nicht in Frage, dass du deinen Mann verlässt!«
Die Reaktion meines Vaters nach meiner Ankunft in Sanaa war
unerwartet. Und eindeutig. Sie bereitete der Wiedersehensfreude
ein rasches Ende. Meine Mutter sagte zunächst kein Wort.
Schließlich fiel ihr nichts anderes ein, als mit zum Himmel
erhobenen Händen zu murmeln:
»So ist das Leben, Nojoud. Alle Frauen müssen da durch. Wir
haben alle das Gleiche erlebt.«
Aber warum hatte sie mir nie etwas gesagt? Warum hatte sie mich
nicht gewarnt? Jetzt, da die Heirat besiegelt war, saß ich in
der Falle, es war mir unmöglich, alles rückgängig zu machen. Ich
konnte meinen Eltern noch so viel erzählen über die nächtlichen
Schmerzen, die Prügel, das Brennen und all die persönlichen und
grauenvollen Dinge, von denen zu reden ich mich schämte: Sie
erklärten mir, dass es meine Pflicht sei, mit diesem Monster zu
leben.
»Ich liebe ihn nicht! Er tut mir weh. Er zwingt mich,
unangenehme Dinge zu tun, die mir nicht gefallen. Er ist nicht
nett zu mir!«, erwiderte ich beharrlich.
»Nojoud, du bist jetzt eine verheiratete Frau. Du musst bei
deinem Mann bleiben«, herrschte mein Vater mich an.
»Nein, ich will nicht! Ich will zurück nach Hause!«
»Unmöglich!«, ging er dazwischen.
»Nein! Bitte. Bitte!«
»Es ist eine Frage des sharaf, hörst du?«
»Aber …«
»Du hast zu tun, was ich dir sage!«
»Aba, ich …«
»Wenn du dich von deinem Mann scheiden lässt, werden mich meine
Brüder und Cousins umbringen! Die Ehre geht über alles. Die
Ehre! Hast du verstanden?«
Nein, ich hatte nicht verstanden, und ich konnte es nicht
verstehen. Nicht nur hatte das Monster mir weh getan, sondern
nun verteidigte meine Familie, meine eigene Familie ihn auch
noch. Und zwar nur wegen der … der … Weswegen noch mal? Wegen
der Ehre. Was sollte das eigentlich heißen, dieses Wort, das sie
andauernd gebrauchten? Ich war ratlos.
Haïfa, die Augen weit aufgerissen, verstand noch weniger als
ich, was da gerade mit mir geschah. Als sie sah, dass ich in
Tränen ausbrach, schob sie ihre Hand in meine. Das war ihre Art,
mir zu sagen, dass sie auf meiner Seite war. Plötzlich durchfuhr
mich wieder die grässliche Vorstellung: Was, wenn sie vorhatten,
auch sie zu verheiraten? Haïfa, meine kleine Schwester, meine
süße kleine Schwester. Hoffentlich würde sie das Glück haben,
von diesem Alptraum verschont zu bleiben …
Mona setzte mehrmals dazu an, für mich einzutreten. Doch ihre
Schüchternheit siegte. Wer hätte sie auch schon angehört? Hier
sind es immer die Großen und unter ihnen die Männer, die das
letzte Wort haben. Arme Mona. Mir wurde klar, dass ich, um aus
alldem herauszukommen, nur auf mich selbst zählen konnte.
Die Zeit drängte. Ich musste unbedingt eine Lösung finden, bevor
das Monster mich wieder abholen kam. Mir war es gelungen, ihm
die Erlaubnis abzuringen, noch etwas länger bei meinen Eltern zu
bleiben. Doch ich drehte mich im Kreis, und es zeichnete sich
kein wirklicher Ausweg aus meiner Notlage ab. »Nojoud muss bei
ihrem Mann bleiben«, wiederholte mein Vater immer wieder. Sobald
Aba einmal nicht in der Nähe war, sprach ich meine Mutter wieder
darauf an. Sie begann zu weinen. Sie sagte mir, sie vermisse
mich, aber sie könne nichts tun, um mich aus meiner Not zu
befreien.
Meine Befürchtungen erwiesen sich als berechtigt. Schon am
nächsten Tag kam das Monster bei uns vorbei und erinnerte mich
an meine ehelichen Pflichten. Ich versuchte, mich zu wehren.
Vergeblich. Da ich nicht lockerließ, wurde schließlich ein
scheinbarer Kompromiss gefunden. Er akzeptierte, dass ich noch
ein paar Wochen in Sanaa blieb, jedoch, da er mir nicht
vertraute, nur unter der Bedingung, mit ihm mitzukommen und
vorübergehend bei seinem Onkel zu wohnen. Doch über einen Monat
lang wurde die Hölle nur noch schlimmer.
»Wann hörst du endlich auf, ständig zu flennen? Das geht mir auf
die Nerven!«, schimpfte er eines Tages mit rasendem Blick und
drohender Faust.
»Wenn du mich nach Hause zu meinen Eltern lässt!«, antwortete
ich hilflos und vergrub das Gesicht in meinen Händen.
Ob meiner Hartnäckigkeit gewährte er mir erneut eine Atempause.
»Aber das ist das letzte Mal«, warnte er mich.
#Post#: 1397--------------------------------------------------
Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
DIR By: KarlMartell
Date: April 14, 2013, 5:53 am
---------------------------------------------------------
Als ich wieder bei meinen Eltern war, wurde mir klar, dass mir
nicht viel Zeit blieb, um etwas zu unternehmen, falls ich diesen
Mann loswerden und dem Alptraum entgehen wollte, nach Khardji
zurückkehren zu müssen. Fünf Tage vergingen. Fünf schwierige
Tage, an denen ich ständig das Gefühl hatte, gegen eine Wand zu
reden. Weder mein Vater noch meine Brüder oder Onkel waren
bereit, mich anzuhören.
Ich wollte nichts unversucht lassen, in der Hoffnung, auf ein
offenes Ohr zu stoßen, und so landete ich schließlich bei Dowla,
der zweiten Frau meines Vaters. Sie wohnte mit ihren fünf
Kindern in einer winzigen Wohnung im ersten Stock eines
verwahrlosten Mietshauses in einer Sackgasse, direkt gegenüber
von unserer Straße. Von der Angst getrieben, wieder nach Khardji
zurückgeschickt zu werden, stieg ich die Treppe hoch und kniff
mir die Nase zu, um nicht den Modergeruch einatmen zu müssen,
der sich mit dem Gestank vom Müll und vom Kot der
Gemeinschaftstoiletten vermischte. In ihrem langen, rotschwarzen
Kleid öffnete mir Dowla mit einem breiten Lächeln die Tür.
»Ya Nojoud! So eine Überraschung, dich hier zu sehen. Herzlich
willkommen!«, sagte sie und winkte mich herein.
Ich mochte Dowla. Sie hatte dunkle Haut und lange Haare, die sie
zu Zöpfen flocht. Sie war groß, schlank und schöner als Omma.
Dowla schimpfte nie mit mir. Sie war die Geduld in Person,
obwohl die Arme vom Leben nicht gerade verwöhnt worden war. Sie
war spät, erst mit zwanzig, verheiratet worden. Mein Vater hatte
sie vollkommen vernachlässigt, und so hatte sie gelernt, nur auf
sich selbst zu zählen.
Ihr Ältester, Yahya, acht Jahre, war von Geburt an behindert,
konnte nicht laufen und benötigte besonders viel Aufmerksamkeit.
Bisweilen erlitt sie Nervenkrisen, die mehrere Stunden
andauerten. Obwohl sie so arm war, dass sie betteln gehen
musste, um ihre 8000 Rial Miete zu bezahlen und für ihre Kinder
Brot zu kaufen, besaß Dowla einen unheimlichen Großmut.
Sie bot mir einen Platz auf dem großen Bett aus Stroh an, das
den halben Raum ausfüllte, direkt neben dem kleinen Kocher, auf
dem sie Wasser heiß machte. Meistens ersetzte Tee die Milch im
Fläschchen ihrer Kleinen. Die mit Haken an der Wand angebrachten
Plastiktüten, die ihr als Vorratsschrank dienten, waren spärlich
gefüllt.
»Nojoud«, sagte sie, »du machst mir aber eine besorgte Miene.«
Ich wusste, dass sie zu den wenigen Familienmitgliedern gehörte,
die sich gegen meine Heirat ausgesprochen hatten, doch hatte ihr
niemand Gehör geschenkt. Sie, mit der das Leben es nie gut
gemeint hatte, empfand von jeher eine Zuneigung zu denen, die
noch bedürftiger waren als sie. An ihrer Seite fühlte ich mich
ganz unbefangen. Ich wusste, dass ich ihr alles erzählen konnte.
»Ich habe dir eine Menge zu erzählen«, erwiderte ich und
schüttete ihr mein Herz aus.
Sie runzelte die Stirn und hörte sich meine Geschichte an. Sie
schien zutiefst verärgert. Nachdenklich wandte sie sich zum
Kocher. Dann schüttete sie den brühend heißen Tee in die einzige
Tasse in der Wohnung, die Yahya noch nicht zerbrochen hatte. Sie
hielt sie mir hin und rückte an mich heran, um mir direkt in die
Augen zu schauen.
»Nojoud …«, flüsterte sie. »Wenn dich niemand anhören will, dann
geh doch einfach zum Gericht!«
»Wohin?«
»Zum Gericht!«
Zum Gericht? … Aber ja, zum Gericht! Blitzartig schossen mir
Bilderfetzen durch den Kopf. Bilder von Richtern mit Turban, von
Anwälten, die es immer eilig haben, von Männern in weißer Tunika
und verschleierten Frauen, die hier ihre komplizierten
Familien-, Diebstahls- und Erbschaftsgeschichten vorbrachten.
Klar, jetzt erinnerte ich mich wieder an das Gericht. Ich hatte
schon mal eines im Fernsehen gesehen. Das war in der Serie, die
ich mir mit Haïfa immer bei den Nachbarn anschaute. Die
Schauspieler sprachen ein anderes Arabisch als im Jemen. Ihrem
Akzent nach, so erinnerte ich mich vage, musste es eine Serie
aus Kuwait sein. Der große Saal, in dem die Kläger der Reihe
nach antraten, hatte weiße Wände, und gegenüber vom Richterstuhl
standen mehrere Reihen brauner Holzbänke. Dann sah man die
Verbrecher in einem Bus mit vergitterten Fenstern vorfahren.
»Das Gericht …«, fuhr Dowla fort. »Soviel ich weiß, ist das der
einzige Ort, an dem man dich anhören wird. Sag, dass du zu einem
Richter willst. Schließlich vertritt er die Regierung! Er hat
viel Macht. Er ist wie ein Pate für uns alle. Es ist seine
Aufgabe, Opfern zu helfen.«
Dowla hatte mich überzeugt. Von diesem Moment an wurde alles
viel klarer in meinem Kopf. Wenn mir meine Eltern nicht helfen
wollten, so beschloss ich, würde ich es eben alleine
durchziehen. Ich hätte jeden Berg erklommen, nur um nicht wieder
auf dieser Matte liegen zu müssen, ganz allein neben diesem
Monster. Ich drückte Dowla ganz fest und dankte ihr.
»Nojoud?«
»Ja?«
»Hier, nimm! Du wirst es gebrauchen können.«
Sie drückte mir 200 Rial in die Hand. Das waren ihre gesamten
spärlichen Einkünfte, die sie sich am Morgen an ihrer Kreuzung
erbettelt hatte.
»Danke, Dowla. Danke!«
Am nächsten Morgen wachte ich besser gelaunt auf als sonst.
Übrigens wunderte ich mich selbst über meine neue geistige
Verfassung. Wie jeden Morgen wusch ich mir das Gesicht. Ich
sprach mein Gebet. Ich zündete den kleinen Ofen an, um Teewasser
aufzusetzen. Dann wartete ich, ungeduldig und nervös meine Hände
knetend, bis meine Mutter aufstand. »Nojoud«, sagte meine
zaghafte innere Stimme zu mir, »streng dich an, möglichst
natürlich zu bleiben, damit deine Verwandten keinen Verdacht
schöpfen.«
Als Omma kurz darauf die Augen aufschlug und den rechten Zipfel
ihres schwarzen Kopftuchs aufknotete, in dem sie für gewöhnlich
ihre Geldstücke versteckte, begriff ich erleichtert, dass mein
Vorhaben vielleicht doch Chancen hatte, sich zu erfüllen. Wenn
sie nur wüsste.
»Nojoud«, sagte sie und hielt mir 150 Rial hin, »geh Brot kaufen
fürs Frühstück.«
»Ja, Omma«, antwortete ich folgsam.
Ich nahm das Geld. Ich zog meinen Mantel an und legte mein
schwarzes Kopftuch um, das ich als verheiratete Frau zu tragen
hatte. Ich schloss sorgfältig die Tür hinter mir. Die Gassen der
Umgebung waren noch ziemlich leer. Ich bog in die erste Straße
nach rechts ein, die zu unserer Bäckerei führte, wo das frische
Brot zart knusprig aus dem althergebrachten Ofen kommt. Ich
spitzte die Ohren und vernahm in der Ferne den Singsang des
Gasflaschen-Verkäufers. Er klapperte täglich das Viertel auf
seinem Fahrrad ab, hinter dem er seinen Karren herzog.
Je näher ich der Bäckerei kam, desto intensiver stieg mir der
Duft der ofenwarmen khobz-Brotfladen in die Nase. Ich bemerkte
schließlich sogar die Umrisse mehrerer Frauen aus dem Viertel,
die bereits vor dem tandour anstanden. Doch in letzter Minute
änderte ich die Richtung und schlug den Weg zur Hauptstraße des
Viertels ein. Das Gericht, hatte Dowla zu mir gesagt, geh doch
einfach zum Gericht.
Als ich mich auf der breiten Straße befand, packte mich
plötzlich die Angst, erkannt zu werden. Was, wenn einer meiner
Onkel hier entlangging? Innerlich erschauerte ich. Um mich vor
den Blicken der Passanten zu schützen, zog ich mir die Zipfel
meines Schleiers fast über das ganze Gesicht, so dass nur noch
meine Augen zu sehen waren. Ausnahmsweise war mir der niqab, den
ich seit Khardji nicht mehr anlegen wollte, auch einmal
nützlich. Ich vermied, mich umzudrehen, aus Angst, mir könne
jemand folgen. Vor mir wartete eine Busschlange am Gehsteig. Vor
dem Laden, der Plastikbälle verkauft, erkannte ich den
gelbweißen Minibus mit den sechs Sitzplätzen, der täglich im
Viertel hält und die Fahrgäste ins Zentrum bringt, unweit des
Tahrir-Platzes. »Los, wenn du dich scheiden lassen willst, dann
musst du dich jetzt trauen!«, ermutigte mich meine zaghafte
innere Stimme. Ich stellte mich zu den anderen in die Reihe.
Alle Kinder in meinem Alter waren in Begleitung ihrer Eltern.
Ich war das einzige Mädchen, das alleine wartete. Ich schaute zu
Boden, damit mir niemand eine Frage stellte. Ich fühlte mich
beobachtet. Ich fürchtete, jemand könnte erraten, was ich
vorhatte. Ich hatte das schreckliche Gefühl, dass man es mir von
der Stirn ablesen konnte.
Der Fahrer stieg von seinem Sitz, um die Tür zu öffnen, indem er
sie seitlich aufschob. Plötzlich gab es eine Drängelei, und
mehrere Frauen stießen sich mit dem Ellbogen, um im Bus einen
Sitz zu ergattern. Ich ließ mich sofort von der Bewegung
mitreißen und dachte nur an das eine: so schnell wie möglich aus
meinem Viertel zu verschwinden, bevor meine Eltern die Polizei
alarmierten. Ich setzte mich hinten auf die Rückbank, zwischen
eine alte und eine jüngere Dame, beide von Kopf bis Fuß
verschleiert. Einquetscht zwischen ihre beleibten Körper, wollte
ich so vermeiden, dass man mich von der Straße aus durch das
Fenster erkannte. Ich musste so unauffällig wie möglich bleiben.
Zum Glück stellte mir keine der beiden irgendwelche Fragen.
Erst in dem Augenblick, als der Motor zu brummen anfing, fühlte
ich, wie mein Herz heftig klopfte. Ich dachte plötzlich wieder
an meinen Bruder Fares, an den Mut, den er vier Jahre zuvor
gehabt hatte, von zu Hause zu flüchten. Er hatte es geschafft,
warum sollte es mir nicht auch gelingen? Aber war mir wirklich
klar, was ich da unternahm? Was hätte mein Vater gesagt, wenn er
seine Tochter allein in einen öffentlichen Bus hätte steigen
sehen? War ich gerade dabei, seine Ehre mit den Füßen zu treten,
wie er zu sagen pflegte?
Die Tür wurde geschlossen. Zu spät, um es sich anders zu
überlegen. Durch das Fenster sah ich die Stadt an mir
vorbeiziehen: die Autos, die sich im morgendlichen Stau
drängten, die Baustellen, die schwarz verschleierten Frauen, die
fliegenden Händler mit den Jasminsträußchen, Kaugummipäckchen
und Papiertaschentüchern in den Händen. Sanaa war so groß und
voller Menschen! Doch hätte man mich wählen lassen zwischen dem
staubigen Gewirr der Hauptstadt und der Abgeschiedenheit
Khardjis, da wäre mir Sanaa lieber gewesen. Tausend Mal lieber!
»Endstation!«, rief der Fahrer.
Endlich, wir waren da! Sobald die Tür aufgeschoben wurde,
erfüllte der Lärm der Straße den Minibus. Die Fahrgäste stiegen
hastig aus. Ich tat es ihnen nach, folgte ihnen und streckte dem
Fahrer mit zitternder Hand ein paar Geldstücke für die Fahrt
entgegen. Das Problem war, dass ich keine Ahnung hatte, wo sich
das Gericht befand. Und ich traute mich nicht, meine
Mitreisenden zu fragen. Die aufsteigende Furcht lähmte mich. Ich
hatte Angst, mich zu verirren. Ich schaute nach rechts, dann
nach links. An der roten Ampel, die nicht mehr funktionierte,
mühte sich ein Polizist ab, so etwas wie Ordnung inmitten der
dröhnenden Autos zu bewahren, die einander mit Dauerhupen in
allen Richtungen überholten. Ich blinzelte, geblendet von den
Strahlen der starken Morgensonne, die den blauen Himmel
durchdrangen. Unmöglich, unter diesen Bedingungen die Straße zu
überqueren. Ich wäre nicht lebend davongekommen. An einen
Pfosten gelehnt, versuchte ich, mich wieder zu fassen, als mein
Blick schließlich auf ein gelbes Auto fiel. Gerettet!
Es war eines der vielen Taxis, die von früh bis spät und von
spät bis früh die Stadt durchquerten. Sobald ein Junge im Jemen
groß genug ist und mit dem Fuß ans Gaspedal reicht, kauft ihm
sein Vater einen Führerschein, in der Hoffnung, dass er damit
eine kleine Anstellung als Fahrer bekommt und so die Familie
miternährt. Ein solches Taxi hatte ich schon einmal genommen,
als ich mit Mona nach Bab al-Yemen fuhr. Ich sagte mir, dass der
Fahrer alle Adressen in Sanaa in- und auswendig kennen müsste.
Ich hob die Hand, um ihn anzuhalten. Ein kleines Mädchen allein
in einem Taxi, das gehört sich nicht. Aber in meiner Lage war
mir das Gerede der Leute nun wirklich vollkommen egal.
»Ich will zum Gericht!«, sagte ich dem Fahrer nur, der mich
erstaunt musterte.
Auf meinem Rücksitz sagte ich während der ganzen Fahrt kein
Wort. Der Fahrer mit seiner vor kath geschwollenen Wange hätte
sich nicht im Traum vorstellen können, wie dankbar ich ihm war,
dass er mir keine Fragen stellte. Er war, ohne es zu wissen,
mein stiller Komplize auf meiner Flucht. Ich hielt mir den
rechten Arm auf den Bauch, versuchte unauffällig, schön
gleichmäßig durchzuatmen, und schloss dabei leicht die Augen.
»Da sind wir!«
Mit einer Vollbremsung hielt er vor dem Gitter eines Hofes, der
zu einem imposanten Gebäude gehörte. Das Gericht! Ein
Verkehrspolizist gab ihm sofort ein Zeichen, er solle
weiterfahren, weil er den Verkehr blockierte. Ich stieg eilig
aus und gab ihm mein gesamtes Kleingeld. Als ich draußen stand,
spürte ich plötzlich einen irrsinnigen Wagemut in mir
aufsteigen. Zwar fühlte ich mich benommen und beklommen, aber
voller Wagemut. So Allah wollte, würde mein Leben nun eine neue
Richtung einschlagen.
*****************************************************
Page 1 of 2
DIR Next Page