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       #Post#: 1388--------------------------------------------------
       "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 5:34 am
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       1. Im Gericht
       2. April 2008
       Mir dreht sich alles im Kopf. Ich habe in meinem ganzen Leben
       noch nie so viele Menschen gesehen. In dem Hof, der zum
       Hauptgebäude des Gerichts führt, hetzt eine Menschenmenge hin
       und her. Männer in Anzug und Krawatte, vergilbte Aktenstapel
       unter den Arm geklemmt. Andere, mit einer zanna bekleidet, der
       traditionellen Tunika, die man in den Dörfern des Nordjemen
       trägt. Und zudem all diese Frauen, die in unverständlichem
       Stimmengewirr schreien und weinen. Ich würde gerne von ihren
       Lippen ablesen, was sie zu sagen versuchen, doch die Ton in Ton
       auf die langen schwarzen Schleier abgestimmten niqabs lassen von
       ihren Gesichtern nur ihre runden Augen durchscheinen. Man könnte
       meinen, es seien Handgranaten kurz vor der Explosion. Wütend
       sehen sie aus, als hätte ein Wirbelsturm gerade ihr Haus
       zertrümmert. Ich spitze die Ohren.
       Von ihren Gesprächen erhasche ich nur ein paar Wörter:
       »Sorgerecht für das Kind«, »Justiz«, »Menschenrechte« … Ich weiß
       nicht so recht, was das bedeutet. Nicht weit von mir erzählt ein
       Riese mit kantigen Schultern, den Turban auf die Schläfen
       gepfropft und eine Plastiktüte voller Schriftstücke unterm Arm,
       jedem, der es hören will, dass er hergekommen ist, um sich das
       Land, das man ihm genommen hat, zurückzuholen. Autsch! Der Kerl
       hätte mich fast gerammt, der springt ja hin und her wie ein
       verschreckter Hase.
       So ein Durcheinander! Ich muss an den Al-Qa-Platz denken, den
       Platz der Arbeitslosen im Herzen von Sanaa, von dem Aba oft
       spricht. Jeder will der Erste ein, um eine Anstellung für den
       Tag zu ergattern, beim ersten Sonnenstrahl, gleich nach dem
       azan, dem Aufruf zum Morgengebet. Diese Männer haben solchen
       Hunger, dass sie da, wo bei anderen das Herz ist, einen Stein in
       der Brust haben. Keine Zeit, mir über das Schicksal anderer
       Gedanken zu machen. Trotzdem würde ich mir so sehr wünschen,
       dass mich jemand an der Hand nimmt, mich mitfühlend ansieht.
       Dass man mir zuhört, nur das eine Mal! Aber es ist, als sei ich
       unsichtbar. Keiner sieht mich. Ich bin zu klein für sie. Ich
       reiche ihnen gerade bis zur Hüfte. Ich bin erst zehn Jahre alt,
       vielleicht noch nicht mal, wer weiß?
       Das Gericht hatte ich mir anders vorgestellt, eher als einen
       ruhigen, sauberen Ort. Ein großes Haus, wo das Gute gegen das
       Böse siegt, wo alle Probleme der Welt gelöst werden. Im
       Fernsehen, bei den Nachbarn, hatte ich schon Gerichtssäle
       gesehen, mit Richtern in langer Tracht. Es heißt, sie könnten
       den Menschen in Not helfen. Ich muss einen finden und ihm meine
       Geschichte erzählen. Ich bin erschöpft. Mir ist warm unter
       meinem Schleier. Ich schäme mich, und mein Kopf tut mir weh.
       Habe ich die Kraft, weiterzumachen? Nein. Ja. Vielleicht. Zu
       spät, jetzt einen Rückzieher zu machen, sage ich mir. Das
       Schlimmste ist vorbei. Jetzt muss es vorwärtsgehen.
       
       Als ich heute Morgen das Haus meiner Eltern verließ, habe ich
       mir geschworen, es erst wieder zu betreten, wenn ich mein Ziel
       erreicht habe. Es war genau zehn Uhr.
       »Geh Brot kaufen für das Frühstück«, hatte meine Mutter gesagt
       und mir 150 Rial gegeben.
       Automatisch knotete ich meine langen dunkelbraunen Haare unter
       meinem schwarzen Kopftuch zusammen und hüllte meinen Körper in
       einen gleichfarbigen Mantel – die Kleidung der jemenitischen
       Frauen, wenn sie auf die Straße gehen. Zitternd ging ich ein
       paar Meter, dann nahm ich den ersten Minibus, der auf dem
       breiten Boulevard Richtung Stadtzentrum fuhr. An der Endstation
       stieg ich aus. Und zum ersten Mal in meinem Leben bezwang ich
       meine Angst und stieg ganz alleine in ein gelbes Taxi.
       Im Hof zieht sich das Warten in die Länge. An wen soll ich mich
       wenden? Unverhofft bemerke ich in der Menge verständnisvolle
       Blicke. Drüben bei der Treppe, die zum Eingang des großen
       Gebäudes aus sandfarbenem Zement führt, stehen drei Jungen in
       Plastiksandalen und mustern mich von Kopf bis Fuß. Ihre
       Gesichter sind ganz schwarz vor Staub. Sie erinnern mich an
       meine Brüder.
       »Dein Gewicht für zehn Rial!«, ruft der eine mir zu und schwenkt
       eine alte verbeulte Waage.
       »Ein Tee für deinen Durst!«, bietet mir ein anderer an und
       schaukelt einen kleinen Korb voll dampfender Gläser hin und her.
       »Einen frischen Möhrensaft?«, fragt der dritte, wobei er sein
       schönstes Lächeln aufsetzt und gleichzeitig die Hand ausstreckt
       in der Hoffnung, ein Geldstück zu bekommen.
       Nein, danke. Ich habe keinen Durst. Und ehrlich gesagt, ist es
       mir völlig egal, wie viel ich wiege! Wenn die wüssten, was mich
       hierhergeführt hat.
       Hilflos hebe ich den Kopf und schaue wieder in die Gesichter der
       vielen Erwachsenen, die um mich herumwirbeln. Mit ihren langen
       Schleiern sehen alle Frauen gleich aus. Wie schwarze Schatten,
       eher furchterregend als verführerisch. Auf was habe ich mich da
       nur eingelassen? Na so was, da drüben, der Mann im weißen Hemd
       und schwarzen Anzug, der kommt jetzt auf mich zu. Vielleicht ein
       Richter … oder ein Rechtsanwalt? Los, jetzt muss ich mich nur
       trauen, ihn anzusprechen.
       »Entschuldigung, ich möchte zum Richter!«
       »Zum Richter? Da lang, die Treppe hoch«, antwortet er, ohne mich
       richtig anzusehen, und verschwindet danach sofort wieder in der
       Menge.
       Ich habe keine andere Wahl mehr. Ich muss ihr die Stirn bieten,
       dieser Treppe, die sich nun direkt vor mir befindet. Das ist
       meine einzige und letzte Chance, aus alldem herauszukommen. Ich
       fühle mich schmutzig. Ich muss diese Stufen emporsteigen, eine
       nach der anderen, um meine Geschichte zu erzählen, muss diese
       Woge von Menschen durchqueren, die sich immer mehr auftürmt, je
       näher ich der großen Eingangshalle komme. Fast wäre ich
       hingefallen. Ich richte mich wieder auf. Meine Augen sind
       trocken vom vielen Weinen. Ich kann nicht mehr. Meine Füße sind
       schwer wie Blei, als ich sie endlich auf dem Marmorboden der
       großen Eingangshalle aufsetze. Ich darf nicht die Fassung
       verlieren. Nicht jetzt.
       Auf den Wänden, die weiß glänzen wie in einem Krankenhaus,
       erkenne ich Hinweise in arabischer Schrift. Sosehr ich mich auch
       anstrenge, es gelingt mir nicht, sie zu lesen. Man hat mich dazu
       gezwungen, die Schule im zweiten Schuljahr abzubrechen, kurz
       bevor sich mein Leben in einen Albtraum verwandelte, und außer
       meinem Vornamen Nojoud kann ich kaum etwas schreiben. Mein Blick
       fällt schließlich auf eine Gruppe Männer in olivgrüner Uniform
       und mit tief in die Stirn gezogenen Schirmmützen. Das sind
       sicher Polizisten. Oder vielleicht Soldaten? Einer von ihnen hat
       eine Kalaschnikow quer umgehängt.
       Mir läuft es eiskalt über den Rücken. Wenn sie mich sehen,
       verhaften sie mich womöglich. Ein kleines Mädchen, das von zu
       Hause wegläuft, das gehört sich nicht. In meiner Angst hänge ich
       mich unauffällig an den ersten Schleier, der an mir vorbeikommt,
       in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit der Unbekannten, die sich
       dahinter versteckt, auf mich zu lenken. »Los! Nojoud!«, befiehlt
       mir meine zaghafte innere Stimme. »Du bist zwar ein Mädchen.
       Aber du bist auch eine Frau! Eine echte, auch wenn es dir noch
       schwerfällt, das zu akzeptieren!«
       »Ich möchte mit dem Richter sprechen!«
       Zwei große, schwarz eingerahmte Augen mustern mich erstaunt. Die
       Dame, die mir gegenübersteht, hat mich erst jetzt bemerkt.
       »Wie bitte?«
       »Ich möchte mit dem Richter sprechen!«
       Will sie mich absichtlich nicht verstehen, damit sie mich
       schneller loswird, so wie die anderen?
       »Welchen Richter suchst du denn?«
       »Ich möchte einfach nur mit einem Richter sprechen!«
       »Aber es gibt viele Richter an diesem Gericht …«
       »Nehmen Sie mich zu einem Richter mit, egal, zu welchem!«
       Sie schweigt, erstaunt über meine Entschlossenheit. Vielleicht
       hat sie auch mein kleiner durchdringender Schrei sprachlos
       gemacht.
       Ich bin ein Mädchen vom Land, das in der Hauptstadt lebt. Ich
       habe mich immer den Befehlen der Männer aus der Familie gebeugt.
       Seit jeher habe ich gelernt, zu allem »ja« zu sagen. Heute habe
       ich beschlossen, »nein« zu sagen. Ich fühle mich innerlich
       beschmutzt. Es ist, als hätte man einen Teil von mir geraubt.
       Niemand hat das Recht, mich davon abzuhalten, bei der Justiz
       vorzusprechen. Es ist meine letzte Chance, aus alldem
       herauszukommen. Ich werde nicht einfach aufgeben. Und dieser
       erstaunte Blick, so kalt wie der Marmor in der großen Halle, in
       der das Echo meines Schreis seltsam widerhallte, wird mich nicht
       zum Schweigen bringen.
       Mittag ist nun längst vorbei. Seit über drei Stunden irre ich
       jetzt schon verzweifelt durch das Labyrinth dieses Gerichts. Ich
       will mit dem Richter sprechen!
       »Komm mit!«, sagt sie und gibt mir durch ein Zeichen zu
       verstehen, dass ich ihr folgen soll.
       Die Tür öffnet sich zu einem mit braunem Teppichboden
       ausgelegten Raum, der die Geräusche dämpft. An einem
       Schreibtisch im Hintergrund gibt sich ein Schnauzbärtiger mit
       feinen Gesichtszügen redliche Mühe, die Flut der Fragen zu
       beantworten, die von allen Seiten auf ihn hereinbricht. Das ist
       der Richter. Endlich! Obwohl es ziemlich laut zugeht, ist die
       Atmosphäre doch beruhigend. Ich fühle mich sicher hier. An der
       mittleren Wand erkenne ich das eingerahmte Foto von »Amma Ali«,
       Onkel Ali. In der Schule hat man mir beigebracht, den
       Präsidenten unseres Landes, Ali Abdallah al-Salih, vor über
       dreißig Jahren gewählt, so zu nennen. Manche sagen von ihm, er
       sei ein Diktator, andere bezichtigen ihn der Korruption. Für
       mich ist das unwichtig. Ich bin hier, um mit dem Richter zu
       sprechen. Das ist alles.
       Wie die anderen setze ich mich auf einen der braunen Sessel, die
       an der Wand aufgereiht sind. Draußen ruft der Muezzin zum
       Mittagsgebet. Rings um mich bemerke ich Gesichter, die ich zuvor
       im Hof gesehen habe, blicke in vertraute Augen. Manche von ihnen
       beugen sich zu mir herunter und sehen mich merkwürdig an.
       
       Sieh mal einer an, endlich fällt ihnen auf, dass ich existiere!
       Wurde auch Zeit. Zufrieden lehne ich mich mit dem Kopf zurück an
       die Sessellehne und warte geduldig darauf, dass ich an die Reihe
       komme.
       Wenn es einen Gott gibt, dann soll Er kommen und mich retten.
       Ich habe immer brav meine Gebete gesprochen, fünf Mal am Tag.
       Während des Aïdfestes, das den Fastenmonat Ramadan abschließt,
       habe ich immer meiner Mutter und meinen Schwestern geholfen, die
       Speisen zuzubereiten. Ich war immer ein gehorsames Kind. Ich
       hoffe, Allah hat Mitleid mit mir …
       In meinem Kopf wirbeln undeutliche Bilder herum. Ich schwimme im
       Meer, das ganz ruhig ist. Dann werden die Wellen höher. In der
       Ferne bemerke ich meinen Bruder Fares, aber es gelingt mir
       nicht, ihn zu erreichen. Ich rufe ihn, aber er hört mich nicht.
       Ich rufe lauter, doch da werde ich von den Windböen erfasst und
       zurück in Richtung Strand geschleudert. Ich wehre mich dagegen
       und fange wie wild an, mit den Armen zu rudern. Kommt gar nicht
       in Frage, dass ich mich zum Ausgangspunkt zurücktreiben lasse.
       Immer heftiger toben die Wellen. Jetzt ist die Bucht schon ganz
       nahe. Ich habe Fares aus den Augen verloren. Hilfe! Ich will
       nicht nach Khardji zurück, nein, ich will nicht nach Khardji
       zurück!
       »Was kann ich für dich tun?«
       Eine männliche Stimme weckt mich aus meinem Dämmerzustand. Sie
       klingt seltsam leise. Mehr Lautstärke ist auch nicht nötig, um
       meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Stimme hat sich
       damit begnügt, ein paar Worte zu flüstern. »Was kann ich für
       dich tun?« Endlich jemand, der mir zu Hilfe kommt. Ich reibe mir
       über das Gesicht und erkenne den Richter mit dem Schnurrbart.
       Die Menge hat sich gelichtet, die vertrauten Augen sind
       verschwunden, und der Raum ist nun fast leer. Da ich noch immer
       schweige, stellt mir der Richter nochmals die Frage:
       »Worauf wartest du?«
       Meine Antwort lässt nicht auf sich warten:
       »Auf meine Scheidung!«
       #Post#: 1389--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 5:42 am
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       2. Khardji
       In Khardji, dem Dorf, in dem ich geboren bin, bringt man Frauen
       nicht bei, sich frei zu entscheiden. Dort haben die Männer das
       letzte Wort. Mit ungefähr sechzehn hat meine Mutter Shoya ohne
       Murren meinen Vater Ali Mohammad-al-Ahdel geheiratet. Und als er
       vier Jahre später beschloss, die Familie zu vergrößern, und sich
       eine zweite Frau nahm, fügte sie sich willig den Wünschen ihres
       Mannes. Mit der gleichen Ergebenheit nahm ich zunächst meine
       eigene Heirat hin, ohne ihre Tragweite zu erahnen. In meinem
       Alter stellt man sich nicht allzu viele Fragen.
       »Wie macht man Kinder?«, hatte ich eines Tages Omma unschuldig
       gefragt.
       »Das wirst du schon sehen, wenn du größer bist!«, hatte sie mir
       geantwortet und mit einer Handbewegung meine Frage
       beiseitegefegt.
       Ich habe mich gefügt, mir meine kindliche Neugier verkniffen und
       bin in den Garten zurückgegangen, um mit meinen Brüdern und
       Schwestern zu spielen. Unser liebster Zeitvertreib war das
       Versteckspielen. Im Tal von Wadi La’a im Bezirk Hajjah, wo ich
       geboren bin, gibt es unzählige Schlupfwinkel, in denen wir
       einfach verschwinden konnten: hohle Baumstämme, schmale
       Felsspalten, von der Zeit ausgehöhlte Grotten. Wenn wir vom
       vielen Herumtollen außer Atem waren, stürzten wir uns kopfüber
       ins frische Gras und schmiegten uns in dieses grüne Nest. Die
       Sonne nutzte die Gelegenheit, unsere Haut zu streicheln und
       unsere ohnehin schon braunen Gesichter noch mehr zu bräunen.
       Wenn wir uns genug ausgeruht hatten, vergnügten wir uns damit,
       die Hühner zu verscheuchen und die Esel mit Ästen zu necken.
       
       Meine Mutter hatte siebzehn Kinder. Sie hatte drei Fehlgeburten
       erlitten, ohne es jemandem zu sagen, und für sie bedeutete jede
       Schwangerschaft eine Lebensgefahr. Mangels ärztlicher Versorgung
       verlor sie zudem eines ihrer Babys bei der Geburt. Vier weitere
       Brüder und Schwestern, die ich nicht gekannt habe, starben ohne
       jegliche ärztliche Hilfe an unheilbaren Krankheiten. Alle waren
       zwischen zwei Monaten und vier Jahren alt.
       Wie ihre anderen Sprösslinge brachte sie mich zu Hause auf die
       Welt, ausgestreckt auf einer geflochtenen Matte, schweißgebadet
       die Qualen erduldend und zu Allah betend, er möge ihr
       Neugeborenes schützen.
       »Du hast lange gebraucht, bis du kamst. Die Wehen begannen
       mitten in der Nacht, gegen zwei Uhr morgens. Und die Entbindung
       dauerte einen guten halben Tag, im Hochsommer, bei Gluthitze. Es
       war ein Freitag, der wöchentliche Feiertag«, so erzählt sie mir
       von Zeit zu Zeit, um meine Neugier zu stillen.
       Aber wäre ich an einem Wochentag zur Welt gekommen, so hätte das
       nicht viel geändert. Für Omma hatte sich die Frage, im
       Krankenhaus zu entbinden, nie gestellt. Unser Dorf, eingezwängt
       an der engsten Stelle des Tals, lag viel zu weit entfernt von
       jeder medizinischen Einrichtung. Es bestand aus höchstens fünf
       Steinhäusern und besaß weder ein Rathaus noch ein
       Lebensmittelgeschäft, weder eine Autowerkstatt noch einen
       Barbier und noch nicht einmal eine Moschee! Man konnte nur auf
       dem Rücken eines Maulesels dorthin gelangen.
       
       Nur eine Handvoll waghalsiger Pick-up-Fahrer, sofern sie stabile
       Reifen hatten, trauten sich, den holprigen Weg an der Schlucht
       entlang zu befahren, aber wegen der schlechten Straße mussten
       sie alle zwei Monate ihre Reifen auswechseln. Man stelle sich
       also vor, wie stark die Wehen meiner Mutter hätten sein müssen,
       wenn sie sich dazu entschieden hätte, sich in die Obhut eines
       Krankenhauses zu begeben. Womöglich hätte sie mitten auf der
       Straße entbunden! Omma sagt, selbst mobile Krankenhäuser hätten
       es niemals riskiert, Khardji anzusteuern!
       »Aber wer hat dann zu Hause die Krankenschwester gespielt?«,
       frage ich gelegentlich beharrlich, wenn Omma, erschöpft von
       meinen Fragen, vergisst, mir das Ende der Geschichte zu
       erzählen, wie ich auf die Welt gekommen bin.
       »Nun ja, zum Glück war deine große Schwester Jamila da! Wie
       jedes Mal half sie mir, die Nabelschnur mit einem Küchenmesser
       durchzutrennen. Dann hat sie dich gebadet und dich anschließend
       in ein Tuch gewickelt. Dein Großvater Jad hat dann beschlossen,
       dich Nojoud zu nennen. Man sagt, das sei ein Beduinenname.«
       »Omma, bin ich im Juni oder im Juli geboren? Oder vielleicht
       mitten im August?«
       Meistens beginnt Omma in diesem Moment, sich zu ärgern.
       »Nojoud, wann hörst du endlich auf, all diese Fragen zu
       stellen?«, sagt sie dann jedes Mal, um meiner Fragerei Einhalt
       zu gebieten.
       In Wirklichkeit tut sie das, weil sie nicht die geringste Ahnung
       hat. Weder mein Vorname noch mein Familienname erscheinen in den
       offiziellen Registern. In der Provinz setzt man haufenweise
       Kinder in die Welt, ohne eine Geburtsurkunde auszustellen. Mein
       Geburtsjahr weiß kein Mensch. Meine Mutter nimmt an, dass ich
       ungefähr zehn sein müsste. Aber es kann gut sein, dass ich erst
       acht oder neun bin … Wenn ich hartnäckig genug nachfrage, kommt
       es vor, dass sie überlegt und versucht, die Reihenfolge der
       Geburt ihrer Kinder auszuklügeln, indem sie sich an den
       Jahreszeiten, den Todestagen unserer Ahnen, den Hochzeiten
       bestimmter Cousins oder unseren Umzügen orientiert. Echte
       Gehirnakrobatik!
       Aufgrund von Berechnungen, die weitaus komplizierter sind als
       die des Lebensmittelhändlers, kommt sie schließlich jedes Mal zu
       dem Schluss, dass Jamila die Älteste ist, gefolgt von Mohammad,
       dem ältesten Jungen und »zweiten Mann« im Haus – der die
       Befugnis hat, Entscheidungen zu treffen, gleich nach meinem
       Vater. Danach folgen Mona, die Rätselhafte, und Fares, der
       Hitzkopf. Dann komme ich, gefolgt von meiner Lieblingsschwester
       Haïfa, die fast so groß ist wie ich. Schließlich Abdo, Morad und
       die Jüngste, Rawdha, mit ihrem Kraushaar. Dowla, meine »Tante«
       und zweite Frau meines Vaters, die eigentlich eine entfernte
       Cousine von ihm ist, hat fünf Kinder.
       »Omma ist eine richtige Glucke!«, spottet Mona oft, wenn sie
       meine Mutter aufziehen will. Ich erinnere mich, dass ich mehrere
       Male morgens aufgewacht bin und in ihrem Bett ein Neugeborenes
       entdeckt habe, das sie liebevoll in den Armen wiegte! Sie wird
       nie damit aufhören.
       Omma kann sich jedoch erinnern, dass sie eines Tages Besuch von
       der Vertreterin eines Hilfswerks bekam, zwecks
       »Familienplanung«. Man hat ihr Pillen verschrieben, die sie
       einnehmen sollte, um nicht wieder schwanger zu werden. Ab und
       zu, wenn sie gerade daran dachte, nahm sie die Pillen auch. Doch
       einen Monat später begann ihr Bauch zu ihrer großen Überraschung
       wieder anzuschwellen, und sie sagte sich, dass das Leben eben so
       sei, und dass man zuweilen nichts gegen die Natur ausrichten
       könne.
       Khardji trägt seinen Namen zu Recht. Auf Arabisch bedeutet er
       »draußen«. Anders ausgedrückt: am Ende der Welt. Die meisten
       Geographen machen sich nicht mal mehr die Mühe, diese
       mikroskopisch kleine Ortschaft auf den Landkarten zu
       lokalisieren. Um es einfach zu machen, kann man sagen, dass
       Khardji unweit von Hajjah liegt, einer relativ bekannten Stadt
       im Nordwestjemen, nördlich von Sanaa. Zwischen diesem kleinen
       abgelegenen Ort und der Hauptstadt muss man mindestens vier
       Stunden Asphaltstraße rechnen und mindestens genauso viel auf
       Sand und Geröll. Wenn meine Brüder morgens zur Schule im größten
       Dorf des Tales aufbrachen, hatten sie einen zweistündigen
       Fußmarsch vor sich. Der Schulbesuch war nur ihnen vorbehalten.
       Mein Vater, ein sehr fürsorglicher Mann, war der Meinung,
       Mädchen seien zu zart und verletzlich, um ganz allein durch eine
       fast ausgestorbene Gegend zu laufen, wo hinter jedem Kaktus die
       Gefahren lauern. Davon abgesehen, konnten weder er noch meine
       Mutter lesen und schreiben, und er sah auch für seine Kinder
       keine Notwendigkeit darin.
       Meine Schule war also die Natur, und im Übrigen sah ich Omma bei
       der Hausarbeit zu. Wenn sich meine beiden großen Schwestern
       Jamila und Mona mit zwei kleinen gelben Kanistern aufmachten, an
       der Quelle Wasser zu holen, trampelte ich ungeduldig hin und
       her, weil ich noch nicht mitdurfte. Im Jemen ist das Klima so
       trocken, dass man täglich mehrere Liter Wasser trinken muss, um
       nicht auszutrocknen. Sobald ich laufen konnte, steuerte ich am
       liebsten den Fluss an. Er lag nur wenige Meter unterhalb des
       Hauses und war uns sehr nützlich. In seinem kristallklaren
       Wasser wusch Omma die Wäsche und spülte die Töpfe nach jeder
       Mahlzeit aus. Morgens, nachdem die Männer zur Feldarbeit
       gegangen waren, wuschen sich die Frauen dort im Schatten hoher
       Bäume. An Gewittertagen suchten wir im Haus Schutz vor den
       Blitzen und dem Regen. Doch sobald sich die Sonne wieder zeigte
       und die Wolken durchbrach, eilten wir erneut zum Fluss, wo das
       Wasser jetzt so hoch stand, dass es mir bis zum Hals reichte. Um
       zu vermeiden, dass der Fluss über die Ufer trat, vergnügten sich
       meine Brüder damit, kleine Stauwerke zu bauen, die seinen Lauf
       umleiteten. Wir hatten viel Spaß.
       Wenn sie von der Schule nach Hause kamen, sammelten die Jungen
       Äste auf, um damit den tandour anzuheizen, den traditionellen
       Ofen, der zur Zubereitung von khobz, unserem jemenitischen Brot,
       dient. Meine Schwestern waren Expertinnen in der Zubereitung
       dieser knusprigen Fladen. Manchmal bestrichen wir sie mit Honig,
       dem »jemenitischen Gold«, wie die Erwachsenen sagen. Der Honig
       aus unserer Gegend ist besonders berühmt, und mein Vater besaß
       einige Bienenstöcke, die er mit erstaunlicher Sorgsamkeit hegte
       und pflegte. Omma hat uns immer gesagt, dass Honig sehr gut für
       die Gesundheit und außerdem ein Energiespender sei.
       Abends nahmen wir die Mahlzeit traditionsgemäß rings um den
       sofrah ein, eine Decke, die auf dem blanken Boden ausgebreitet
       wird. Sobald Omma den großen heißen Kochtopf daraufgestellt
       hatte, gefüllt mit salta, einem Rinder- oder Schafsragout in
       Bockshornkleesoße, tauchten wir unsere Finger hinein und formten
       dann aus Reis und Fleisch kleine Bällchen, die blitzschnell in
       unseren Mündern verschwanden. Wir machten es wie unsere Eltern
       und aßen direkt aus dem Kochgeschirr. Ohne Teller, Gabeln oder
       Messer. So isst man in den jemenitischen Dörfern.
       Ab und an nahm uns Omma mit auf den Samstagsmarkt, der
       wöchentlich in der Mitte des Tals abgehalten wurde. Für uns war
       das ein großer Ausflug. Wir legten den Weg auf dem Maulesel
       zurück und kauften Vorräte für die nächsten Tage ein. Wenn die
       Sonne besonders heiß brannte, setzte Omma einen Strohhut auf
       ihren schwarzen Schleier, der den Großteil ihres Gesichts
       bedeckte. Damit sah sie aus wie eine Sonnenblume.
       Wir verlebten recht glückliche Tage, deren Rhythmus von der
       Sonne bestimmt wurde. Ein einfaches, doch friedliches Leben ohne
       elektrischen Strom, ohne fließendes Wasser. Die hinter einem
       Strauch verborgenen Toiletten bestanden aus einem einfachen
       Loch, umrahmt von Ziegelsteinen. Nach Einbruch der Dunkelheit
       verwandelte sich das große Wohnzimmer, dessen einzige Dekoration
       aus ein paar auf den Boden geworfenen Kissen bestand, in unser
       Schlafzimmer. Um von einem Zimmer ins andere zu gelangen,
       mussten wir den Innenhof überqueren. Dieser wurde während des
       Sommers zum wichtigsten Ort unseres Familienlebens. Omma
       richtete sich eine Küche unter freiem Himmel ein, und während
       ihre salta auf einem Holzfeuer köchelte, stillte sie die
       Kleinsten. Meine Brüder büffelten dort ihr Alphabet. Und die
       Mädchen hielten auf einem Bett aus Stroh ihren Mittagsschlaf.
       Mein Vater war selten zu Hause. Normalerweise stand er bei
       Sonnenaufgang auf, um seine Herde auf die Weide zu treiben. Er
       besaß achtzig Schafe und vier Kühe. Diese gaben ausreichend
       Milch, um Butter, Joghurt und Quark herzustellen. Wenn mein
       Vater aus dem Haus ging, um den Bewohnern des Nachbardorfes
       einen Besuch abzustatten, zog er immer eine braune Jacke über
       seine zanna und band seinen jambia an den Gürtel. Man sagt,
       dieser scharfe Dolch, der von Hand verziert ist und von den
       Männern meines Landes getragen wird, sei ein Symbol für Macht,
       Männlichkeit und Ansehen in der jemenitischen Gesellschaft. In
       der Tat verlieh er meinem Vater eine gewisse Würde und eine
       beeindruckende Eleganz. Ich war stolz auf meinen Aba. Doch
       offenbar dient der Dolch eher als Zierde denn als wirkliche
       Waffe. Jeder wetteifert darin, den schönsten jambia zu tragen.
       Die Preise sind übrigens sehr unterschiedlich, je nachdem, aus
       welchem Material der Schaft gefertigt ist, aus Plastik,
       Elfenbein oder echtem Rhinozeroshorn. Die Gesetze unserer
       Stammeskultur verbieten anscheinend, ihn dafür zu benutzen, sich
       gewaltsam zu verteidigen oder den Gegner bei einem Streit
       anzugreifen. Dagegen kann ein jambia als Hilfsmittel bei der
       Schlichtung eines Konflikts dienen. Er ist vor allem ein Symbol
       für die Stammesjustiz. Niemals hätte mein Vater gedacht, dass er
       sich einmal seiner bedienen müsste, bis zu jenem Unglückstag, an
       dem wir innerhalb von vierundzwanzig Stunden aus dem Dorf
       fliehen mussten.
       Ich war zwei oder drei Jahre alt, als sich der »Skandal«
       ereignete. Omma war wegen Gesundheitsbeschwerden ausnahmsweise
       unterwegs in die Hauptstadt Sanaa. Aus einem Grunde, der sicher
       mit ihrer Abwesenheit zusammenhing, doch dessen Einzelheiten mir
       damals entgingen, kam es zu einem gewaltsamen Streit zwischen
       meinem Vater und den anderen Dorfbewohnern von Khardji. In den
       Gesprächen fiel häufig der Name von Mona, meiner zweitältesten
       Schwester. Es wurde damals entschieden, das Problem nach
       Stammestradition zu regeln, indem man die jambias und
       Rial-Bündel zwischen den gegnerischen Parteien aufhäufte. Doch
       die Diskussion eskalierte, und entgegen den üblichen Regeln
       wurden die scharfen Klingen aus den Futteralen gezogen. Die
       Einwohner von Khardji bezichtigten meinen Vater, die Ehre des
       Dorfes mit Füßen getreten und sein Ansehen geschädigt zu haben.
       Mein Vater war außer sich. Er fühlte sich von all denen, die er
       für seine Freunde hielt, hintergangen und gedemütigt. Mona wurde
       von heute auf morgen verheiratet. Sie dürfte kaum dreizehn Jahre
       alt gewesen sein. Was war genau vorgefallen? Das sollte ich erst
       später erfahren. Wir mussten uns Hals über Kopf auf den Weg
       machen und ließen alles zurück: Schafe, Kühe, Hühner, Bienen und
       die Erinnerungen an das, was mir als ein Stück vom Paradies
       erschienen war.
       Die Ankunft in Sanaa war schrecklich. Es war schwer, sich an die
       staubige, laute Hauptstadt zu gewöhnen.
       Der Übergang von dem satten Grün des Wadi- La’a-Tals zu dieser
       ausgedorrten, in alle Richtungen ausufernden Stadt war brutal.
       Sobald man den ehemaligen Stadtkern und seine hübschen
       traditionellen Lehmhäuser mit ihrem weißen, wie Klöppelspitzen
       wirkenden Fensterschmuck hinter sich ließ, wandelte sich die
       Stadtlandschaft in ein monströses Gewirr von unförmigen
       Betonbauten. Auf der Straße war ich praktisch auf Augenhöhe mit
       den Auspuffen, und die Dieselschwaden brannten mir im Hals.
       Öffentliche Gärten, wo man ein bisschen Auslauf gehabt hätte,
       gab es kaum. Der Zugang zu den meisten Vergnügungsparks kostete
       Geld und war damit den Reicheren vorbehalten.
       #Post#: 1390--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 5:43 am
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       Wir zogen ins Erdgeschoss einer Bruchbude im Viertel Al-Qa,
       eingezwängt in eine Gasse, wo sich der Müll auftürmte. Aba war
       deprimiert. Er redete kaum und hatte völlig den Appetit
       verloren. Wie konnte ein einfacher Bauer, Analphabet und ohne
       Schulabschluss, hoffen, in dieser Großstadt, die bereits von
       Arbeitslosen überschwemmt war, eine Arbeit zu finden, die ihn
       und seine Familie ernährte? Andere Dorfbewohner vor ihm hatten
       ihr Glück in der Hauptstadt versucht und sich unüberwindlichen
       Problemen gegenübergesehen. Manche sahen sich gezwungen, ihre
       Frauen und Kinder zum Betteln auf die Plätze der Stadt zu
       schicken. Nachdem mein Vater überall herumgefragt hatte,
       ergatterte er schließlich einen Job als Straßenkehrer bei der
       Stadtverwaltung. Das Geld reichte jedoch kaum für die Miete.
       Sobald er damit in Verzug geriet, fuhr der Vermieter ihn wütend
       an. Omma weinte dann. Doch niemand konnte ihren Schmerz
       besänftigen.
       Als Fares, der Viertälteste der Familie, zwölf war, kam er
       ständig mit irgendwelchen für dieses Alter typischen Wünschen
       an. Jeden Tag verlangte er Geld, um sich Bonbons, modische Hosen
       und neue Schuhe zu kaufen, wie man sie auf den Werbeplakaten
       sieht. Schöne, nagelneue Schuhe, die mehr kosteten, als Aba in
       einem Monat verdiente! In seiner fröhlichen, unbesonnenen Art
       verlangte er immer mehr. Es kam sogar vor, dass er meinen Eltern
       drohte, von zu Hause abzuhauen, sollten sie seinen Launen nicht
       nachgeben. Trotz seiner Großspurigkeit war er mein
       Lieblingsbruder. Er schlug mich wenigstens nicht, ganz im
       Gegensatz zu Mohammad, meinem ältesten Bruder, der sich für das
       Oberhaupt der Familie hielt. Ich bewunderte Fares’ Ehrgeiz,
       seine ungestüme Art, allen die Stirn zu bieten, ohne sich darum
       zu scheren, wie seine Umgebung darauf reagierte. Er traf
       Entscheidungen und stand dazu, auch auf die Gefahr hin, sich die
       ganze Familie zum Feind zu machen. Eines Tages, nach einem
       Streit mit meinem Vater, machte er seine Drohung wahr: Er ging
       endgültig von zu Hause weg, und wir dachten, wir würden ihn nie
       wiedersehen.
       Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Aba weinen. Um seinen
       Kummer zu vergessen, verschwand er oft stundenlang und ging mit
       alten Bekannten kath kauen. Schließlich verlor er seine Arbeit.
       Omma wurde indessen zunehmend von Alpträumen geplagt. Wir
       Geschwister schliefen mit ihr zusammen im größten Raum der
       Wohnung auf Matratzen, die direkt auf dem Boden lagen, und ich
       wurde öfters mitten in der Nacht von ihrem Gejammer wach. Die
       Arme litt sichtlich.
       Fares hatte nur eine einzige Spur hinterlassen: ein farbiges
       Passfoto, das Mohammad sorgsam in seiner Brieftasche
       aufbewahrte. Das Foto zeigte Fares, wie wir ihn kannten: In
       aufrechter Kopfhaltung, mit einem weißen Turban auf seinen
       braunen Locken – damit wollte er sicher erwachsener wirken –
       fixierte er mit übermütigem, vor Spottlust sprühendem Blick die
       Kamera.
       Und dann, zwei Jahre nach seiner Flucht, dieser unerwartete
       Anruf, das erste Lebenszeichen:
       »Saudi-Arabien … Alles bestens … Hirte … Ich arbeite als Hirte …
       Macht euch keine Sorgen um mich …«, konnte man am anderen Ende
       der Leitung vernehmen.
       Er hatte inzwischen den Stimmbruch gehabt. Aber ich habe seine
       Stimme sofort erkannt. Er schien noch selbstsicherer geworden zu
       sein. Dann knackte es plötzlich in der Leitung, und das Gespräch
       war weg. Wie hatte Fares es geschafft, so weit von zu Hause
       wegzukommen? Wo war er genau, in welcher Stadt? War es ihm
       gelungen, ein Flugzeug zu nehmen, abzuheben und die Wolken zu
       durchbrechen? Wo genau lag eigentlich Saudi-Arabien? War dort,
       wo er war, das Meer? Die Fragen schwirrten mir nur so durch den
       Kopf. Als ich einmal in ein Gespräch zwischen meinen Eltern und
       Mohammad platzte, glaubte ich zu verstehen, dass Fares Opfer
       eines Kinderhändlers geworden sei. Das scheint im Jemen recht
       häufig vorzukommen. Hieß das, dass er Adoptiveltern gefunden
       hatte? Vielleicht war er alles in allem glücklich und konnte
       sich endlich seine heißersehnten Bonbons und Bluejeans kaufen.
       Ich jedenfalls vermisste ihn schrecklich. Um mich über seine
       Abwesenheit hinwegzutrösten, schloss ich mich in meiner
       Traumwelt ein. In Träumen von Wasser! Nicht von Flüssen, sondern
       vom Meer. Schon immer wollte ich wie eine Schildkröte meinen
       Kopf ins Wasser tauchen. Ich habe das Meer noch nie gesehen. Mit
       meinen Buntstiften zeichnete ich Wellen in mein kleines Heft.
       Ich stellte sie mir grün und blau vor.
       »Sie sind blau!«, korrigierte mich eines Tages Malak, während
       sie einen Blick über meine Schulter warf.
       Malak und ich waren unzertrennlich geworden. Ich hatte sie in
       der Schule des Al-Qa-Viertels kennengelernt, nachdem meine
       Eltern endlich eingewilligt hatten, mich dort einzuschreiben.
       Während der Pause spielten wir häufig mit Murmeln. Von den
       siebzig Schülern, allesamt Mädchen, die sich in der Klasse
       drängten, war sie mit Abstand meine beste Freundin. Ich hatte
       mein erstes Schuljahr erfolgreich abgeschlossen und eben das
       zweite begonnen. Morgens kam Malak mich abholen, und wir gingen
       zusammen in die Schule.
       »Woher willst du das wissen?«, entgegnete ich.
       »In den Ferien fahre ich mit meinen Eltern immer nach Hodeida.
       Da kann man das Meer sehen.«
       »Wie schmeckt es denn?«
       »Salzig!«
       »Und ist der Sand auch blau?«
       »Nein, der ist gelb! Und so weich, wenn du wüsstest …«
       »Und was findet man alles im Meer?«
       »Boote, Fische und Leute, die baden …«
       Malak erzählte mir, dass sie dort schwimmen gelernt habe. Da ich
       noch nie ein Schwimmbad betreten hatte, fand ich das
       faszinierend. Sosehr ich mich auch anstrengte, ich konnte
       einfach nicht verstehen, wie es ihr gelang, auf der
       Wasseroberfläche zu bleiben, ohne unterzugehen. Ich erinnerte
       mich nur, dass Omma in Khardji immer mit mir schimpfte, wenn ich
       zu nahe an den Fluss ging, und mich warnte:
       »Vorsicht! Wenn du reinfällst, gehst du unter!«
       Malak sagte, ihre Mutter hätte ihr einen hübschen bunten
       Badeanzug gekauft. Und dass sie sogar Sandburgen bauen könne,
       mit Türmen und breiten Treppen, die danach unter den Wellen
       verschwänden. Eines Tages stülpte sie eine große Muschel auf
       mein Ohr, die sie aus Hodeida mitgebracht hatte.
       »Hörst du das Meer rauschen?«
       »Ja, die Wellen, ich höre die Wellen. Das ist ja unglaublich!«,
       rief ich begeistert.
       Wasser, das war für mich vor allem der Regen, der heute im Jemen
       immer seltener fällt. Manchmal wurden wir mitten im Sommer von
       Hagel überrascht. War das eine Freude! Mit meinen Brüdern und
       Schwestern stürmte ich auf die Straße und sammelte die kleinen
       Eiswürfel in einer großen Schüssel auf. Ich zählte sie stolz,
       denn in der Schule hatte ich gelernt, von eins bis hundert zu
       zählen. Wenn die Hagelkörner geschmolzen waren, machten wir uns
       einen Spaß daraus, uns mit dem Eiswasser zu bespritzen. Das war
       sehr erfrischend. Mona, die seit unserem Umzug nach Sanaa
       meistens vor sich hin schmollte, schloss sich uns zuweilen sogar
       an. Nach unserer überstürzten Abreise von Khardji war sie zwei
       Monate später mit ihrem Mann, den sie von heute auf morgen
       geheiratet hatte, nach Sanaa nachgekommen.
       Im Laufe der Jahre fand Mona allmählich ihr natürliches Lächeln,
       ihre spöttische Miene und ihren Sinn für schwarzen Humor wieder,
       der Omma oft irritierte. Sie brachte zwei hübsche Babys zur
       Welt, Monira und Nasser, und genoss ihr Mutterglück. Unsere
       Familie und die Familie ihres Mannes kamen sich schließlich
       sogar näher. Um die Familienbande noch zu verstärken, wurde
       beschlossen, meinen großen Bruder Mohammad mit einer der
       Schwestern meines Schwagers nach der Tradition des sighar zu
       verheiraten.
       
       Doch das alles war zu schön, um von Dauer zu sein. Eines Tages
       verschwand Monas Mann von der Bildfläche und mit ihm meine große
       Schwester Jamila. Waren sie wie Fares geflohen, in der Hoffnung,
       ebenfalls in Saudi-Arabien reich zu werden und uns vielleicht
       elektronisches Spielzeug mitzubringen? Oder einen Fernseher mit
       bewegten Bildern in Farbe? Im Zimmer der Eltern wurde zunehmend
       über sie getuschelt. Doch es war den Kindern streng verboten,
       Fragen zu stellen. Ich erinnere mich nur, dass Mona nach ihrem
       Verschwinden von neuem unter Stimmungsschwankungen litt.
       Meistens war sie traurig und melancholisch, doch plötzlich
       konnte es vorkommen, dass sie in Gelächter ausbrach, was ihre
       natürliche Schönheit wiederaufleben ließ und ihre großen braunen
       Augen und ihre feinen Gesichtszüge zur Geltung brachte. Mona
       hatte viel Charme.
       Zu mir war sie immer besonders liebevoll, an guten wie an
       schlechten Tagen. Irgendwie mütterlich und fürsorglich. Es kam
       sogar vor, dass sie mich zum Schaufensterbummel auf die Hayle
       Avenue mitnahm, die für ihre Kleiderboutiquen bekannt war. Das
       Gesicht an die Scheibe gedrückt, warf ich begehrliche Blicke auf
       die Abendkleider mit Pailletten, die roten Röcke, die Blusen aus
       roter, blauer, violetter, gelber und grüner Seide. Ich stellte
       mir vor, wie ich mich in eine Prinzessin verwandelte. Es gab
       sogar Hochzeitskleider, die Filmkostümen oder Zaubergewändern
       für Feen ähnelten. Das war schön. Da konnte man ganz neidisch
       werden.
       Als ich eines Abends, es war im Februar 2008, nach Hause kam,
       verkündete Aba, er hätte eine gute Nachricht für mich.
       »Nojoud, du wirst bald heiraten«, sagte er zu mir.
       Ich nickte gehorsam, ohne wirklich zu verstehen, was nun auf
       mich zukommen würde.
       #Post#: 1391--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 5:45 am
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       3. Beim Richter
       Richter Abdo kann sein Erstaunen kaum verbergen.
       »Du willst dich scheiden lassen?«
       »Ja!«
       »Aber … heißt das, dass du verheiratet bist?«
       »Ja!«
       Er hat feine Gesichtszüge und trägt ein weißes Hemd, das seine
       dunkle Haut hervorhebt. Als er meine Antwort hört, verfinstert
       sich seine Miene. Anscheinend kann er mir das nicht glauben.
       »In deinem Alter … Wie kannst du schon verheiratet sein?«
       »Ich will mich scheiden lassen!«, beharre ich in entschiedenem
       Ton, ohne auf seine Frage einzugehen.
       Ich verstehe nicht so recht, warum, aber kein einziger
       Schluchzer kommt aus mir heraus, während ich mit ihm spreche.
       Als hätte ich meinen Vorrat an Tränen bereits erschöpft. Ich bin
       zwar völlig aufgewühlt, doch ich weiß, was ich will. Ja, ich
       will dieser Hölle entrinnen. Ich habe genug davon, das alles
       still zu erdulden.
       »Aber du bist noch so jung und wirkst so zerbrechlich …«
       Ich sehe ihn an und nicke. Er beginnt, nervös an seinem
       Schnurrbart zu zupfen. Wenn er doch nur bereit wäre, mir zu
       helfen! Schließlich ist er Richter und hat sicher viel Macht.
       »Und warum willst du dich scheiden lassen?«, fragt er weiter,
       diesmal in einem natürlicheren Tonfall, anscheinend versucht er,
       sein Erstaunen zu verbergen.
       Ich sehe ihm direkt in die Augen:
       »Weil mein Mann mich schlägt!«
       Von neuem erstarrt sein Gesicht, als hätte ich ihm eine Ohrfeige
       verpasst. Soeben hat er begriffen, dass mir etwas Schlimmes
       zugestoßen ist und dass ich keinen Grund habe, ihn zu belügen.
       Ohne Umschweife stellt er mir die entscheidende Frage:
       »Bist du noch Jungfrau?«
       Ich schlucke. Ich schäme mich, von diesen Dingen zu sprechen.
       Das ist peinlich. In meinem Land müssen Frauen zu Männern, die
       sie nicht kennen, Distanz wahren. Zudem sehe ich diesen Richter
       zum allerersten Mal. Doch im selben Augenblick wird mir klar,
       dass ich den Sprung ins kalte Wasser wagen muss, wenn ich aus
       alldem herauskommen will.
       »Nein … Ich habe geblutet …«
       Er ist schockiert, und ich habe den Eindruck, dass er plötzlich
       derjenige von uns beiden ist, der Angst bekommt. Seine
       Bestürzung entgeht mir nicht. Ich sehe genau, wie er versucht,
       seine Gefühle zu verbergen. Er atmet tief ein, dann sagt er:
       »Ich werde dir helfen!«
       Plötzlich wird mir ganz leicht zumute. Als ob mir ein Stein vom
       Herzen fällt. Endlich habe ich es geschafft, mich jemandem
       anzuvertrauen. Mit einer hektischen Bewegung sehe ich ihn nach
       dem Telefon greifen. Ich höre, wie er sich mit einer anderen
       Person, sicherlich einem Kollegen, austauscht. Während des
       Gesprächs wirbeln seine Hände in alle Richtungen. Er scheint
       entschlossen, mich aus meinem Alptraum zu befreien. Hoffentlich
       findet er eine endgültige Lösung für mich! Wenn ich Glück habe,
       handelt er schnell, sehr schnell, und ich kann schon heute Abend
       zu meinen Eltern zurückkehren und wieder mit meinen Geschwistern
       spielen. In ein paar Stunden werde ich geschieden sein.
       Geschieden! Wieder frei. Ohne Mann. Von der Angst befreit, bei
       Einbruch der Dunkelheit alleine mit dem Monster im Schlafzimmer
       zu sein. Von der Angst befreit, wieder und wieder die gleiche
       Qual zu erleiden.
       Ich habe mich zu früh gefreut.
       »Weißt du, Kleine, das kann länger dauern, als du denkst. Das
       ist eine heikle Angelegenheit. Und ich kann dir leider nicht
       garantieren, dass du gewinnst.«
       Der zweite Richter, der gerade hereingekommen ist, setzt meiner
       Vorfreude ein jähes Ende. Er heißt Mohammad al-Ghazi und ist der
       Gerichtspräsident, der oberste Chef, wie mir Abdo erklärt. Er
       wirkt verlegen. In seiner ganzen Laufbahn, so sagt er, sei ihm
       noch kein Fall wie der meine begegnet. Beide erklären mir, dass
       die Mädchen im Jemen oft sehr jung verheiratet werden, unter dem
       gesetzlichen Mindestalter von fünfzehn Jahren. Das sei eine alte
       Tradition, erklärt mir Abdo. Doch seines Wissens wurde für keine
       dieser frühzeitig geschlossenen Ehen in unserem Land eine
       Scheidung eingereicht. Denn kein Mädchen hat sich, so wie ich,
       bisher bis zum Gericht aufgemacht. Das sei eine Frage der
       Familienehre, sagen sie. Meine Situation sei außergewöhnlich.
       Und kompliziert.
       »Wir werden einen Anwalt finden müssen«, erklärt Abdo hilflos.
       Einen Anwalt, aber wozu denn? Wozu ist ein Gericht gut, wenn es
       nicht einmal fähig ist, auf der Stelle eine Scheidung
       auszusprechen? Es ist mir völlig egal, ob ich ein
       außergewöhnlicher Fall bin. Sind Gesetze denn nicht dazu da, den
       Leuten zu helfen? Diese Richter sind ja ganz nett, aber ist
       ihnen klar, dass mich mein Mann, wenn ich ohne jegliche
       Sicherheit nach Hause komme, abholen wird und die Schikanen
       weitergehen? Nein, ich will nicht zu ihm zurück.
       »Aber ich will mich scheiden lassen!«, sage ich in beschwörendem
       Ton.
       Das Echo meiner Stimme lässt mich zusammenfahren. Ich habe wohl
       ein wenig zu laut gesprochen. Oder liegt es an den hohen Wänden,
       die wie ein Resonanzkörper wirken?
       »Wir werden eine Lösung finden, wir werden eine Lösung finden«,
       murmelt Mohammad al-Ghazi und rückt seinen Turban zurecht.
       Doch anscheinend macht ihm noch etwas anderes Sorgen. Soeben
       schlug die Uhr zweimal. Es ist vierzehn Uhr, also Büroschluss.
       Heute ist Mittwoch, und das Wochenende der Muslime steht vor der
       Tür. Das Gericht öffnet erst wieder am Samstag. Ich begreife,
       dass auch sie mich, nach allem, was sie eben gehört haben,
       ungern nach Hause schicken.
       »Kommt nicht in Frage, dass sie zurück nach Hause geht. Und wer
       weiß, was ihr noch alles passiert, wenn sie alleine in den
       Straßen umherirrt«, fährt Mohammad al-Ghazi fort.
       Abdo hat eine Idee: Ich könnte doch bei ihm zu Hause
       Unterschlupf finden. Noch immer scheint er meine Geschichte
       nicht verdaut zu haben und ist zu allem bereit, um mich aus den
       Klauen meines Mannes zu retten. Doch er nimmt sein Angebot
       gleich wieder zurück, als ihm einfällt, dass seine Frau und
       seine Kinder aufs Land gefahren sind. In unserer islamischen
       Tradition darf sich eine Frau nicht alleine bei einem Mann
       aufhalten, der nicht ihr mahram, also nicht direkt mit ihr
       verwandt ist.
       Was tun?
       Schließlich zeigt sich ein dritter Richter, Abdel Wahed, bereit,
       mich bei sich aufzunehmen. Bei ihm ist die Familie zu Hause, und
       sie haben Platz genug, um mich unterzubringen. Ich bin gerettet!
       Zumindest vorläufig. Abdel trägt ebenfalls einen Schnurrbart,
       doch er ist stämmiger als Abdo. Seine Nickelbrille verleiht ihm
       ein ernstes Aussehen, und in seinem Anzug wirkt er sehr
       imponierend. Ich traue mich nicht so recht, mit ihm zu sprechen.
       Doch ich reiße mich zusammen. Lieber überwinde ich meine
       Schüchternheit, als nach Hause zurückzugehen. Außerdem beruhigt
       es mich, dass er wie ein wirklicher Aba aussieht, der sich gut
       um seine Kinder kümmert. Nicht wie meiner …
       Sein Auto ist groß und bequem. Und sehr sauber. Es kommt sogar
       kühle Luft aus kleinen Ventilatoren, die vorne im Auto eingebaut
       sind. Das kitzelt mir im Gesicht und ist sehr angenehm. Während
       der Fahrt mache ich kaum den Mund auf. Keine Ahnung, ob das an
       meiner Schüchternheit liegt oder an meiner Bangigkeit, oder
       einfach daran, dass ich mich jetzt so gut fühle, weil plötzlich
       so viele um meine Sicherheit besorgt sind und weil ich Menschen
       gefunden habe, die bereit sind, mir zu helfen.
       Abdel Wahed bricht das Schweigen:
       »Du bist ein sehr mutiges Mädchen! Bravo! Mach dir keine Sorgen,
       es ist dein gutes Recht, die Scheidung zu beantragen. Vor dir
       standen schon andere Mädchen vor demselben Problem, aber sie
       haben es leider nicht gewagt, darüber zu sprechen. Wir tun unser
       Möglichstes, um dich zu schützen. Wir werden nichts unversucht
       lassen. Und wir werden dich auf keinen Fall zu deinem Mann
       zurückschicken. Niemals! Ehrenwort!«
       Meine Lippen formen sich zu einer Mondsichel. Es ist lange her,
       dass ich das letzte Mal gelächelt habe!
       »Vielleicht ist es dir noch nicht klargeworden, aber du bist ein
       außergewöhnliches Mädchen!«, fügt er bekräftigend hinzu.
       Ich werde rot.
       Als wir zu Abdel Wahed nach Hause kommen, stellt er mich sofort
       seiner Frau Saba und seinen Kindern vor. Ihre Tochter Shima
       dürfte drei bis vier Jahre jünger sein als ich. In ihrem Zimmer
       hat sie ganz viele Fulla-Puppen, die orientalische Version der
       blonden amerikanischen Barbie, von der die Mädchen im Jemen
       träumen.
       »Haram!«
       Das ist Shimas spontane Reaktion auf die Mitteilung ihrer Omma,
       dass ein böser Mann mich geschlagen habe. Die Kleine runzelt die
       Stirn und ahmt einen Erwachsenen nach, der dazu ansetzt,
       jemanden auszuschimpfen. Es berührt mich, dass sie so mitfühlend
       ist. Mit einem kameradschaftlichen Lächeln nimmt sie mich an der
       Hand und gibt mir mit einer Geste zu verstehen, dass ich ihr
       folgen soll, um mit ihr zu spielen.
       Die vier Jungen schauen sich derweil Trickfilme an. Es gibt hier
       zwei Fernseher. Was für ein Luxus!
       »Fühl dich wie zu Hause«, sagt Saba mit sanfter, einladender
       Stimme.
       
       So kann also Familienleben aussehen. Zuerst hatte ich Bammel,
       dass sie mich neugierig anstarren würden, und jetzt gehöre ich
       schon zu ihnen. Ich fühle mich wohl! Sie geben mir das Gefühl,
       dass ich ihnen alles sagen kann. Ohne verurteilt zu werden. Ohne
       bestraft zu werden. An diesem Abend sitze ich im Schneidersitz
       im Wohnzimmer und habe zum ersten Mal die Kraft, meine
       Geschichte zu erzählen.
       #Post#: 1392--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 5:48 am
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       4. Die Heirat
       Februar 2008
       Mit Mona verging die Zeit wie im Flug, wenn wir auf der Hayle
       Avenue flanieren gingen. Manchmal, wenn wir unsere Nasen zu
       lange an dem Schaufenster unserer Lieblingsboutique
       plattdrückten, verschwanden die Abendkleider hinter einem
       feuchten Beschlag, der sich vor unseren Augen bildete. Meine
       ganze Aufmerksamkeit galt stets einem weißen Hochzeitskleid, das
       an einer Schaufensterpuppe aus Plastik wie angegossen wirkte.
       Ein Kleid für eine Dame! Was für ein Gegensatz zu all diesen
       Frauen auf der Straße, die von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt
       waren.
       »Inch’Allah – so Gott will –, bekommst du so eins am Tag deiner
       Hochzeit«, flüsterte mir Mona zu, und ihre schelmischen Augen
       waren umrahmt von ihrem niqab, der ihr restliches Gesicht
       bedeckte, sobald sie aus dem Haus ging.
       Mona lächelte selten. Sie hatte nicht das Glück gehabt, ein
       fröhliches Hochzeitsfest zu erleben. Auf die Schnelle
       verheiratet, hatte sie nur ein blaues Kleid bekommen, und
       abgesehen von dieser einen Auskunft, antwortete sie immer
       ausweichend auf Fragen über die Umstände ihrer Heirat. Seit ihr
       Mann verschwunden war, hatte ich nichts mehr über ihn gehört.
       Ich stellte mir vor, dass er auf Reisen war, irgendwo, weit
       entfernt vom Jemen, doch hütete ich mich, mehr darüber erfahren
       zu wollen. Mona hatte es nicht gern, wenn man ihr Fragen darüber
       stellte. Sie begnügte sich damit, mir zuzuflüstern, sie wünsche
       mir, glücklich zu werden und einen liebevollen und respektvollen
       Mann zu bekommen.
       Ich hätte nie gedacht, dass dieser Tag so schnell kommen würde.
       Von der Heirat hatte ich keine klare Vorstellung. Für mich war
       es vor allem ein großes Fest mit einer Menge Geschenke,
       Schokolade und natürlich Schmuck. Ein neues Haus, ein neues
       Leben! Einige Jahre zuvor hatte ich schon einmal verschiedene
       Zeremonien von entfernten Vettern und Cousinen miterlebt. Es gab
       Musik und fröhliche Tänze. Unter ihren balto, den langen
       schwarzen Mänteln, waren die Frauen sehr elegant. Ihre Gesichter
       perfekt geschminkt, ihre Haare vom Friseur geglättet. Wie auf
       den Fotos der Shampoo-Fläschchen. Die Verführerischsten knipsten
       sich eine kleine schmetterlingsförmige Spange in den Pony. Ich
       hatte auf diesen Festen immer sehr viel Spaß! Ich erinnere mich
       an die Hennamuster, die die Hände und Arme der jungen Bräute
       zierten. Mit Motiven in Form von Blumen. Henna war schön. Ich
       sagte mir, dass auch ich eines Tages meine Hände mit Henna
       schmücken würde.
       Die Nachricht kam plötzlich und unerwartet. Als Aba mir
       ankündigte, dass nun ich an der Reihe sei, begriff ich nicht,
       was auf mich zukam. Anfangs nahm ich die bevorstehende Hochzeit
       fast erleichtert hin und sah sie als eine Art Notausgang. Zu
       Hause war das Leben unmöglich geworden. Seit Aba seine Arbeit
       bei der Stadtverwaltung verloren hatte, war es ihm nie wieder
       gelungen, eine Vollzeitstelle zu finden. Wir waren immer zu spät
       mit der Miete, und der Eigentümer drohte regelmäßig, uns
       hinauszuwerfen.
       Um Geld zu sparen, kochte Omma nur Reis mit Gemüseragout. Sie
       brachte mir neuerdings bei, ihr im Haushalt mitzuhelfen. Mit ihr
       bereitete ich das shafout zu, eine Art großen Pfannkuchen, auf
       den man mit Zwiebeln und Knoblauch verfeinerten Joghurt
       streicht, und den bin-al-sahn, eine köstliche Honignachspeise.
       Wenn mein Vater genügend Geld nach Hause brachte, schickte sie
       meine Brüder ein Hühnchen kaufen, das sie dann am Freitag, dem
       heiligen Wochentag des muslimischen Kalenders, kochte. Rotes
       Fleisch kam nicht in Frage, das war zu teuer. Das letzte Mal,
       dass ich mich erinnern kann, fatah, ein Rinderragout, gegessen
       zu haben, war bei meinem ersten Besuch in einem Restaurant, in
       das uns unsere Cousins eingeladen hatten, um das Aïdfest zu
       feiern. Wir durften sogar »Bebsi« trinken, ein schwarzes,
       kohlensäurehaltiges Getränk aus Amerika. Und als wir gingen,
       besprühte ein Ober meine Hände mit Parfum, als gehörte ich schon
       zu den Großen. Wie das duftete!
       Omma hatte mir außerdem beigebracht, wie man Brotfladen backt.
       Sie entfachte das Feuer, während ich den Brotteig knetete, ihn
       ausrollte und ihm dabei die Form eines Vollmondes gab, um ihn
       anschließend an den Seiten des tandour, des traditionellen
       Ofens, auszulegen. Eines Tages aber verzichtete sie schließlich
       auf ihren tandour und verdiente sich damit ein paar Scheine auf
       dem Schwarzmarkt. Immer wenn wir in Not waren, verkaufte sie ein
       paar ihrer eigenen Habseligkeiten. Sie hatte letztlich gelernt,
       nicht mehr auf meinen Vater zu zählen.
       Und dann kam der Tag, an dem kaum mehr etwas zu verkaufen blieb.
       Da bei uns aus Geldmangel ständig die Mahlzeiten ausfielen,
       gesellten sich meine Brüder irgendwann zu den kleinen
       Straßenhändlern, die an der roten Ampel an die Scheiben der
       Autos klopfen, in der Hoffnung, etwas Kleingeld für ein Päckchen
       Kaugummi oder Papiertaschentücher zu bekommen. Mona fing
       schließlich auch damit an. Doch mit dem Betteln hatte sie kein
       Glück. Nach vierundzwanzig Stunden wurde sie von der Polizei
       aufgelesen und für ein paar Tage in ein Heim für Leute gesteckt,
       die Dummheiten machen. Nach ihrer Rückkehr erzählte sie zu
       Hause, sie habe Damen kennengelernt, die man bezichtigte, mit
       mehreren Männern zugleich zu verkehren, und die von den
       Gefängniswärterinnen an den Haaren gezogen wurden. Als sie sich
       von ihren Aufregungen wieder erholt hatte, machte sie sich
       erneut auf, um ein paar Geldstücke zu erbetteln, und wieder sah
       sie sich unverhofft einer Polizeistreife gegenüber. Nach dieser
       zweiten Verhaftung gab sie es endgültig auf. Nun waren wir,
       Haïfa und ich, an der Reihe, unser Glück zu versuchen. Uns an
       den Händen haltend, kratzten wir mit den Fingernägeln an den
       Autoscheiben und wagten kaum, unseren Blick zu den Autofahrern
       zu erheben. Ich machte das gar nicht gern, aber wir hatten keine
       andere Wahl.
       An den Tagen, an denen Aba sich nicht bis spät im Bett verkroch,
       ging er los und hockte sich wie die anderen Arbeitslosen auf
       einen der Plätze unseres Viertels, in der Hoffnung, eine
       Tagesanstellung als Arbeiter, Maurer oder Mann für alles zu
       ergattern, gegen eine Bezahlung von 1000 Rial. Seine Nachmittage
       verbrachte er immer häufiger bei Nachbarn zum kath-Kauen. Er
       sagte, es helfe ihm, seine Probleme zu vergessen. Es war zum
       Ritual geworden. Im Schneidersitz zwischen den anderen Männern
       des Viertels fischte er sich die besten grünen Blätter aus einer
       Plastiktüte und steckte sie sich in den Mundwinkel. Je leerer
       die Tüte wurde, desto mehr schwoll seine Wange an. Die Blätter
       bildeten schließlich eine Kugel, auf der er stundenlang
       herumkaute.
       Bei einer dieser kath-Sitzungen war ein junger Mann um die
       dreißig auf ihn zugegangen.
       »Ich möchte, dass unsere beiden Familien einen Bund schließen«,
       sagte der Mann zu ihm.
       Er hieß Faez Ali Thamer, arbeitete als Bote und lieferte mit
       seinem Motorrad überallhin Pakete aus. Er stammte wie wir aus
       dem Dorf Khardji und war auf der Suche nach einer Frau. Mein
       Vater stimmte sofort zu. In der logischen Abfolge war ich
       diejenige, die nun nach meinen älteren Schwestern Jamila und
       Mona verheiratet werden musste. Als er nach Hause kam,
       verkündete er uns seine Entscheidung. Und niemand konnte
       widersprechen.
       Noch am selben Abend hörte ich zufällig ein Gespräch zwischen
       meinem Vater und Mona.
       »Nojoud ist viel zu jung, um zu heiraten«, rief Mona aus.
       »Zu jung? Als der Prophet Mohammed Aischa heiratete, war sie
       erst neun Jahre alt«, entgegnete ihr mein Vater.
       »Ja, aber das war zur Zeit des Propheten. Heute ist das anders.«
       »Hör zu, diese Hochzeit ist die beste Möglichkeit, sie zu
       schützen!«
       »Wie meinst du das?«
       »Das weißt du genau. Wir ersparen ihr damit den Ärger, den du
       und Jamila gehabt habt. Wir ersparen ihr, von einem Unbekannten
       mitgenommen zu werden und böse Gerüchte über sich hören zu
       müssen. Dieser Mann macht wenigstens einen anständigen Eindruck.
       Er ist im Viertel bekannt. Er kommt aus unserem Dorf. Und er hat
       versprochen, Nojoud nicht anzurühren, bevor sie nicht größer
       ist.«
       »Aber …«
       »Ich habe meinen Entschluss gefasst! Außerdem weißt du ganz
       genau, dass wir nicht genügend Geld haben, um die ganze Familie
       zu ernähren. So haben wir ein Maul weniger zu stopfen.«
       Meine Mutter schwieg zu alldem. Sie wirkte traurig, doch sie
       schien sich damit abzufinden. Schließlich hatte auch meine
       Mutter eine arrangierte Heirat hinnehmen müssen, wie die meisten
       jemenitischen Frauen. Sie musste es also wissen, dass in unserem
       Land die Frauen alles erdulden, während die Männer die Befehle
       erteilen. Mich zu verteidigen, wäre zwecklos gewesen.
       Abas Worte gingen mir durch den Kopf: »Ein Maul weniger zu
       stopfen«. Ich war also in seinen Augen nur eine Last, die er
       sich bei der ersten Gelegenheit vom Halse schaffen wollte. Es
       stimmt, dass ich nicht immer das brave Mädchen gewesen war, das
       er gerne gehabt hätte. Aber es liegt doch in der Natur von
       Kindern, dass sie Dummheiten machen, oder nicht? Und ich liebte
       ihn, trotz seiner Fehler, trotz des kath-Gestanks, trotz der
       Beharrlichkeit, mit der er uns auf die Straße schickte, um ein
       paar Stücke Brot zu erbetteln.
       »Wir ersparen ihr den Ärger, den du und Jamila gehabt habt.« Was
       genau meinte er mit diesem Satz? Das Einzige, das ich wusste,
       war, dass eine Woche vergangen war, dann eine weitere und dann
       noch eine, ohne dass Jamila wiederkam. Ich hatte am Ende sogar
       aufgegeben, die Tage zu zählen, die mich immer weiter von ihr
       trennten. Ausgerechnet sie, die uns so oft besucht hatte, war
       nun endgültig verschwunden. Ich mochte Jamila sehr. Sie war
       zurückhaltend und redete nicht viel. Doch sie war großzügig und
       aufmerksam. Manchmal brachte sie mir Süßigkeiten. Monas Mann war
       seit dieser rätselhaften Abreise ebenfalls nicht mehr
       zurückgekommen. Wo steckte er nur? Zu kompliziert für mich,
       diese Erwachsenengeschichten.
       In seiner Abwesenheit stellte Monas Schwiegermutter die
       Forderung, das Sorgerecht für ihre Enkel zu bekommen. Monira war
       nun drei Jahre und Nasser anderthalb Jahre alt. Mona brach es
       fast das Herz, und sie legte eine unglaubliche Energie an den
       Tag, um nicht von ihren Kindern getrennt zu werden. Ihr Kampf
       endete mit einem halben Sieg. Da sie hartnäckig blieb, gelang es
       ihr schließlich, den Kleinen bei sich zu behalten, unter dem
       Vorwand, er müsse von ihr gestillt werden. Wie besessen von der
       Angst, ihn zu verlieren, ließ sie ihn keine Sekunde aus den
       Augen. Sobald er sich von ihr entfernte, rannte sie ihm nach und
       schloss ihn fest in die Arme, wie einen Schatz, den man zu
       verbergen sucht.
       
       Die Heiratsvorbereitungen folgten Schlag auf Schlag. Und mein
       Unglück wurde mir nun sehr schnell klar. Auf Beschluss der
       Familie meines künftigen Mannes durfte ich einen Monat vor der
       Hochzeitsnacht nicht mehr zur Schule gehen. Schweren Herzens gab
       ich Malak einen Abschiedskuss und sagte ihr, ich würde bald
       wiederkommen, versprochen.
       »Irgendwann fahren wir mal zusammen ans Meer«, flüsterte sie mir
       zu und schloss mich fest in die Arme.
       Ich sollte sie nie wiedersehen.
       #Post#: 1393--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 5:49 am
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       Auch von meinen beiden Lieblingslehrerinnen, Samia und Samira,
       musste ich mich verabschieden. Sie hatten mir beigebracht,
       meinen Vornamen auf Arabisch zu schreiben, von rechts nach links
       – den Bogen des »noun«, den Hüftschwung des »jim«, die Schlaufe
       des »waou« und die Zange des »del«: Nojoud! Ich hatte ihnen viel
       zu verdanken.
       Mathematik und der Koranunterricht zählten zu meinen
       Lieblingsfächern. In der Schule hatten wir die fünf Säulen des
       Islams auswendig gelernt: die chahada, das Glaubensbekenntnis,
       die fünf täglichen Gebete, der haj, also die große Pilgerreise
       nach Mekka, der zakat, das Almosen, das man den Bedürftigen
       gibt, um ihnen zu helfen, und schließlich der Fastenmonat
       Ramadan, während dem man zwischen Aufgang und Untergang der
       Sonne weder essen noch trinken darf. Wenn wir einmal größer
       seien, sagte Samia zu uns, würden auch wir fasten.
       Doch am liebsten mochte ich den Malunterricht. Mit meinen
       Buntstiften malte ich Birnen und Blumen. Und auch Villen mit
       blauen Dächern, grünen Fensterläden und roten Schornsteinen. Vor
       dem Eingangstor stellte ich zuweilen einen Wächter in Uniform
       dar. Ich hatte gehört, dass die Häuser von Leuten, die viel Geld
       haben, von Wächtern beschützt werden. Im Garten malte ich immer
       viele Obstbäume. Mit einem kleinen Wasserbecken in der Mitte.
       In der Pause spielten wir Verstecken und sagten Abzählreime auf.
       Ich hatte die Schule für mein Leben gern. Sie war mein
       Zufluchtsort, mein eigener kleiner Glücksmoment.
       Auch die kurzen Abstecher zu meinen Nachbarn, die nur ein paar
       Meter von uns entfernt wohnten, konnte ich nun vergessen. Bei
       ihnen gab es ein Transistorradio. Ich hatte es mir angewöhnt,
       sie mit meiner kleinen Schwester Haïfa zu besuchen und Kassetten
       von Haïfa Wehbe und Nancy Ajram zu hören, zwei hübschen
       libanesischen Sängerinnen mit langen Haaren und einer Menge
       Make-up. Sie hatten schöne Augen und vollendete Nasen. Wir
       vergnügten uns damit, sie zu imitieren, indem wir mit den
       Wimpern klimperten und die Hüften wiegten. Es gab auch eine
       jemenitische Sängerin, Jamila Saad, die uns gut gefiel. Ein
       echter Star! »Du bist so stolz auf dich. Du meinst, du bist der
       Beste«, hieß es in einem ihrer Liebeslieder.
       Unsere Nachbarn gehörten zudem zu den wenigen Glücklichen im
       Viertel, die einen Fernseher besaßen. Fernsehen war für mich wie
       Reisen. Ich liebte »Tom und Jerry«, das war meine
       Lieblingszeichentrickserie, aber auch »Adnan und Lina«, die
       Geschichte zweier asiatischer Freunde in einem fernen Land. Sie
       hatten alle beide Schlitzaugen. Ich glaube, sie waren Japaner
       oder Chinesen. Aber das Unglaubliche war, dass sie arabisch
       sprachen wie ich, ganz ohne Akzent! Adnan war ein mutiger Junge,
       der Lina immer helfen wollte. Er rettete sie auch mehrmals aus
       den Fängen böser Figuren, die sie entführen wollten. Hatte sie
       ein Glück! Ich beneidete sie sehr.
       Adnan erinnerte mich an Eyman, einen Jungen aus Al-Qa, den ich
       nie vergessen werde. Eines Tages, als ich mit ein paar
       Freundinnen die Straße entlangging, versperrte uns ein Junge den
       Weg. Er wollte uns Angst machen und rief unanständige Dinge, die
       sich wie Beleidigungen anhörten, deren Bedeutung ich aber nicht
       wirklich verstand. Als er unsere verschüchterten Gesichter sah,
       grinste er blöd. Da tauchte unerwartet Eyman auf und schnappte
       ihn sich.
       »Hau ab, oder ich werfe dir Steine ins Gesicht!«, drohte er ihm.
       Verängstigt hatte der Junge die Flucht ergriffen. So eine
       Erleichterung! Das war das erste und letzte Mal, dass mich
       jemand verteidigt hat. Eyman wurde für mich zum Held meiner
       Träume. Ich sagte mir, dass ich, wenn ich einmal groß wäre,
       vielleicht das Glück haben würde, einen Mann wie ihn zu
       bekommen.
       
       »Jujujujujuju!!!«
       Die Cousinen der Familie klatschten in die Hände, als sie mich
       ankommen sahen. Ich konnte kaum ihre Gesichter erkennen, denn
       Tränen erfüllten meine Augen. Ich schritt langsam voran und gab
       mir größte Mühe, nicht über das Gewand zu stolpern, das mir zu
       groß war und über den Boden streifte. Man hatte mir auf die
       Schnelle eine lange schokoladenbraune, halb verwaschene Tunika
       übergezogen, die der Frau meines künftigen Schwiegervaters
       gehörte. Eine Verwandte hatte mir die Haare zu einem Knoten
       gerafft, der mir auf den Kopf drückte. Ich bekam nicht einmal
       einen Strich Wimperntusche auf die Augen. Als mein Blick einen
       kleinen Spiegel streifte, konnte ich rasch meine runden Wangen
       und meine braunen Mandelaugen betrachten, die sich zur Seite hin
       leicht verengten. Meine Stirn war glatt und meine Lippen
       hellrot. So genau ich mein Gesicht untersuchte, ich konnte keine
       einzige Falte erkennen. Ich war zu jung, viel zu jung.
       Keine zwei Wochen waren seit dem Heiratsantrag vergangen. Nach
       den hiesigen Bräuchen fand das Fest unter Frauen im winzigen
       Haus meiner Eltern statt. Wir waren allerhöchstens vierzig
       Personen. Währenddessen saßen die Männer bei einem meiner Onkel,
       um kath zu kauen. Ebenfalls unter Männern und hinter
       verschlossener Tür war zwei Tage zuvor der Ehevertrag
       unterzeichnet worden. Alles war ohne mein Wissen geschehen.
       Weder ich noch meine Mutter oder meine Schwestern hatten das
       Recht, zu erfahren, was geschah. Nur weil sich meine kleinen
       Brüder auf die Straße aufgemacht hatten, um etwas Geld für die
       Verköstigung der Runde zu erbetteln, die sich aus Aba, meinem
       Onkel und meinem künftigen Mann in Begleitung seines Bruders und
       seines Vaters zusammensetzte, hatten wir am Spätnachmittag Wind
       von der Sache bekommen. Das Treffen hatte unter Einhaltung genau
       festgelegter Stammesregeln stattgefunden. Der Schwager meines
       Vaters, der als Einziger lesen und schreiben konnte, diente als
       Notar. Er verfasste den Vertrag. Es wurde beschlossen, dass
       meine Mitgift 150 000 Rial betragen sollte.
       »Keine Sorge«, hörte ich meinen Vater meiner Mutter zuflüstern,
       als es dunkel geworden war. »Er musste uns versprechen, dass er
       Nojoud bis ein Jahr nach ihrer ersten Periode nicht anrührt.«
       Ein Schauder durchfuhr meinen Körper.
       Das Fest, das zur Mittagszeit begonnen hatte, war im Nu wieder
       vorbei. Ohne weißes Kleid. Ohne Henna-Blumen auf den Händen.
       Ohne meine Lieblingsbonbons mit Kokosnuss, die ich so sehr mag
       und die mich an den süßen Geschmack meiner glücklichen Tage
       erinnern. Mir jedoch schien es eine Ewigkeit zu dauern. In einer
       Zimmerecke sitzend, weigerte ich mich, mit den anderen Frauen zu
       tanzen, denn langsam begriff ich, dass mein Leben sich an einem
       Wendepunkt befand. Doch nicht zum Besseren. Die Jüngsten
       begannen, ihre Bauchnabel zur Schau zu stellen und sich hin- und
       herzuwiegen wie in einem kitschigen Videoclip. Hand in Hand
       erhoben sich die Älteren zu traditionelleren Folkloretänzen, wie
       man sie in den Dörfern sieht. Zwischen zwei Musikstücken machten
       sie eine Pause und sprachen mir Grüße aus. Ich gab ihnen einen
       Kuss, wie es sich gehörte. Doch es gelang mir nicht einmal, ein
       Lächeln aufzusetzen.
       Ich blieb, das Gesicht aufgedunsen vom vielen Weinen, regungslos
       in einer Ecke des Wohnzimmers sitzen. Ich wollte meine Familie
       nicht verlassen. Ich fühlte mich noch nicht bereit. Ich
       vermisste die Schule bereits entsetzlich, und Malak noch viel
       mehr. Als ich während des Festes dem traurigen Blick meiner
       kleinen Schwester Haïfa begegnete, begann mir klarzuwerden, dass
       ich auch sie vermissen würde. Eine Befürchtung erfüllte
       plötzlich meine Gedanken: Was, wenn auch sie zum selben
       Schicksal verdammt wäre wie ich?
       Bei Sonnenuntergang zogen sich die Gäste zurück, und ich nickte
       vollständig bekleidet neben Haïfa ein. Meine Mutter kam etwas
       später zu uns, nachdem sie das Wohnzimmer aufgeräumt hatte. Als
       mein Vater von seiner Männerversammlung nach Hause kam, waren
       wir alle schon eingeschlafen. In meiner letzten Nacht als
       Unverheiratete träumte ich nichts. Ich erinnere mich genauso
       wenig daran, unruhig geschlafen zu haben. Ich fragte mich
       lediglich, ob ich am nächsten Morgen wie aus einem bösen Traum
       erwachen würde.
       Als die Sonnenstrahlen gegen sechs Uhr morgens in das
       Schlafzimmer fluteten, riss mich Omma aus dem Schlaf und winkte
       mich in den kleinen Gang. Wie jeden Morgen verneigten wir uns
       vor Allah und sprachen dabei das erste Gebet des Tages. Dann
       servierte sie mir eine Schale mit foul – weißen Bohnen mit
       Zwiebeln und Tomatensoße, die man zum Frühstück isst – und dazu
       eine Tasse chai – Tee – mit Milch.
       Ein kleines Bündel erwartete mich vor der Tür, doch ich tat, als
       hätte ich es nicht gesehen. Erst als vor dem Haus eine Hupe
       erklang, musste ich mich in mein neues Leben voller
       Ungewissheiten fügen. Meine Mutter drückte mich fest an sich und
       half mir dann, mich in meinen Mantel und ein schwarzes Kopftuch
       zu hüllen. In den Jahren zuvor hatte ich mich mit einem kleinen
       bunten Schleier begnügt, wenn ich auf die Straße ging. Es kam
       sogar vor, dass ich ihn vergaß, doch das kümmerte niemanden.
       Dann sah ich, wie Omma in das Bündel fasste und einen schwarzen
       niqab daraus hervorholte, den sie mir übergab. Bis zu diesem Tag
       war ich noch nie dazu gezwungen worden, mich vollständig zu
       verschleiern.
       »Von heute an musst du dich verschleiern, wenn du auf die Straße
       gehst. Du bist jetzt eine verheiratete Frau. Dein Gesicht darf
       nur dein Mann sehen. Denn sein sharaf – seine Ehre – steht auf
       dem Spiel. Und du darfst seine Ehre nicht beflecken.«
       Ich nickte traurig und verabschiedete mich von ihr. Ich war böse
       auf sie, dass sie mich im Stich ließ, aber ich fand keine Worte,
       um ihr meinen Schmerz auszudrücken.
       Auf dem Rücksitz des Geländewagens, der mich vor der Eingangstür
       erwartete, saß ein kleiner Mann, der mich anstarrte. Er trug
       eine lange weiße Tunika, wie Aba, und einen Schnurrbart. Sein
       zerzaustes Haar war kurzgeschnitten und leicht gelockt. Er hatte
       braune Augen und war schlecht rasiert. Seine Hände waren
       ölverschmiert. Er war kein schöner Mann. Auf mich wirkte er wie
       ein Monster. Das also war Faez Ali Thamer, der sich dazu
       entschlossen hatte, mich zur Frau zu nehmen, dieser Unbekannte,
       dem ich vielleicht schon einmal in Khardji begegnet war, wohin
       wir in den letzten Jahren zuweilen zurückgekehrt waren, jedoch
       konnte ich mich nicht an ihn erinnern.
       Mir wurde der Platz auf der ersten Rückbank hinter dem Fahrer
       zugewiesen, neben vier weiteren Fahrgästen, darunter die Frau
       vom Bruder meines Mannes.
       Sie alle lächelten verkrampft und wirkten nicht sehr gesprächig.
       Er, der Unbekannte, saß neben seinem Bruder auf der zweiten
       Rückbank. Ich war etwas beruhigt, dass ich ihm während unserer
       langen Fahrt nicht ins Gesicht sehen musste. Doch spürte ich
       seinen Blick auf mir, was mich erschauern ließ. Wer war er
       eigentlich? Warum hatte er mich heiraten wollen? Was erwartete
       er von mir? Und was bedeutete Heirat denn eigentlich genau? Auf
       all diese Fragen hatte ich keine Antwort.
       Als der Motor zu knattern begann und der Fahrer auf das Gaspedal
       trat, konnte ich mir ein paar weitere Tränen nicht verkneifen.
       Mein Herz klopfte mir bis an den Hals. Das Gesicht ans Fenster
       gepresst, ließ ich Omma nicht aus den Augen, bis von ihr nur
       noch ein winzig kleiner Punkt übrig blieb, der im Unendlichen
       verschwand.
       Ich gab während der ganzen Fahrt kein Wort von mir.
       Gedankenverloren hatte ich nur diese eine Idee im Kopf: ein
       Mittel zu finden, um wieder nach Hause zu können. Reißaus
       nehmen! Doch je weiter sich das Auto von Sanaa entfernte, desto
       klarer wurde mir, dass ein solcher Versuch aussichtslos wäre.
       Immer wieder war ich drauf und dran, mir den niqab
       herunterzureißen, durch den ich kaum Luft bekam. Ich fühlte mich
       klein, zu klein für all das. Für diesen niqab, für diese lange
       Reise, weit entfernt von meinen Eltern, für dieses neue Leben an
       der Seite eines Mannes, der mich anwiderte und den ich nicht
       kannte. Der Geländewagen bremste abrupt.
       »Kofferraum aufmachen!«
       Die Stimme des Soldaten schreckte mich auf. Erschöpft vom vielen
       Weinen, war ich schließlich eingenickt. Doch dann fiel mir
       sogleich wieder ein, dass an der Straße nach Norden zahlreiche
       Kontrollposten aufgestellt waren und wir uns erst am ersten
       befanden. Sie hingen anscheinend mit dem Krieg zusammen, der im
       Norden zwischen der Armee und den Al-Huthi-Rebellen wütete. Mein
       Vater sagt, die Huthis seien Schiiten, während die meisten
       Jemeniten Sunniten sind. Was der Unterschied ist? Ich habe nicht
       die geringste Ahnung. Ich weiß nur, dass ich Muslimin bin und
       täglich meine fünf Gebete spreche.
       Nach einem kurzen Blick ins Innere des Wagens gab uns der Soldat
       das Zeichen zur Weiterfahrt. Hätte ich doch nur die Gelegenheit
       genutzt, ihn um Hilfe zu bitten und mich aus dieser Lage zu
       retten! Hatte er denn mit seiner grünen Uniform und der
       geschulterten Waffe nicht die Aufgabe, für Ordnung und
       Sicherheit zu sorgen? Ich hätte ihm doch sagen können, dass ich
       Sanaa nicht verlassen wollte, dass ich befürchtete, mich auf dem
       Dorf zu langweilen, und dort niemanden mehr kannte.
       An die Hauptstadt Sanaa hatte ich mich schließlich gewöhnt. Ich
       mochte die Baustellen, die breiten Straßen, die Werbeplakate für
       Handys und Orangenlimonade, die am Gaumen prickelt. Die
       Luftverschmutzung und die Staus waren für mich zum Alltag
       geworden. Doch vor allem würde ich die Altstadt, Bab al-Yemen,
       das Tor des Jemen, vermissen. Bab al-Yemen, eine regelrechte
       Stadt in der Stadt, ein zauberhaftes Viertel, durch das ich
       gerne schlenderte, an Monas oder Jamilas Hand, und mich dabei
       fühlte wie eine Abenteurerin, die auf Forschungsreise geht. Eine
       Welt für sich, mit Lehmhäusern und weißen Arabesken als
       Fensterschmuck. So zart waren diese Muster, dass ich mir
       vorstellte, indische Architekten wären vor sehr langer Zeit dort
       vorbeigekommen, lange vor meiner Geburt. Dieses Viertel war so
       edel, dass ich mir die Geschichte eines Königs und einer Königin
       erdacht hatte, die dort glückliche Tage verlebt haben mussten.
       Vielleicht gehörte ihnen sogar die gesamte Altstadt?
       Sobald man Bab al-Yemen betrat, ertönten von überallher
       Geräusche: Die Rufe der Händler und barfüßigen Bettler
       vermischten sich mit dem Gedudel alter Kassettenrekorder. In
       einer Seitengasse konnte es vorkommen, dass ein junger
       Schuhputzer einen am Fuß packte und seine Dienste anbot. Dann
       plötzlich übertönte der Ruf zum Gebet das wirre Konzert. Mit
       Vergnügen streckte ich die Nase in die Luft und schnupperte den
       Duft von Kümmel, Zimt, Nelken, Nüssen und Rosinen, die aus den
       Verkaufsständen kullerten. Zuweilen stellte ich mich auf die
       Fußspitzen, um das Warenangebot der Stände besser zu
       überblicken, denn sie waren etwas zu hoch für mich. Sie drängten
       sich, so weit das Auge reichte, und boten in buntem
       Durcheinander jambias aus Silber, gestickte Dreieckstücher,
       Teppiche, süße Krapfen, Henna und Kleider für kleine Mädchen in
       meinem Alter.
       In Bab al-Yemen konnte es auch geschehen, dass einem Frauen mit
       langen, buntgeblümten Schleiern begegneten, die man sitara –
       Vorhänge – nennt. Ich sagte mit Vorliebe »die Altstadtdamen« zu
       ihnen, denn ihre Gewänder in fröhlichen Farben unterschieden
       sich stark von den schwarzen Schleiern, die Frauen für
       gewöhnlich auf der Straße trugen, und schienen einem anderen
       Zeitalter entsprungen.
       
       Eines Nachmittags, als ich meine Tante zum Einkaufen begleitete,
       verirrte ich mich schließlich im dichten Gedränge. Ich hatte
       mich von dieser fast übernatürlichen Welt ablenken lassen, die
       ich mit beiden Augen genüsslich in mich aufsog. Ich machte
       kehrt, um meine Tante wiederzufinden. Doch bald stellte ich
       fest, dass sich die Gassen alle ähnelten. Musste ich nun die
       nächste rechts abbiegen? Oder links? Verwirrt und schluchzend
       sank ich in die Knie. Ich war verloren. Nichts zu machen. Und es
       dauerte gut zwei Stunden, bis mich ein Händler bemerkte, der
       meine Tante kannte.
       »Nojoud, wann hörst du endlich auf, so kopflos durch die Welt zu
       gehen?«, herrschte sie mich an und packte mich bei der Hand.
       #Post#: 1394--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 5:49 am
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       Verloren war ich auch am Tag nach meiner Hochzeit gewesen, als
       ich in dem unbequemen Geländewagen saß. Doch nun war die Welt um
       mich herum pure Wirklichkeit. Vorbei war es mit dem Zauber der
       Gewürze und den wohlwollenden Blicken der Händler, die den
       Kindern ihre warmen Krapfen zum Probieren anboten. Mein Leben
       nahm allmählich eine neue Wendung in dieser Welt der Großen, in
       der Träume keinen Platz mehr haben, in der alle Gesichter
       erstarrt sind und kein Mensch sich um mich schert.
       Sobald die Hauptstadt hinter uns lag, verwandelte sich die
       Autobahn in ein langes Asphaltband, das sich zwischen Berg und
       Tal hindurchschlängelte. In jeder Kurve klammerte ich mich fest
       an den Haltegriff meines Sitzes. Mein Magen rebellierte und
       verkrampfte sich. Mehrmals musste ich mich kräftig kneifen, um
       meine Übelkeit zu unterdrücken. Lieber wäre ich gestorben, als
       das Monster darum zu bitten, mich am Straßenrand aussteigen zu
       lassen, um frische Luft zu schnappen. Ich musste durchhalten,
       also schluckte ich vorsichtig immer wieder und versuchte, dabei
       so wenige Geräusche wie möglich zu machen.
       Um mich von der Umgebung abzukapseln, vertrieb ich mir die Zeit
       damit, die winzigsten Einzelheiten der Landschaft zu erfassen.
       Alte, verfallene Ruinen, die sich an Felsvorsprünge krallten.
       Kleine braune Häuser mit weißen Verzierungen, die mich entfernt
       an Bab al-Yemen erinnerten. Kakteen am Straßenrand,
       ausgetrocknete Passhöhen, die mit kleinen Parzellen Ackerland
       abwechselten, auf denen Ziegen und Kühe weideten. Auch Frauen
       waren zu sehen, die Gesichter mit Tüchern verhüllt, die sie auf
       Mundhöhe knoteten. Ich meinte auch, zwei überfahrene Katzen zu
       erkennen, doch kniff ich schnell die Augen zu, denn sie waren
       ein trauriger Anblick. Als ich sie wieder aufmachte, war unser
       Auto umgeben von einem Meer aus kath-Sträuchern. Rechts und
       links Grün, so weit das Auge reichte. Es war wunderschön! Eine
       sanfte Frische!
       »Der kath, das ist unser Untergang. Der braucht so viel Wasser,
       dass wir bald alle in diesem Land vor Durst verrecken werden!«,
       rief der Fahrer.
       Das Leben, dachte ich im Stillen, ist schon seltsam. Sogar
       schöne Dinge können Schaden anrichten. Nicht nur die Bösen säen
       Böses. Wie soll man da noch durchblicken.
       Ein Stück weiter, zu meiner Rechten, erkannte ich schließlich
       Kokaban, ein kleines Dorf, das hoch oben auf einem Hügel direkt
       in den Fels gehauen war. Ich erinnerte mich, dass ich als
       kleines Kind mit meinen Eltern dort vorbeigekommen war, als wir
       zum Aïdfest in ein anderes Dorf unterwegs waren. Es heißt, die
       Frauen von Kokaban seien schön und schlank, weil sie jeden
       Morgen zur Feldarbeit den Berg hinabsteigen. Eine Stunde bergab.
       Und eine Stunde bergauf. Eine ganz schöne Leistung! Und wie
       tapfer von ihnen! Eine Stunde bergab. Und eine Stunde bergauf.
       Eine Stunde bergab. Und eine Stunde bergauf …
       Das Brummen des Motors weckte mich und ließ mich aufschrecken.
       Wie viele Stunden hatte ich geschlafen? Wie viele Kilometer
       hatten wir schon zurückgelegt? Ich hatte keine Ahnung.
       »Eins … zwei … und drei!«
       An der Rückseite unseres Geländewagens drängte sich ein halbes
       Dutzend Männer um den Kofferraum und mühte sich mit voller
       Kraft, unser Fahrzeug anzuschieben, das in einem Erdloch
       festhing. Auf einer Tafel, die in eine von den Rädern
       aufgewirbelte Staubwolke gehüllt war, entzifferte ich mühsam den
       Namen des ausgetrockneten und öden Dorfes, in dem wir gelandet
       waren. Arjom. Offenbar hatten wir soeben die Hauptstraße
       verlassen und einen holprigen Weg voller Schlaglöcher
       eingeschlagen, der den Abgrund entlang in eine tiefe Schlucht
       führte. Das Auto saß tatsächlich fest.
       »Drehen Sie besser um! Sie werden auf diesem Weg nie
       vorankommen, er wird immer schlechter«, rief ein Dorfbewohner,
       der sich ein rotweißes Tuch um den Kopf gewickelt hatte, das ihn
       vor dem Staub schützte.
       »Aber wir müssen nach Khardji!«, entgegnete der Fahrer.
       »Pah, mit so einem Auto, soll das ein Witz sein?«
       »Und was nun?«
       »Das Beste ist, auf Esel umzusteigen!«
       »Auf Esel! Aber wir haben Frauen dabei. Das wird nicht gehen.«
       »Hören Sie, ich kann Ihnen die Dienste eines unserer Männer
       anbieten. Er ist es gewohnt, Leute hin- und herzutransportieren.
       Und sein Wagen hat die passenden Reifen. Er wechselt sie
       mindestens alle zwei Monate, so schlecht ist die Straße!«
       Also wurde beschlossen, ein anderes Auto zu nehmen. Während sich
       die Großen damit abmühten, die Bündel in das andere Fahrzeug
       umzuladen, nutzte ich die kleine Ruhepause und vertrat mir die
       Beine. Ich atmete tief ein und pumpte meine Lungen, so weit es
       ging, mit der klaren Bergluft auf. Ich war so verschwitzt, dass
       mein braunes Kleid, das ich immer noch unter meinem schwarzen
       Schleier trug, an mir klebte. Ich hob die Falten etwas an und
       näherte mich dem Abgrund. Wadi La’a! Tief unten, weit, sehr weit
       entfernt erkannte ich Wadi La’a, das Tal meines Heimatdorfes. Es
       hatte sich nicht verändert! Doch ich war noch sehr klein
       gewesen, als wir es verließen. Stiegen da meine
       Kindheitserinnerungen wieder in mir auf, gespeist von einigen
       kürzlich mit meinen Eltern unternommenen Reisen in diese Gegend?
       Oder die Erinnerungen aus den lose in ein Album geworfenen,
       vergilbten Fotos, die Aba von Zeit zu Zeit mit Tränen in den
       Augen betrachtete? Das Bild meines Großvaters kam mir in den
       Sinn. Ich hatte ihn ja so lieb, meinen Jad. Als er im vorigen
       Jahr gestorben war, hatte ich viel geweint. Er hatte immer einen
       weißen Turban um seinen Kopf gewickelt. Sein feiner,
       graumelierter Bart hob sich stark von seinen dunkelbraunen
       Augenbrauen ab. Zuweilen nahm er mich auf seine Knie und
       vergnügte sich damit, mich kopfüber nach hinten fallen zu
       lassen, um mich im letzten Moment aufzufangen. In seinen Armen
       fühlte ich mich unglaublich wohl. Ich hatte mich an den Gedanken
       gewöhnt, dass mein Jad, auch wenn die Welt um uns herum
       untergehen würde, immer an meiner Seite sein würde, um mich zu
       retten. Doch er musste zu früh gehen.
       »Nojoud! Nojoud!«
       Ich drehte mich um und fragte mich, wer mich da wohl rief. Es
       war eine wenig vertraute Stimme. Eine ungewöhnliche Klangfarbe,
       die sich für meine Ohren fremd anhörte. Nicht wie die von Jad,
       die ich jederzeit auch mit geschlossenen Augen erkannt hätte.
       Als ich den Kopf hob, begriff ich, dass er es war, mein
       unbekannter Mann, der mich das erste Mal seit unserer Abfahrt
       aus Sanaa ansprach. Ohne mich richtig anzusehen, verkündete er
       mir, dass es Zeit war, weiterzufahren. Ich nickte und ging auf
       unsere neue »Karosse« zu: ein rotweißer, völlig verrosteter
       Toyota Pick-up. Man ließ mich vorne mit meiner verschleierten
       Schwägerin einsteigen, zur Rechten des neuen Fahrers. Die Männer
       stiegen hinten auf die offene Ladefläche mit anderen Fahrgästen,
       die dieses Verkehrsmittel mitbenutzten.
       »Gut festhalten, gleich wird’s schaukeln!«, warnte der Fahrer.
       Bevor er losfuhr, stellte er seinen Radiorekorder auf höchste
       Lautstärke. Eine folkloristische Melodie schmetterte aus den
       Boxen, die genauso verrostet waren wie der Pick-up. Der wabernde
       oud und die Stimme des bei uns sehr bekannten Sängers Hussein
       Moheb verschmolzen bald mit den Stößen, die die riesigen,
       widerspenstigen Steine unter unserem Pick-up auslösten. Wir
       schaukelten nicht, wir hüpften in alle Richtungen! Mehrmals
       prallten Steine an unserer Windschutzscheibe ab. Ich hielt mich
       verkrampft an einem Griff fest und betete zu Allah, dass alles
       schön ganz bleibe, bis wir im Dorf ankämen.
       »Hör der Musik zu! Dann vergeht dir die Angst!«, meinte der
       Fahrer.
       Wenn der wüsste, was für eine Angst mich wirklich erfüllte …
       Wir fuhren stundenlang im Rhythmus von Hussein Mohebs
       Liebesklagen. Ich hätte zählen sollen, wie oft der Fahrer die
       Kassette wieder zurückspulte. Er war wie trunken von dieser
       Musik, und sie half ihm sicher, der Kraft der Natur
       standzuhalten. Wie ein Reiter an sein Pferd war er an sein
       Lenkrad geklammert und trotzte der kleinsten Kurve, indem er den
       Blick starr auf den gewundenen Weg heftete. Als kenne er alle
       Gefahren auswendig.
       »Die Natur, die Allah schuf, ist unerbittlich, aber zum Glück
       hat er Menschen geschaffen, die noch widerstandsfähiger sind!«,
       sagte er.
       Na ja, dachte ich, wenn er recht hatte, dann musste Allah mich
       vergessen haben.
       Je tiefer wir in das Tal hineinfuhren, desto dicker wurde der
       Angstkloß in meinem Hals. Ich war müde. Mir war schlecht, ich
       hatte Hunger und Durst. Aber vor allem hatte ich Angst. In
       meinem Kopf hatte ich alle möglichen Spielideen erschöpft, um
       mein Unglück zu vergessen. Je näher wir Wadi La’a kamen, desto
       ungewisser wurde mein Schicksal. Und mein letzter
       Hoffungsschimmer, noch zu entkommen, war vollkommen erloschen.
       Khardji hatte sich nicht verändert. Das Ende der Welt. Kaum
       angekommen, wie gerädert von den vielen Stößen, erkannte ich
       sofort die fünf Steinhäuser, den kleinen Bach, der durch das
       Dorf fließt, die Bienen, die Nektar von den Blüten sammeln, die
       Bäume, so weit das Auge reicht. Und die Kinder der Umgebung, die
       an der Quelle mit ihren kleinen gelben Kanistern Wasser holen.
       Auf der Türschwelle eines der Häuser erwartete uns eine Dame.
       Von Anfang an spürte ich, wie sie mich musterte. Sie gab mir
       keinen Kuss. Nicht einmal ein Küsschen, nicht mal ein
       Streicheln. Sie war seine Mutter. Meine neue Schwiegermutter.
       Sie war alt und hässlich. Ihre Haut war runzlig wie die einer
       alten Eidechse. Ihr fehlten die beiden Vorderzähne. Alle anderen
       waren von Fäulnis verdorben und von Tabak geschwärzt. Ein
       schwarzgraues Tuch bedeckte ihr Haar. Mit einer Handbewegung
       winkte sie mich herein. Innen war das Haus einfach und kaum
       möbliert. Es besaß vier Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und eine
       winzige Küche. Aufs Klo ging man im Freien, hinter die Büsche.
       Ohne mich zu zieren, verschlang ich den Reis und das Fleisch,
       das seine Schwestern zubereitet hatten. Ich starb beinahe vor
       Hunger. Ich hatte seit unserer Abfahrt aus Sanaa nichts
       gegessen. Nach der Mahlzeit versammelten sich die Großen zu
       einer kath-Sitzung. Schon wieder! Gäste aus der Nachbarschaft
       schlossen sich der Runde an. In einer Ecke zusammengekauert,
       schaute ich ihnen stumm zu. Zu meiner großen Überraschung schien
       sich niemand über mein niedriges Alter zu wundern. Später erfuhr
       ich, dass eine Heirat mit kleinen Mädchen in der Provinz gang
       und gäbe war. Für sie stellte ich also keine besondere Ausnahme
       dar. »Wenn du ein neunjähriges Mädchen heiratest, ist dir eine
       glückliche Ehe sicher«, besagt sogar ein altes
       Stammessprichwort.
       Zwischen den Großen wurde die Unterhaltung immer lebhafter.
       »Das Leben in Sanaa ist sehr teuer geworden«, klagte meine
       Schwägerin.
       »Ab morgen zeige ich der Kleinen, was sie hier für Aufgaben
       hat«, fügte meine Schwiegermutter hinzu, ohne mich direkt beim
       Namen zu nennen. Ȇbrigens hoffe ich, dass sie Geld mitgebracht
       hat.«
       »Die Kinderspiele sind vorbei. Wir zeigen ihr, was eine richtige
       Frau ist!«
       Als mir nach Aufbruch der Gäste bei Sonnenuntergang mein Zimmer
       zugewiesen wurde, erinnere ich mich, wie erleichtert ich war.
       Endlich konnte ich diese braune Tunika abstreifen, die ich seit
       dem Vortag trug und die inzwischen ganz schön stank. Sobald sich
       die Tür hinter mir schloss, stieß ich einen lauten Seufzer aus
       und zog mir sofort ein kurzes rotes Baumwollhemd an, das ich aus
       Sanaa mitgebracht hatte. Es roch nach meinem alten Zuhause,
       einem muffigen Geruch mit leichtem Oud-Duft. Ein vertrauter
       Geruch, der beruhigend wirkte. Auf dem Boden lag eine lange
       Matte. Mein Bett. Daneben eine alte Öllampe als Beleuchtung,
       deren Flammenschein an der Wand flackerte. Ich kam nicht einmal
       dazu, sie zu löschen, so schnell schlief ich ein. Endlich!
       Ich wäre am liebsten nie wieder aufgewacht. Als plötzlich
       polternd die Tür aufging, schreckte ich auf und wunderte mich
       über den starken Wind in dieser Nacht. Kaum hatte ich die Augen
       geöffnet, spürte ich, wie sich ein verschwitzter, haariger
       Körper an mich drückte. Jemand hatte die Lampe ausgeblasen, und
       nun war es stockdunkel. Ich zitterte. Das war er, das Monster!
       Ich erkannte ihn sofort an dem aufdringlichen Zigaretten- und
       kath-Geruch. Er stank! Er roch bestialisch!
       Ohne ein Wort zu sagen, begann er, sich an mir zu reiben.
       »Ich flehe Sie an, lassen Sie mich in Ruhe!«, keuchte ich
       bibbernd.
       »Du bist meine Frau! Von heute an entscheide ich. Wir müssen in
       einem Bett schlafen.«
       Mit einem Satz war ich aufgestanden und wollte fliehen. Aber
       wohin? Ganz egal! Ich musste dieser Falle entrinnen. Er stand
       ebenfalls auf. Im Dunkeln bemerkte ich einen Lichtspalt an der
       angelehnten Tür. Wohl der Glanz der Sterne und des Mondes. Ohne
       eine Sekunde zu zögern, entwischte ich in den Hof. Doch das
       Monster rannte mir hinterher.
       »Hilfe! Hilfe!«, brüllte ich schluchzend.
       Meine Stimme hallte durch die Nacht. Doch es war, als würde ich
       ins Leere rufen. Ich rannte atemlos hin und her. Ich stürzte ins
       erste Zimmer, flitzte jedoch sogleich wieder hinaus, als er
       eintrat. Ich rannte weiter, ohne mich umzudrehen. Ich stolperte
       über etwas, vielleicht eine Glasscherbe, richtete mich wieder
       auf und wollte weiterrennen. Zwei Arme bremsten meinen Lauf,
       umklammerten mich mit ganzer Kraft und schleppten mich zurück
       ins Schlafzimmer, wo sie mich auf die Matte niederdrückten. Ich
       lag wie festgenagelt auf dem Boden, ich war wie gelähmt.
       »Amma! Amma!«, flehte ich, in der vagen Hoffnung auf einen
       Anflug weiblicher Solidarität.
       Keine Antwort. Ich rief erneut:
       »Hilfe! Hilfe!«
       Er zog seine weiße Tunika aus. Ich rollte mich schutzsuchend
       zusammen. Doch er begann, an meinem Nachthemd zu zerren, und
       verlangte, dass ich mich auszog. Dann ließ das Monster seine
       rauhen Hände über meinen Körper gleiten und presste seine Lippen
       auf meine. Er stank widerlich. Eine Mischung aus Tabak und
       Zwiebeln.
       »Gehen Sie! Oder ich sage es meinem Vater!«, stöhnte ich und
       versuchte, mich erneut loszureißen.
       »Du kannst deinem Vater erzählen, was du willst. Er hat einen
       Heiratsvertrag unterschrieben. Er hat mir seine Einwilligung
       gegeben, dass ich dich heirate.«
       »Das dürfen Sie nicht!«
       »Nojoud, du bist meine Frau!«
       »Hilfe! Hilfe!«
       Dann fing er an, höhnisch zu lachen:
       »Hör doch: Du bist meine Frau. Und jetzt musst du tun, was ich
       will! Kapiert?«
       Ich fühlte mich plötzlich wie von einem Orkan erfasst, von einem
       Wirbel in den nächsten gerissen. Der Blitz brach über mich
       herein, und mir fehlte die Kraft, mich zu wehren. Ein
       Donnergrollen. Noch eines und noch eines. Der Himmel fiel mir
       auf den Kopf. Dann erfüllte ein Brennen das Innerste meines
       Körpers. Ein Brennen, das ich nie zuvor empfunden hatte. Sosehr
       ich auch schrie, niemand kam mir zu Hilfe. Es tat weh, sehr weh,
       und ich war ganz allein mit dem Schmerz.
       »Aua!«, stieß ich in einem letzten Seufzer aus.
       Ich glaube, in diesem Augenblick wurde ich halb ohnmächtig.
       #Post#: 1395--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 5:51 am
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       5. Shada
       9. April 2008
       Das Handy ans Ohr gedrückt, geht Shada in der Halle des Gerichts
       auf und ab.
       »Wir müssen alles unternehmen, um Nojoud aus den Klauen ihres
       Mannes zu befreien! Wir müssen die Presse, die Frauenverbände
       einschalten …«, höre ich sie rufen. Dann legt sie auf und kniet
       sich vor mich, um mit mir auf Augenhöhe zu sein.
       »Hab keine Angst, Nojoud, ich helfe dir, dich scheiden zu
       lassen!«
       Noch nie hat mir jemand so viel Beachtung geschenkt.
       Shada Nasser ist Rechtsanwältin. Es heißt, sie sei eine sehr
       wichtige Anwältin, eine der bedeutendsten im Jemen, die sich für
       die Rechte der Frauen einsetzt! Mit aufgerissenen Augen sehe ich
       sie bewundernd an. Schön ist sie, Shada. Und so sanft.Ihre
       Stimme ist etwas schrill, und sie redet schnell, wahrscheinlich,
       weil sie ständig in Eile ist. Ihr Parfum duftet nach
       Jasminblüten. Schon beim ersten Anblick mochte ich sie sehr. Im
       Gegensatz zu den Frauen meiner Familie trägt sie nie einen
       Schleier. Es ist selten im Jemen, dass eine Frau keinen niqab
       trägt. Shada hat einen langen schwarzen Seidenmantel an. Und für
       den Kopf begnügt sie sich mit einem farbigen Tuch. Ihr Teint
       strahlt, und das Rot ihrer Lippen verleiht ihr das Aussehen
       einer eleganten Dame, wie in einem Film. Übrigens wirkt sie mit
       ihrer Sonnenbrille tatsächlich wie ein Filmstar. Welch ein
       Gegensatz zu all den verschleierten Frauen, denen man auf der
       Straße begegnet!
       »Mit mir an deiner Seite hast du nichts zu befürchten«, fügt sie
       hinzu und streicht mir beruhigend über das Gesicht.
       Heute Morgen war sie gleich, als sie mich erkannte, auf mich
       zugekommen. Im Gericht hatte man ihr nach dem Wochenende von mir
       erzählt. Meine Geschichte wühlte sie auf. Sie sagte sofort alle
       weiteren Termine ab. Und der Richter musste ihr versprechen, sie
       zu benachrichtigen, sobald ich zurückkommen würde. Sie wollte
       mich um jeden Preis treffen.
       »Entschuldigung, bist du das Mädchen, das seine Scheidung
       einreichen will?«, fragte sie mich zunächst, als sie auf dem
       Hof, der zum Gericht führt, auf mich zugekommen war.
       »Ja, genau«, antwortete ich.
       »Mein Gott! Komm, das müssen wir unbedingt besprechen.«
       Es ist einiges passiert in den letzten Tagen. Mir dreht sich
       noch alles im Kopf. Das ganze Wochenende über – im Jemen sind
       das der Donnerstag und der Freitag – behandelten mich Richter
       Abdel Wahed und seine Frau mit einer Freundlichkeit, die ich
       nicht erwartet hätte. Sie verwöhnten mich mit Spielsachen,
       leckeren Gerichten, einer heißen Dusche und sogar einem
       Gutenachtkuss vor dem Einschlafen. Wie ihre eigenen Kinder! Im
       Haus durfte ich sogar den Schleier, den verheiratete Frauen
       tragen, abnehmen. Vor meiner Schwiegermutter musste ich ihn
       immer zurechtziehen, sobald er etwas verrutschte. Was für ein
       Glück, keine Stockhiebe fürchten zu müssen, nicht vor Angst zu
       zittern, wenn man schlafen geht, nicht aufzuschrecken, wenn nur
       eine Tür knallt! Doch trotz all dieser Zuwendung waren meine
       Nächte noch sehr unruhig. Jedes Mal, wenn ich einschlafe, habe
       ich den Eindruck, dass mir der Wirbelsturm auflauert und die
       Tür, wenn ich die Augen zu lange schließe, wieder aufgehen kann.
       Und dass das Monster zurückkommt … Wie grässlich! Richter Abdel
       Wahed sagt aber, das sei normal, und es würde noch lange dauern,
       bis ich all dieses Leid vergessen habe.
       Als er mich am Samstagmorgen zum Gericht zurückbringt, fällt mir
       die Rückkehr in die Realität schwer. Um neun Uhr sitzen wir
       schon in seinem Büro, zusammen mit den beiden anderen Richtern,
       Abdo und Mohammad al-Ghazi, die mir freundlich zulächeln, als
       sie mich kommen sehen. Hm, aber leider quält Mohammad al-Ghazi
       ein neues Problem.
       »Nach jemenitischem Recht ist es schwierig, wenn du gegen deinen
       Vater und deinen Mann eine Klage einreichen willst«, sagt er zu
       mir.
       »Und warum?«
       »Das ist ein bisschen kompliziert für ein Mädchen in deinem
       Alter. Es ist schwer zu erklären.«
       Dann zählt er mir mehrere Hindernisse auf. Wie die meisten
       Kinder, die auf dem Dorf geboren werden, habe ich keine Papiere
       und nicht einmal eine Geburtsurkunde. Zudem bin ich zu jung, um
       ein Gerichtsverfahren zu eröffnen. Alles Gründe, die einem
       gelehrten Mann wie Mohammad al-Ghazi sehr konkret erscheinen,
       die mir aber kaum einleuchten. Ich muss mich jedoch damit
       zufriedengeben, die positive Seite der Dinge zu sehen.
       Wenigstens, so sage ich mir, bin ich fürsorglichen Richtern
       begegnet, die bereit sind, mir zu helfen. Schließlich sind sie
       nicht dazu gezwungen, sich um mich zu kümmern. Wie viele andere
       auch hätten sie mein Ansuchen ignorieren und mir raten können,
       nach Hause zu gehen und meine Pflichten als Ehefrau zu erfüllen.
       Denn es war ja tatsächlich ein Vertrag unterschrieben und
       einstimmig von allen Männern meiner Familie gebilligt worden.
       Nach jemenitischer Tradition ist er also gültig.
       »Wie die Dinge stehen«, fährt Mohammad al-Ghazi an seine
       Kollegen gerichtet fort, »müssen wir schnell handeln. Ich
       schlage also vor, dass wir Nojouds Vater und ihren Mann in
       Untersuchungshaft nehmen. Sie sind besser im Gefängnis
       aufgehoben als in Freiheit, wenn wir Nojoud schützen wollen.«
       Gefängnis? Was für eine harte Strafe! Würde mir mein Aba das
       verzeihen? Plötzlich überfallen mich Scham- und Schuldgefühle.
       Und wie beschämend für mich, als sie mich bitten, den Soldaten,
       der sie verhaften soll, zu begleiten, damit er auch die richtige
       Adresse findet! Meine Familie hat mich das ganze Wochenende
       nicht gesehen und nimmt sicher an, dass ich wie mein Bruder
       Fares für immer geflohen bin. Ich möchte mir nicht einmal das
       Gesicht meiner Mutter vorstellen, wenn meine kleinen Brüder und
       Schwestern das Brot für ihr Frühstück verlangen! Zudem erinnere
       ich mich, dass mein Vater kurz vor meiner Flucht krank wurde und
       sogar anfing, Blut zu spucken. Würde er eine Inhaftierung
       überleben? Ich würde mir mein ganzes Leben lang Vorwürfe machen,
       wenn er sterben würde.
       Aber ich habe keine andere Wahl. Wenn die Netten leiden, müssen
       die Bösen bestraft werden, hatte mir Abdo erklärt. Schließlich
       steige ich also in das Auto des Soldaten. Doch als wir vor der
       Haustür ankommen, ist sie von innen zweimal verriegelt. Ich
       fühle mich seltsam erleichtert. Und als der Soldat einige
       Stunden später wieder unser Haus aufsucht, muss ich ihn nicht
       mehr begleiten.
       Noch am selben Abend wird beschlossen, mich an einen sicheren
       Ort zu bringen. Im Jemen gibt es keine Heime für Mädchen wie
       mich. Ich kann ja nicht bei Abdel Wahed Wurzeln schlagen, der
       schon genügend Entgegenkommen gezeigt hat.
       »Wer ist dein Lieblingsonkel?«, fragt mich einer der Richter.
       Mein Lieblingsonkel? Wenn ich es mir recht überlege, fällt mir
       nur Shoyi ein, der Bruder von Omma, ein ehemaliger Soldat der
       jemenitischen Armee, groß und stämmig, inzwischen im Ruhestand,
       und er genießt eine gewisse Autorität in meiner Familie. Er
       wohnt in Beit Boss, einem Viertel weit von uns entfernt, mit
       seinen zwei Frauen und seinen sieben Kindern. Er hat sich zwar
       nicht gegen meine Heirat ausgesprochen, aber er verkörpert so
       etwas wie Ordnung und schlägt wenigstens nicht seine Töchter.
       Shoyi ist nicht sehr gesprächig, was mir gelegen kommt. Er
       vermeidet es, mir zu viele Fragen zu stellen, und lässt mich mit
       meinen Cousins spielen. Abends, vor dem Einschlafen, danke ich
       Allah, dass mir Shoyi meine Dreistigkeit nicht vorwarf und sich
       nicht einmal nach dem Anlass meiner Flucht erkundigte.
       Eigentlich, so sage ich mir, ist ihm diese Geschichte sicher
       genauso unangenehm wie mir.
       Die folgenden vier Tage erscheinen mir lang und eintönig. Ich
       verbringe die meiste Zeit am Gericht und hoffe auf ein Wunder,
       eine unerwartete Lösung. Doch die weiteren Aussichten sind
       leider nicht besonders klar. Die Richter haben mir versprochen,
       ihr Möglichstes zu unternehmen, um meine Scheidung zu erreichen,
       doch sie brauchen Zeit. Schon lustig, seit ich nun täglich in
       diesen Hof komme, der schwarz vor Menschen ist, habe ich mich
       inzwischen an diese Menge gewöhnt, die mich anfangs so
       eingeschüchtert hatte. Ich erkenne schon von weitem am Fuße der
       Treppe die kleinen Tee- und Saftverkäufer. Der Junge mit der
       Waage hat die ganze Zeit damit zu tun, die Besucher zu wiegen,
       die es nicht so eilig haben. Neuerdings lächle ich ihm manchmal
       ermutigend zu, wenn ich ihm begegne. Jedoch wird mir bei jedem
       Besuch am Gericht schwer ums Herz. Wie oft werde ich noch den
       Weg hierher machen müssen, bis wieder ein ganz normales Mädchen
       aus mir wird? Abdo warnte mich, mein Fall sei außergewöhnlich.
       Doch was tun die Richter mit einem außergewöhnlichen Fall? Keine
       Ahnung. Die Antwort meine ich endlich mit Shada gefunden zu
       haben, der schönen Rechtsanwältin mit der Sonnenbrille.
       Als sie mich heute Morgen ansprach, fiel mir ihre Ergriffenheit
       auf, als sie mich ansah und dann rief: »Mein Gott!« Sie warf
       einen Blick auf ihre Uhr und schmiss ihren sichtlich
       vollgepackten Terminplan um. Sogleich rief sie der Reihe nach
       ihre Angehörigen, Freunde und Kollegen an. »Ich muss mich um
       einen wichtigen, um einen sehr wichtigen Fall kümmern«, hörte
       ich sie mehrmals sagen.
       Diese Frau scheint über eine unerschöpfliche Geduld zu verfügen!
       Abdel Wahed hat recht. Sie ist eine beeindruckende
       Rechtsanwältin. Sie muss viel Macht haben. Ihr Handy klingelt
       unaufhörlich. Und all diese Menschen, die ihr über den Weg
       laufen, grüßen sie immer sehr höflich.
       »Nojoud, du bist für mich wie eine Tochter! Ich lasse dich nicht
       im Stich!«, flüstert sie mir ins Ohr.
       So langsam fange ich an, ihr zu glauben. Diese Frau hat keinen
       Grund, zu lügen. Ich fühle mich wohl mit Shada. An ihrer Seite
       habe ich das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Sie findet immer die
       richtigen Worte. Ihre melodische Stimme tröstet mich.
       Sie hat es geschafft, dass ich wieder zuversichtlicher ins Leben
       blicke. Und wenn die Welt um mich herum untergehen sollte, weiß
       ich, dass sie mir beistehen wird. Bei ihr spüre ich zum ersten
       Mal diese mütterliche Zuneigung, die mir meine Mutter nicht
       geben wollte oder vielleicht nicht geben konnte, weil zu viele
       Sorgen auf ihr lasteten.
       Eine Frage jedoch bohrt weiter in mir.
       »Shada?«, wage ich sie schließlich anzusprechen.
       »Ja, Nojoud?«
       »Darf ich Sie etwas fragen?«
       »Natürlich!«
       »Können Sie mir versprechen, dass ich nie wieder zu meinem Mann
       zurückmuss?«
       »Inch’Allah, Nojoud. Ich werde alles unternehmen, um zu
       verhindern, dass er dir noch einmal etwas zuleide tut. Alles
       wird gut. Alles wird gut. Aber …«
       »Aber was?«
       »Du musst stark sein, denn es kann noch dauern.«
       »Wie lange?«
       »Denk jetzt nicht daran. Sag dir, dass das Schlimmste
       überstanden ist. Nämlich, dass du die Kraft für die Flucht
       aufgebracht hast, das war eine Heldentat von dir!«
       Als ich seufze, huscht Shada ein Lächeln über die Lippen, und
       sie tätschelt mir zärtlich den Kopf.
       »Darf ich dir auch eine Frage stellen?«, fährt sie fort.
       »Ja.«
       »Wo hast du den Mut hergenommen, bis zum Gericht zu fliehen?«
       »Den Mut zu fliehen? Ich konnte seine Boshaftigkeit nicht mehr
       ertragen. Ich konnte einfach nicht mehr …«
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       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 5:53 am
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       6. Die Flucht
       In Khardji war das Leben unmöglich geworden. Hin- und
       hergerissen zwischen meinem Schmerz und meinem schlechten
       Gewissen, litt ich im Stillen. Mit wem hätte ich über diese
       ekligen Dinge, die das Monster mir Tag um Tag, Nacht um Nacht
       zumutete, schon reden können? Vom ersten Abend an war mir klar,
       dass nichts mehr sein würde wie zuvor. »Mabrouk! Mabrouk!« –
       Herzlichen Glückwunsch!
       Den Blick auf meinen kleinen nackten Körper geheftet, trommelt
       mir meine Schwiegermutter aufs Gesicht, um mich zu wecken. Ich
       sehe sie vor mir, als wäre es gestern gewesen. Das frühe
       Morgenlicht fällt ins Zimmer. In der Ferne kräht ein Hahn. Über
       ihre Schulter hinweg erkenne ich meine Schwägerin, die uns auf
       der Fahrt begleitet hat. Ich bin noch schweißgebadet. Ich reiße
       die Augen auf und bemerke die Unordnung im Schlafzimmer. Die
       Öllampe ist bis zur Tür gerollt. Mein braunes Kleid liegt auf
       dem Boden wie ein alter Putzlappen. Er ist da, auf der Matte,
       und schläft wie ein Bär. Was für ein walesh – was für ein
       Monster! Und auf dem vollkommen zerknitterten Leinentuch der
       kleine frische Blutfleck.
       »Mabrouk!«, jubelt die Schwägerin.
       Mit hämischem Lächeln beschaut sie sich die rote Spur. Ich bin
       stumm. Wie gelähmt. Meine Schwiegermutter beugt sich zu mir
       nieder und nimmt mich in die Arme wie ein Paket. Warum ist sie
       nicht früher gekommen, als ich ihre Hilfe brauchte? Jetzt ist es
       zu spät. Aber vielleicht ist sie ja seine Mitwisserin und
       billigt, was das Monster mir angetan hat? Sie rammt mir die
       Hände in die Rippen, stößt mit dem Fuß die Tür auf, zieht mich
       ins Badezimmer, einen engen Raum, in dem ein Waschzuber und ein
       Eimer stehen, und beginnt, mich mit Wasser zu bespritzen. Brr,
       ist das kalt!
       »Mabrouk!«, rufen die beiden Frauen im Chor.
       Ihre Worte dröhnen in meinen erschöpften Ohren. Ich fühle mich
       klein, winzig klein. Ich habe die Kontrolle über meinen Körper
       und meine Bewegungen verloren. Außen ist mir kalt, innen aber
       glühe ich. Mir ist, als sei ich besudelt. Ich habe Durst. Ich
       koche vor Wut, aber ich kann sie nicht ausdrücken. Omma, du bist
       zu weit weg, um dich um Hilfe zu rufen. Aba, warum hast du mich
       verheiratet? Warum? Warum mich? Und warum hat mich niemand
       gewarnt, was mir da zustoßen würde? Womit habe ich das verdient?
       Ich will zurück nach Hause!
       Als das Monster an jenem Morgen schließlich aufwachte, drehte
       ich den Kopf zur Seite, um seinem Blick nicht begegnen zu
       müssen. Er gab einen lauten Seufzer von sich, frühstückte und
       verschwand für den ganzen Tag. In einer Ecke zusammengekauert,
       bat ich Allah den Allmächtigen, er möge kommen und mich retten.
       Mir tat alles weh. Die Vorstellung, mein Leben an der Seite
       dieses Monsters verbringen zu müssen, ergriff mich mit
       Entsetzen. Eine Falle, ich war in eine Falle geraten, und es gab
       kein Entkommen. Wie konnte es sein, dass mein Leben so plötzlich
       zu einem Alptraum wurde?
       Ich musste mich schnell den neuen Regeln anpassen. Ich durfte
       nicht aus dem Haus, durfte kein Wasser an der Quelle holen,
       durfte mich nicht beklagen, durfte nicht »nein« sagen. Und an
       Schule war nicht einmal zu denken. Wie gern hätte ich mich auf
       eine Schulbank gesetzt, der Lehrerin zugehört, wie sie uns neue
       Geschichten beibringt, und dann meinen Namen mit weißer Kreide
       an die schwarze Tafel geschrieben.
       Khardji, mein Heimatdorf, war mir fremd geworden. Zu Hause
       musste ich tagsüber von nun an die Anweisungen meiner
       Schwiegermutter befolgen: Gemüse schneiden, die Hühner füttern,
       den Tee für vorbeikommende Gäste zubereiten, den Boden
       aufwischen, das Geschirr spülen. Sosehr ich mich auch abmühte,
       die vor schwarzem Fett strotzenden Töpfe zu schrubben, es war
       mir unmöglich, ihre ursprüngliche Farbe wieder freizulegen. Die
       Geschirrtücher waren gräulich und stanken. Immer schwirrten
       Fliegen um mich. Wenn ich eine Pause machte, zog mir meine
       Schwiegermutter mit fettigen Händen an den Haaren. Schließlich
       wurde ich genauso klebrig wie die Küche, und unter den
       Fingernägeln war ich ganz schwarz.
       Eines Morgens bat ich sie um Erlaubnis, mit den Kindern meines
       Alters spielen zu dürfen.
       »Du bist hier nicht im Urlaub«, entgegnete sie.
       »Bitte! Nur ein paar Minuten.«
       »Kommt nicht in Frage! Eine verheiratete Frau kann sich nicht
       erlauben, mit jedem Dahergelaufenen Umgang zu haben. Es hätte
       gerade noch gefehlt, dass du uns in Verruf bringst. Wir sind
       hier nicht in der Hauptstadt! In Khardji weiß jeder, sieht
       jeder, hört jeder sofort alles. Ich kann dir nur empfehlen,
       vorsichtig zu sein. Vergiss auf keinen Fall, was ich dir gesagt
       habe, klar? Sonst werde ich es direkt deinem Mann melden.«
       Das Monster brach morgens auf und kam erst kurz vor
       Sonnenuntergang zurück. Dann ließ er sich seine Mahlzeit auf dem
       sofrah servieren, aber er half nie beim Abräumen. Wenn ich
       hörte, dass er kam, spürte ich die immergleiche Furcht in meinem
       Herzen.
       Wenn es dunkel wurde, wusste ich, dass es wieder losgehen würde.
       Wieder und wieder. Dieselben Schikanen. Derselbe Schmerz.
       Dieselbe Verzweiflung. Die zuknallende Tür, die Öllampe, die
       über den Boden rollt, die zerknitterten Leinentücher. Ya beint!
       – Hey, Mädchen! – rief er mir brutal zu, bevor er sich auf mich
       stürzte. Er nannte mich nie beim Vornamen.
       Ab dem dritten Tag begann er, mich zu schlagen. Er konnte es
       nicht ertragen, dass ich es wagte, mich gegen ihn aufzulehnen.
       Als ich versuchte, ihn davon abzuhalten, sich neben mich auf die
       Matte zu legen, wenn das Licht erloschen war, fing er an, auf
       mich einzuprügeln. Zuerst mit den Händen. Dann mit einem Stock.
       Der Donner, der Blitz, wieder und wieder. Seine Mutter
       ermunterte ihn noch.
       »Schlag fester zu! Sie soll auf dich hören! Sie ist deine
       Frau!«, hämmerte sie ihm mit ihrer rauhen Stimme ein, als er
       sich über mich beklagte.
       »Ya beint!«, schrie er noch lauter und rannte mir hinterher.
       »Das dürfen Sie nicht!«, stöhnte ich.
       »Du gehst mir auf die Nerven mit deinem Gejammer. Ich habe dich
       nicht geheiratet, um mir dein andauerndes Geheule anzuhören!«,
       brüllte er dann und bleckte seine riesigen gelblichen Zähne.
       Es tat mir weh, dass er in diesem Ton mit mir sprach. Er machte
       mich vor allen lächerlich. Er war verächtlich. Ich lebte in der
       ständigen Angst vor neuen Stockhieben und Ohrfeigen. Es kam
       sogar vor, dass er mir Fausthiebe gab. Täglich tauchten neue
       blaue Flecken auf meinem Rücken, neue Blutergüsse an meinen
       Armen auf. Und dieses kneifende Brennen im Bauch. Mein ganzer
       Körper fühlte sich dreckig an. Wenn die Nachbarinnen zu meiner
       Schwiegermutter zu Besuch kamen, hörte ich, wie sie miteinander
       tuschelten und zuweilen auf mich deuteten. Was erzählten sie
       sich wohl?
       Sobald ich konnte, verkroch ich mich verloren und hilflos in
       eine Ecke. Ich klapperte mit den Zähnen und dachte an die Nacht,
       die mir bevorstand. Ich war allein, ganz allein. Ich konnte mich
       niemandem anvertrauen, mit niemandem reden. Ich hasste dieses
       Monster! Ich hasste sie zutiefst! Sie widerten mich alle an!
       Mussten alle verheirateten Mädchen dieselben Qualen durchmachen?
       Oder war ich die Einzige, die diese Folter über sich ergehen
       lassen musste? Ich empfand nichts für diesen Fremden. Empfanden
       meine Eltern etwas füreinander? Erst durch ihn begriff ich den
       wahren Sinn des Wortes »Grausamkeit«.
       So vergingen Tage und Nächte. Zehn, zwanzig, dreißig? Ich weiß
       nicht mehr genau. Abends brauchte ich immer länger zum
       Einschlafen. Nachts, immer wenn er kam und seine ekligen Dinge
       mit mir machte, konnte ich danach keinen Schlaf mehr finden.
       Tagsüber dämmerte ich vor mich hin. Verloren. Zerschlagen.
       Nichts zu machen, ich verlor allmählich das Zeitgefühl. Ich
       vermisste Sanaa. Die Schule vermisste ich auch. Und meine Brüder
       und Schwestern: Abdos ewige Akrobatenkunststücke, Morads dumme
       Späße, Monas Scherze, wenn sie einen guten Tag hatte, die
       Abzählverse der kleinen Rawdha. Ich dachte immer öfter an Haïfa
       und hoffte, dass man sie nicht auch noch verheiraten würde. Im
       Laufe der Zeit begann ich sogar, ihre Gesichtszüge zu vergessen.
       Mir fiel es schwer, mich an die Farbe ihrer Haut, die Form ihrer
       Nase, die Einkerbung ihrer Grübchen zu erinnern. Ich musste
       unbedingt bald wieder zurück, um sie zu sehen!
       Jeden Morgen schluchzte ich und flehte, man möge mich zu meinen
       Eltern zurückschicken. Ich hatte keine Möglichkeit, sie
       anzurufen. In Khardji gab es keinen elektrischen Strom. Telefon
       schon gar nicht. Hier sah man kein Flugzeug am Himmel
       vorbeiziehen, gab es keine Busse, keine Autos. Ich hätte ihnen
       einen Brief schicken können, doch abgesehen von meinem Vornamen
       und einigen ganz einfachen Wörtern konnte ich nicht viel
       schreiben. Ich musste also nach Sanaa zurückfahren. Um jeden
       Preis. Ich wollte nach Sanaa zurück!
       Sollte ich fortlaufen? Ich hatte schon öfter daran gedacht. Aber
       wohin? Im Dorf kannte ich niemanden. Da war es schwierig für
       mich, bei jemandem Zuflucht zu suchen oder einen Durchreisenden
       anzuflehen, mich auf seinem Esel mitzunehmen und zu retten.
       Khardji, mein Heimatdorf, hatte sich in ein Gefängnis
       verwandelt.
       Eines Morgens hatte er es satt, mein Weinen anzuhören, und
       teilte mir mit, er würde mir einen Besuch bei meinen Eltern
       erlauben. Endlich! Er würde mich begleiten und bei seinem Bruder
       auf mich warten. Aber danach, und darauf bestand er
       ausdrücklich, würden wir hierher zurückkehren. Ich packte hastig
       meine Sachen zusammen, damit er es sich nicht noch einmal anders
       überlegte.
       Die Rückfahrt erschien mir schneller als der Hinweg. Doch jedes
       Mal, wenn ich einnickte, stellten sich dieselben alptraumhaften
       Bilder ein: der Blutfleck auf dem Leinentuch, das Gesicht meiner
       Schwiegermutter, die sich über mich beugt, der Eimer Wasser.
       Plötzlich fuhr ich aus dem Schlaf hoch. Nein! Ich würde nie
       wieder zurückgehen. Ich würde nie wieder zurückgehen. Niemals!
       Khardji, das Ende der Welt. Ich wollte dieses Dorf nie wieder
       betreten!
       »Es kommt nicht in Frage, dass du deinen Mann verlässt!«
       Die Reaktion meines Vaters nach meiner Ankunft in Sanaa war
       unerwartet. Und eindeutig. Sie bereitete der Wiedersehensfreude
       ein rasches Ende. Meine Mutter sagte zunächst kein Wort.
       Schließlich fiel ihr nichts anderes ein, als mit zum Himmel
       erhobenen Händen zu murmeln:
       »So ist das Leben, Nojoud. Alle Frauen müssen da durch. Wir
       haben alle das Gleiche erlebt.«
       Aber warum hatte sie mir nie etwas gesagt? Warum hatte sie mich
       nicht gewarnt? Jetzt, da die Heirat besiegelt war, saß ich in
       der Falle, es war mir unmöglich, alles rückgängig zu machen. Ich
       konnte meinen Eltern noch so viel erzählen über die nächtlichen
       Schmerzen, die Prügel, das Brennen und all die persönlichen und
       grauenvollen Dinge, von denen zu reden ich mich schämte: Sie
       erklärten mir, dass es meine Pflicht sei, mit diesem Monster zu
       leben.
       »Ich liebe ihn nicht! Er tut mir weh. Er zwingt mich,
       unangenehme Dinge zu tun, die mir nicht gefallen. Er ist nicht
       nett zu mir!«, erwiderte ich beharrlich.
       »Nojoud, du bist jetzt eine verheiratete Frau. Du musst bei
       deinem Mann bleiben«, herrschte mein Vater mich an.
       »Nein, ich will nicht! Ich will zurück nach Hause!«
       »Unmöglich!«, ging er dazwischen.
       »Nein! Bitte. Bitte!«
       »Es ist eine Frage des sharaf, hörst du?«
       »Aber …«
       »Du hast zu tun, was ich dir sage!«
       »Aba, ich …«
       »Wenn du dich von deinem Mann scheiden lässt, werden mich meine
       Brüder und Cousins umbringen! Die Ehre geht über alles. Die
       Ehre! Hast du verstanden?«
       Nein, ich hatte nicht verstanden, und ich konnte es nicht
       verstehen. Nicht nur hatte das Monster mir weh getan, sondern
       nun verteidigte meine Familie, meine eigene Familie ihn auch
       noch. Und zwar nur wegen der … der … Weswegen noch mal? Wegen
       der Ehre. Was sollte das eigentlich heißen, dieses Wort, das sie
       andauernd gebrauchten? Ich war ratlos.
       Haïfa, die Augen weit aufgerissen, verstand noch weniger als
       ich, was da gerade mit mir geschah. Als sie sah, dass ich in
       Tränen ausbrach, schob sie ihre Hand in meine. Das war ihre Art,
       mir zu sagen, dass sie auf meiner Seite war. Plötzlich durchfuhr
       mich wieder die grässliche Vorstellung: Was, wenn sie vorhatten,
       auch sie zu verheiraten? Haïfa, meine kleine Schwester, meine
       süße kleine Schwester. Hoffentlich würde sie das Glück haben,
       von diesem Alptraum verschont zu bleiben …
       Mona setzte mehrmals dazu an, für mich einzutreten. Doch ihre
       Schüchternheit siegte. Wer hätte sie auch schon angehört? Hier
       sind es immer die Großen und unter ihnen die Männer, die das
       letzte Wort haben. Arme Mona. Mir wurde klar, dass ich, um aus
       alldem herauszukommen, nur auf mich selbst zählen konnte.
       Die Zeit drängte. Ich musste unbedingt eine Lösung finden, bevor
       das Monster mich wieder abholen kam. Mir war es gelungen, ihm
       die Erlaubnis abzuringen, noch etwas länger bei meinen Eltern zu
       bleiben. Doch ich drehte mich im Kreis, und es zeichnete sich
       kein wirklicher Ausweg aus meiner Notlage ab. »Nojoud muss bei
       ihrem Mann bleiben«, wiederholte mein Vater immer wieder. Sobald
       Aba einmal nicht in der Nähe war, sprach ich meine Mutter wieder
       darauf an. Sie begann zu weinen. Sie sagte mir, sie vermisse
       mich, aber sie könne nichts tun, um mich aus meiner Not zu
       befreien.
       Meine Befürchtungen erwiesen sich als berechtigt. Schon am
       nächsten Tag kam das Monster bei uns vorbei und erinnerte mich
       an meine ehelichen Pflichten. Ich versuchte, mich zu wehren.
       Vergeblich. Da ich nicht lockerließ, wurde schließlich ein
       scheinbarer Kompromiss gefunden. Er akzeptierte, dass ich noch
       ein paar Wochen in Sanaa blieb, jedoch, da er mir nicht
       vertraute, nur unter der Bedingung, mit ihm mitzukommen und
       vorübergehend bei seinem Onkel zu wohnen. Doch über einen Monat
       lang wurde die Hölle nur noch schlimmer.
       »Wann hörst du endlich auf, ständig zu flennen? Das geht mir auf
       die Nerven!«, schimpfte er eines Tages mit rasendem Blick und
       drohender Faust.
       »Wenn du mich nach Hause zu meinen Eltern lässt!«, antwortete
       ich hilflos und vergrub das Gesicht in meinen Händen.
       Ob meiner Hartnäckigkeit gewährte er mir erneut eine Atempause.
       »Aber das ist das letzte Mal«, warnte er mich.
       #Post#: 1397--------------------------------------------------
       Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" 
   DIR By: KarlMartell
       Date: April 14, 2013, 5:53 am
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       Als ich wieder bei meinen Eltern war, wurde mir klar, dass mir
       nicht viel Zeit blieb, um etwas zu unternehmen, falls ich diesen
       Mann loswerden und dem Alptraum entgehen wollte, nach Khardji
       zurückkehren zu müssen. Fünf Tage vergingen. Fünf schwierige
       Tage, an denen ich ständig das Gefühl hatte, gegen eine Wand zu
       reden. Weder mein Vater noch meine Brüder oder Onkel waren
       bereit, mich anzuhören.
       Ich wollte nichts unversucht lassen, in der Hoffnung, auf ein
       offenes Ohr zu stoßen, und so landete ich schließlich bei Dowla,
       der zweiten Frau meines Vaters. Sie wohnte mit ihren fünf
       Kindern in einer winzigen Wohnung im ersten Stock eines
       verwahrlosten Mietshauses in einer Sackgasse, direkt gegenüber
       von unserer Straße. Von der Angst getrieben, wieder nach Khardji
       zurückgeschickt zu werden, stieg ich die Treppe hoch und kniff
       mir die Nase zu, um nicht den Modergeruch einatmen zu müssen,
       der sich mit dem Gestank vom Müll und vom Kot der
       Gemeinschaftstoiletten vermischte. In ihrem langen, rotschwarzen
       Kleid öffnete mir Dowla mit einem breiten Lächeln die Tür.
       »Ya Nojoud! So eine Überraschung, dich hier zu sehen. Herzlich
       willkommen!«, sagte sie und winkte mich herein.
       Ich mochte Dowla. Sie hatte dunkle Haut und lange Haare, die sie
       zu Zöpfen flocht. Sie war groß, schlank und schöner als Omma.
       Dowla schimpfte nie mit mir. Sie war die Geduld in Person,
       obwohl die Arme vom Leben nicht gerade verwöhnt worden war. Sie
       war spät, erst mit zwanzig, verheiratet worden. Mein Vater hatte
       sie vollkommen vernachlässigt, und so hatte sie gelernt, nur auf
       sich selbst zu zählen.
       Ihr Ältester, Yahya, acht Jahre, war von Geburt an behindert,
       konnte nicht laufen und benötigte besonders viel Aufmerksamkeit.
       Bisweilen erlitt sie Nervenkrisen, die mehrere Stunden
       andauerten. Obwohl sie so arm war, dass sie betteln gehen
       musste, um ihre 8000 Rial Miete zu bezahlen und für ihre Kinder
       Brot zu kaufen, besaß Dowla einen unheimlichen Großmut.
       Sie bot mir einen Platz auf dem großen Bett aus Stroh an, das
       den halben Raum ausfüllte, direkt neben dem kleinen Kocher, auf
       dem sie Wasser heiß machte. Meistens ersetzte Tee die Milch im
       Fläschchen ihrer Kleinen. Die mit Haken an der Wand angebrachten
       Plastiktüten, die ihr als Vorratsschrank dienten, waren spärlich
       gefüllt.
       »Nojoud«, sagte sie, »du machst mir aber eine besorgte Miene.«
       Ich wusste, dass sie zu den wenigen Familienmitgliedern gehörte,
       die sich gegen meine Heirat ausgesprochen hatten, doch hatte ihr
       niemand Gehör geschenkt. Sie, mit der das Leben es nie gut
       gemeint hatte, empfand von jeher eine Zuneigung zu denen, die
       noch bedürftiger waren als sie. An ihrer Seite fühlte ich mich
       ganz unbefangen. Ich wusste, dass ich ihr alles erzählen konnte.
       »Ich habe dir eine Menge zu erzählen«, erwiderte ich und
       schüttete ihr mein Herz aus.
       Sie runzelte die Stirn und hörte sich meine Geschichte an. Sie
       schien zutiefst verärgert. Nachdenklich wandte sie sich zum
       Kocher. Dann schüttete sie den brühend heißen Tee in die einzige
       Tasse in der Wohnung, die Yahya noch nicht zerbrochen hatte. Sie
       hielt sie mir hin und rückte an mich heran, um mir direkt in die
       Augen zu schauen.
       »Nojoud …«, flüsterte sie. »Wenn dich niemand anhören will, dann
       geh doch einfach zum Gericht!«
       »Wohin?«
       »Zum Gericht!«
       Zum Gericht? … Aber ja, zum Gericht! Blitzartig schossen mir
       Bilderfetzen durch den Kopf. Bilder von Richtern mit Turban, von
       Anwälten, die es immer eilig haben, von Männern in weißer Tunika
       und verschleierten Frauen, die hier ihre komplizierten
       Familien-, Diebstahls- und Erbschaftsgeschichten vorbrachten.
       Klar, jetzt erinnerte ich mich wieder an das Gericht. Ich hatte
       schon mal eines im Fernsehen gesehen. Das war in der Serie, die
       ich mir mit Haïfa immer bei den Nachbarn anschaute. Die
       Schauspieler sprachen ein anderes Arabisch als im Jemen. Ihrem
       Akzent nach, so erinnerte ich mich vage, musste es eine Serie
       aus Kuwait sein. Der große Saal, in dem die Kläger der Reihe
       nach antraten, hatte weiße Wände, und gegenüber vom Richterstuhl
       standen mehrere Reihen brauner Holzbänke. Dann sah man die
       Verbrecher in einem Bus mit vergitterten Fenstern vorfahren.
       »Das Gericht …«, fuhr Dowla fort. »Soviel ich weiß, ist das der
       einzige Ort, an dem man dich anhören wird. Sag, dass du zu einem
       Richter willst. Schließlich vertritt er die Regierung! Er hat
       viel Macht. Er ist wie ein Pate für uns alle. Es ist seine
       Aufgabe, Opfern zu helfen.«
       Dowla hatte mich überzeugt. Von diesem Moment an wurde alles
       viel klarer in meinem Kopf. Wenn mir meine Eltern nicht helfen
       wollten, so beschloss ich, würde ich es eben alleine
       durchziehen. Ich hätte jeden Berg erklommen, nur um nicht wieder
       auf dieser Matte liegen zu müssen, ganz allein neben diesem
       Monster. Ich drückte Dowla ganz fest und dankte ihr.
       »Nojoud?«
       »Ja?«
       »Hier, nimm! Du wirst es gebrauchen können.«
       Sie drückte mir 200 Rial in die Hand. Das waren ihre gesamten
       spärlichen Einkünfte, die sie sich am Morgen an ihrer Kreuzung
       erbettelt hatte.
       »Danke, Dowla. Danke!«
       Am nächsten Morgen wachte ich besser gelaunt auf als sonst.
       Übrigens wunderte ich mich selbst über meine neue geistige
       Verfassung. Wie jeden Morgen wusch ich mir das Gesicht. Ich
       sprach mein Gebet. Ich zündete den kleinen Ofen an, um Teewasser
       aufzusetzen. Dann wartete ich, ungeduldig und nervös meine Hände
       knetend, bis meine Mutter aufstand. »Nojoud«, sagte meine
       zaghafte innere Stimme zu mir, »streng dich an, möglichst
       natürlich zu bleiben, damit deine Verwandten keinen Verdacht
       schöpfen.«
       Als Omma kurz darauf die Augen aufschlug und den rechten Zipfel
       ihres schwarzen Kopftuchs aufknotete, in dem sie für gewöhnlich
       ihre Geldstücke versteckte, begriff ich erleichtert, dass mein
       Vorhaben vielleicht doch Chancen hatte, sich zu erfüllen. Wenn
       sie nur wüsste.
       »Nojoud«, sagte sie und hielt mir 150 Rial hin, »geh Brot kaufen
       fürs Frühstück.«
       »Ja, Omma«, antwortete ich folgsam.
       Ich nahm das Geld. Ich zog meinen Mantel an und legte mein
       schwarzes Kopftuch um, das ich als verheiratete Frau zu tragen
       hatte. Ich schloss sorgfältig die Tür hinter mir. Die Gassen der
       Umgebung waren noch ziemlich leer. Ich bog in die erste Straße
       nach rechts ein, die zu unserer Bäckerei führte, wo das frische
       Brot zart knusprig aus dem althergebrachten Ofen kommt. Ich
       spitzte die Ohren und vernahm in der Ferne den Singsang des
       Gasflaschen-Verkäufers. Er klapperte täglich das Viertel auf
       seinem Fahrrad ab, hinter dem er seinen Karren herzog.
       Je näher ich der Bäckerei kam, desto intensiver stieg mir der
       Duft der ofenwarmen khobz-Brotfladen in die Nase. Ich bemerkte
       schließlich sogar die Umrisse mehrerer Frauen aus dem Viertel,
       die bereits vor dem tandour anstanden. Doch in letzter Minute
       änderte ich die Richtung und schlug den Weg zur Hauptstraße des
       Viertels ein. Das Gericht, hatte Dowla zu mir gesagt, geh doch
       einfach zum Gericht.
       Als ich mich auf der breiten Straße befand, packte mich
       plötzlich die Angst, erkannt zu werden. Was, wenn einer meiner
       Onkel hier entlangging? Innerlich erschauerte ich. Um mich vor
       den Blicken der Passanten zu schützen, zog ich mir die Zipfel
       meines Schleiers fast über das ganze Gesicht, so dass nur noch
       meine Augen zu sehen waren. Ausnahmsweise war mir der niqab, den
       ich seit Khardji nicht mehr anlegen wollte, auch einmal
       nützlich. Ich vermied, mich umzudrehen, aus Angst, mir könne
       jemand folgen. Vor mir wartete eine Busschlange am Gehsteig. Vor
       dem Laden, der Plastikbälle verkauft, erkannte ich den
       gelbweißen Minibus mit den sechs Sitzplätzen, der täglich im
       Viertel hält und die Fahrgäste ins Zentrum bringt, unweit des
       Tahrir-Platzes. »Los, wenn du dich scheiden lassen willst, dann
       musst du dich jetzt trauen!«, ermutigte mich meine zaghafte
       innere Stimme. Ich stellte mich zu den anderen in die Reihe.
       Alle Kinder in meinem Alter waren in Begleitung ihrer Eltern.
       Ich war das einzige Mädchen, das alleine wartete. Ich schaute zu
       Boden, damit mir niemand eine Frage stellte. Ich fühlte mich
       beobachtet. Ich fürchtete, jemand könnte erraten, was ich
       vorhatte. Ich hatte das schreckliche Gefühl, dass man es mir von
       der Stirn ablesen konnte.
       Der Fahrer stieg von seinem Sitz, um die Tür zu öffnen, indem er
       sie seitlich aufschob. Plötzlich gab es eine Drängelei, und
       mehrere Frauen stießen sich mit dem Ellbogen, um im Bus einen
       Sitz zu ergattern. Ich ließ mich sofort von der Bewegung
       mitreißen und dachte nur an das eine: so schnell wie möglich aus
       meinem Viertel zu verschwinden, bevor meine Eltern die Polizei
       alarmierten. Ich setzte mich hinten auf die Rückbank, zwischen
       eine alte und eine jüngere Dame, beide von Kopf bis Fuß
       verschleiert. Einquetscht zwischen ihre beleibten Körper, wollte
       ich so vermeiden, dass man mich von der Straße aus durch das
       Fenster erkannte. Ich musste so unauffällig wie möglich bleiben.
       Zum Glück stellte mir keine der beiden irgendwelche Fragen.
       Erst in dem Augenblick, als der Motor zu brummen anfing, fühlte
       ich, wie mein Herz heftig klopfte. Ich dachte plötzlich wieder
       an meinen Bruder Fares, an den Mut, den er vier Jahre zuvor
       gehabt hatte, von zu Hause zu flüchten. Er hatte es geschafft,
       warum sollte es mir nicht auch gelingen? Aber war mir wirklich
       klar, was ich da unternahm? Was hätte mein Vater gesagt, wenn er
       seine Tochter allein in einen öffentlichen Bus hätte steigen
       sehen? War ich gerade dabei, seine Ehre mit den Füßen zu treten,
       wie er zu sagen pflegte?
       Die Tür wurde geschlossen. Zu spät, um es sich anders zu
       überlegen. Durch das Fenster sah ich die Stadt an mir
       vorbeiziehen: die Autos, die sich im morgendlichen Stau
       drängten, die Baustellen, die schwarz verschleierten Frauen, die
       fliegenden Händler mit den Jasminsträußchen, Kaugummipäckchen
       und Papiertaschentüchern in den Händen. Sanaa war so groß und
       voller Menschen! Doch hätte man mich wählen lassen zwischen dem
       staubigen Gewirr der Hauptstadt und der Abgeschiedenheit
       Khardjis, da wäre mir Sanaa lieber gewesen. Tausend Mal lieber!
       »Endstation!«, rief der Fahrer.
       Endlich, wir waren da! Sobald die Tür aufgeschoben wurde,
       erfüllte der Lärm der Straße den Minibus. Die Fahrgäste stiegen
       hastig aus. Ich tat es ihnen nach, folgte ihnen und streckte dem
       Fahrer mit zitternder Hand ein paar Geldstücke für die Fahrt
       entgegen. Das Problem war, dass ich keine Ahnung hatte, wo sich
       das Gericht befand. Und ich traute mich nicht, meine
       Mitreisenden zu fragen. Die aufsteigende Furcht lähmte mich. Ich
       hatte Angst, mich zu verirren. Ich schaute nach rechts, dann
       nach links. An der roten Ampel, die nicht mehr funktionierte,
       mühte sich ein Polizist ab, so etwas wie Ordnung inmitten der
       dröhnenden Autos zu bewahren, die einander mit Dauerhupen in
       allen Richtungen überholten. Ich blinzelte, geblendet von den
       Strahlen der starken Morgensonne, die den blauen Himmel
       durchdrangen. Unmöglich, unter diesen Bedingungen die Straße zu
       überqueren. Ich wäre nicht lebend davongekommen. An einen
       Pfosten gelehnt, versuchte ich, mich wieder zu fassen, als mein
       Blick schließlich auf ein gelbes Auto fiel. Gerettet!
       Es war eines der vielen Taxis, die von früh bis spät und von
       spät bis früh die Stadt durchquerten. Sobald ein Junge im Jemen
       groß genug ist und mit dem Fuß ans Gaspedal reicht, kauft ihm
       sein Vater einen Führerschein, in der Hoffnung, dass er damit
       eine kleine Anstellung als Fahrer bekommt und so die Familie
       miternährt. Ein solches Taxi hatte ich schon einmal genommen,
       als ich mit Mona nach Bab al-Yemen fuhr. Ich sagte mir, dass der
       Fahrer alle Adressen in Sanaa in- und auswendig kennen müsste.
       Ich hob die Hand, um ihn anzuhalten. Ein kleines Mädchen allein
       in einem Taxi, das gehört sich nicht. Aber in meiner Lage war
       mir das Gerede der Leute nun wirklich vollkommen egal.
       »Ich will zum Gericht!«, sagte ich dem Fahrer nur, der mich
       erstaunt musterte.
       Auf meinem Rücksitz sagte ich während der ganzen Fahrt kein
       Wort. Der Fahrer mit seiner vor kath geschwollenen Wange hätte
       sich nicht im Traum vorstellen können, wie dankbar ich ihm war,
       dass er mir keine Fragen stellte. Er war, ohne es zu wissen,
       mein stiller Komplize auf meiner Flucht. Ich hielt mir den
       rechten Arm auf den Bauch, versuchte unauffällig, schön
       gleichmäßig durchzuatmen, und schloss dabei leicht die Augen.
       »Da sind wir!«
       Mit einer Vollbremsung hielt er vor dem Gitter eines Hofes, der
       zu einem imposanten Gebäude gehörte. Das Gericht! Ein
       Verkehrspolizist gab ihm sofort ein Zeichen, er solle
       weiterfahren, weil er den Verkehr blockierte. Ich stieg eilig
       aus und gab ihm mein gesamtes Kleingeld. Als ich draußen stand,
       spürte ich plötzlich einen irrsinnigen Wagemut in mir
       aufsteigen. Zwar fühlte ich mich benommen und beklommen, aber
       voller Wagemut. So Allah wollte, würde mein Leben nun eine neue
       Richtung einschlagen.
       *****************************************************
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