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#Post#: 1178--------------------------------------------------
Rostock 1992
DIR By: KarlMartell
Date: March 21, 2013, 12:19 pm
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Ein Tag, den man sein Lebtag nicht vergisst, wenn man dabeiwar.
Titel futsch - aber «Lebbe geht weider»
1992: Fotofinish zu Dritt um die Meisterschale, Teil 1 -
Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund sind die großen
Verlierer. Während die Hessen in Rostock straucheln, wird der
BVB punktgleich mit dem VfB Stuttgart nur Vizemeister. Die
Eintracht-Legenden Axel Kruse und Dragoslav «Stepi» Stepanovic
exklusiv bei arcor.de über verpasste Chancen und einen
historischen Tag.
16. Mai 1992. Gegen 17.15 Uhr geht eine Durchsage über die
Lautsprecher des Rostocker Ostseestadions, die wenig später wie
Hohn klingt. «Wenn es in Rostock eine Meisterehrung geben
sollte, bleiben Sie bitte auf den Rängen», so die Order des
Stadionsprechers. Dazu kommt es nicht. Niemand jubelt. Tausende
von mitgereisten Fans des Titelfavoriten Eintracht Frankfurt
verharren nach dem Schlusspfiff wie gelähmt auf den Rängen. Auch
die Anhänger des Bundesliga-Neulings FC Hansa Rostock trauern:
ihr Team ist abgestiegen. Konkurrent Wattenscheid 09 hat
Borussia Mönchengladbach nach 0:2 noch 3:2 geschlagen. Doch das
Schicksal der tapferen Rostocker verkommt an diesem legendären
Bundesliga-Samstag zur Randnotiz.
Frankfurt, VfB, BVB: der ultimative Titel-Krimi
Bei sommerlicher Hitze mit bis zu 30 Grad spielt sich in den
Stadien von Duisburg, Leverkusen und Rostock ein Titeldrama ab,
wie es die Liga noch nicht erlebt hat. Das «Fotofinish zu Dritt»
mit Eintracht Frankfurt, dem VfB Stuttgart und Borussia Dortmund
- in dieser Reihenfolge gehen die Teams mit jeweils 50:24
Zählern in den 38. Spieltag - schreibt Geschichte. Die
Frankfurter Allgemeine Zeitung am 15. Mai 2012: «Es gibt Tage,
da spürt man auch zwanzig Jahre später noch das Gefühl im Bauch,
das man damals hatte. Große Tage. Traurige Tage. Rostock! Ein
Wort reicht, und alles ist wieder da.»
Die Frage «Wer wird Deutscher Meister?» - nie war sie heißer als
in der Saison der sportlichen Wiedervereinigung und der Aufnahme
der ehemaligen DDR-Klubs Dynamo Dresden und Hansa Rostock. In
einer ZDF-Umfrage unter den Trainern und Kapitänen der 20
Vereine nach dem 37. Spieltag sehen 13 Übungsleiter und 15
Spielführer Eintracht Frankfurt am Ende vorn. Sieben glauben an
den BVB, nur drei an den VfB Stuttgart. Der BVB spielt beim MSV
Duisburg - ein Heimspiel für 20.000 schwarzgelbe Anhänger im
Wedaustadion. Stuttgart tritt in Leverkusen an, Eintracht
Frankfurt reist nach Rostock.
Der FC Hansa hat den Liga-Erhalt - wie der MSV - nicht mehr in
der eigenen Hand. Hansa-Stürmer Florian Weichert bei arcor.de:
«Die Frankfurter waren von der Einstellung her am schlimmsten
dran, weil sie gegen ein Team spielten, das schon fast
abgestiegen war. Die Party in Frankfurt war vorbereitet, das hat
uns zusätzlich motiviert.» Dass die Rostocker das mit jeder
Faser wollen, spürt man an der Ostsee in jeder Spielphase gegen
den haushohen Favoriten aus Frankfurt mit seinen Stars Uli Stein
(37), Uwe Bein (31), Andreas Möller (24) und Anthony Yeboah
(25). Sie stehen in Frankfurt für den «Fußball 2000»
Nervenschlacht in Rostock
Eintracht-Stürmer Axel Kruse (damals 24) im Rückblick bei
arcor.de: «Die Chance, den Titel zu holen, war in Frankfurt nie
größer. Vom Potenzial her hätten wir Meister werden müssen, ganz
klar.» Torwartlegende Uli Stein dazu in einer WDR-Dokumentation
(2003): «Man war auf dem Weg, Bayern München Paroli zu bieten,
wäre mit einem Titelgewinn in der Champions League gewesen.»
Doch die Mannschaft des serbischen Kult-Trainers Dragoslav
«Stepi» Stepanovic (43) ruft in Rostock ihr großes Können nicht
ab, zeigt Nerven. Nur «Stepi» bleibt cool. Mit getönter Brille,
Anzug und Zigarillo dirigiert er am Spielfeldrand. «Ich war
ziemlich ruhig», erinnert sich Stepanovic bei arcor.de. «Mein
Puls wurde vorm Spiel gemessen und ging nicht über 110.»
Die Eintracht, ein Elfer und jede Menge Wut
0:0 zur Pause in Rostock, Dortmund führt in Duisburg mit 1:0.
Die Stuttgarter sind nach 45 Minuten nur Dritter: 1:1 in
Leverkusen. An die Schwaben glauben aber weder die fast an den
Taschenradios klebenden Dortmunder Fans noch die Frankfurter
oder die Millionen an den Fernsehschirmen bei premiere. «Wir
müssen die Brechstange auspacken», greift Hansa-Trainer Erich
Rutemöller im ARD-Pausen-Interview zum letzten Mittel.
Die Situation spitzt sich zu. Es sind bereits 65 Minuten
gespielt, als Rostocks Jens Dowe nach Rechtsflanke von Heiko
März zum 1:0 trifft. Axel Kruse gelingt nach Linksflanke von
Ralf Weber zwei Minuten später der Ausgleich. Jetzt fehlt
Frankfurt noch ein Tor zur Meisterschaft. Und dann kommt die 76.
Minute. Der Moment, in dem Frankfurt der Titel gestohlen wird.
Sechs Meter vor dem Tor bringt Stefan Böger Frankfurts Weber zu
Fall - Schiedsrichter Alfons Berg aus Konz gibt zum Entsetzen
der Hessen keinen Elfmeter. «Stepi» nimmt diese
spielentscheidende Szene anschließend mit bitterem Humor:
«Stellt Euch vor, es gibt Elfmeter und dann schießen wir
daneben.» Mit Lothar Sippel und Edgar Schmitt bringt er neben
Yeboah noch zwei weitere Stürmer. Ein Eintracht-Treffer von
Weber, der nach dem Spiel vor Wut eine Fernsehkamera
zertrümmert, wird nach Handspiel von Uwe Bein abgepfiffen und in
der 88. Minute trifft Schmitt nur den Pfosten. «Man hält sich im
Nachhinein an diesem Elfmeter fest, aber wir hatten genügend
Chancen, um auch so zu gewinnen», stellt Axel Kruse bei arcor.de
klar. «Stepi» dazu: «Es war ein historischer Tag und die große
Chance, mit der Eintracht nach 1959 wieder Meister zu werden.
Aber meine Spieler waren zu angespannt. Sie wollten wie ein
Boxer alles mit einem Schlag erledigen.»
Generöse Frankfurter, bewegende Worte von Hitzfeld
Für den Knock-out sorgen die Rostocker. 90. Minute, Frankfurt zu
weit aufgerückt, Böger trifft zum 2:1, alles vorbei. «Stepi»
schnappt seinen Trenchcoat und geht. Dass Stuttgart 2:1 in
Leverkusen gewonnen und damit auch den BVB ins Tal der Tränen
geschickt hat, interessiert in Rostock niemanden. Die
Eintracht-Stars liegen fassungslos am Boden. Uwe Bein ist den
Tränen nahe. Stepanovic liefert in der Pressekonferenz ein
bewegendes Statement: «Es tut mir leid für die Hansa, weil sie
abgestiegen ist und es tut mir leid für uns. Aber es ist gut für
den Sport, wenn so gekämpft wird und die Zuschauer zufrieden
nach Hause gehen. Lebbe geht weider.» Beinahe selbstredend trägt
Stepis Autobiografie (Verlag DIE WERKSTATT/mit Peter C.
Moschinski und Martin Thein) von 2013 diesen Titel: Lebbe geht
weider - das Leben geht weiter.
Auch 520 Kilometer südwestlich in Duisburg, wo die Anhänger des
MSV nach dem Abstieg trauern. Die Meister-Sause des BVB wird
innerhalb von Sekunden zur Frust-Party. Um 17.16 Uhr blickt
BVB-Trainer Ottmar Hitzfeld (43), dessen Ankunft in Dortmund
1991 für eine entscheidende Wende sorgt, hilflos zu seinem
Informanten. «Drücken die Leverkusener?», fragt er mit
verkniffenem Gesicht. «Drücken, ja», sagt der Mann mit dem
Radio. «Wie lange geht's da noch?» - «Eine Minute.» Der
Fast-Meistercoach wendet sich ab. «Das ist sehr enttäuschend,
Glückwunsch an Stuttgart, mehr kann ich nicht sagen», ringt
BVB-Kapitän Michael Zorc nach Abpfiff um Fassung. Das
Schlusswort bei den Dortmundern, die dennoch mit 30.000
Anhängern am heimischen Friedensplatz feiern, hat Hitzfeld:
«Unsere Fans sind Deutscher Meister. Wir wollen nächste Saison
versuchen, es ihnen gleich zu tun.»
Das gelingt 1995 - und ist eine andere, dramatische Geschichte
aus 50 Jahren Bundesliga.
Die Fußball-Promis: Axel Kruse, 45, spielte bis 1989 beim FC
Hansa Rostock. Für Hertha BSC Berlin, Eintracht Frankfurt und
den VfB Stuttgart bestritt er von 1990 bis 1998 insgesamt 141
Spiele (30 Tore) in der Fußball-Bundesliga. Nach seiner
Bundesliga-Karriere startete Axel Kruse einen Neuanfang als
American Footballer bei Berlin Thunder und holte als Kicker
zwischen 1999 und 2003 mit den Berlinern zwei World-Bowl-Titel.
Axel Kruse ist Geschäftsführer der Film- und
Fernseh-Produktionsfirma farbfilm media in Berlin und arbeitet
zudem als Experte und Reporter für SPORT1. (Stand: März 2013).
Dragoslav «Stepi» Stepanovic, 64, spielte bis 1976 für OFK und
Roter Stern Belgrad und galt als einer der besten
Außenverteidiger der Welt. Eintracht Frankfurt holte den
34-fachen jugoslawischen Nationalspieler in die
Fußball-Bundesliga. Von 1976 bis 1978 machte Stepanovic 49
BL-Spiele (3 Tore), danach spielte «Stepi» für Wormatia Worms
und Manchester City (1979-81). Im April 1991 wurde er Trainer
bei Eintracht Frankfurt. Seine freundliche Art und sein lockerer
Umgangston machten ihn bei Spielern, Fans und Medien schnell
beliebt. Legendär: Nach dem Pokal-Halbfinale 1993 gegen Bayer
Leverkusen (0:3) erklärte «Stepi» in einem Live-Interview seinen
Rücktritt als Eintracht-Coach («Das war‘s.»). Er wechselte zu
Bayer und betreute die «Werkself» im Finale gegen Hertha BSC
Amateure (1:0). (Stand: März 2013).
#Post#: 1189--------------------------------------------------
Re: Rostock 1992
DIR By: Ben
Date: March 21, 2013, 1:10 pm
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Schöner Bericht. Danke.
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