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#Post#: 317--------------------------------------------------
"Den Islam endlich aus den Hinterhöfen herausholen"
DIR By: Ben
Date: June 18, 2012, 5:26 am
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Interview:
Religionswissenschaftler Hans G. Kippenberg über die Integration
des Islam in Europa
"Den Islam endlich aus den Hinterhöfen herausholen"
Von Benno Bühlmann / Kipa
Luzern, 17.6.12 (Kipa) Religion sei eine Angelegenheit, die
öffentlich ausgehandelt werden müsse. Darin liege eine wichtige
Voraussetzung für die Integration, meint der renommierte
Religionswissenschaftler Hans G. Kippenberg. Er sprach an der
Universität Luzern anlässlich einer internationalen Konferenz
zum Thema "Religion und gesellschaftliche Integration in
Europa".
Frage: Herr Professor Kippenberg, das Zusammenspiel von Religion
und Integration ist derzeit ein brisantes Thema, das in der
Schweiz ebenso wie in Deutschland die Öffentlichkeit
beschäftigt. Worin besteht da die grösste Herausforderung für
unsere Gesellschaft?
Hans G. Kippenberg: Es gilt vorerst einmal zur Kenntnis zu
nehmen, dass sowohl die Schweiz wie auch Deutschland zu
Einwanderergesellschaften geworden sind. Egal ob wir das nun
fördern oder bremsen wollen, es ist eine Tatsache. Und
diejenigen, die hierher kommen, sind häufig Angehörige von
Religionsgemeinschaften, die uns wenig vertraut sind. Da wird
die Frage virulent: Kann unsere überwiegend christliche
Gesellschaft diese neuen Gruppierungen aufnehmen und
gleichzeitig ihre Identität bewahren?
Frage: Es handelt sich letztlich um einen bedeutsamen
gesellschaftlichen Wandlungsprozess, der allerdings
unterschiedlich interpretiert wird...
Kippenberg: Ja, es knüpfen sich daran sehr unterschiedliche
Gegenwartsdiagnosen und Zukunftserwartungen: Während die einen
die "öffentlichen Religionen" in der modernen Welt begrüssen
(José Casanova), fürchten die anderen einen "Clash of
Civilizations" (Samuel Huntington), der im Kern ein
Zusammenprall unversöhnlicher Religionskulturen sei. Wie immer
man die jüngeren Entwicklungen deutet – eines lässt sich nicht
bestreiten: Die öffentliche Kommunikation über Religion hat
zugenommen. Religion ist heute eine Angelegenheit, die
öffentlich verhandelt werden muss.
Frage: Dieses öffentliche Aushandeln ist allerdings ein
Vorgang, der nicht konfliktfrei vor sich geht.
Kippenberg: Das ist klar. Um Religion wird heute oftmals heftig
– und medial verstärkt – gestritten. Die Liste der Streitanlässe
ist lang: Religiös fundierte Schlachtpraktiken bieten ebenso
Anlass zu Streit wie etwa Bekleidungsformen, Moscheebauten,
Weihnachtsbäume, Kreuze, religiöse Motive in diversen
Kunstformen, die Thematisierung von religiösen und anderen
Wertbindungen im schulischen Unterricht, die Rechtsgestalt
religiöser Gruppen und vieles mehr.
Frage: Der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit ist derzeit
hauptsächlich auf die Glaubensgemeinschaft der Muslime
gerichtet, der oft fehlende Bereitschaft zur Integration
vorgeworfen wird. Stimmt das?
Kippenberg: Die muslimischen Gemeinden werden in der
Öffentlichkeit oft als Orte der Ausgliederung wahrgenommen.
Betrachtet man diese aber etwas genauer, kommt man zu einem
anderen Schluss: Es handelt sich hier im Grunde um Orte der
Integration, nicht der Desintegration.
Frage: Wie zeigt sich das?
Kippenberg: Wenn Muslime aus fremden Ländern zu uns einwandern,
finden sie zuerst Aufnahme in muslimischen Gemeinden, die sie
bei vielfältigen Problemen unterstützen – sei dies beim Gang zu
den Behörden, bei der Vermittlung von Arbeitsstellen, beim
Spracherwerb oder auch bei ganz alltäglichen Schwierigkeiten mit
dem Computer oder bei Fragen, die bei den eigenen Kindern in der
Schule auftauchen. Das war übrigens auch bei jenen Schweizern
nicht anders, die beispielsweise nach Amerika ausgewandert sind:
Oftmals haben sie zuerst bei Kirchgemeinden angeklopft, bevor
sie sich nach und nach auch um ihre Integration in den
Wohnquartieren bemühten.
Frage: Am internationalen Kongress an der Universität Luzern
zum Thema "Religion und Integration" wurde unter anderem betont,
dass der Islam öffentlicher werden müsse, um die Integration der
Muslime zu verbessern. Teilen Sie diese Einschätzung?
Kippenberg: Auf jeden Fall. Es ist sicher wichtig, dass Muslime
ihren Glauben nicht irgendwo versteckt in Hinterhöfen oder
Garagen praktizieren, sondern mit ihrer Religion öffentlich
sichtbar werden. In verschiedenen Regionen Europas können wir
bereits beobachten, dass Muslime aus den Hinterhöfen
heraustreten und in die Städte wechseln, wo sie teilweise
repräsentative Moscheebauten errichten.
Frage: Sie denken also, dass öffentlich sichtbare
Sakralbauten letztlich zur Integration beitragen?
Kippenberg: Ja, das ist so. Denn die Muslime bringen mit dem Bau
einer öffentlich sichtbaren Moschee zum Ausdruck, dass sie
definitiv hier angekommen sind und ihre Zukunft nicht mehr in
ihrem Herkunftsland sehen. Vielmehr verstehen sie sich als Teil
dieser Gesellschaft und als Bürgerinnen und Bürger des Landes,
in dem sie jetzt leben. Das in der Schweiz eingeführte
Minarettverbot ist diesbezüglich allerdings kontraproduktiv:
Darin sehe ich nicht die geeignete Aufforderung an die Adresse
der Muslime, aus den Hinterhöfen herauszukommen. Vielmehr
schadet das letztlich der Integration und widerspricht vor allem
auch einem zeitgemässen Verständnis von Religionsfreiheit in
einem Europa der Menschenrechte.
Frage: Das heisst also, dass mit dem Minarettverbot
eigentlich die Menschenrechte verletzt werden?
Kippenberg: Beim Bau von Minaretten sind im Einzelfall durchaus
Einschränkungen möglich, indem beispielsweise eine
Baubewilligung aus bestimmten Gründen verweigert wird. Ein
generelles Verbot zum Bau von Minaretten scheint mir aber nicht
zulässig zu sein, weil es gegen zentrale Grundsätze der
Religionsfreiheit verstösst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass
eine solche Praxis einem allfälligen Urteil des Europäischen
Gerichtshofs für Menschenrechte in Strassbourg Stand halten
wird.
Frage: Wie ist es aus Ihrer Sicht grundsätzlich um die
Integration der Muslime in Europa bestellt: Wird sich bei uns
längerfristig so etwas wie ein "europäischer Islam" ausbilden?
Kippenberg: Den "europäischen Islam" gibt es bereits. Das lässt
sich am besten am Beispiel des Schweizer Islamwissenschaftlers
Tariq Ramadan aufzeigen, der entschieden für eine
europäisch-muslimische Identität eintritt: Er ruft die Muslime
dazu auf, sich als Bürger zu verstehen und die ihnen zustehenden
Rechte in Europa einzufordern. Ramadan ist denn auch überzeugt
davon, dass die Anwendung des Begriffs "dar al-harb" ("Bezirk
des Krieges") auf Europa heute überholt sei, zumal in Europa
volle Religionsfreiheit gewährleistet sei, Muslime also nicht
verfolgt würden. Ansonsten wären sie gezwungen, den "Bezirk des
Krieges" zu verlassen und in den "dar al-islam" ("Bezirk des
Islam") zu flüchten. Für Ramadan gibt es neben diesen beiden
Bezirken allerdings noch eine dritte Kategorie...
Frage: Um welche Kategorie handelt es sich?
Kippenberg: Gemeint ist das "Land des Vertrages". Ein Muslim,
der seinen Aufenthalt oder gar die Staatsbürgerschaft in einem
europäischen Land habe, müsse sich in den dortigen
Gesellschaftsvertrag fügen. Die Muslime müssten sich im vollen
Umfang als Mitbürger betrachten, die am gesellschaftlichen Leben
in allen seinen verschiedenen Aspekten teilhaben, ohne ihre
eigenen Werte dabei aufzugeben. Im Gegenzug sollten die
europäischen Gesetzgeber im Rahmen der garantierten
Religionsfreiheit den Muslimen die Möglichkeit geben,
beispielsweise repräsentative Moscheen zu bauen.
Frage: Müsste nicht auch die Imam-Ausbildung künftig "vor
Ort" erfolgen, damit eine nachhaltige Integration in Europa
möglich wird?
Kippenberg: Das ist sicher ein wichtiger Aspekt. Denn wenn die
Imame aus den Herkunftsländern geholt werden, beherrschen sie
nicht die deutsche Sprache und können auch die Situation der
Migranten in Europa nicht verstehen. Deshalb haben bereits
mehrere Universitäten in Deutschland beschlossen, eine
Imam-Ausbildung anzubieten. Gewählt werden insbesondere Orte, wo
bereits Islamwissenschaft betrieben wird, damit das vorhandene
islamwissenschaftliche Knowhow in die Imam-Ausbildung
einfliessen kann. Die bis dahin gemachten Erfahrungen in
Deutschland sind positiv. Von daher wäre es sicher
wünschenswert, wenn auch in der Schweiz ein solcher Weg
beschritten würde: Man muss wegkommen von der "importierten
Geistlichkeit". Notwendig sind "einheimische" Geistliche, die
hier aufgewachsen sind und verstehen was es heisst, als Muslim
in einem "Land des Vertrages" zu leben.
Separat 1:
Hans G. Kippenberg
Hans Gerhard Kippenberg lehrte von 1989 bis 2004
Religionswissenschaft mit Schwerpunkt Geschichte und Theorie der
Religionen an der Universität Bremen. Nach seiner Emeritierung
wurde er zum Weisheitsprofessor für Vergleichende
Religionswissenschaft an die Jacobs University Bremen berufen.
Separat 2:
Internationaler Kongress "Religion und gesellschaftliche
Integration in Europa"
"Wir wollten anlässlich dieses internationalen Kongresses
zeigen, dass Religion im gegenwärtigen Europa eine ernst zu
nehmende gesellschaftliche Kraft darstellt, die sowohl
integrative wie auch desintegrative Wirkungen entfalten kann",
meinte Edmund Arens, Ordinarius für Fundamentaltheologie an der
Theologischen Fakultät der Universität Luzern, im Gespräch mit
der Presseagentur Kipa. An der Tagung sei deutlich geworden,
dass "Religion öffentlicher werden muss" und dass vermehrt nach
Wegen zu suchen sei, wie "Konflikte im Rahmen der
Zivilgesellschaft argumentativ ausgetragen werden" könnten,
betont Arens.
Internationale Beteiligung
Ziel des Kongresses war es, anhand aktueller Theorien,
Beispielen und Konfliktfeldern die internationale und
interdisziplinäre Forschung über Religion und gesellschaftliche
Integration zu analysieren. Gefördert werden sollten zudem die
wissenschaftliche und öffentliche Diskussion über historische
Erfahrungen, gegenwärtige Reflexionen und aussichtsreiche Wege
gesellschaftlicher Integration von Religionen.
Der Universität Luzern war es gelungen, an der Konferenz
viele internationale Forscher aus dem entsprechenden
Wissenschaftsbetrieb zu versammeln, so beispielsweise José
Casanova von der Georgetown University in Washington, der auf
seinem Gebiet Pionierarbeit geleistet hat und als einer der
bedeutendsten Religionssoziologen der Gegenwart gilt. Zugegen
waren unter anderem auch Heiner Bielefeldt von der Universität
Erlangen-Nürnberg, Hans G. Kippenberg von der Jacobs University
Bremen, Paul Nolte von der Freien Universität Berlin, Helen
Keller, Professorin für Völkerrecht an der Universität Zürich
und Mitglied im Uno-Menschenrechtsausschuss, Giusep Nay, alt
Bundesgerichtspräsident in der Schweiz, René Pahud de Mortanges
und Urs Altermatt aus Freiburg (Schweiz) sowie Jörg Stolz aus
Lausanne.
Gross angelegter universitärer Forschungsschwerpunkt
Der Kongress war Bestandteil eines Forschungsprojektes der
Universität Luzern zum Thema "Religion und gesellschaftliche
Integration in Europa" (Regie). Erstmals haben sich im Rahmen
des im Jahr 2009 lancierten Forschungsschwerpunktes mehrere
Fakultäten auf ein gemeinsames Projekt geeinigt, bei dem die
Rolle und Bedeutung von Religion für die soziale und politische
Integration europäischer Gesellschaften der Gegenwart untersucht
wird. Der gross angelegte interdisziplinäre Ansatz sei "ein
Novum für die Universität Luzern", erklärt Edmund Arens. Am
Projekt beteiligt seien insgesamt fünf Fachbereiche aus zwei
verschiedenen Fakultäten: Neben der Theologischen Fakultät – mit
den Fächern Dogmatik, Fundamentaltheologie und Kirchengeschichte
– arbeiten auch die Fachbereiche Religionswissenschaft und
Politikwissenschaft aus der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen
Fakultät bei dem auf fünf Jahre befristeten Forschungsprojekt
mit.
Hinweis für Redaktionen: Fotos von Prof. Hans G. Kippenberg
können angefordert werden bei Benno Bühlmann, Stirnrütistr. 37,
6048 Horw, b.buehlmann@bluewin.ch.
(kipa/bbü/am)
HTML http://kipa-apic.ch/index.php?pw=&na=0,0,0,0,d&ki=232740
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