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#Post#: 314--------------------------------------------------
Terroristen füllen Kriegskasse mit Geiselgeld
DIR By: Ben
Date: June 17, 2012, 5:27 am
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Terroristen füllen Kriegskasse mit Geiselgeld
Von Hasnain Kazim, Islamabad
Terroristen als Kidnapper: Geiseln in der Hand von Taliban und
al-Qaida
Al-Qaida und Taliban brauchen Geld - und nutzen immer häufiger
Entführungen als Erlösquelle. In Afghanistan und Pakistan wächst
das Risiko, Opfer einer Geiselnahme zu werden, vor allem für
Ausländer.
Elf Tage dauerte die Hölle für die beiden Ärztinnen, eine Britin
und eine Kenianerin, und für ihre zwei afghanischen Mitarbeiter.
Sie waren zu Pferd im Nordosten Afghanistans unterwegs, als sie
von bewaffneten Männern verschleppt wurden. Die Geiselnehmer
verlangten ein Lösegeld. Anfang Juni stürmte ein Sonderkommando
aus amerikanischen Navy Seals und britischen SAS die Höhle, in
der die vier gefangen gehalten wurden, tötete elf Entführer und
befreite die Geiseln. Es ging gut aus, anders als im September
2010, als Navy Seals aus Versehen die Geisel töteten, eine
schottische Entwicklungshelferin.
In Afghanistan und Pakistan hat die Zahl der Entführungen in den
vergangenen Monaten zugenommen. Die Gefahr wächst, Opfer einer
solchen Tat zu werden. "Die Opfer sind meist wohlhabende
Einheimische, aber immer häufiger sind Ausländer betroffen",
sagt Jere Van Dyk. Seit vier Jahren verfolgt der US-Journalist
das Thema. 2008 wurde er selbst von den Taliban in den
pakistanischen Stammesgebieten verschleppt, während einer
Recherche für ein Buch über Afghanistan. 45 Tage war er in ihrer
Gefangenschaft.
Zweimal taten seine Peiniger so, als würden sie ihn hinrichten.
Dabei filmten sie ihn. "Beide Male war ich mir sicher, dass die
mich enthaupten würden"; sagt er. "Tagelang lag ich in einer
Hütte und dachte darüber nach, ob ich lieber geköpft oder
erschossen werden wollte." Die Entführe verlangten die
Entlassung von drei "Brüdern" in Guantanamo. "Als ich ihnen
klarmachte, dass die US-Regierung niemals mit ihnen darüber
verhandeln würde, verlangten sie stattdessen 1,5 Millionen
Dollar, später senkten sie den Preis auf eine Million." Warum
sie ihn nicht töteten, ob schließlich ein Lösegeld floss, weiß
Jere Van Dyk nicht. "Vieles ist mir bis heute unklar", sagt er.
Offiziell fließt kein Geld
Die meisten Staaten streiten öffentlich ab, Lösegeld zu zahlen.
Als im März einem Schweizer Paar nach achtmonatiger Tortur die
Flucht gelang, betonte das Außenministerium in Bern, es sei kein
Geld geflossen. Als Schweizer Fernsehsender dennoch darüber
spekulierten, tobte der Minister. "In den meisten Fällen fließt
es aber doch", räumt ein europäischer Diplomat ein, der schon
mit Entführungsfällen in der Region zu tun hatte. Man halte sich
mit Informationen zurück, weil man befürchte, ansonsten weitere
Geiselnahmen zu provozieren.
Aber längst hat sich herumgesprochen, dass Entführungen ein
Millionengeschäft sind. Kidnapping habe sich zu einer "globalen
Industrie" entwickelt, sagt Kristen Mulvihill, Ehefrau von David
Rohde, einem US-Journalisten, der im November 2008 in die Hände
von Taliban geriet. Sieben Monate später gelang ihm die Flucht.
Mulvihill kritisiert, dass es trotz zunehmender Zahl von
Entführungen keine "koordinierten internationalen Bemühungen"
gebe.
Diese Nische haben stattdessen professionelle Berater besetzt.
Sie stellen Wachpersonal und Bodyguards zur Verfügung, leiten
Firmen an, die Mitarbeiter in gefährliche Regionen schicken,
beraten im Falle von Entführungen Angehörige, leisten
psychologische Betreuung und organisieren ein Team für das
Krisenmanagement.
Die Lösegeldforderungen sind höher denn je
Doch auch für die Profis ist es eine heikle Aufgabe. Aus
strategischer Sicht sei wichtig, mit den Tätern zu verhandeln
und nicht sofort auf ihre Forderungen einzugehen, sagt Christian
Schaaf, Chef der Münchner Sicherheitsfirma Corporate Trust und
ehemaliger Polizist. "Da muss man manchmal die Angehörigen
bremsen, die in dieser angespannten Situation verlangen, die
geforderte Summe sofort zu zahlen." Gehe man direkt auf die
Forderungen der Täter ein, signalisiere das Schwäche, womöglich
verlangten sie dann noch mehr, anstatt ihre Geisel freizulassen.
Biete man dagegen zu wenig, bestehe die Gefahr, dass sie dem
Opfer aus Wut Gewalt antun.
Häufig vergeht eine lange Zeit, bevor es überhaupt zur ersten
Kontaktaufnahme durch die Entführer kommt, manchmal dauert es
Monate, selbst ein Jahr ist nicht ungewöhnlich. Im Januar wurden
zwei Entwicklungshelfer, ein Deutscher und ein Italiener, in der
pakistanischen Großstadt Multan aus ihrem gesicherten Haus
heraus entführt. Von ihnen gibt es bis heute kein Lebenszeichen.
Die lange Wartezeit soll den Druck und damit die Bereitschaft
erhöhen, hohe Summen zu zahlen. Auch die Summen sind drastisch
gestiegen, zweistellige Millionenbeträge bei ausländischen
Opfern sind nicht selten. In vielen Fällen sind die Entführer
Kriminelle, die ihre Geiseln an Terrororganisationen
weiterverkaufen, die am Ende das Lösegeld kassieren.
Die Terroristen haben von den Piraten gelernt
Es geht nicht um persönliche Bereicherung, sondern um die
Finanzierung von Kampfeinheiten. Die Terroristen seien "äußerst
klug", sagt ein Berater, der im Auftrag von Opferfamilien
arbeitet und - wie so viele in diesem Geschäft - namentlich
nicht genannt werden möchte. "Sie haben sich die Piraterie im
Horn von Afrika zum Vorbild genommen und erkennen, dass sie auf
diese Weise zu viel Geld kommen können, zumal sich die Praxis
durchgesetzt hat, dass Regierungen und Firmen Lösegeld zahlen."
Andere Experten sehen auch die gewaltigen Summen, die für
Banken- und Staatsrettungen bewegt werden, als einen Grund für
die gestiegenen Forderungen. "Die Entführer denken, wenn so
viele Milliarden bloß für eine Bank gezahlt werden können, sind
50 Millionen Euro für ein Menschenleben nicht zu viel",
beschreibt einer die Entwicklung.
Am Ende, nach langen Verhandlungen, fließen meist zwischen
fünfhunderttausend und zwei Millionen Euro. Wer eine
"Entführungs- und Lösegeld"-Versicherung hat (Kidnap & Ransom
Insurance, auch K&R genannt), muss sich wenigstens um das
Finanzielle nicht sorgen, muss nicht sein Haus verkaufen, seine
Lebensersparnisse plündern oder die Firma oder den Staat um
Hilfe bitten.
Schwierig gestaltet sich nach Ansicht der Fachleute die
Geldübergabe. "Die Extremisten haben üblicherweise kein
Bankkonto, das Lösegeld muss deshalb bar übergeben werden", sagt
einer. "Aber wer soll das tun? Weder Angehörige noch der
Vorgesetzte des Entführten fahren nach Afghanistan oder Pakistan
zur Geldübergabe. Auch Mitarbeiter der Botschaften, die
ansonsten in Entführungsfällen eine Menge zu tun haben, tun
eines nicht: das Geld übergeben."
Gefährliche Übergabe in Waziristan
Es ist ein gefährliches Unterfangen, vor allem, wenn die
Geiselnehmer auf eine Übergabe in Waziristan bestehen, wohin die
meisten Opfer aus Afghanistan oder Pakistan verschleppt werden.
Die westpakistanischen Stammesgebiete stehen zwar offiziell
unter Verwaltung der Regierung in Islamabad, aber faktisch hat
der pakistanische Staat dort keine Macht.
Ortsfremde haben keinen Zugang zu der bergigen, kargen Region,
die als Rückzugsgebiet für Extremisten aus Pakistan,
Afghanistan, Arabien und Zentralasien gilt. "Wir versuchen,
vertrauenswürdige Einheimische zu finden, die wir mit der
Geldübergabe betrauen können. Oft wissen die nicht, dass in dem
Koffer, den wir ihnen geben, ein paar Millionen Dollar sind",
sagt der Experte.
Derzeit sind weltweit Schätzungen zufolge 3000 Menschen
entführt, in Lateinamerika, Afrika und Asien. Pakistan und
Afghanistan gelten inzwischen als Hochrisikogebiet. "Die meisten
Geiselnahmen enden aber glimpflich", sagt Berater Schaaf. In
Pakistan sind bislang drei Ausländer zu Tode gekommen:
* 2002 wurde der amerikanische "Wall Street
Journal"-Reporter Daniel Pearl getötet, der in Karatschi
entführt wurde.
* 2009 starb der polnische Geologe Piotr Stanczak, den
Extremisten in der als relativ sicher geltenden Stadt Attock
verschleppten. Von Pearl und Stanczak veröffentlichten die
Geiselnehmer Videos von der Enthauptung.
* Im Januar wurde der britische Arzt Khalil Dale entführt,
der für das Rote Kreuz arbeitete. Im April fand man seinen
kopflosen Körper in Quetta. In Afghanistan sind es mehr.
Schaaf findet, es gebe keine Region, in der man nicht arbeiten
könne. Es sei alles nur eine Frage der getroffenen
Sicherheitsmaßnahmen. Das sahen auch
Entwicklungshilfeorganisationen bislang so. Doch inzwischen
kommen einige von ihnen zu dem Schluss, dass diese Position
nicht mehr zu halten ist.
Eine Organisation schreibt in einem internen Papier: "Eine
Garantie für Leib und Leben für die Mitarbeiter ist auch bei
strengsten Sicherheitsvorkehrungen nicht mehr gegeben. Deshalb
sollte die Verhältnismäßigkeit zwischen Projektnutzen und
Risiken neu durchdacht werden."
HTML http://www.spiegel.de/politik/ausland/terroristen-finanzieren-sich-zunehmend-ueber-geiselnahmen-a-838584.html
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