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       Gottes Gesetz
   DIR By: Ben
       Date: June 16, 2012, 7:15 am
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       Wahlen in Ägypten
       vonNEWS/P. Ramsauer
       Samstag, 16. Juni 2012
       Gottes Gesetz
       
       NEWS-Reportage zur historischen Wahl in Ägypten: "Islam ist die
       Lösung", lautet die Devise der Muslimbrüderschaft. Was die
       Islamisten an der Macht für das Land bedeuten könnten und wie
       mobile Kliniken der Muslimbruderschaft die Beschneidung von
       Mädchen propagieren.
       Diese Sequenz der ägyptischen Revolution könnte aus einer
       Seifenoper stammen, so platt sind die Klischees. Ein Islamist
       kämpft gegen den letzten starken Mann des Mubarak-Regimes um das
       höchste Amt in der arabischen Supermacht mit 86 Millionen
       Einwohnern. Eine „Entscheidung zwischen Licht und Finsternis“,
       nennt Saad al Husseini die anstehende Stichwahl. Er ist
       Abgeordneter des politischen Flügels der ägyptischen
       Muslimbruderschaft, die mit den Salafisten seit dem Winter
       bereits eine satte Zweidrittelmehrheit im Parlament hält. Dem
       islamistischen Kandidaten, Mohammed Mursi, einem ungelenken,
       untersetzten Parteikader, ist die Rolle des „Herren des Lichtes“
       nicht zwingend auf den Leib geschrieben. Der 61-jährige
       Ingenieur mit einem akademischen Grad einer kalifornischen
       Universität kann sich aber auf die 600.000 Mitglieder starke
       Muslimbruderschaft verlassen und auf ihre vollen Schatullen. Die
       sorgen dafür, dass in Busladungen Wähler zu den Stimmlokalen,
       Fans zu den Kundgebungen gekarrt werden. „Der Koran ist unsere
       Verfassung, die Scharia, das Gesetz Gottes, ist unser Gesetz.
       Wir werden eine arabische Union gründen und Jerusalem zur
       Hauptstadt machen“, plärrte Mursi dann bei solchen
       Wahlkundgebungen.
       Die Hüter der Revolution
       In Fernsehinterviews gibt er den sachten Staatsmann, während er
       sich den jungen Trägern der Revolution als väterlicher
       Schutzpatron gegen ein Comeback der Mubarak-Schergen
       präsentiert. Seinen Widersacher tituliert er bei seinen
       Auftritten am Tahrir-Platz als „Bestie, die das Fleisch der
       Menschen vertilgen wird“. Dieser Widersacher ist Ahmed Schafik,
       der (fast) alle Attribute des Herrn der Finsternis aufweist. Der
       ehemalige Kampfpilot wurde während der turbulenten
       Revolutionstage zum letzten Regierungschef von Präsident Hosni
       Mubarak gekürt. Bis knapp vor der Stichwahl war nicht einmal
       klar, ob ihn das nicht von der Wahl ausschließen würde. Dazu
       liegen gegen ihn Vorwürfe vor, an Gewalt gegen Demonstranten
       schuld zu sein. Schafik zu wählen würde bedeuten, die Revolution
       zu annullieren, sagt Marooa Abdilhamid, eine 23-jährige
       Buchhalterin, die seit den Jännertagen 2011 immer wieder am
       Tahrir-Platz im Zentrum Kairos protestiert. Sie hält eine weiße
       Fahne mit dem schwarzen Schriftzug „SCAF“, aus dem rote
       Blutstropfen strömen. Unter diesem Kürzel firmiert die Junta,
       der „Oberste Rat der Streitkräfte“, die Ägypten derzeit
       interimistisch regiert. „Wir müssen verhindern, dass Schafik und
       die Armee unsere Revolution stehlen. Um jeden Preis. Denn sonst
       werde ich keine Interviews mehr geben, sondern ins Gefängnis
       wandern. Da wähle ich eher die Islamisten. Aber es ist eine sehr
       bittere Pille, die ich schlucke.“
       Schleichende Kulturrevolution
       Doch wie bitter ist die Pille? Welches der vielen Gesichter der
       Muslimbruderschaft erlaubt eine Prognose über die Zukunft
       Ägyptens? Ein Vorfall in einem kleinen Dorf in Oberägypten, 240
       Kilometer von Kairo entfernt, wurde zum Symbol, wie die
       Muslimbruderschaft ihre neue Macht auch dafür nutzt, ihre
       gesellschaftspolitische Agenda durchzusetzen. Mitte April 2012
       tauchten in dem Dorf Abu Aziz Hunderte Flugzettel der
       Vereinigung auf. Darin hieß es: „Die Partei für Freiheit und
       Gerechtigkeit hat die Ehre, am Freitag, dem 20. 4. 2012, einen
       Aufenthalt ihrer mobilen Klinik zu organisieren. Treffpunkt: das
       Islamische Institut nach den Freitagsgebeten. Für Behandlungen
       von Internisten, Zahnärzten, und Dermatologen wird eine Gebühr
       von 5 Pfund verlangt. Außerdem werden Fälle von Beschneidungen
       für Buben und Mädchen gegen ein Entgelt von 30 Pfund
       angenommen.“ Es sind geringe Beträge von gerade ein paar Euro,
       aber ein massiver Gesetzesbruch. Seit 2008 ist die Beschneidung
       von Mädchen in Ägypten strikt verboten. Viele moderate
       islamische Rechtsgelehrte verurteilen die Praktik. Doch
       konservative islamische Strömungen vereinnahmten die
       Beschneidung – eine uralte Tradition – in ihren strikten
       Moralvorstellungen. Ihr kruder Hintergedanke: Das erotische
       Verlangen von Frauen müsse reduziert werden, um ihre Treue zu
       sichern. Die Verstümmelung wird „als Geschenk an den künftigen
       Gatten“ interpretiert.
       Auch die Muslimbruderschaft zählt zu jenen Strömungen des
       Islams, die dies vertreten. Sie widersetzte sich dem Verbot
       bereits vor vier Jahren massiv. Trotz aller gigantischen
       Herausforderungen der turbulenten Phase nach den Revolutionen
       war ausgerechnet dies eines der ersten Themen, denen sich die
       neue islamistische Mehrheitsfraktion im Parlament widmete. Das
       islamische Recht, die Scharia, würde die Beschneidung von
       Mädchen sehr wohl vorsehen, deshalb sei die Kriminalisierung ein
       Fehler. „Es ist die Entscheidung der Erziehungsberechtigten, in
       welchem Umfang ein Mädchen dies benötigt. Unsere Linie ist es
       es, die Beschneidung zu organisieren, nicht zu kriminalisieren“,
       sagt Azza Araf, eine der wenigen weiblichen Abgeordneten der
       Muslimbrüder. Die Vorwürfe, mit mobilen Kliniken in den
       verarmten Regionen Ägyptens wahre Kampagnen für die Praxis
       durchzuführen, wurden von den lokalen Vertretern der
       Muslimbruderschaft trotzdem wild bestritten. Doch beim
       NEWS-Lokalaugenschein in Abu Aziz gibt der einzige dort tätige
       Arzt zu, von den Behörden gebeten worden zu sein, die
       Tätigkeiten der mobilen Klinik an diesem Tag im April genau zu
       überwachen. „Es gab eine sehr klare Warnung, dass die Ärzte der
       Wohlfahrtsorganisation der Muslimbrüder bei uns die
       Beschneidungen von Mädchen durchführen. Ich wurde gebeten, genau
       aufzupassen.“ „Noch“, sagt er, „steht das Gesundheitsministerium
       unter der Aufsicht der säkularen Militärjunta. Ich bin der Arm
       des Gesetzes, muss das tun, was mir die Behörden sagen“. Und
       wenn es künftig eine islamistisch dominierte Regierung gebe? –
       „Dann würde ich mich an deren Regeln halten.“ Und dazu gehöre
       eben vielleicht auch, Beschneidungen von Mädchen zuzulassen,
       sagt der Arzt. Und auf die Frage, ob man hier in dem Dorf auch
       mit Muslimbrüdern sprechen könnte, antwortet er: „Reden Sie doch
       weiter mit mir.“ Anders sieht dies eine junge Mutter aus Abu
       Aziz, die sich eines der Flugblätter aufgehoben und es NEWS
       gegeben hat: „Sie machen Werbung dafür, sie führen es durch. Die
       mobile Klinik fuhr durch die gesamte Region Minya. Sie nutzen
       die Armut der Leute aus. Hier gibt es kaum medizinische
       Versorgung, und die Leute haben das Gefühl, es den Ärzten der
       Muslimbrüder recht machen zu wollen. Sie haben Dutzende Mädchen
       behandelt. Die Eltern bekamen dafür Öl und andere Lebensmittel.“
       Frauenrechte in Gefahr
       Laut Daten der Weltgesundheitsorganisation sind in Ägypten – je
       nach Region – zwischen 78 und 95 Prozent aller Frauen dieser
       grauenhaften Behandlung unterzogen worden. „Beschneidung von
       Mädchen“ ist ein Euphemismus für eine brutale Verstümmelung der
       weiblichen Genitalien, eine Prozedur, die in ihrem Ausmaß an
       Qualen und Gefahren kaum mit jener von Knaben verglichen werden
       kann. Immer wieder sterben Mädchen während der Eingriffe:
       infolge eines Schocks wegen der Schmerzen oder weil massive
       Blutungen auftreten. Für ägyptische Frauenrechtlerinnen sind die
       Vorfälle um die mobile Klinik in Oberägypten eine Warnung für
       die Zukunft. „Die Muslimbrüder nehmen Frauen sukzessive ihre
       Rechte und begründen dies mit der Scharia, dem Gesetz
       Gottes“, so Mervat Tallawy, Vorsitzende des „Nationalen
       Frauenrates Ägyptens“. Anders sieht dies der Bauer Magdy Mahdi
       aus Abu Aziz. „Ob die Islamisten meiner Frau nun vorschreiben
       werden, dass sie ein Kopftuch tragen soll, oder nicht oder ob
       sie andere Moralvorstellungen verkaufen, kümmert mich nicht. Wir
       sind konservativ und Muslime, und nun haben wir eben eine
       konservative, muslimische Regierung.“ Abu Aziz und seine 15.000
       Bewohner einfach nur als arm zu bezeichnen wäre eine
       Untertreibung. Die Felder werden mit einfachsten Werkzeugen
       bestellt. Viele leben und kochen quasi unter freiem Himmel. Das
       Bewässerungssystem, abgeleitet aus dem Nil, fungiert hier auch
       notdürftig als Kanalisation. „Willkommen am Ende der Welt“, ätzt
       Raddar Mahmud Abdelfattah, Arabischlehrer in dem Dorf. „90
       Prozent aller Menschen hier haben keine Arbeit. Die Einzigen,
       die in den vergangenen Jahrzehnten zu uns gekommen sind, um zu
       helfen, waren die Muslimbrüder. Uns und den anderen 40 Prozent
       der Ägypter, die so arm sind. Ihr System wird das bessere sein,
       darin sind wir uns sicher.“
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