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#Post#: 293--------------------------------------------------
Wie der Staat Terroristen aus Solingen verjagt
DIR By: Ben
Date: June 14, 2012, 10:25 am
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Wie der Staat Terroristen aus Solingen verjagt
In einer beispiellosen Aktion hat die Staatsmacht die wohl
radikalste Moschee Deutschlands in Solingen geschlossen.
"Millatu Ibrahim" gilt als extremistische Gruppe, die den
Dschihad unterstützt. Von Florian Flade und Kristian Frigelj
Hausdurchsuchungen, Festnahmen und ein Vereinsverbot: Am
Donnerstagmorgen gingen Polizei und Justiz in der bisher größten
Aktion in der Geschichte der Bundesrepublik gegen radikale
Muslime, sogenannte Salafisten, vor.
In Nordrhein-Westfalen wurde mit dem "Millatu Ibrahim e.V." der
erste Islamisten-Verein verboten. Polizisten durchsuchten am
Donnerstag die Räumlichkeiten des Vereins in Solingen.
In Predigten hatten führende Köpfe des "Millatu Ibrahim e.V." in
den vergangenen Monaten wiederholt zum Dschihad und zur
Errichtung eines islamischen Gottesstaates in Deutschland
aufgerufen.
Insgesamt durchsuchten Polizisten bundesweit rund 70 Objekte.
Es ist kurz nach sechs Uhr in der Früh, als an der
Konrad-Adenauer-Straße in Solingen fast ein Dutzend Polizeiwagen
vorfahren und auf der rechten Spur halten. Etliche Beamte
steigen aus den Autos, gehen in die eine Einfahrt zum Hinterhof
von Hausnummer 26.
Sie hetzen nicht, aber ihr Ziel haben sie fest im Blick: Es ist
ein kleines, niedriges Flachdachgebäude, gelb-orange
angestrichen, kein Schild, keine Aufschrift, ein namenloser Ort.
Schnell haben die Polizisten alles abgesperrt. Die Zufahrt zur
Moschee des Vereins "Millatu Ibrahim e.V." ist ab sofort
verschlossen.
Die Solinger Moschee ist eine von 70 Vereinsräumen und
Wohnungen, die rund 800 Polizisten an diesem Morgen zeitgleich
ins Visier nehmen. In sieben Bundesländern, darunter Berlin,
Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen, schlägt die Staatsmacht
zu.
"Der Staat darf nicht zugucken", wird wenige Stunden später der
Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm "Welt Online" sagen:
"Salafisten wollen ein anderes System, ein Teil befürwortet
Gewalt. Der Staat muss hier ein Stoppsignal setzen."
Der Staat wehrt sich
Er ist mit Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich in Berlin
zusammen gekommen. Der ist nicht minder entschlossen: Salafisten
sähen "in der Scharia (islamische Rechtsprechung) das einzig
legitime Gesetz", sagt Friedrich. "Dies ist schlichtweg
unvereinbar mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung
der Bundesrepublik."
Der Staat setzt sich zur Wehr. Und das Zentrum dieses
Stoppsignals ist Solingen. "Millatu Ibrahim e.V." an der
Konrad-Adenauer-Straße ist klein, lediglich 30 bis 40 Islamisten
sind Mitglied und kommen regelmäßig hierher zum Gebet, einige
wohnen hier. Dennoch gilt er als die wohl radikalste
salafistische Gruppierung in Deutschland, als ein Hort des
Islamismus, Treffpunkt für Extremisten und Brutstätte für
Terroristen.
Es ist der erste und bisher einzige Salafisten-Verein, den die
Behörden verboten haben. Im Mai kam es erstmals zu Angriffen der
Solinger Salafisten auf deutsche Polizeibeamte. Während einer
Protestkundgebung gegen einen Karikaturen-Wettbewerb der
rechtsextremen und islamkritischen Partei "Pro NRW" schlugen die
Islamisten mit Stöcken und Steinen auf die Beamten ein.
Mehrere Polizisten wurden verletzt, zahlreiche Salafisten
vorübergehend festgenommen. Eine anschließende Razzia in der
"Millatu Ibrahim"-Moschee sollte klären, ob die Gewalteskalation
nicht schon im Vorfeld organisiert worden war. Eine eindeutige
Bestätigung dafür gab es jedoch nicht.
Ansichten verbreitet der Verein über das Netz
Der Kreis der Anhänger ist freilich weitaus größer als 30 oder
40 Mitglieder vor Ort. Seine radikalen Ansichten verbreitet der
Extremisten-Verein vor allem über das Internet. In
Youtube-Videos sprechen die führenden Köpfe der
Millatu-Ibrahim-Moschee über die Pflicht, in den Dschihad, den
Heiligen Krieg, zu ziehen, über den Kampf gegen die
"Ungläubigen" und über die Errichtung eines weltweiten
Gottesstaates.
Zu den Predigern gehören neben Mohamed M. vor allem der deutsche
Konvertit "Abu Dawud" und der Deutsch-Türke Hasan K. alias "Abu
Ibrahim". Letzterer stammt nach Informationen von "Welt Online"
aus dem Umfeld des ehemaligen "Kalifen von Köln", Metin Kaplan,
und gilt ebenfalls als islamistischer Hardliner.
"Bis die Muslime in Ruhe leben, werden wir weiter machen, werden
wir weiter kämpfen", sagte "Abu Ibrahim". "Bis wir den Tod
kosten!"
Der Ort, an dem diese Männer predigten, liegt verborgen inmitten
eines großen Häuserblocks. Shops für Sportwetten,
Internet-Cafes, türkische Friseure sind hier zu finden. Auf den
Klingelschildern stehen viele ausländische Namen. In einem
Seiteneingang sind zwei Schilder angebracht: "Integrations- und
Kulturverein Solingen-Mitte" und "Verband der Islamischen
Kulturzentren e.V.". Eine Straße weiter befindet sich das
Rathaus von Solingen.
Höflich, aber nicht geheuer
Eine Anwohnerin steht auf der anderen Straßenseite und raucht.
Sie wohnt seit 19 Jahren hier, erzählt sie. "Hier leben viele
Türken, aber man kommt gut miteinander aus." Die Moschee sei ihr
vor einem halben Jahr aufgefallen.
Sie erzählt, wie morgens "junge Kerle in Schlabberhosen" joggen
gehen und dass sie sich gern in der Einfahrt aufhalten. Sie
seien zwar höflich, aber geheuer seien sie ihr nicht, gerade
wegen der jüngsten Ereignisse auf der Demo. "Man kriegt echt
Panik, hier zu wohnen."
Für die Solinger endet an diesem Morgen ein beinahe einjähriger
Kampf gegen einen Sammelpunkt radikaler Islamisten mitten in der
160.000-Einwohner zählenden Stadt im Bergischen Land. "Ja, macht
den Laden endlich leer", ruft denn auch ein Fahrradfahrer laut
den Polizisten zu.
Begonnen hatte alles im Juli 2011. Damals wurden zwei deutsche
Islam-Konvertiten im britischen Dover festgenommen. Robert B.
und Christian E. hatten bei ihrer Einreise nach Großbritannien
islamistisches Propagandamaterial bei sich, darunter eine
Bombenbau-Anleitung der al-Qaida. Als bekannt wurde, dass die
beiden mutmaßlichen Islamisten regelmäßige Besucher der Solinger
Moschee waren, geriet das islamische Zentrum an der
Konrad-Adenauer-Straße 26 zunehmend in den Fokus der
Sicherheitsbehörden und der Medien.
"Ihr verdreht alles"
Robert B. ist auch einer der Hauptdarsteller an diesem Morgen.
Er hat zuletzt in der Moschee gewohnt. Um 7.22 Uhr verlässt der
junge Mann im blauen T-Shirt, Turnschuhen und Kapuzenpulli die
Moschee.
Eine nur wenig ältere Polizistin begleitet ihn, trägt sogar
seinen Rucksack, während Robert B. sein Fahrrad schiebt. Er darf
fahren. Zwei andere Männer hingegen werden aufs Präsidium
mitgenommen. Ein Polizei-Bulli ist rückwärts in die Einfahrt zum
Hinterhof gefahren.
Ein junger Mann mit einem Kinderwagen kommt aus der Einfahrt. Er
hat langes strähniges Haar, einen dünnen Bart. Er will sich
nicht äußern, sagt nur zu den inzwischen anwesenden Fotografen
und Journalisten: "Ihr verdreht alles."
Nicht nur die Staatsschützer haben den Hinterhof an der
Konrad-Adenauer-Straße in den vergangenen Monaten stärker ins
Visier genommen. Auch fundamentalistische Muslime aus dem
gesamten Bundesgebiet interessierten sich immer stärker für die
Moschee in der rheinländischen Provinz. Insbesondere ein
Islamist war fasziniert von den extremistischen Ansichten und
der Gewaltbereitschaft der Solinger Salafisten-Gemeinde: der
Österreicher Mohamed M. alias "Abu Usama al-Gharib".
Salafist etablierte sich als Prediger der Gemeinde
Ein Wiener Gericht hatte M. 2007 wegen Unterstützung der
al-Qaida zu vier Jahren Haft verurteilt. Im September 2011 wurde
der Mann mit ägyptischen Wurzeln freigelassen, nachdem er seine
Haftstrafe vollständig abgesessen hatte. Er zog zunächst nach
Berlin und stieg aufgrund seiner Veteranen-Stellung zu einer
festen Größe der deutschen Islamisten-Szene auf.
Nur kurze Zeit später verlagerte Mohamed M. seinen Wohnsitz nach
Solingen. Der Salafist etablierte sich als Prediger der kleinen
Gemeinde, er füllte so ein Vakuum, denn dem Verein fehlte noch
ein charismatischer Prediger. Die Gebetsstätte benannte Mohamed
M. kurzerhand um. Aus der "Ar-Rahmah-Moschee" wurde über Nacht
die "Millatu Ibrahim Moschee", in Anlehnung an die
radikalislamische Bewegung, die M. nach seiner Haftentlassung
ins Leben gerufen hatte.
Unter der Führung des Österreichers entwickelte sich die
Solinger Moschee seit Spätherbst 2011 zum wohl radikalsten
Treffpunkt islamischer Fundamentalisten in der Bundesrepublik.
Mohamed M. und andere predigten – meist vor schwarzen
Al-Qaida-Flaggen an der Wand – eine extremistische, Gewalt
verherrlichende Form des Salafismus.
In der "Millatu Ibrahim"-Moschee wurde gesagt, was anderswo
niemand zu sagen wagte. Man werde den Islam weiter verbreiten
und gegen die Feinde der Religion kämpfen, rief der Islamist den
Gläubigen zu, notfalls "bis der Kopf fliegt!".
"Es geht hier nicht um al-Qaida, es geht hier nicht um die
Taliban, es geht hier nicht um Sheikh Osama, es geht um den
Islam! Entweder wir leben in Ehre oder in Erniedrigung! Ich rede
im Stehen, ich sterbe im Stehen. Bei Allah, ich werde mich vor
einem Kafir (Ungläubigen) niemals verbeugen!"
Auch deutsche Konvertiten unter den Besuchern
Zu den regelmäßigen Moschee-Besuchern zählten deutsche
Konvertiten, Araber, Türken, Afghanen, Bosnier, Afrikaner,
manche kamen sogar aus dem Ausland angereist. Wer hier
verkehrte, stellte sich gegen Demokratie und Grundgesetz.
Einzig der islamische Gottesstaat nach Vorbild der Taliban und
die Rechtsprechung der Scharia sei das erstrebenswerte Ideal für
die Anhänger der Solinger Moschee-Gemeinde, ist Mohamed M.s
Credo. Die Gläubigen verherrlichen Osama Bin Laden als Held,
preisen Al-Qaida-Terroristen als islamistische Freiheitskämpfer
an.
Das Treiben der islamischen Fanatiker löste bereits frühzeitig
starken Bürgerprotest aus. Fest entschlossen, ihre Stadt nicht
zu einem Hort des Extremismus werden zu lassen, demonstrierten
die besorgten Solinger schon Anfang 2012 gegen den
Salafisten-Treff.
Bürgermeister Norbert Feith berief Informationsabende ein, bei
denen Polizei, Verfassungsschutz und Ordnungsamt die Bürger über
die Gefahren des Salafismus aufklärten. Im Februar folgte eine
gemeinsame Erklärung gegen den Extremismus. Unterzeichner waren
insgesamt 50 Repräsentanten sehr unterschiedlicher
Institutionen, darunter auch Vertreter der konservativen
türkischen Milli-Görus Bewegung, christlicher und sozialer
Verbände und Vereine.
Auch wenn der österreichische Dschihad-Prediger Mohamed M.
inzwischen nicht mehr in Solingen lebt, sondern im April nach
Ägypten auswanderte, dauerten die konspirativen Aktivitäten der
Solinger Islamisten-Gemeinde bis zuletzt an.
Deutsch-Türke wollte nach Somalia
Für die Sicherheitsbehörden lagen auch ohne die Präsenz von
Mohamed M. genug Hinweise vor, "Millatu Ibrahim e.V." als
verfassungsfeindlich einzustufen. Zum einen waren die
Hass-Predigten der "Millatu Ibrahim"-Salafisten bekannt, zum
anderen gab es Hinweise, dass in der Moschee Leute für den
bewaffneten Dschihad im Ausland worden.
Nach Informationen von "Welt Online" war erst Ende Februar ein
junger Deutsch-Türke von einer Reise nach Somalia abgehalten
worden. Der Islamist hatte häufig die Solinger
Salafisten-Moschee besucht und war bereits im Besitz von
Flugtickets nach Ostafrika, als Angehörige den Staatsschutz
kontaktierten. Den Ermittlern zufolge hatte der Mann geplant,
sich in Somalia einer islamistischen Terrorgruppe anzuschließen.
Die Summe der über "Millatu Ibrahim" gesammelten Informationen
veranlasste die Sicherheitsbehörden schließlich, entschiedener
einzuschreiben. Sie leiteten ein Vereinsverbot in die Wege, am
Donnerstagmorgen war es dann soweit.
"Hau ab, Du Arsch"
Nach mehr als dreieinhalb Stunden ist die Polizeiaktion immer
noch nicht vorbei. Um 10.45 Uhr taucht ein junger Mann mit
dichtem Bart auf und will in die Moschee. Er muss vor der
Polizeisperre warten und geht mit ernstem Blick auf und ab.
Er trägt ein graues Sweatshirt und eine blaue Pluderhose. Ein
Polizist sagt ihm, dass die Moschee geschlossen sei. Der
Salafist geht wieder weg, und bleibt hundert Meter weiter
stehen. Dort umarmt er zwei Männer.
Als Journalisten auf sie zugehen, werden sie wütend. Sie
schubsen einen Fernsehreporter, hauen ihm das Mikrofon weg.
Einem anderen rufen sie zu: "Hau ab, Du Arsch. Oder wir schlagen
Dir die Fresse ein." Das Trio steht noch etwas unschlüssig
herum, dann verschwindet es in einem Internetcafé.
Um 11.15 Uhr hält ein grüner Lastwagen. Polizisten laden
Umzugskartons, einen Drucker und eine Festplatte ein. Dann kommt
eine Ladung Bücher. Sie sind noch in Folie eingeschweißt:
"Fatawa für Frauen" steht darauf. Langsam geht die Lkw-Klappe
zu. Die Polizei zieht ab, die Moschee ist versiegelt.
HTML http://www.welt.de/politik/deutschland/article106594594/Wie-der-Staat-Terroristen-aus-Solingen-verjagt.html
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