DIR Return Create A Forum - Home
---------------------------------------------------------
Station13
HTML https://station13.createaforum.com
---------------------------------------------------------
*****************************************************
DIR Return to: Artikel aus der Presse
*****************************************************
#Post#: 291--------------------------------------------------
Krieg der Islamisten
DIR By: Ben
Date: June 13, 2012, 5:23 pm
---------------------------------------------------------
Krawalle in Tunesien
Krieg der Islamisten
Von Raniah Salloum
Krawalle in Tunis: Kulturkampf ein Jahr nach der Revolution
Straßenschlachten und Schießereien: Radikale Salafisten und
al-Qaida attackieren die islamistische Regierung Tunesiens, die
sie für zu gemäßigt halten. Doch die neue Staatsführung schlägt
hart zurück.
Berlin - Es waren die größten Straßenschlachten, die Tunesien
seit seiner Revolution im vergangenen Jahr erlebte. In der
Hauptstadt brannte am Dienstag eine Polizeistation im
Reichenviertel La Marsa, Straßenbarrikaden wurden erreichtet,
die Polizei gab Warnschüsse ab und verhaftete mindestens 162
Menschen. Am Mittwoch wurde bekannt, dass in der Hafenstadt
Sousse sogar ein Demonstrant erschossen wurde. Der 22-Jährige
habe einen Kopfschuss erlitten, teilte ein Krankenhaus der Stadt
mit.
Die Regierung verhängte eine Ausgangssperre: Zwischen 21.00 und
5.00 Uhr soll sie im Großraum Tunis und weiteren Bezirken bis
auf weiteres gelten - aus Furcht vor neuen Zusammenstößen.
Die Fronten verlaufen dieses Mal aber nicht zwischen
Revolutionären und dem alten Regime. Islamistische Radikale
kämpfen gegen die demokratisch gewählte und von der
islamistischen Partei Ennahda geführte Koalitionsregierung.
Die Ausschreitungen sind die bisher größte Herausforderung für
das nordafrikanische Land. Bislang klappt der demokratische
Übergang: Nachdem im Januar Machthaber Zine el-Abedine Ben Ali
verjagt wurde, wählten die Tunesier in ersten freien Wahlen im
Oktober mit 40 Prozent die islamistische Partei Ennahda an die
Macht.
Doch nun befürchtet Tunesiens Innenminister Ali Larayedh neue
Unruhen. "Wir gehen davon aus, dass es die nächsten Tage so
weiter geht." Für den Freitag haben die radikalen Islamisten zu
einer Demonstration aufgerufen.
Der Ennahda-Partei misslingt zunehmend ihr Spagat zwischen zwei
Fronten. Einerseits will sie es sich nicht mit der säkularen
Elite des Landes verderben, die ihr vorwirft, nicht hart genug
gegen radikale Islamisten vorzugehen. Andererseits will die
Partei auch konservative Mitglieder ihrer eigenen Anhängerschaft
nicht vor den Kopf stoßen.
Der Islamisten-Partei misslingt der Spagat zwischen den Fronten
Herausgekommen ist dabei bisher ein politischer Eiertanz. So
hielt sich Ennahda an ihr Wahlversprechen und verzichtete jüngst
darauf, sich für einen Bezug auf die Scharia - die islamische
Gesetzgebung - in der Verfassung einzusetzen. Diese Entscheidung
stößt beim radikaleren Teil ihrer Anhängerschaft auf
Unverständnis und Protest.
Gleichzeitig aber hat Ennahda auch Liberale verärgert. So wurden
im April zwei junge Tunesier zu sieben Jahren Haft verurteilt,
weil sie Cartoons des Propheten Mohammeds auf Facebook gepostet
hatten, die diesen nackt zeigten. Ein Sprecher des
Justizministeriums bezeichnete dies als "Verstoß gegen die Moral
und eine Störung der öffentlichen Ordnung".
Außerdem wurde der Chef eines Fernsehsenders zu einem Bußgeld
verurteilt, weil er den Zeichentrickfilm "Persepolis"
ausgestrahlt hatte. An diesem Film hatte sich im vorigen Jahr
der Kulturstreit zwischen Tunesiens liberaler Elite und der
gläubigen Bevölkerung erstmals heftig entzündet. In einer Szene
des Films wird Gott als alter Mann auf einer Wolke dargestellt.
Für radikale Islamisten kam dies Blasphemie gleich, da der Islam
keine bildliche Darstellung von Gott oder dem Propheten Mohammed
vorsieht. Das Hauptquartier des Fernsehsenders wurde daraufhin
ebenso wie die Privatwohnung des Fernsehsenderchefs angegriffen.
Al-Qaida und tunesische Radikal-Prediger schüren den Konflikt
Die jüngsten Krawalle löste eine Kunst-Ausstellung in Tunis aus.
Dort wurde das Wort "Allah" buchstabiert mithilfe von Insekten,
was radikale Islamisten als blasphemisch bezeichneten. Auch
manche gemäßigte Tunesier sahen die Ausstellung als unnötige
Provokation der Radikalen in dem tief gespaltenen Land.
In den Streit hat sich nun auch noch al-Qaida eingemischt. In
einer am Sonntag veröffentlichten Audiobotschaft wandte sich ihr
Chef Aiman al-Sawahiri an die "echten tunesischen Muslime" und
forderte sie auf, gegen die von Ennahda angeführte
Koalitionsregierung aufzubegehren. Er warf der islamistischen
Partei vor, einen falschen Islam zu vertreten - den des
"US-Außenministeriums, der Europäischen Union und der
Scheichtümer vom Golf, ein Islam der Casinos und FKK-Strände
erlaubt".
Zudem schürt der radikale tunesische Prediger Abu Ayoub Ettounsi
den Konflikt. In einer Videobotschaft ruft er die "wahren
Gläubigen" Tunesiens auf, am Freitag ihrer Wut auf die Regierung
freien Lauf zu lassen. Er hatte bereits im Streit um den
Zeichentrickfilm "Persepolis" zu den Protesten aufgerufen, die
in Gewalt endeten.
ANZEIGE
Die Reaktionen von Ennahda sind bisher erneut nicht eindeutig.
Die Partei geht zwar nun hart vor und verhaftete in den
vergangenen Tagen im ganzen Land mehr als 162 Salafisten, eine
konservative Strömung des Islam. Sie sollen nach der
Anti-Terror-Gesetzgebung verurteilt werden, die noch der
gestürzte Ben Ali 2003 einführte und zur Verfolgung seiner
Gegner nutzte. Tunesiens Salafisten-Bewegung steht nicht
geschlossen hinter den Krawallen. Ein Teil hat sie ausdrücklich
verurteilt. Lediglich ein radikaler Zweig begrüßt die Gewalt.
Gleichzeitig will Ennahda jedoch auch ein Zugeständnis an die
konservative Basis machen. Die Partei verspricht sich für ein
"Blasphemie-Verbot" in der neuen Verfassung einzusetzen. Diese
soll im Laufe des Jahres beschlossen werden, bevor es 2013 unter
dem neuen Regierungssystem zu Wahlen kommt.
Zur Unzufriedenheit und den Ausschreitungen trägt auch die
anhaltende Wirtschaftsmisere bei. Mit dem Sieg der Islamisten
hatten viele Tunesier die Hoffnung verknüpft, dass ein Teil der
Millionen des verjagten Präsidenten auch bei ihnen ankommen
würde. Doch die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor hoch. Die
Lebensmittelpreise steigen. Tunesiens Wirtschaft leidet unter
der schwachen Konjunktur des wichtigsten Handelspartners, der
Europäischen Union, und unter den ausbleibenden
Tourismus-Einnahmen.
HTML http://www.spiegel.de/politik/ausland/salafisten-und-al-qaida-greifen-islamistische-regierung-in-tunesien-an-a-838641.html
*****************************************************
Page 1 of 1