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#Post#: 289--------------------------------------------------
Plötzlich fremd. Wenn Familienmitglieder Salafisten werden
DIR By: Ben
Date: June 13, 2012, 9:34 am
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Plötzlich fremd
Wenn Familienmitglieder Salafisten werden
Von Dorothea Jung
Auf 3000 bis 10.000 wird die Zahl radikalislamischer Salafisten
in Deutschland geschätzt. Doch ihre zum Teil auch militanten
Gruppierungen haben Zulauf.Irritiert und hilflos erleben
Angehörige das Abdriften von Kindern oder Partnern in die
salafistischen Szene. Hilfe war bislang rar. Doch nachdem die
Politik das Thema lange Zeit nur unter Sicherheitsaspekten
betrachtet hat, setzt sie nun auch auf Prävention.
"Mein Sohn hatte plötzlich Freunde - für mich, als Europäer von
ihrer Erscheinung her doch sehr fremd: mit Kutten oder Gewändern
zum Teil auch Käppis auf dem Kopf und grundsätzlich Bart."
"Meine Schwester reist nicht mehr alleine; meine Schwester sucht
auch keine öffentlichen Orte auf, in denen zum Beispiel Alkohol
getrunken wird; und wenn man nicht mal mehr in ein Café gehen
kann, um sich unverbindlich zutreffen, dann kann man auch nicht
mit Menschen Kontakt halten, die einem andere Einflüsse geben."
"Sie trug plötzlich keine hohen Schuhe mehr, hat den Kontakt zu
all ihren sonstigen Freunden komplett gestrichen. Sie hat den
Kontakt zur Familie sehr, sehr, sehr eingeschränkt. Und wenn ich
fassungslos davor stand, bekam ich schlicht keine Antworten."
Eltern, Geschwister und Freunde sind verstört. Irritiert erleben
sie, wie ihnen ihre Kinder oder Gefährten fremd werden. Gestern
noch haben sie gemeinsam Familienfeste gefeiert oder Popvideos
geschaut, und heute wollen diese Jugendlichen von Party, Alkohol
und Musik nichts mehr wissen. So hat es auch Verena Kühn erlebt,
deren Namen wir geändert haben. Verena Kühns Sohn hat sich
irgendwann nur noch für strenge muslimische Vorschriften
interessiert.
"Wo man gar nicht mehr rankommt, mit keinen vernünftigen
Argumenten, weil sich bei allen Gesprächen alles um Religion
dreht und auch alles darum, zu versuchen zu überzeugen, dass der
Islam die einzig wahre Religion ist; und alle, die nicht Moslems
sind, kommen in die Hölle."
Als ihr Sohn beginnt, kein Schweinefleisch mehr zu essen,
toleriert Verena Kühn das ganz selbstverständlich. Denn die
alleinerziehende Mutter ist nach eigenem Bekunden aufgeschlossen
gegenüber allen Religionen. Doch dann bemerkt sie, dass die
Frömmigkeit ihres Sohnes immer dogmatischer wird. Und zwar
augenscheinlich auf Anweisung seiner neuen bärtigen Freunde.
"Die Richtung, die denen vorgegeben wird, ist: Ja, so steht's
geschrieben, so ist das umzusetzen - ohne sich in irgendeiner
Form damit weiter auseinanderzusetzen. Ich würde sagen, dass die
Jugendlichen doch irgendwo einer Gehirnwäsche unterzogen sind,
das merk' ich bei meinem Sohn auch: Es gibt nur Schwarz und
Weiß; wir haben keine Abstufungen dazwischen."
Nach und nach realisiert die Mutter: Die Freunde ihres Sohnes
sind offenbar Salafisten. Das heißt: Sie lehnen ein zeitgemäßes
Islamverständnis ab - und propagieren eine Rückkehr zu
Glaubensvorstellungen aus der Zeit des Propheten Mohammed und
seiner Nachfolger im 7. und 8. Jahrhundert. Da es unter
Salafisten auch einzelne Gruppierungen gibt, die sich mit einer
dogmatischen Koranauslegung nicht begnügen, sondern auch den
Hass auf westliche Werte schüren und zum bewaffneten Dschihad
aufrufen, hat Verena Kühn heute um ihren Sohn Angst.
"Die Sorge ist die, dass die Jugendlichen, die da betroffen
sind, ausgenutzt werden, politisch für irgendwelche
Terroranschläge. Und die Angst, dass eigene Kind ganz zu
verlieren; ja, das ist eine Sache, die mich Tag und Nacht
verfolgt."
Verena Kühns Angst ist nachvollziehbar. So hat nicht nur der
Prozess gegen die vier verhinderten Attentäter der sogenannten
Sauerlandgruppe Kontakte ins salafistische Milieu offenbart.
Derartige Bezüge finden sich auch bei all den jungen Menschen,
die bislang aus Deutschland ausgereist sind, um sich in einem
Terrorcamp in Waziristan im Kampf gegen die Ungläubigen
ausbilden zu lassen. Und dann ist da noch der Einzeltäter Arid
Uka, der im vergangenen Jahr am Frankfurter Flughafen zwei
US-Soldaten erschoss. Arid Uka hatte sich hauptsächlich durch
salafistische Propaganda im Internet radikalisiert. Vor Gericht
gab er zu, sich durch dschihadistische Kampflieder in Stimmung
gebracht zu haben. Ein Beispiel aus dem Speicher seines
MP3-Players:
"Mutter bleibe standhaft, ich bin im Dschihad. Trauer' nicht um
mich und wisse, Er hat mich erweckt. Die Umma ist geblendet,
doch ich wurde geehrt. Mutter bleibe standhaft, dein Sohn ist im
Dschihad."
Der Dschihadismus ist in Deutschland nur ein Randphänomen. Die
Sicherheitsbehörden sagen, dass von rund 120 Personen eine
konkrete Gefahr ausgehe. Und auch zum gemäßigten Salafismus
bekennt sich nur eine Minderheit der in Deutschland lebenden
Muslime. Die Zahlen schwanken zwischen 3000 und 10.000. Sicher
ist aber: Die Anhängerzahl der Salafisten wächst. Das liegt nach
Meinung des Berliner Politikwissenschaftlers Dirk Baehr auch an
der raffinierten Internetpropaganda militant-salafistischer
Gruppen. Baehrs Beobachtung: Dschihadisten nutzen den
Gerechtigkeitssinn aus, der gerade bei Jugendlichen in der
Pubertät stark ausgeprägt ist und zeichnen in Bildern und Videos
eine Welt, in der Muslime immer die Opfer des Westens sind.
"Der Westen will den Islam zerstören. Und man zeigt ihnen diese
Bilder von toten Kindern und toten Frauen, von diesen Massakern,
und dann kommt das Narrativ: "Es ist eure individuelle Pflicht,
gegen die Besatzer dort in Afghanistan, gegen den Westen zu
kämpfen. Ihr müsst nach Afghanistan und den Menschen dort
helfen!"
Aber auch Salafisten, die terroristische Gewalt nicht explizit
propagieren - wie zum Beispiel der populäre Prediger Pierre
Vogel aus Mönchengladbach - zeichnen das Klischee vom weltweit
unterdrückten Muslim. Gleichzeitig unterstellt ihre Ideologie:
Nur ein rückwärtsgewandtes, im Sinne der Salafisten islamgemäßes
Leben werde die Muslime wieder stark machen. Dirk Baehr zufolge
etablieren Salafisten damit ein spezifisches Solidaritäts- und
Gruppengefühl. "Das Resultat ist eine systematische Entfremdung
der Jugendlichen von ihren Familien", sagt der Berliner
Politikwissenschaftler.
"Man schließt sich einer kleinen Gruppe an, die sich als etwas
Besonderes sieht, die den Auftrag hat, die Muslime wieder zum
wahren Glauben zu führen. Und diese Gruppendynamik ist auch
enorm wichtig, damit sich Jugendliche dort wohlfühlen. Man
versucht, ihnen Geborgenheit zu geben, man gibt ihnen ein klares
Weltbild. Und das zieht viele Leute an."
Für die Angehörigen ist es schwer, diesen ausgeklügelten
Methoden etwas entgegenzusetzen. Weil sie ihre Kinder vor etwas
Schädlichem bewahren möchten, stehen sie massiv unter Druck.
Jeder Streit birgt die Gefahr, dass sich der Teenager noch
weiter von der Familie entfernt. Viele zermartern sich mit der
Frage, ob sie etwas falsch gemacht haben. Und so kämpfen die
Eltern außer mit der Angst, ihr Kind an dschihadistische
Terrorgruppen zu verlieren, auch mit Schuldgefühlen und
Hilflosigkeit. In ihrer Not wenden sie sich in aller Regel an
die sozialen Institutionen ihrer Kommune. Verena Kühn hat dort
zwar Mitgefühl gefunden, aber keinen fachkundigen Rat.
"Große Unterstützung gibt es keine. Es gibt auch keine großen
Erfahrungswerte damit, wie geht man damit um, was soll man
machen, was soll man nicht tun; man ist sehr, sehr verunsichert,
fast so, wie eine ganz junge Mutter, die gerade ihr erstes Kind
kriegt und nicht genau weiß, was sie machen soll."
Und Verena Kühn ist nicht die einzige: Die Schwester eines
Jugendlichen, der sich in Sachsen einem salafistischen Prediger
angeschlossen hat, bekommt in der Familienberatungsstelle die
Empfehlung, doch bitte etwas toleranter zu sein. Einer Mutter
aus Niedersachsen, deren Tochter über das Internet die
Bekanntschaft eines vermutlich salafistischen Ägypters gemacht
hat und drauf und dran ist, sich mit diesem Mann zu verloben,
bekennt der Psychotherapeut in der Beratungsstelle, keine Ahnung
zu haben, was er ihr raten soll. Julia Busch, Handwerksmeisterin
in Berlin, muss zusehen, wie ihre 18-jährige Tochter sich einem
extrem strenggläubigen, offenbar kontrollsüchtigen und
gewaltbereiten Muslim anschließt und auf dessen Geheiß alle
Brücken zu ihrem alten Leben abbricht. Julia Buschs Tochter
heiratet diesen Mann schließlich und wird dabei von den Beratern
eines Sozialvereins in Berlin-Neukölln sogar noch unterstützt.
"Sie haben zunächst mal jedes Gespräch mit mir komplett
verweigert, basierend darauf, dass das Mädchen ja volljährig
ist. Haben alles, was das Mädchen sagte, für bare Münze
genommen, ohne es auch nur im Ansatz zu hinterfragen. Und die
haben meine Tochter in ihrem Bestreben, die Familie zu verlassen
in eine muslimische Richtung, ganz massiv bestärkt."
Als es ihrer Tochter zwei Jahre später gelingt, in ein
Frauenhaus zu fliehen, erfährt die Mutter, dass das Eheleben
ihres Kindes genauso verlief, wie sie befürchtet hatte: Die
Beziehung war gekennzeichnet von religiös legitimierten
Kontrollzwängen, extremer Unfreiheit und häuslicher Gewalt. Doch
selbst wenn das Schicksal von Julia Buschs Tochter ein
Einzelfall sein mag - den Mangel an Sachverstand in der Beratung
beklagen viele betroffene Familien. Das müsse sich ändern, meint
die Islamismusexpertin Claudia Dantschke vom Zentrum
Demokratische Kultur in Berlin. Finanziert von der
Bundesregierung, arbeitet sie in einer der wenigen
Spezial-Beratungsstellen für Menschen, deren Angehörige in die
salafistische Szene geraten sind. Claudia Dantschke ist
überzeugt: Ohne ihre Familien wird den Jugendlichen und auch den
jungen Erwachsenen ein Ausstieg aus dieser Szene nicht gelingen.
"Wenn es radikale, geschlossene Gruppen sind, in die die
Jugendlichen hineingehen, dann ist oft die Familie der letzte
Faden noch zur Außenwelt, wo es überhaupt noch geht, dass man
von außen auf diesen Jugendlichen einwirken kann. Und dazu
brauchen die Eltern Anleitung, Kraft und Hilfe."
Claudia Dantschke beginnt ihre Arbeit mit einer Art
Bestandsaufnahme der familiären Situation. Wenn sie sicher ist,
dass der Jugendliche sich tatsächlich einer extremistischen
Gruppierung angeschlossen hat, fokussiert sie sich darauf, die
Familie zu stabilisieren; denn sie soll in die Lage versetzt
werden, die Kommunikation mit dem Sohn oder der Tochter
aufrechtzuerhalten.
""Die Mütter rufen oft an, teilweise fix und fertig mit den
Nerven, am liebsten möchten sie sich umbringen, sie sind der
Situation nicht mehr gewachsen. Und indem ich diesen Konflikt
erst mal rationalisiere, wer welche Rolle in diesem Konflikt
spielt. Und auch 'nen Lösungsweg zeige in diesem langen Prozess,
dass man da jemanden hat, der einen begleitet, wo man sich
hinwenden kann mit Fragen; das stabilisiert."
Anschließend gehe es darum, die Angehörigen so zu begleiten, wie
sie es in ihrem speziellen Fall benötigen. Behindern
individuelle innerfamiliäre Probleme den Zugang zum
Jugendlichen, werden Ratsuchende auch mit Fachleuten in
Therapieeinrichtungen vernetzt. In anderen Fällen werden
Kontakte zu problembewussten Moscheevereinen oder muslimischen
Einzelpersonen hergestellt sowie zu Selbsthilfegruppen. Leider
gibt es davon zu wenige. Das Berliner Zentrum Demokratische
Kultur hat selbst eine derartige Gruppe aufgebaut. Zusätzlich
vermitteln Claudia Dantschke und ihre Kollegen ihre Kompetenz
inzwischen an Lehrer, Imame, Sozialarbeiter und
Familienanlaufstellen in ganz Deutschland. Sie raten den
Hilfesuchenden auch, sich den Sachverstand von
Sektenberatungsstellen zunutze zu machen. Zum Beispiel die
Erfahrung der Eltern- und Betroffenen-Initiative der
evangelischen Kirche in Berlin. Dort leitet die
Religionswissenschaftlerin Daniela Weber eine Selbsthilfegruppe.
Zu ihr kommen Mütter, Väter und Geschwister von jungen
Erwachsenen, die sich in den bewaffneten Dschihad verabschiedet
haben.
"Das Wichtigste ist, einen Ort zu schaffen, wo
Familienangehörige überhaupt erst mal die Gelegenheit haben,
diesen ganzen Kummer auszusprechen und wo ihnen also auch nicht
gleich gesagt wird: Na, was hast du denn falsch gemacht? Und
natürlich auch, dass ihnen in einem Umfeld zugehört wird, wo man
weiß, was sind Salafisten und was wollen sie und was tun sie,
was lehren sie, also die religionskundlichen Kenntnisse spielen
in der Beratung 'ne ganz große Rolle."
So war zum Beispiel eine sachliche Information darüber, in
welche salafistische Gruppierung seine Schwester eingeheiratet
hatte, für einen jungen Mann, nennen wir ihn Maximilian Berg,
sehr wichtig. Er machte sich Sorgen, weil seine Schwester von
einem Tag auf den anderen zum Islam übergetreten war, um einen
Marokkaner zu heiraten, der ihr strenge Verhaltensregeln
aufzwang. Vom Berliner Zentrum Demokratische Kultur erfuhr
Maximilian Berg, dass seine Sorgen berechtigt sind; denn sein
Schwager gehört zu einer extrem radikalen salafistischen
Gruppierung.
"Nachdem mir richtig bewusst wurde, was mit meiner Schwester los
ist, hab ich sie spontan angerufen und ihr als Erstes die
Versicherung gegeben, dass sie mich 365 Tage anrufen kann, dass
sie immer bei mir wohnen kann und immer zu mir kommen kann.
Einfach, um ihr die Möglichkeit zu geben, in einem extremen
Moment, wie auch immer der gestaltet sein mag, einen Menschen zu
haben, zu dem sie kommen kann."
Noch ist die Zahl von Salafismus- und Beratungsexperten in
Deutschland überschaubar. Deswegen haben in Mönchengladbach die
Bürger vor einem Jahr selbst die Ärmel hochgekrempelt, um der
damals massiven salafistischen Missionierung von Pierre Vogel
und seinen Gefolgsleuten zu begegnen. Herausgekommen ist das
ständige Beratungstelefon "Religiöser Extremismus", das Herbert
Busch verantwortet. Er leitet in der Stadt den Fachbereich
Religions- und Weltanschauungsfragen der Katholischen Kirche.
"Das Besondere ist, dass zu Beginn dieses Beratungstelefons
Religiöser Extremismus sowohl verschiedene Leiter der Ämter
beteiligt waren als auch Kirchen, Moscheegemeinden oder freie
Träger. Und dass wir in 'nem langen Prozess gemeinsam überlegt
haben: Wer kann was in so 'nem Beratungsnetzwerk beitragen, und
welche Dinge sind zum Beispiel eher von einem Hodscha einer
muslimischen Gemeinde zu bearbeiten mit einem Ratsuchenden und
weniger vom Leiter eines Sozialamtes."
Laut Herbert Busch können mittlerweile eigens geschulte
Beraterinnen und Berater auf ein Netzwerk von Fachleuten in
Stadtverwaltung, Kirchen- und Moscheegemeinden oder bei Freien
Trägern zurückgreifen, um gegebenenfalls Unterstützung zu
bekommen. Herbert Busch findet aber, dass ähnliche Projekte
vielmehr gefördert werden müssten.
Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in
Deutschland, ist der gleichen Ansicht. Er versichert, der
Zentralrat habe seine Moscheegemeinden angewiesen, sich in den
Freitagspredigten klar gegen einen religiös begründeten
Extremismus auszusprechen. Darüber hinaus habe er selbst in der
Arbeitsgemeinschaft "Vertrauensbildende Maßnahmen", in der sich
Polizei, Verfassungsschutz und Islamverbände austauschen,
mehrfach Gelder für eine Ausbildung sogenannter Scouts verlangt.
So nennt Aiman Mazyek Muslime, die ihren Gemeinden dabei helfen
könnten, sich speziell mit salafistischen Jugendlichen oder
jungen Erwachsenen auseinanderzusetzen.
"Wir haben schon vor Jahren Aussteigerprogramme favorisiert. Nur
bisher haben Sicherheitsbehörden sich noch nicht losreißen
können von der Idee, dass die Sicherheitsbehörden selbst
Ansprechpartner von solchen Aussteigerprogrammen sind. Wir haben
gesagt, dass diese Menschen abgeholt werden müssen mit
einerseits theologisch geschulten Personal, aber auch politisch
geschulten Personal. Aber von der Politik ist bisher ganz wenig
gekommen."
Nachdem die Bundesregierung das Thema Salafismus lange Zeit fast
ausschließlich unter Sicherheitsaspekten betrachtet hat, ist ihr
heute auch die Prävention wichtig. Jedenfalls gibt es Ansätze.
Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe entwickelt zurzeit
Modellprojekte, wie man die Fachkompetenz in den kommunalen
Beratungsstellen verbessern kann. Auch gab es bisher nur eine
Aussteiger-Hotline beim Verfassungsschutz. Die wurde aber selten
genutzt, weil viele Angehörige befürchten, vom Geheimdienst
abgeschöpft zu werden. Nun wurde im Januar dieses Jahres ein
zentrales Beratungstelefon unter der Federführung des
Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge eingerichtet. Das
Angebot wende sich an das gesamte soziale Umfeld sich
radikalisierender Muslime, erklärt Barbara Slowik, die
zuständige Referatsleiterin im Bundesinnenministerium.
"Die Kolleginnen und Mitarbeiterinnen sind eine erste
Anlaufstelle, können häufig gestellte Fragen beantworten, können
aber dann auch sondieren, was wäre der nächste Ansprechpartner,
der hier weiterhelfen könnte. In den meisten Fällen wird
weitergereicht an dezentrale wirkliche Beratungsstellen, denn
die Radikalisierung findet bekanntermaßen insbesondere vor Ort
statt."
Leider kennen das Angebot bislang nur wenige, und leider gibt es
noch nicht viele kompetente Beratungsstellen. Insider berichten,
das Bundesamt suche händeringend in allen großen Städten
Deutschlands nach fachkundigen Beratern, die auch tatsächlich
vor Ort mit den Angehörigen sprechen können. Denn allein am
Telefon kann man nach Erfahrung von Daniela Weber von der
Berliner Betroffeneninitiative den Verwandten der Jugendlichen
nicht helfen. Die Menschen müssten die Gelegenheit haben, ihr
Gegenüber kennenzulernen, um Vertrauen aufzubauen.
"Insbesondere wenn man also die Befürchtung hat, dass das eigene
Kind in Straftaten verwickelt ist. Man möchte sein Kind nicht in
die Pfanne hauen, sondern man möchte es wiederhaben, und zwar
lebendig. Das Telefon ist für betroffene Familien im Grunde
nicht geeignet, weil die brauchen handfeste Menschen, die ihnen
zuhören und mit ihnen sprechen und auch einfach mal in den Arm
nehmen und trösten, wenn die Tränen rollen."
Verena Kühn hat diese handfesten Menschen bislang in ihrer Stadt
noch nicht finden können. Sie ist absolut allein in ihrer Not.
Aber sie weiß: Wenn sie ihren Sohn nicht verlieren will, muss
sie den Kontakt zu ihm halten.
"Es ist mein Sohn, und egal, was geschieht: Er bleibt mein Sohn.
Ich werde mich niemals von ihm abwenden. Ich würde sagen, uns
verbindet ganz stark die Liebe. Vielleicht ist das im Moment die
einzige starke Verbindung, aber eine wichtige."
Auch Julia Busch hat die Kommunikation zu ihrer Tochter aufrecht
erhalten und hat ihr regelmäßig Briefe geschrieben, obwohl sie
nicht wusste, ob ihre Tochter sie liest.
"Sie hat diese Briefe niemals beantwortet, aber mir im
Nachhinein gesagt, sie war immer sehr, sehr froh darüber. Und in
den zwei Jahren, in denen sie weg war, wusste ich das nicht! Ich
hab' das tatsächlich immer nur auf blauen Dunst gemacht, auf die
Hoffnung hin, irgendwann wacht sie auf. Und es war trotzdem der
richtige Weg. Davon bin ich überzeugt."
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