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       #Post#: 278--------------------------------------------------
       "Nur wer keine Argumente hat, wird wütend"
   DIR By: Ben
       Date: June 12, 2012, 6:08 am
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       "Nur wer keine Argumente hat, wird wütend"
       Fotos: gbs Köln
       KÖLN. (hpd) Hamed Abdel-Samad referierte in Köln über „Islam und
       Menschenrechte“. An kritischen Stellen seines Vortrags nahm er
       gleich selbst die Rolle eines Salafisten sowie eines kritischen
       muslimischen Intellektuellen ein. Religion sieht er als einen
       der größten Menschheitsfehler und verglich sie, anschaulich wie
       immer, mit Pizza.
       
       Am 6. Juni 2012 hielt Hamed Abdel-Samad auf Einladung der gbs
       Köln einen Vortrag mit dem Titel „Islam und Menschenrechte“. Die
       gbs Köln hatte, nach Jahren der Veranstaltungen mit nur
       trauriger Resonanz - die Presse im traditionellen "hillije
       Kölle" (heiligen Köln) ist Gottlosen leider nicht im geringsten
       gewogen -, ein Experiment gewagt: Um doch endlich einmal in
       öffentlichen Medien Erwähnung zu finden und wenigstens ein
       einziges Mal zu sehen, wie es ist, bei einer mit Herzblut, viel
       Zeit und Arbeit vorbereiteten Veranstaltung gefüllte Sitzreihen
       zu erleben, ließ sie - ein spontaner und überaus großzügigen
       Sponsor machte es möglich - ca. 100 DIN A1-Plakate an
       S-Bahnhöfen und Litfaßsäulen aufhängen.
       Die Resonanz in der Presse blieb jedoch auch dieses Mal aus,
       obwohl sie von verschiedener Seite aus mehrfach kontaktiert
       wurde: Auch der Droemer-Verlag hatte eine Presseerklärung an
       sehr viele Presse-Institutionen und dort tätige Persönlichkeiten
       versandt.
       Der Veranstaltungsraum jedoch mit seinen 80 Sitzplätzen war bis
       zum Bersten gefüllt, da fast noch einmal so viele Zuschauer
       stehend Vortrag und Diskussion anhörten, oder bei geöffneter Tür
       im Flur auf dem Boden sitzend verfolgten. (Wie viele vielleicht,
       die Überfüllung gewahr nehmend, sofort wieder umgekehrt sind
       oder den „Ausverkauft“-Hinweisen direkt folgend gar nicht in
       unserer Zählung einbezogen werden konnten, bleibt naturgemäß
       offen. Die Auswertung ergab, dass tatsächlich der Löwenanteil
       durch die Plakate auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht
       worden waren.)
       Hamed Abdel-Samad, Politologe und bekannter Autor, hat im Laufe
       seines noch relativ kurzen Lebens schon praktisch alle Varianten
       des Moslem-Daseins durchlaufen: Aufgewachsen bei Kairo als Sohn
       eines Imams zunächst ein "Durchschnitts-Moslem" ägyptischer
       Prägung, später radikalisiert als Mitglied bei den
       Muslimbrüdern, schwenkte er schließlich um in Richtung Vernunft,
       da er anfing, selbst zu denken. Mit seiner hohen Intelligenz
       schaffte er sich Verständnis für die richtige Kategorisierung
       von Freiheit, so dass er dem gebildeten westlichen
       Durchschnitts-Bürger tatsächlich durch punktgenaue Benennung
       dessen eigener Werte so manches „Aha-Erlebnis“ bescheren kann:
       Wichtige und entscheidende „Aha-Erlebnisse“, die man der
       gesamten Politiker-Kaste dieses Landes inniglich wünscht...
       Abdel-Samad wurde im Namen der gbs Köln vom Psychologen Frank
       Hichert begrüßt, der in dem Zusammenhang thematisierte, dass die
       Lobby der Religiösen reich und einflussreich ist, besonders den
       radikalen Moslems stünden sprudelnde Ölquellen zur Verfügung, so
       dass es für sie ein Leichtes sei, Politiker für sich zu gewinnen
       (um nicht direkt zu sagen: zu kaufen). Die Säkularen, denen
       diese Möglichkeiten nicht zur Verfügung stehen, sollten
       versuchen, Einfluss über z.B. eine hohe Zahl von Abonnenten für
       den gbs-Newsletter zu nehmen, so dass die gbs mit mehr Gewicht
       auftreten könne...
       Hamed Abdel-Samad begann seinen Vortrag mit der Feststellung,
       dass es eigentlich unfair sei, dass er allein über das Thema
       referierte, denn eigentlich müssten auch ein Salafist und ein
       liberaler muslimischer Intellektueller mit dabei sein, damit die
       Debatte fair sei. Zum Ausgleich dessen versetzte er sich daher
       an den einschlägigen Stellen des Vortrags jeweils in die Rolle
       dieser Gegenparts...
       Scharia
       Allem voran stellte er die Feststellung, dass es der größte
       Fehler vieler, auch gemäßigter, Muslime sei, sich nicht zuerst
       als individueller Mensch wahrgenommen sehen zu wollen, sondern
       zuerst als Muslim - weil sie auf die Propaganda der
       Islamverbände, die dies forderten, hereinfielen.
       Diese Verbände, die künstlich initiiert worden waren, um dem
       Staat als Gesprächspartner zu dienen, repräsentierten zwar nur
       einen Bruchteil der Muslime in Deutschland, sprächen aber für
       alle und übten indirekt Einfluss auf das Justiz-System aus. In
       England sei es bereits gelebte Realität: mit Hilfe der
       christlichen Kirchen sei dort die Einrichtung von
       Scharia-Gerichten durchgesetzt worden. Deren Befürworter
       behaupteten immer, die Scharia stünde nicht im Widerspruch zum
       Grundgesetz. Aber, so die Frage von Abdel-Samad, warum muss man
       die Scharia-Gerichte dann extra einführen, wenn es doch keinen
       Widerspruch gibt?
       Das Problem sei, dass es für "die Scharia" viele verschiedene
       Schulen und Interpretationen gebe, sie also kein klar
       definiertes Recht sei, nicht einfach in einem Buch nachzulesen -
       gäbe es dieses Buch, so könne man es in fünf Minuten
       argumentativ vernichten...
       Damals habe der Koran sehr kreative Antworten auf die Fragen der
       Zeit von vor 14 Jahrhunderten gegeben. Aber leider seien diese
       nie "geupdatet" worden. - Auf Gebieten außerhalb der Religion
       sei dies selbstverständlich: Kein Kapitän z.B. würde heute mit
       einer Weltkarte aus dem 7. Jh. in See stechen. Das Pendant zu
       einer heutigen aktuellen See-Karte, seien, um im Bild zu
       bleiben, die Menschenrechte.
       In die Rolle des Salafisten schlüpfend stellte er fest:
       „Die Scharia ist eine umfassende Utopie und eine Anleitung von
       Gott direkt.
       Der Mensch ist eben schwach und verfügt nicht über sich selbst,
       er ist nicht in der Lage, Entscheidungen selbst zu treffen und
       aus Fehlern zu lernen. Er ist wie ein Auto, und Gott der
       Ingenieur, der es entworfen hat. Wenn man es bedienen will, muss
       man den Ingenieur fragen, wie es funktioniert... Der Mensch muss
       vor sich selbst gerettet werden.
       Daher muss der Staat die Tugenden durchsetzen, so dass es keine
       nennenswerte Grenze zwischen Moral und Gesetzen gibt.
       Die Scharia ist keine Verhandlungssache, und langfristig ist es
       daher auch Ziel, dass sie in jeder Gesellschaft gilt.“
       Dieser Allgemeingültigkeitsanspruch für die ganze Welt sei, so
       Abdel-Samad, das Problem der islamischen Gesetzgebung.
       Im Judentum galt ein Dekret, das die jüdischen Gesetze in der
       Fremde relativierte, wonach das Gesetz immer das Gesetz des
       Herrschers war. Nur im privaten Bereich seien die jüdischen
       Gebote einzuhalten gewesen.
       Bei Christen sei es so ähnlich gewesen, bevor das Christentum
       Staatsreligion wurde.
       Den Grund hierfür sieht Abdel-Samad darin, dass die Juden in der
       Diaspora immer in der Minderheit waren, und Jesus nie politische
       Verantwortung hatte, also einfach sagen konnte: Gebt dem Kaiser,
       was des Kaisers ist, usw...
       Mohammed hingegen war als Herrscher verantwortlich, also
       gleichzeitig Gesetzgeber, Feldherr, Richter usw. So gab er
       Regeln vor.
       In Medina hatte er gesehen, wie Juden lebten, und ihre
       Lebensweise zunächst als Vorbild genommen. "Halacha" heißt auf
       Jüdisch "der Weg", und bezeichnet das jüdische Recht. Folglich
       nannte Mohammed seine Rechtssammlung „Scharia“: arabisch "der
       Weg". Die ersten Regeln wurden schlicht kopiert. Etwa anfangs
       das Gebet in Richtung Jerusalem, das Verhalten der Frau, wenn
       sie ihre Tage hat, das des Mannes ihr gegenüber während dieser
       Zeit, die Reinigungsrituale, das Schweinefleisch-Verbot, etc.
       Mohammed verkündete einen Monotheismus, und hatte daher
       erwartet, dass Juden und Christen als Erste diesen Glauben
       annehmen würden. Jene distanzierten sich aber wider Erwarten.
       Als Reaktion darauf entwickelte Mohammed seinen bekannten Hass
       auf die Anhänger dieser beiden Glaubensrichtungen und führte von
       da an auch eine andere Gesetzgebung ein.
       Falsch sei es, immer spontan nur an den Islam zu denken, wenn es
       um demokratie- und menschenrechtsfeindliche Religionen gehe,
       denn alle großen monotheistischen Religionen würden sich im
       entscheidenden menschenfeindlichen Punkt kaum voneinander
       unterscheiden:
       Sie alle sprächen dem Menschen das Recht ab, Herr über sich
       selbst zu sein!
       Religion sei einer der größten Menschheitsfehler. Damals seien
       sie auf archaischer Basis, die nur mit den Bedürfnissen und der
       Begrenztheit der Menschen damals zu tun hatten, geschaffen
       worden, seien nie korrigiert worden - und jetzt hätten sie den
       "Alters-Bonus"...
       Und sie erhöben leider den Anspruch, sich überall einzumischen,
       auch in Bereiche des Lebens, die mit Religion eigentlich nichts
       zu tun haben und auch nicht haben sollten. Z.B. dachte er
       kürzlich beim Eurovision Song Contest, er sehe nicht richtig:
       Mittendrin flüsterte einem eine deutsche Pastorin etwas von Gott
       und Liebe ein - wünschte dann aber nur dem deutschem Kandidaten
       Glück...
       Religion solle jedoch aus dem öffentlichem Raum verbannt werden,
       also: in Gesetzgebung und Politik keine Rolle spielen. Religion
       könne Angebote machen: wer wolle, könne sie annehmen...
       Religion sei wie Pizza. Man kann ohne sie leben:
       "Wenn ich Pizza will, gehe ich zum Italiener, oder lasse sie mir
       bringen. Aber sonst will ich mit Pizza in Ruhe gelassen werden!
       Ich will keine Pizza in der Schule auf dem Pult liegen haben,
       ich will sie nicht auf dem Sozialamt aufgedrängt bekommen, ich
       will keine bei einer Abtreibungs-Entscheidung, will keine im
       Krankenhaus...! Werbung für Pizza ist natürlich okay. Aber nicht
       mit staatlicher Unterstützung! Der Staat kann nicht einfach nur
       Pizza-Sorten unterstützen, die alte Legenden haben, die damals
       nur niemand in Frage gestellt hat!"
       Säkularisierung hieße, alle Religionen als Interessengruppen zu
       sehen, und sie alle gleich zu behandeln.
       Kinder würden aber leider mit staatlicher Unterstützung mit
       Glaubenswahrheiten bombardiert, bevor sie lernten, zu denken.
       Und ständig höre er Gruselgeschichten, wie isoliert Kinder
       seien, die nicht zum Religionsunterricht gingen.
       Warum die christlichen religiösen Gemeinschaften so scharf drauf
       seien, dass der Islam institutionalisiert werde? Sie wüssten,
       dass es die Gegenströmung gibt, die versucht, den Einfluss der
       Religionen zu verringern.
       Islamkritik ohne Diskriminierung und Diffamierung sei unbedingt
       nötig. Viele verstünden aber diese Islamkritik reflexartig
       falsch als Abwertung von Menschen.
       Arabischer Frühling
       Alte Strukturen wurden aufgehoben, getragen vom Wunsch nach
       Freiheit, Menschenwürde und sozialer Gerechtigkeit. Warum
       geschah dies? Weil die Revolutionäre Moslems waren? Oder obwohl?
       Diese Frage sei, so Abdel-Samad, unerheblich, denn sie hätten es
       einfach nur als Menschen getan.
       Jedoch dränge sich natürlich sofort die Frage auf, wie dies
       zusammenpasse mit den jüngsten Wahlergebnissen in Tunesien und
       Ägypten: Wollten diese Menschen letztlich doch nur eine Form der
       Bevormundung gegen eine andere austauschen? Oder hatte sich in
       ihren Köpfen doch zu nachhaltig das Mantra der Diktatoren
       festgesetzt, das da lautete: „Die einzige Alternative zu uns
       Diktatoren sind die Islamisten!“...?
       Dieses Mantra, und dass Moslems eine Diktatur bräuchten, hatten
       die Diktatoren auch erfolgreich den Westen glauben gemacht: Mit
       der Folge, dass dieser, sie als "geringeres Übel" ansehend, sie
       stets unterstützt hatte.
       In diesen Diktaturen wurde durchgängig dafür gesorgt, dass die
       Islamisten sichtbar waren. Linken und Gemäßigten wurde der
       Zugang zu Medien verweigert. Die Islamisten hingegen durften
       Milliarden aus dem Ausland empfangen, um soziale Einrichtungen
       zu finanzieren: Die Muslimbrüder seien immer dort gewesen, wo
       der Staat gefehlt habe. Aus diesem Grund hätten die Menschen sie
       auch zunächst gewählt, da sie persönlich so gute Erfahrungen mit
       ihnen gemacht hatten. Mubarak hingegen stehe einfach für alles,
       was schlecht und korrupt sei.
       Im Westen heule man wegen des Ergebnisses der letzten
       Präsidentschaftswahl auf - aber das revolutionäre Lager habe
       eigentlich zusammen genommen 40 Prozent der Stimmen erhalten.
       Die Muslimbrüder hätten diesmal nur noch 25 Prozent gewonnen:
       damit seien sie dafür abgestraft worden, dass sie sich in der
       Zwischenzeit nicht im Geringsten für soziale Verbesserungen
       eingesetzt hatten...
       Abdel-Samad sieht durchaus die besorgniserregende Parallele zum
       Iran, wo auch anfangs geglaubt wurde, dass die Islamisten sofort
       wieder gingen. Er ist jedoch der Meinung, dass es nirgends mehr
       islamkritische Menschen gebe als im Iran, weil sie erfahren
       hätten, dass die Utopie nicht funktioniere...
       Niemand könne garantieren, dass aus Ägypten kein zweiter Iran
       werde. Aber man könne das fast ausschließen - aus folgendem
       Grund: Ägypten lebe hauptsächlich vom Tourismus, der 50 Prozent
       der wirtschaftlichen Einnahmen ausmache. Die Wirtschaft werde
       bald eine viel wichtigere Rolle spielen als Religion, denn
       Menschen könnten sich von der Scharia nicht ernähren... Verbote
       von Alkohol und Bikinis würden dem Tourismus massiv schaden, und
       das Land noch mehr verarmen lassen; die Menschen würden sich
       daraufhin dann wahrscheinlich auch von den Islamisten wieder
       befreien, was dann die erste wirkliche Chance für die Gemäßigten
       bedeuten würde...
       Man schreibe zudem nicht mehr das Jahr 1979: Heute lebe die
       "Generation facebook", die Leute hätten andere Vergleiche,
       Autoritäten seien nicht mehr so unantastbar wie früher. - Leider
       sei dies nur nicht der Fall für den Text des Propheten...
       Hamed Abdel-Samad glaubt langfristig an Reform. Reformfähig sei
       das Denken der Menschen. Reformfähig sei die Art, alte Texte
       auszulegen, sie zu relativieren und sich damit im Ergebnis von
       ihnen zu distanzieren.
       Es habe allerdings noch nie eine Religion gegeben, die sich von
       sich aus und von innen heraus reformiert habe. Die Einflussnahme
       des Westens sei daher enorm wichtig.
       Für die arabische Welt gebe es mehrere Szenarien - auch die
       Zutaten für echte Veränderung seien da.
       Diskussion und ein Pakt
       In der folgenden Diskussion meldete sich sofort und erregt ein
       Moslem mit Häkel-Mütze zu Wort: Er fühle sich von Abdel-Samads
       Worten beleidigt! Und das Recht auf Kritik höre dort auf, wo
       andere beleidigt würden... Er habe offensichtlich das
       Selbstverständnis des Islam nicht begriffen, es sei nämlich
       folgendermaßen: Der Islam verstehe sich als Glaubenskomplex und
       sei geoffenbart. Dieser Komplex solle sich bewahrheiten. Der
       aufmerksame Zuhörer fragte sich in diesem Moment zwar, wo denn
       nun der Widerspruch zu verorten sei - da ging es aber auch schon
       weiter: Die Menschenrechte seien relativ! Muslime könnten keine
       E-Mail an Gott schreiben und müssten seine Gebote einfach
       akzeptieren.
       Abdel-Samad entgegnete, dass Muslime sich in einem vertikalen
       Verhältnis zu Gott sähen. Sie selbst könnten das gerne und frei
       ausleben. Aber wenn sie in den öffentlichen Raum kämen, könnten
       sie anderen nicht verbieten, sich darüber lustig zu machen: „Der
       Betroffene muss mit seinen Gefühlen anders umgehen. Sie dürfen
       an einen Stein glauben, aber bewerfen sie mich nicht mit dem
       Stein!"
       Und weiter: Wenn wir als Gesellschaft den Salafisten erlaubten,
       andere als Ungläubige zu bezeichnen, müsse man auch Pro Köln
       erlauben, Karikaturen zu zeigen. Die Grenze der Meinungsfreiheit
       sei erst dort zu ziehen, wo es um Gewalt oder Diffamierung gehe.
       Wenn er sage: „Mohammed ist kein Prophet gewesen, und er hat
       eine Religion der Gewalt geschaffen.“, solle darauf mit
       Argumenten geantwortet werden, aber nicht mit Wut. „Nur wenn man
       keine Argumente hat, wird man wütend...“ Respekt verdiene man
       sich durch Argumente und Leistungen, nicht, indem man Respekt
       fordere, weil man ein Moslem sei: "Ich respektiere sie, aber
       nicht deswegen, weil sie Moslem sind, sondern weil sie ein
       Mensch sind!"
       Mina Ahadi führte recht emotional aus, dass der Islam gegen
       Menschenrechte, gegen Frauenrechte sei. Er sei eine Bewegung. Er
       sei menschenfeindlich und aggressiv. Sie wolle hier eine
       "normale Frau" aus einem muslimischen Land reden hören, und von
       ihr geschildert bekommen, was der Islam für ihr Leben bedeute.
       Der Islam sei nicht gleichzusetzen mit anderen Religionen, er
       beinhalte die Todesstrafe, die Steinigung, etc... Mohammed habe
       eine 9-Jährige geheiratet...
       Abdel-Samad entgegnete, dass der aggressive unerbittliche Islam
       im Iran nur ihre persönliche Erfahrung gewesen sei. Andere
       Frauen hätten vielleicht eine andere Geschichte - keine einzige
       Erzählung sei allgemeingültig. Mohammed sei nicht mehr für das
       Heiraten einer 9-Jährigen verklagbar: Damals hätten andere
       Regeln geherrscht, wie man ja in den 14 Jahrhunderte alten
       Texten nachlesen könne. Er schlage daher einen Pakt vor: Wir
       verurteilen Leute von damals nicht nach unseren heutigen
       Maßstäben, dafür sollen aber auch die 14 Jahrhunderte alten
       Texte nicht mehr unser heutiges Leben bestimmen: sie müssten
       relativiert werden.
       Auf die Frage, ob ein "Islam light" denn überhaupt möglich sei,
       zumal das Christentum ja auch trotz der Aufklärung immer noch
       gefährlich sei, Religionen Menschen trennten, sagte er, dass er
       an Menschen glaube, und daran, dass sie zu allem fähig seien. Er
       glaube nicht an die genetische Bedingtheit, wer z.B. Demokrat
       sei und wer nicht...
       Was ihm Hoffnung mache: Vor 500 Jahren habe es die tolle
       Erfindung des Buchdrucks gegeben, die zur Folge hatte, dass das
       Wissen plötzlich nicht mehr durch die Kirche monopolisiert war.
       Das Osmanische Reich habe damals diese Erfindung abgelehnt, denn
       religiöse Gelehrte hätten Angst gehabt, dass der Koran
       verfälscht werden könne. Die ersten Druck-Platten waren somit
       tatsächlich erst 1798 mit Napoleon nach Kairo gekommen: Die
       islamische Welt hatte über 300 Jahre wichtige Prozesse verpasst.
       Nun sei aber das Internet in die arabische Welt gekommen, und
       diese Welle konnten die Gelehrten glücklicherweise nicht
       stoppen. Es gebe daher eine frische Entwicklung. Eines der
       beliebtesten Chat-Foren sei momentan eines, worin Araber mit
       Atheisten diskutierten.
       Es werde nicht alles von heute auf morgen besser werden. Er
       kritisiere, weil er verändern wolle. Er wolle das kleine Licht
       der Veränderung unterstützen...
       Nach dem Applaus und den natürlich noch lebhaft weitergehenden
       Einzel-Diskussionen war zu resümieren, dass es insgesamt sehr
       schön war, zu erleben, dass einmal eine wirkliche Öffentlichkeit
       in einer Veranstaltung der gbs Köln hergestellt werden konnte.
       Man kann hoffen, dass wirklich etwas in den Köpfen einiger, die
       noch nie etwas von der gbs gehört hatten, bewegt wurde.
       Leider war jedoch auch zu beobachten, dass dann, wenn Religion
       im allgemeinen kritisiert wurde, nur von relativ Wenigen
       geklatscht wurde, was darauf schließen lässt, dass wohl doch
       viele Zuschauer nur der Islamkritik wegen gekommen waren.
       Aber Aufklärung braucht bekanntlich einen langen Atem, und eine
       Menge „brennende Geduld“...
       
       Constanze Cremer
  HTML http://hpd.de/node/13528
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