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#Post#: 276--------------------------------------------------
Kein Arabischer Frühling für Christen
DIR By: Ben
Date: June 12, 2012, 6:00 am
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Christliche Minderheiten in der islamischen Welt
Kein Arabischer Frühling für Christen
Im Orient entstand einst das Christentum. Doch heute sind die
Christen in der islamischen Welt marginalisiert und von
Verfolgung bedroht. Eine Veranstaltung der
Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin beschäftigte sich mit der
Problematik. Bettina Marx informiert.
Sie werden im besten Fall geduldet, meistens jedoch
diskriminiert und im schlimmsten Fall sogar verfolgt, die
Christen in der islamischen Welt. Vor allem in den arabischen
Ländern schrumpft ihre Zahl mit besorgniserregender
Geschwindigkeit.
Beispiel Irak: Vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen 2003
lebten noch 1,5 Millionen Christen im Irak. Heute sind es noch
geschätzte 400.000.
Beispiel Palästina: Im Ursprungsland des Christentums gibt es
nach Schätzungen noch 49.000 Christen, rund 1,2 Prozent der
Bevölkerung. Etwa die Hälfte von ihnen leben im Distrikt
Bethlehem. In der Geburtsstadt Jesu selbst gibt es nur noch rund
6.500 Christen.
Zwischen Bürgerkrieg und der Dominanz der Hisbollah
Auch im Libanon, in dem die Christen vor einem Jahrhundert noch
die Mehrheit darstellten, sind sie heute, bedingt durch
Abwanderung und die hohe Geburtenrate der Muslime, in der
Minderheit. Nur noch zwischen 30 und 35 Prozent der Bevölkerung
sind Christen.
Dies habe in erster Linie mit der wirtschaftlichen und
politischen Lage seit dem Ende des Bürgerkriegs zu tun, meinte
der Historiker Abdel Raouf Sinno aus Beirut während einer
Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. Durch das
Abkommen von Taif, mit dem der Bürgerkrieg im Jahr 1989 beendet
wurde, seien den Christen viele Privilegien entzogen worden.
Die Entstehung der Hisbollah, die seit 2006 das politische Leben
im Libanon präge, habe bei den Christen im Libanon Ängste vor
einem erstarkenden schiitischen Fundamentalismus ausgelöst.
"Viele Christen und auch Sunniten fühlen sich von der extremen
Ideologie der Hisbollah bedroht", so Sinno. Die "Partei Gottes"
sähe in Ajatollah Ali Khamenei, dem Oberhaupt der Islamischen
Republik, den religiösen und politischen Führer der islamischen
Welt.
Gefahr drohe aber nicht nur von der schiitischen
Bevölkerungsmehrheit des Libanon. Auch die Eskalation im
Nachbarland Syrien beunruhige die christliche Gemeinschaft,
erläutert Sinno. "Nach der Ausdehnung der syrischen Revolution
fürchten Christen, dass der Libanon in ein islamisches
Staatsgebilde umgewandelt wird. Sie befürchten eine Koalition
zwischen syrischen und libanesischen Sunniten, die eine weitere
Marginalisierung der christlichen Präsenz bedeuten würde."
Tendenz zur Auswanderung
Nicht nur im Libanon, auch in den Staaten des arabischen
Frühlings denken viele Christen inzwischen über Auswanderung
nach. Denn vor dem Hintergrund wachsender Islamisierung sehen
sie für sich keine Zukunft mehr in den Ländern, in denen sie
nach eigenem Verständnis sozusagen die Ureinwohner darstellen.
Die Hoffnungen auf eine pluralistische Gesellschaft mit
weitreichenden Freiheitsrechten, die die Demonstrationen vor
einem Jahr begleiteten, sind inzwischen zerstoben, sagt Anba
Damian, Generalbischof der Kopten in Deutschland. Die koptische
Kirche ist die größte christliche Gemeinschaft in Ägypten. Seit
der Revolution häufen sich die Übergriffe gegen sie. Doch auch
zuvor waren sie nur geduldet.
"In der Zeit von Mubarak haben wir keinen Schutz durch das
Gesetz erfahren dürfen", erinnert sich Damian. "Aber durch die
Gnade des Präsidenten bekamen wir einen Teil unserer Rechte.
Heute aber ist kein Gesprächspartner mehr da und auch keine
Gnade." Im Gegenteil: Viele Kopten fühlten sich in ihrem
Heimatland schutzlos.
Koptische Mädchen und Frauen, die ohne Kopftuch herumliefen,
sähen sich zunehmend Belästigungen ausgesetzt. Kirchen würden
angezündet und Christen bedroht. Bischof Damian hofft, dass die
Toleranz, die er in Deutschland erlebe, auch in den islamischen
Ländern Anhänger findet. So könnten zum Beispiel in deutschen
Städten sogenannte Salafisten ungehindert den Koran an Passanten
verteilen. Für Christen in der arabischen Welt gälten solche
Freiheiten nicht.
Gemeinden vor dem Ende
Mit Bedauern und mit Sorge beobachtet Professor Martin Tamcke
von der Universität Göttingen die Entwicklung der christlichen
Gemeinden in den islamischen Ländern. Er ist Experte für die
Kirchen des Orients.
"Einst war hier das Zentrum der christlichen Welt", sagt er. In
dieser Welt seien die grundlegenden Glaubenslehren des
Christentums definiert worden, das die europäische Kultur präge.
Doch inzwischen stünden viele Gemeinden vor ihrem Ende.
Christliche Präsidenten oder Ministerpräsidenten, wie es sie
noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Nahen und
Mittleren Osten gegeben habe, seien wohl auf absehbare Zeit
unvorstellbar.
Bettina Marx
© Deutsche Welle 2012
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