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       #Post#: 272--------------------------------------------------
       „Die futtern ihre Stullen neben der Gaskammer“
   DIR By: Ben
       Date: June 11, 2012, 10:30 am
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       Interview mit Henryk M. Broder„Die futtern ihre Stullen neben
       der Gaskammer“
       Montag, 11.06.2012, 10:41 · von FOCUS-Online-Autor Marcus Ertle
       Henryk M. Broder prangert in seinem neuen Buch „Vergesst
       Auschwitz!“ den KZ-Tourismus an. Im FOCUS-Online-Interview
       spricht er über die Beliebtheit der Deutschen und verrät, wie
       man eine Schlägerei gewinnt.
       Er ist einer der profiliertesten Journalisten Deutschlands –
       Henryk M. Broder. Für seinen real-satirischen TV-Mehrteiler
       „Entweder Broder – Die Deutschland-Safari“ erhielt er zusammen
       mit Hamed Abdel-Samad den Bayerischen Fernsehpreis 2012.
       FOCUS Online: Herr Broder, Ihr neues Buch heißt „Vergesst
       Auschwitz!“. Aber natürlich denkt jeder bei dem Titel sofort
       daran.
       Henryk M. Broder: Ja, ein Paradoxon, so wie die Aufforderung:
       „Entspann dich, sei spontan, mach dich locker.“ Es ist ein
       leichter Etikettenschwindel. Man kann Auschwitz natürlich nicht
       vergessen, aber so wie Auschwitz heute als Erinnerung gehandhabt
       wird, wäre es das Beste, man würde es vergessen.
       FOCUS Online: Warum?
       Broder: Ich war gerade eine Woche in Krakau, das liegt ja in der
       Nähe von Auschwitz, da sehen Sie an jeder Ecke Werbung für
       Auschwitz. Riesige Plakate, Poster, Angebote von Reisebüros,
       Auschwitz ist das Standardprogramm für jeden Touristen. Die
       Leute gehen aufgekratzt durch das Lager, lassen sich unter dem
       Tor „Arbeit macht frei“ fotografieren und futtern ihre Stullen
       neben der Gaskammer. Das ist ekelhaft.
       FOCUS Online: Es gibt diese Geschichte von israelischen
       Jugendlichen, die sich nach dem Besuch von Auschwitz eine
       Stripperin in ihre Jugendherberge bestellt haben.
       Broder: Ja, das fand ich toll, die einzig angemessene Reaktion
       auf diese Todesfabrik. Eine sehr gesunde Reaktion, ein Hoch auf
       das Leben, keine Verneigung vor dem Tod.
       FOCUS Online: Was wäre, wenn deutsche Jugendliche so was machen?
       Broder: Es gäbe einen Aufschrei vom Allgäu bis nach Flensburg,
       alle würden sich fragen, wer versagt hat, das Elternhaus, die
       Lehrer, die Gesellschaft, die Sozialarbeiter. Aber wenn es eine
       deutsche Jugendgruppe tun würde, fände ich es genauso gut.
       FOCUS Online: Wieso das?
       Broder: Weil sie den Druck, der auf ihnen lastet, nicht anders
       aushalten können.
       FOCUS Online: Welchen Druck?
       Broder: Der Druck zum Wohlverhalten, zur Trauer, zur
       Betroffenheit. Das ist kaum auszuhalten, das ist so wie, wenn
       Sie mit drei Feministinnen am Tisch sitzen würden – irgendwann
       wollen Sie denen nur noch an die Titten fassen, weil Sie es leid
       sind, sich gut benehmen zu müssen.
       FOCUS Online: Es gibt ja den Satz, dass die Deutschen den Juden
       Auschwitz niemals verzeihen werden.
       Broder: Das ist die genialste und knappste Formel für das
       deutsch-jüdische Drama.
       FOCUS Online: Sie haben mal gesagt, wenn das Thema
       Antisemitismus für Sie erledigt ist, bleiben nur noch Essen, Sex
       und Reisen.
       Broder: Ja, mein einziger Ehrgeiz ist, Sachen als Chronist
       festzuhalten, vieles, was ich geschrieben habe, ist heute Quelle
       für andere Arbeiten.
       FOCUS Online: Was wollen Sie mit „Vergesst Auschwitz!“
       festhalten?
       Broder: Dass man einerseits „Nie wieder Auschwitz“ ruft und
       gleichzeitig die nächste Endlösung im Nahen Osten vorbereitet,
       diesmal die Endlösung der Israelfrage.
       FOCUS Online: Tragen junge Deutsche eine besondere Verantwortung
       wegen des Holocausts?
       Broder: Nein, das ist lächerlich. Wenn sie Verantwortung tragen,
       dann für alles, für den Euro, die Pendlerpauschale, den nächsten
       Krieg im Nahen Osten.
       FOCUS Online: Genauso wie ein Monegasse oder ein Ire.
       Broder: Genau.
       FOCUS Online: Was unterscheidet die Deutschen eigentlich von den
       anderen?
       Broder: Es unterscheidet sie nix, die Deutschen sind das
       beliebteste Volk der Welt, das zeigen internationale Umfragen.
       FOCUS Online: Die schlechtesten Werte hätten die Deutsche
       wahrscheinlich in Deutschland.
       Broder: Genau das ist der Fall, man kann den Deutschen nichts
       Schlimmeres antun, als wenn man sie gern hat. Dann flippen sie
       aus, das können sie nicht fassen, denn sie haben sich selbst
       nicht gern und erwarten, dass der Rest der Welt genauso denkt.
       FOCUS Online: Sind wir Deutschen wirklich so beliebt?
       Broder: Ja, die Deutschen sind wirklich höflicher geworden,
       weltoffener, sie haben sich zum Besseren hin verändert.
       Abgesehen von den Leuten, die in Stuttgart auf die Straße gehen,
       diese Rentner, die Bäume knutschen und Feldgottesdienste für die
       Juchtenkäfer abhalten.
       FOCUS Online: Ist es nicht so, dass viele Auschwitz tatsächlich
       vergessen haben, oder es ihnen gleichgültig ist?
       Broder: Die Zahl der Jugendlichen, denen der Begriff Auschwitz
       nichts sagt, ist in Deutschland so groß wie in Israel, das kann
       man nicht verhindern, das kann man ihnen nicht verübeln. Es
       herrscht ja auch der naive Glaube, dass das Wissen über den
       Holocaust die Menschen gegen aktuelle Brutalitäten immunisiert,
       aber das tut es nicht.
       FOCUS Online: Nicht?
       Broder: Schauen Sie sich nur das Rumgerede um das Blutbad in
       Syrien an. Wir schauen zu und warten ab, wer gewinnt. Die
       Bundesregierung schafft es nicht einmal, die Türkei unter Druck
       zu setzen, damit sie endlich den Völkermord an den Armeniern
       zugibt, der vor 97 Jahren stattfand. Man will die guten
       Beziehungen zu Ankara nicht riskieren. Nur bei „unserem“
       Holocaust schreiten wir zur Tat. Es sind blöde, inhaltslose
       Rituale auf dem Rücken von Millionen Ermordeter. Das bringt mich
       auf die Palme, und ich empöre mich nur selten.
       FOCUS Online: Ich dachte, Sie wären oft empört.FOCUS Online:
       Wann gab es zuletzt Prügeldrohungen Ihrerseits?
       Broder: Bei einer Lesung in München, da kam mir einer zu nahe
       und dann sagte ich: „Wenn du das nochmal machst, haue ich dir
       die Fresse ein.“ Dann ist er gegangen. Meine Frau war ganz
       entsetzt.
       FOCUS Online: Hätten Sie es denn getan?
       Broder: Ja, man braucht eine glaubwürdige Drohkulisse, das gilt
       für kollektive wie individuelle Konflikte.
       FOCUS Online: Geben Sie mal nen Tipp, wie man den Gegner am
       schnellsten K.O. schlägt.
       Broder: Der Erstschlag muss sitzen. Wohin sag ich nicht,
       Coca-Cola verrät sein Rezept auch nicht.
       FOCUS Online: Was ist schlimmer – vergessen oder verdrängen?
       Broder: Ich glaube, ohne Verdrängung kann man gar nicht leben,
       ich bin jetzt 65, ich verdränge jeden Tag erfolgreich den
       Gedanken an den Tod.
       FOCUS Online: Wirklich erfolgreich?
       Broder: Nicht wirklich, sonst würden wir jetzt nicht drüber
       reden. Aber erfolgreich in dem Sinn, dass ich weiter
       funktioniere, vergeblich in dem Sinne, dass es mir immer wieder
       bewusst wird. Wenn ich eine Reise plane, überlege ich, ob ich
       vielleicht nicht doch wohin fahre, wo ich noch nie war,
       angesichts der kurzen verbleibenden Zeit, die ich noch habe. Ich
       bin jetzt 65 und es gibt noch so viele Leute, die ich noch nicht
       beleidigt habe, ich muss jetzt das Tempo anziehen.
       FOCUS Online: Haben Sie beim Beleidigen Lieblingsausdrücke?
       Broder: Arrrrrrrrrschloch, das R rollt so schön, ein gutes
       Schimpfwort muss ein R haben.
       FOCUS Online: Wobei man ja im Bairischen gerne zwei Ausdrücke
       kombiniert. Zum Beispiel Depp, damischerrr.
       Broder: Das geht, aber hat man nicht so viele R.
       FOCUS Online: Idiotischerrr Krrretin?
       Broder: Auch gut, das müsste dann bairisch Krrrretin,
       idiotischerrrr heißen, oder Krrretin, depperrrrterrr.
       FOCUS Online: Sind Sie eigentlich ein Morgenmuffel?
       Broder: Ja, wenn man morgens vor zehn aufsteht, kann aus dem Tag
       nichts mehr werden.
       FOCUS Online: Manche sagen, man soll am besten gar nicht vor
       zwölf aufstehen.
       Broder: Finde ich sehr sympathisch. Alles Übel in der Welt
       passiert im Morgengrauen, Hinrichtungen, Familiendramen, jeder
       Krieg fängt im Morgengrauen an.
       FOCUS Online: Schulschwänzer gewesen?
       Broder: Ja, ich bin ganz oft erst zur dritten Stunde erschienen,
       ich habe auch mein Studium geschmissen, weil ich nicht früh
       aufstehen konnte.
       FOCUS Online: Was haben Sie studiert?
       Broder: Quer durch den Garten, Soziologie, Volkswirtschaft,
       bisschen Jura, nichts davon richtig, aber das frühe Aufstehen
       hat mich erledigt. Aus mir ist nix geworden und wenn ich fertig
       studiert hätte, wäre auch mit einem akademischen Abschluss nix
       aus mir geworden.
       FOCUS Online: Naja, was heißt nix geworden.
       Broder: Ich kann nix.
       FOCUS Online: Schreiben.
       Broder: Das ist nicht viel.
       FOCUS Online: Was wäre was Gescheites?
       Broder: Ein Café führen, einen Tisch bauen. Wenn ich die
       Erfahrung von heute hätte und die Wahl, würde ich Seemann
       werden.
       FOCUS Online: Kann ich mir nicht vorstellen.
       Broder: Auf dem Schiff können Sie alles machen, wozu Sie Lust
       haben, und Sie sind immer an der frischen Luft. Sie machen die
       Nacht zum Tage. Ich schreibe gerne nachts.
       FOCUS Online: Also doch schreiben.
       Broder: Schiffschaukelbremser wäre auch toll, die Mädchen
       anschieben, die wehenden Röcke bewundern.
       ...
       FOCUS Online: Ich nenne Ihnen mal paar Namen, und Sie sagen was
       zu den Personen. Claudia Roth.
       Broder: Die hab ich schon paarmal getroffen und finde sie immer
       netter. Früher hab ich immer so einen blöden Witz erzählt: Ich
       bin für die Einführung der Burka, wenn Claudia Roth sie als
       Erste anzieht. Da haben immer alle gelacht, aber das ist mir
       jetzt zu billig. Verglichen mit Renate Künast ist die geradezu
       ein Liebesobjekt. Irgendwer hat sie mal als Eichhörnchen auf
       Ecstasy bezeichnet, aber sie ist echt nett, sie ist auch so oft
       fassungslos, das kann nicht gespielt sein.
       FOCUS Online: Roger Willemsen.
       Broder: Ein Schwätzer-Intellektueller, ein aufgeblasener
       Wichtigtuer, nicht lebenstüchtig. Aber lebenstüchtig bin ich ja
       auch nicht, ohne meine Frau wäre ich aufgeschmissen.
       FOCUS Online: Woody Allen?
       Broder: Ich hab ihn einmal Klarinette spielen gehört, in einem
       New Yorker Club, ein ganz schüchterner Mensch, guckt immer auf
       seine Zehenspitzen.
       FOCUS Online: Kein Small-Talk-Kandidat?
       Broder: No way.
       FOCUS Online: Vielleicht eher gemeinsam auf einem Hochhausdach
       stehen und beraten, ob man springen soll?
       Broder: Das kann ich mir vorstellen, das wäre ein vernünftiges
       Gespräch, oder in einem führerlosen Bus ganz hinten sitzen und
       reden, wie lange das noch gut geht.
       FOCUS Online: Sie haben mal den Filmemacher Georg Stefan Troller
       interviewt, der ist über Neunzig. Wird man mit dem Alter weise?
       Broder: Eher lebenserfahren. Er schaut jeder Frau nach, die an
       ihm vorbeigeht, was ich sehr sympathisch finde. Ein alter
       Freund, der letztes Jahr mit 96 gestorben ist, hat bis zum
       letzten Atemzug ein Auge für Frauen gehabt, ein klassischer
       Mann. Das Altwerden hat einen großen Vorteil: Es macht
       unglaublich Spaß, die Sau rauszulassen. Man kann sich fast alles
       erlauben.
       FOCUS Online: Sind Sie ein klassischer Mann?
       Broder: Ja, ich halte jeder Frau die Tür auf, ich halte nichts
       von Gleichberechtigung, denn wer immer sich die Geschlechter
       ausgedacht hat, er hatte keine Gleichberechtigung im Sinn, sonst
       könnte man sich beim Kinderkriegen abwechseln, dieser
       Unterschied legt schon alles fest. Ich bin ein konservativer,
       ein reaktionärer Klassiker.
       FOCUS Online: Hauen Sie bitte mal einen reaktionären Satz raus.
       Broder: Ich finde die Frauenquote vollkommen bescheuert, wenn
       die Frauen eine Quote bekommen, wieso nicht auch die Schwulen?
       FOCUS Online: Waren Sie ein 68er?
       Broder: Ich bin leider Teil der 68er-Generation. Ich bin ja ein
       Opfer der Feministinnen. Wenn meine Frau mich nicht kuriert
       hätte, wäre ich im Abseits gelandet. Schauen Sie, ich bin
       aufgewachsen mit Frauen in Latzhosen, die keinen BH trugen. Wenn
       man sie einmal kurz anschaute, haben sie gleich geschrien: Ich
       bin doch nicht dein Lustobjekt!
       FOCUS Online: Sicher traumatisch. Mögen Sie eigentlich Kitsch?
       Broder: Ja, Madonnenfiguren, leuchtende Herzen, Häckeldecken aus
       Indien mit Hakenkreuzen drauf. Ich habe eine riesige
       Kitschsammlung.
       FOCUS Online: Klingt fast nach Softie.
       Broder: Nein, ich finde solche Männer schrecklich, zahnlos und
       eierlos, Eunuchen, geistig und physisch.
       FOCUS Online: Was treibt Sie an?
       Broder: Neugierde und die Flucht vor dem Tod, solange man
       arbeitet, kann man den Gedanken an den Tod am besten verdrängen.
       FOCUS Online: Was ist entbehrlich?
       Broder: Fast alles. Politiker, Journalisten, Ökonomen. Aber
       viele großartige Schauspieler und Autoren haben zahllosen
       Menschen sehr viele schöne Stunden bereitet, diese Menschen
       haben einen sehr großen Beitrag zum Wohlgefühl und zum Frieden
       geleistet.
       FOCUS Online: Und Trost.
       Broder: Ja, Trost muss sein.
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