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       Der Günter Grass der Politikwissenschaft
   DIR By: Ben
       Date: June 11, 2012, 10:18 am
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       Der Günter Grass der Politikwissenschaft
       Der »Nahostexperte« Michael Lüders hat ein Iran-Buch
       geschrieben, das an Perfidie kaum zu überbieten ist.
       von Stephan Grigat
       Der Politik- und Islamwissenschaftler Michael Lüders hat das
       Auswärtige Amt, das Bundesministerium für wirtschaftliche
       Zusammenarbeit und Entwicklung und die Friedrich-Ebert-Stiftung
       beraten. Er schreibt in fast allen wichtigen deutschsprachigen
       Zeitungen und wird von einer Fernsehsendung in die nächste
       gereicht. Nichtsdestotrotz schafft er es ein ganzes Buch lang,
       sich und seine Positionen als gesellschaftlich marginalisiert
       darzustellen. Allen Ernstes behauptet er, in Deutschland würden
       »die meisten Politiker und Meinungsmacher einem Irankrieg
       leichtfertig das Wort« reden.
       Mehrfach beklagt er die »Dämonisierung der Islamischen
       Republik«. Als Beleg für diese aberwitzige Charakterisierung der
       deutschsprachigen Debatte über den Iran führt er die Vorwürfe
       gegen das iranische Regime an, es unterstütze terroristische
       Organisationen, baue an einer Atombombe und sabotiere den
       Friedensprozess im Nahen Osten. Das kann man nur verstehen, wenn
       man weiß, dass Lüders Hamas und Hizbollah, von denen er selbst
       schreibt, dass sie vom iranischen Regime unterstützt werden,
       offensichtlich nicht für terroristische Organisationen hält;
       dass er den sogenannten Friedensprozess nicht durch den vom Iran
       finanzierten antisemitischen Terror, sondern durch die
       »verfehlte« Politik Israels »sabotiert« sieht; und dass er an
       ein Atomwaffenprogramm des Iran erst dann glauben mag, wenn man
       ihm die »rauchenden Colts« zeigt, also wenn es zu spät ist, den
       Griff der Ayatollahs und der Pasdaran nach der Bombe zu
       verhindern.
       Wandmalerei in Iran: Ein Revolver in den amerikanischen
       Nationalfarben
       Wandmalerei in Iran: Ein Revolver in den amerikanischen
       Nationalfarben (Foto: PA/dpa/epa/Abedin Taherkenareh)
       Als besonders üble Form der »Dämonisierung« des iranischen
       Regimes gelten ihm die Hinweise auf den Märtyrerkult der
       Islamisten: »Kriegsapologeten konstruieren gerne eine
       ›Todessehnsucht‹ iranischer Schiiten«. Doch solche
       »›Todes­sehnsucht‹-Projektionen« seien »völlig unzutreffend« und
       »eine Vogelscheuche aus dem Fundus der Islamophobie«. Wenige
       Seiten später weist er jedoch selbst auf die Tausenden
       Freiwilligen hin, die genau wegen dieses Märtyrerkultes im
       Iran-Irak-Krieg als lebende Minenräumkommandos verheizt wurden –
       mit einem Plastikschlüssel um den Hals, der ihnen das Tor zum
       Paradies öffnen sollte. Wenig später warnt er vor
       »Zehntausenden«, die im Iran bereit stünden, um »als
       Selbstmordattentäter für ihr Land in den Tod zu gehen.«
       Wie alle, die von einer »Dämonisierung« des Mullah-Regimes
       sprechen, beteiligt sich Lüders an der Verharmlosung des
       Khomeinismus. Die wiederholten und offenen Vernichtungsdrohungen
       gegen den Staat der Shoa-Überlebenden und ihrer Nachkommen
       werden bei ihm zu »unverantwortlicher Rhetorik«, die zu
       »Missverständnissen« einlade. Er analysiert den Hass auf Israel
       nicht als eines der zentralen Elemente der khomeinistischen
       Ideologie, sondern verniedlicht ihn zur »instrumentellen
       Dämonisierung«. Wer auf die Vernichtungsphantasien des
       iranischen Regimes und seiner Verbündeten hinweist, bekommt von
       Lüders »eine gehörige Portion projektiver Wahrnehmung«
       attestiert.
       Ziel des iranischen Regimes sei nicht die »›Vernichtung‹
       Israels«, sondern lediglich »ein neu zu schaffender Staat
       ›Palästina‹ ohne jüdische Vorherrschaft über Araber und
       Muslime.« Was natürlich eine viel schönere Umschreibung für die
       Zerstörung Israels ist als jene Worte des Generalstabschefs der
       iranischen Armee, Hassan Firouzabadi, der laut der vom
       iranischen Regime kontrollierten Nachrichtenagentur Fars News am
       20. Mai ganz undiplomatisch »the full annihilation of the
       Zionist regime of Israel« abermals als Ziel der Islamischen
       Republik proklamierte, oder auch die erneute Klarstellung des
       Obersten Geistlichen Führers Ali Khamenei, der ebenfalls laut
       Fars News das »zionistische Regime« zum wiederholten Male als
       »cancerous tumor that should be cut and will be cut«
       bezeichnete.
       Lüders behauptet in seiner Kampfschrift zum Wohle der Mullahs,
       es sei gar nicht erwiesen, dass die Machthaber in Teheran ein
       Nuklearwaffenprogramm betreiben. Redundant wiederholt er, dass
       man im Irak schließlich auch keine Massenvernichtungswaffen
       gefunden habe – und vergisst zu erwähnen, dass mit der IAEO
       heute genau jene Institution, die den USA vor dem Irakkrieg
       scharf und öffentlich widersprochen hat, nachdrücklich vor dem
       iranischen Atomprogramm warnt.
       Lüders bietet das gesamte Arsenal der Schönrednerei auf: vom
       Verweis auf die im Iran lebenden Juden, von denen er
       fälschlicherweise behauptet, »die Grenzen der Freiheit«, denen
       sie sich ausgesetzt sehen, seien »dieselben, die auch für die
       übrigen Iraner gelten«, bis zur selektiven Bezugnahme auf die
       selektive Darstellung US-amerikanischer Geheimdienstberichte und
       die Äußerungen ehemaliger israelischer Geheimdienstler in
       deutschsprachigen Medien. Wo ihm die Verzerrung der Realität
       oder eine selektive Wahrnehmung nicht mehr weiterhilft, verlegt
       Lüders sich auf falsche Behauptungen, etwa wenn er
       wahrheitswidrig schreibt, das proisraelische American Israel
       Public Affairs Committee (AIPAC) trete »für ein Großisrael ein«
       und stehe für die »prinzipielle Ablehnung eines
       palästinensischen Staates«. Hinsichtlich der Vorgeschichte der
       israelischen Staatsgründung phantasiert er: »Bereits in den
       1920er Jahren setzte sich der sogenannte ›Revisionismus‹
       innerhalb der jüdischen Frühgemeinschaft in Palästina durch.«
       Zur Erinnerung: Erst bei den Wahlen 1977 erhielt die
       ursprünglich als »revisionistisch« bezeichnete Strömung des
       Zionismus mit dem Wahlsieg Menachem Begins erstmals eine
       Mehrheit.
       Die Hauptthese seines, wie es im Klappentext heißt, »mutigen
       Plädoyers« ist an Niedertracht kaum zu überbieten: »Der Krieg
       gegen den Iran ist in erster Linie Israels Krieg. Israels
       Führung und die Israel-Lobby wollen ihn.« Weil er diese
       Imagination, wonach die Kriegshetzer auf jüdischer Seite zu
       finden seien, einem für derartiges stets empfänglichen
       deutschsprachigen Publikum verkaufen möchte, muss er von
       sämtlichen Bemühungen Israels und seiner Unterstützer schweigen,
       seit der Regierungszeit von Jitzchak Rabin Anfang der neunziger
       Jahre die Welt davon zu überzeugen, dass das iranische Regime
       mit nichtmilitärischen Mitteln am Bau von Atombomben gehindert
       werden muss und vermutlich auch gehindert werden kann. Von
       besonderer Perfidie ist das, da Lüders sich selbst aktiv gegen
       alle nichtmilitärischen Maßnahmen gegen das Regime aus
       Ayatollahs und Pasdaran einsetzt.
       Lüders sitzt im Beirat des Nah- und Mittelost-Vereins (NUMOV),
       einem der wichtigsten Unternehmenszusammenschlüsse, der bereits
       seit 1934 die Interessen der deutschen Wirtschaft in der Region
       vertritt. Insofern könnte man auch ohne Lektüre seines Bändchen
       wissen, was Lüders von Sanktionen gegen das iranische Regime
       hält: Sie seien »ein erkennbar falscher Schritt in die falsche
       Richtung«. In völliger Verdrehung der Realität behauptet er, die
       deutsche Iranpolitik der vergangenen Jahre sei »von
       vorauseilendem Gehorsam« gegenüber den Befürwortern scharfer
       Sanktionen geprägt gewesen. Er will seine Leser Glauben machen,
       die Bundesregierung unternehme »seit Jahren alles in ihrer Macht
       Stehende, um die wirtschaftliche Kooperation auf ein Minimum zu
       beschränken«. Deutsche Unternehmen haben aber trotz aller
       Sanktionen auch im vorigen Jahr Geschäfte mit dem Iran in einem
       Umfang von mehr als drei Milliarden Euro abgewickelt.
       Lüders stößt sich am »Sonderstatus« Israels und will den Nahen
       und Mittleren Osten in eine »atomwaffenfreie Zone« verwandeln,
       was nichts anderes meint, als dass Israel sich seiner
       Abschreckungskapazitäten entledigen soll. Insofern ist es keine
       Überraschung, dass er bei seinen kurz gehaltenen
       Literaturempfehlungen so gut wie nichts von der deutsch- oder
       englischsprachigen Standardliteratur zum Iran erwähnt, seinen
       Lesern aber israelische Stichwortgeber für die
       ressentimentgeladene deutschsprachige Nahostdebatte wie Avraham
       Burg, Shlomo Sand und selbst noch den radikalen Antizionisten
       Ilan Pappe ans Herz legt, Evelyn Hecht-Galinskis Machwerk
       »Israel darf alles« empfiehlt und sich in seiner Argumentation
       auf eines der Lieblingsbücher aller Antisemiten stützt, auf
       Stephan Walts und John Mearsheimers Buch »Die Israel-Lobby«.
       Lüders, der fast zehn Jahre lang als Nahostkorrespondent für die
       Zeit tätig war, unterstellt den von ihm Kritisierten eine
       »projektive Sicht auf die Wirklichkeit«, leidet aber
       offensichtlich selbst an Realitätsverlust, etwa wenn er meint,
       aktive Politiker würden in Deutschland »so gut wie nie offen
       Israel kritisieren«. Ähnlich wie bei Günter Grass artikuliert
       sich das Ressentiment gegen die Wehrhaftigkeit des Zionismus bei
       ihm in der Selbstinszenierung als heldenhafter Einzelkämpfer
       gegen einen imaginierten gesellschaftlichen Mainstream. Ganz so
       wie Grass wendet sich Lüders gegen die Lieferung deutscher
       U-Boote an Israel und wettert als verfolgende Unschuld gegen die
       »Nibelungentreue« des Rechtsnachfolgers des Nationalsozialismus
       gegenüber dem jüdischen Staat, gegen »Kriegsapostel« und gegen
       die »Jünger der Bewegung
       ›Israelkritik-ist-der-neue-Antisemitismus‹«. Und wie Grass will
       er das als Sorge um die Zukunft Israels verstanden wissen. Kein
       Wunder, dass solch ein Elaborat in Deutschland ein
       Verkaufsschlager ist und etwa von Franziska Augstein in der
       Süddeutschen Zeitung als »ein exzellentes Buch« angepriesen
       wird.
       Der Wirtschafts- und Politikberater setzt auf »Wandel durch
       Annäherung« und betont die »legitimen Sicherheitsinteressen« der
       khomeinistischen Diktatur, was nichts anderes bedeutet, als dass
       Lüders sich spielend damit abfinden kann, dass dieses Regime bis
       in alle Ewigkeit bestehen bleibt. Folgerichtig fordert er
       »Sicherheitsgarantien« für den Iran – also genau das, was die
       Machthaber in Teheran seit Jahren verlangen. Lüders baut sich
       einen Popanz auf, gegen den er wortgewaltig zu Felde zieht: Er
       behauptet, »die Befürworter des Irankrieges« gingen davon aus,
       eine militärische Intervention sei ein Spaziergang, außerdem
       würde das Regime gleich noch mitgestürzt und die iranische
       Freiheitsbewegung könne so die Macht erringen. Mit der Realität
       der israelischen Debatte über die Gefahren, die jegliches
       Vorgehen gegen die iranischen Bedrohung mit sich bringt, hat
       diese ressentimenthafte Darstellung nichts zu tun. Vom
       Standpunkt des Beschützers des Völkerrechts geht es ihm um die
       Diskreditierung des Zionismus als kriegslüsterne
       »Großisraelideologie« und um die Delegitimierung der
       israelischen Selbstverteidigung. Um das zu erreichen, schweigt
       er nicht nur vom 20 Jahre währenden, weitgehend erfolglosen
       Bemühen der Israelis, die Welt von der Notwendigkeit eines
       konsequenten nichtmilitärischen Vorgehens gegen das iranische
       Nuklearwaffenprogramm zu überzeugen, sondern auch davon, dass
       das iranische Regime bereits seit 1979 Krieg führt: einen
       verdeckten gegen Israel, einen ganz offenen gegen die iranische
       Bevölkerung.
       Michael Lüders: Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine
       Zukunft verspielt. C.H. Beck, München 2012, 175 Seiten, 14,90
       Euro
  HTML http://jungle-world.com/artikel/2012/23/45608.html
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