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#Post#: 271--------------------------------------------------
Der Günter Grass der Politikwissenschaft
DIR By: Ben
Date: June 11, 2012, 10:18 am
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Der Günter Grass der Politikwissenschaft
Der »Nahostexperte« Michael Lüders hat ein Iran-Buch
geschrieben, das an Perfidie kaum zu überbieten ist.
von Stephan Grigat
Der Politik- und Islamwissenschaftler Michael Lüders hat das
Auswärtige Amt, das Bundesministerium für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung und die Friedrich-Ebert-Stiftung
beraten. Er schreibt in fast allen wichtigen deutschsprachigen
Zeitungen und wird von einer Fernsehsendung in die nächste
gereicht. Nichtsdestotrotz schafft er es ein ganzes Buch lang,
sich und seine Positionen als gesellschaftlich marginalisiert
darzustellen. Allen Ernstes behauptet er, in Deutschland würden
»die meisten Politiker und Meinungsmacher einem Irankrieg
leichtfertig das Wort« reden.
Mehrfach beklagt er die »Dämonisierung der Islamischen
Republik«. Als Beleg für diese aberwitzige Charakterisierung der
deutschsprachigen Debatte über den Iran führt er die Vorwürfe
gegen das iranische Regime an, es unterstütze terroristische
Organisationen, baue an einer Atombombe und sabotiere den
Friedensprozess im Nahen Osten. Das kann man nur verstehen, wenn
man weiß, dass Lüders Hamas und Hizbollah, von denen er selbst
schreibt, dass sie vom iranischen Regime unterstützt werden,
offensichtlich nicht für terroristische Organisationen hält;
dass er den sogenannten Friedensprozess nicht durch den vom Iran
finanzierten antisemitischen Terror, sondern durch die
»verfehlte« Politik Israels »sabotiert« sieht; und dass er an
ein Atomwaffenprogramm des Iran erst dann glauben mag, wenn man
ihm die »rauchenden Colts« zeigt, also wenn es zu spät ist, den
Griff der Ayatollahs und der Pasdaran nach der Bombe zu
verhindern.
Wandmalerei in Iran: Ein Revolver in den amerikanischen
Nationalfarben
Wandmalerei in Iran: Ein Revolver in den amerikanischen
Nationalfarben (Foto: PA/dpa/epa/Abedin Taherkenareh)
Als besonders üble Form der »Dämonisierung« des iranischen
Regimes gelten ihm die Hinweise auf den Märtyrerkult der
Islamisten: »Kriegsapologeten konstruieren gerne eine
›Todessehnsucht‹ iranischer Schiiten«. Doch solche
»›Todessehnsucht‹-Projektionen« seien »völlig unzutreffend« und
»eine Vogelscheuche aus dem Fundus der Islamophobie«. Wenige
Seiten später weist er jedoch selbst auf die Tausenden
Freiwilligen hin, die genau wegen dieses Märtyrerkultes im
Iran-Irak-Krieg als lebende Minenräumkommandos verheizt wurden –
mit einem Plastikschlüssel um den Hals, der ihnen das Tor zum
Paradies öffnen sollte. Wenig später warnt er vor
»Zehntausenden«, die im Iran bereit stünden, um »als
Selbstmordattentäter für ihr Land in den Tod zu gehen.«
Wie alle, die von einer »Dämonisierung« des Mullah-Regimes
sprechen, beteiligt sich Lüders an der Verharmlosung des
Khomeinismus. Die wiederholten und offenen Vernichtungsdrohungen
gegen den Staat der Shoa-Überlebenden und ihrer Nachkommen
werden bei ihm zu »unverantwortlicher Rhetorik«, die zu
»Missverständnissen« einlade. Er analysiert den Hass auf Israel
nicht als eines der zentralen Elemente der khomeinistischen
Ideologie, sondern verniedlicht ihn zur »instrumentellen
Dämonisierung«. Wer auf die Vernichtungsphantasien des
iranischen Regimes und seiner Verbündeten hinweist, bekommt von
Lüders »eine gehörige Portion projektiver Wahrnehmung«
attestiert.
Ziel des iranischen Regimes sei nicht die »›Vernichtung‹
Israels«, sondern lediglich »ein neu zu schaffender Staat
›Palästina‹ ohne jüdische Vorherrschaft über Araber und
Muslime.« Was natürlich eine viel schönere Umschreibung für die
Zerstörung Israels ist als jene Worte des Generalstabschefs der
iranischen Armee, Hassan Firouzabadi, der laut der vom
iranischen Regime kontrollierten Nachrichtenagentur Fars News am
20. Mai ganz undiplomatisch »the full annihilation of the
Zionist regime of Israel« abermals als Ziel der Islamischen
Republik proklamierte, oder auch die erneute Klarstellung des
Obersten Geistlichen Führers Ali Khamenei, der ebenfalls laut
Fars News das »zionistische Regime« zum wiederholten Male als
»cancerous tumor that should be cut and will be cut«
bezeichnete.
Lüders behauptet in seiner Kampfschrift zum Wohle der Mullahs,
es sei gar nicht erwiesen, dass die Machthaber in Teheran ein
Nuklearwaffenprogramm betreiben. Redundant wiederholt er, dass
man im Irak schließlich auch keine Massenvernichtungswaffen
gefunden habe – und vergisst zu erwähnen, dass mit der IAEO
heute genau jene Institution, die den USA vor dem Irakkrieg
scharf und öffentlich widersprochen hat, nachdrücklich vor dem
iranischen Atomprogramm warnt.
Lüders bietet das gesamte Arsenal der Schönrednerei auf: vom
Verweis auf die im Iran lebenden Juden, von denen er
fälschlicherweise behauptet, »die Grenzen der Freiheit«, denen
sie sich ausgesetzt sehen, seien »dieselben, die auch für die
übrigen Iraner gelten«, bis zur selektiven Bezugnahme auf die
selektive Darstellung US-amerikanischer Geheimdienstberichte und
die Äußerungen ehemaliger israelischer Geheimdienstler in
deutschsprachigen Medien. Wo ihm die Verzerrung der Realität
oder eine selektive Wahrnehmung nicht mehr weiterhilft, verlegt
Lüders sich auf falsche Behauptungen, etwa wenn er
wahrheitswidrig schreibt, das proisraelische American Israel
Public Affairs Committee (AIPAC) trete »für ein Großisrael ein«
und stehe für die »prinzipielle Ablehnung eines
palästinensischen Staates«. Hinsichtlich der Vorgeschichte der
israelischen Staatsgründung phantasiert er: »Bereits in den
1920er Jahren setzte sich der sogenannte ›Revisionismus‹
innerhalb der jüdischen Frühgemeinschaft in Palästina durch.«
Zur Erinnerung: Erst bei den Wahlen 1977 erhielt die
ursprünglich als »revisionistisch« bezeichnete Strömung des
Zionismus mit dem Wahlsieg Menachem Begins erstmals eine
Mehrheit.
Die Hauptthese seines, wie es im Klappentext heißt, »mutigen
Plädoyers« ist an Niedertracht kaum zu überbieten: »Der Krieg
gegen den Iran ist in erster Linie Israels Krieg. Israels
Führung und die Israel-Lobby wollen ihn.« Weil er diese
Imagination, wonach die Kriegshetzer auf jüdischer Seite zu
finden seien, einem für derartiges stets empfänglichen
deutschsprachigen Publikum verkaufen möchte, muss er von
sämtlichen Bemühungen Israels und seiner Unterstützer schweigen,
seit der Regierungszeit von Jitzchak Rabin Anfang der neunziger
Jahre die Welt davon zu überzeugen, dass das iranische Regime
mit nichtmilitärischen Mitteln am Bau von Atombomben gehindert
werden muss und vermutlich auch gehindert werden kann. Von
besonderer Perfidie ist das, da Lüders sich selbst aktiv gegen
alle nichtmilitärischen Maßnahmen gegen das Regime aus
Ayatollahs und Pasdaran einsetzt.
Lüders sitzt im Beirat des Nah- und Mittelost-Vereins (NUMOV),
einem der wichtigsten Unternehmenszusammenschlüsse, der bereits
seit 1934 die Interessen der deutschen Wirtschaft in der Region
vertritt. Insofern könnte man auch ohne Lektüre seines Bändchen
wissen, was Lüders von Sanktionen gegen das iranische Regime
hält: Sie seien »ein erkennbar falscher Schritt in die falsche
Richtung«. In völliger Verdrehung der Realität behauptet er, die
deutsche Iranpolitik der vergangenen Jahre sei »von
vorauseilendem Gehorsam« gegenüber den Befürwortern scharfer
Sanktionen geprägt gewesen. Er will seine Leser Glauben machen,
die Bundesregierung unternehme »seit Jahren alles in ihrer Macht
Stehende, um die wirtschaftliche Kooperation auf ein Minimum zu
beschränken«. Deutsche Unternehmen haben aber trotz aller
Sanktionen auch im vorigen Jahr Geschäfte mit dem Iran in einem
Umfang von mehr als drei Milliarden Euro abgewickelt.
Lüders stößt sich am »Sonderstatus« Israels und will den Nahen
und Mittleren Osten in eine »atomwaffenfreie Zone« verwandeln,
was nichts anderes meint, als dass Israel sich seiner
Abschreckungskapazitäten entledigen soll. Insofern ist es keine
Überraschung, dass er bei seinen kurz gehaltenen
Literaturempfehlungen so gut wie nichts von der deutsch- oder
englischsprachigen Standardliteratur zum Iran erwähnt, seinen
Lesern aber israelische Stichwortgeber für die
ressentimentgeladene deutschsprachige Nahostdebatte wie Avraham
Burg, Shlomo Sand und selbst noch den radikalen Antizionisten
Ilan Pappe ans Herz legt, Evelyn Hecht-Galinskis Machwerk
»Israel darf alles« empfiehlt und sich in seiner Argumentation
auf eines der Lieblingsbücher aller Antisemiten stützt, auf
Stephan Walts und John Mearsheimers Buch »Die Israel-Lobby«.
Lüders, der fast zehn Jahre lang als Nahostkorrespondent für die
Zeit tätig war, unterstellt den von ihm Kritisierten eine
»projektive Sicht auf die Wirklichkeit«, leidet aber
offensichtlich selbst an Realitätsverlust, etwa wenn er meint,
aktive Politiker würden in Deutschland »so gut wie nie offen
Israel kritisieren«. Ähnlich wie bei Günter Grass artikuliert
sich das Ressentiment gegen die Wehrhaftigkeit des Zionismus bei
ihm in der Selbstinszenierung als heldenhafter Einzelkämpfer
gegen einen imaginierten gesellschaftlichen Mainstream. Ganz so
wie Grass wendet sich Lüders gegen die Lieferung deutscher
U-Boote an Israel und wettert als verfolgende Unschuld gegen die
»Nibelungentreue« des Rechtsnachfolgers des Nationalsozialismus
gegenüber dem jüdischen Staat, gegen »Kriegsapostel« und gegen
die »Jünger der Bewegung
›Israelkritik-ist-der-neue-Antisemitismus‹«. Und wie Grass will
er das als Sorge um die Zukunft Israels verstanden wissen. Kein
Wunder, dass solch ein Elaborat in Deutschland ein
Verkaufsschlager ist und etwa von Franziska Augstein in der
Süddeutschen Zeitung als »ein exzellentes Buch« angepriesen
wird.
Der Wirtschafts- und Politikberater setzt auf »Wandel durch
Annäherung« und betont die »legitimen Sicherheitsinteressen« der
khomeinistischen Diktatur, was nichts anderes bedeutet, als dass
Lüders sich spielend damit abfinden kann, dass dieses Regime bis
in alle Ewigkeit bestehen bleibt. Folgerichtig fordert er
»Sicherheitsgarantien« für den Iran – also genau das, was die
Machthaber in Teheran seit Jahren verlangen. Lüders baut sich
einen Popanz auf, gegen den er wortgewaltig zu Felde zieht: Er
behauptet, »die Befürworter des Irankrieges« gingen davon aus,
eine militärische Intervention sei ein Spaziergang, außerdem
würde das Regime gleich noch mitgestürzt und die iranische
Freiheitsbewegung könne so die Macht erringen. Mit der Realität
der israelischen Debatte über die Gefahren, die jegliches
Vorgehen gegen die iranischen Bedrohung mit sich bringt, hat
diese ressentimenthafte Darstellung nichts zu tun. Vom
Standpunkt des Beschützers des Völkerrechts geht es ihm um die
Diskreditierung des Zionismus als kriegslüsterne
»Großisraelideologie« und um die Delegitimierung der
israelischen Selbstverteidigung. Um das zu erreichen, schweigt
er nicht nur vom 20 Jahre währenden, weitgehend erfolglosen
Bemühen der Israelis, die Welt von der Notwendigkeit eines
konsequenten nichtmilitärischen Vorgehens gegen das iranische
Nuklearwaffenprogramm zu überzeugen, sondern auch davon, dass
das iranische Regime bereits seit 1979 Krieg führt: einen
verdeckten gegen Israel, einen ganz offenen gegen die iranische
Bevölkerung.
Michael Lüders: Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine
Zukunft verspielt. C.H. Beck, München 2012, 175 Seiten, 14,90
Euro
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