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#Post#: 270--------------------------------------------------
Am arabischen Antisemitismus sind vor allem die Juden schuld
DIR By: Ben
Date: June 11, 2012, 10:15 am
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Am arabischen Antisemitismus sind vor allem die Juden schuld
Carmen Matussek
Gilbert Achcars Buch „Die Araber und der Holocaust“, das 2009
ursprünglich auf Französisch erschienen ist, ist nach der
arabischen und der englischen Übersetzung nun auch auf Deutsch
erhältlich. Achcar ist Professor für Entwicklungsstudien und
internationale Beziehungen an der School of Oriental and African
Studies in London. Sein Buch ist der Versuch einer Ehrenrettung
der arabischen Nationen vor dem Vorwurf des kollektiven
Antisemitismus. Die Pressestimmen dazu überbieten sich
gegenseitig in ihrem Lob.
Der Autor will einen differenzierten Blick auf die arabische
Rezeption des Holocaust vermitteln. Er behandelt dazu zwei große
Zeitabschnitte: „Die Zeit der Shoah“ und „Die Zeit der Nakba“,
was sinngemäß jeweils „Die Zeit der Katastrophe“ bedeutet. Damit
deutet sich bereits eine Problematik an: Die
Verhältnisbestimmung von Holocaust und Staatsgründung Israels.
Im Holocaust sieht Achcar das einzige und obendrein heftig
missbrauchte Argument für die Staatsgründung (243 u.a.) sowie
für den „deutschen Philosemitismus“ (266). Dabei übergeht er
andere wichtige Gründe für die Unterstützung der israelischen
Anliegen. Er geht davon aus, dass die Staatsgründung
unrechtmäßig erfolgt sei (138, 153). Deswegen war aus seiner
Sicht auch jeder Verteidigungskrieg dieses Staates illegitim
(34f). Israel sei ein „kolonialer Siedlerstaat europäischen
Ursprungs“ (32).
Außerdem sieht Achcar in den Juden kein Volk, sondern eine
Religionsgemeinschaft. Sie hätten zwar eine Art nationale
Identität entwickelt, könnten aber ähnlich wie Christen und
Muslime kein Land beanspruchen (265). Die Vorstellung von einer
„Einstaatenlösung“, die der Autor zu präferieren scheint, mit
einer jüdischen Minderheit, die unbehelligt unter arabischer
Herrschaft lebt, ist im besten Fall eine naive Utopie.
Achcar gibt an, denjenigen zu widersprechen, die aus der
Geschichte einen immer dagewesenen, unabänderlichen arabischen
bzw. islamischen Antisemitismus konstruiert hätten und die
Araber heute insgesamt als Antisemiten und Nazis abstempeln
würden. Er gibt eine Fülle von Quellen an und kann vielleicht
jenen den Wind aus den Segeln nehmen, die alle Araber als
prädestinierte Nazikollaborateure darstellen. Kritikwürdig ist
dabei die geflissentliche Vernachlässigung der Beschreibung der
aktuellen Zustände in der arabischen Welt. „Hauptthema ist
schließlich die historische Beziehung der Araber zum Holocaust,
als er stattfand, weniger ihre aktuelle Beziehung zur
historischen Erinnerung an die Shoah“ (169). Man kann aus der
Lektüre die Erkenntnis mitnehmen, dass zur Zeit des Zweiten
Weltkrieges die meisten Araber nicht mit der
nationalsozialistischen Judenverfolgung einverstanden waren, was
aber kaum jemand angezweifelt hat. Wer von der gleichzeitigen
Zusammenarbeit einiger hochrangiger Araber mit dem Naziregime
nichts wusste, wird darüber ebenfalls umfassend informiert,
selbst wenn Achcar viele Fakten nur nennt, um sie anschließend
zu relativieren.
Erschwerend für eine Kritik ist, dass der Autor seine Meinung
häufig nicht mit eigenen Worten kundtut, sondern ganz im Sinne
postmodernen Stils weitgehend unkommentiert Zitate
aneinanderreiht, die Rückschlüsse auf seine Sicht zulassen.
Meint er tatsächlich, dass Palästina als Ort für die
Staatsgründung Israels lediglich ein zufällig da
herumschwimmendes „Floß“ war (26) und dass Israel vor dem
Sechs-Tage-Krieg 1967 „kaum in ernster Gefahr“ (219) war?
Zumindest behauptet er mit Nachdruck, dass „manche Juden“ sich
1948 in Palästina gänzlich zu Unrecht „von der Vernichtung“
bedroht gefühlt hätten (178) und dass Israel damals „allein“ für
die „Gewalt verantwortlich“ gewesen sei (234f). Auch hier
handelt es sich um ein Zitat, das er aber ausdrücklich bejaht.
Zudem formuliert Achcar seine Aussagen oft als Fragen und
negativ, wodurch ihre Essenz vernebelt wird: „Warum ist es
weniger schockierend, wenn man eroberte Völker, die besetzt,
entwurzelt und zu Flüchtlingen gemacht wurden, mit den Nazis
vergleicht, als wenn man eine Besatzungsarmee, die Gebiete von
vier Nachbarländern erobert hat, mit diesem Vergleich belegt?“
(223). Man denke sich den Satz im Umkehrschluss. „Oder was ist
über jene Araber zu sagen, die den Holocaust aus lauter Wut oder
einer Art hilfloser Aufschneiderei leugnen, um so ihre innere
Spannung loszuwerden, erzeugt durch einen ‚jüdischen Staat‘, der
sie aus einer überwältigenden Überlegenheitsposition heraus
erdrückt?“ (262).
Achcars Forschungsgegenstand ist aber nicht die
Holocaustleugnung des ein oder anderen Palästinensers, sondern
„der Araber“ (die es natürlich „nicht gibt“ (39), zumindest
nicht als Antisemiten, wohl aber als Betroffene des Holocaust
und der jüdischen Immigration nach Palästina (11)). Die Araber
will er in vier politische Hauptströmungen unterteilt wissen.
Bei deren Aufzählung fragt man sich unwillkürlich, ob die
Reihenfolge als Rangordnung gedacht ist: 1. Westlich orientierte
Liberale, 2. Marxisten, 3. Nationalisten, 4. Reaktionäre
und/oder fundamentalistische Panislamisten (40). Erst sehr viel
später und in einem Nebensatz in anderem Zusammenhang werden die
Marxisten als das bezeichnet, was sie waren: eine „winzige
Minderheitenströmung“ (82). Wie selbstverständlich scheint
Achcar davon auszugehen, dass Antisemitismus in der ersten
Gruppe keine große Rolle spielte. Dabei erwähnt er nicht, dass
beispielsweise al-Aqqad, der zu den großen Liberalen zählt (103)
und sich kritisch zum Hitlerregime geäußert hatte, ein
wohlwollendes Vorwort zu at-Tunisis arabischer Übersetzung der
Protokolle der Weisen von Zion von 1951 geschrieben hat.
Bildung, „Aufklärung“ und Antisemitismus schließen sich damals
wie heute nicht aus.
Den flächendeckenden Antisemitismus in der arabischen Welt
verharmlost Achcar mal als Spannungsventil, mal als
Antiimperialismus (188f), dann als Provokation (254,
Ahmadinedschad), als bloße Reaktion (255f) und als Bildungslücke
(247, 261). Nassers Antisemitismus tut er als „Ignoranz“ ab
(195f), dessen Holocaustleugnung als ein Versehen (207). Ahmad
Hussein, Gründer und Anführer der Bewegung „Junges Ägypten“,
disqualifiziert sich als ernstzunehmender Antisemit laut Achcars
Darlegung durch seine politische Sprunghaftigkeit (81). Auch
al-Gaylani, Ministerpräsident des Königreichs Irak und glühender
Bewunderer der Nazis, wird als Antisemit wider Willen
vorgestellt. Die „Arroganz Londons“ sei „für Gaylanis
Radikalisierung verantwortlich“ gewesen, und somit wäre er „im
eigentlichen Sinne kein Anhänger Hitlerdeutschlands“ (90). Den
Relativierungen und Verdrehungen scheinen keine Grenzen gesetzt
zu sein.
Die Ernennung von Hajj Amin al-Husseini, der sich wie kein
anderer Araber aktiv in die „Endlösung der Judenfrage“
eingebracht hat, zum Mufti Jerusalems, sei für die zionistische
Bewegung ein „unschätzbarer Dienst“ gewesen (129). Zudem habe er
mit der Mobilisierung von 200 000 Muslimen für den „Kampf der
Achsenmächte“ und anderen Tätigkeiten weit weniger erreicht, als
er sich vorgenommen hatte (144). Achcar bringt es fertig,
umfassendes Material über die Machenschaften des Muftis
zusammenzutragen und ihn hernach als „unbedeutend“ hinzustellen
und das „Bedürfnis“ „zahlreicher Autoren“ zu bemängeln, „den
Mufti (…) zu verunglimpfen“ (148). Gleichzeitig schreibt Achcar
ihm aber selbst so viel Einfluss zu, dass dieser als „religiöse
Autorität“ mit seinen Radioreden und seiner eigenwilligen
Auslegung des Islam „ein jahrhundertealtes Erbe der Koexistenz
zunichte“ gemacht habe (150f).
Als unbedeutend beschreibt Achcar auch die zahlreichen deutschen
Nationalsozialisten, die nach 1945 in der arabischen Welt,
besonders in Ägypten, ihre politischen Karrieren fortgesetzt
haben (201). Überhaupt seien – und das ist die Kernthese des
Buches – am arabischen Antisemitismus vor allem die Juden
schuld: „Im Gegensatz dazu sind die antisemitischen Äußerungen,
die heutzutage aus der arabischen Welt kommen, meist kultureller
Rückständigkeit geschuldete Phantastereien, in denen sich die
tiefe Frustration einer unterdrückten Nation äußert. Die
Verantwortung dafür ist in der Tat der Mehrheit ‚der Juden‘
Palästinas und später dem ‚jüdischen Staat‘ Israel
zuzuschreiben, den diese begründet haben“ (242).
Was „Antisemitismus“ versus „Antizionismus“ betrifft,
unterscheidet Achcar sogar zwischen der antisemitischen und der
antizionistischen (also legitimeren, weil „nichtrassistischen“)
Lesart der Protokolle der Weisen von Zion (197f). Nun ist aber
die Propagierung einer zionistischen Weltverschwörung nicht
weniger antisemitisch als die einer jüdischen. Der
Antisemitismus von „kulturell rückständigen“ und „unterdrückten“
Menschen ist nicht weniger mörderisch als der von
privilegierten. Und Achcar beantwortet nicht die Frage,
inwiefern antisemitische Propaganda in Algerien, den Vereinigten
Arabischen Emiraten oder bei arabischen Migranten in Europa –
durch alle Bevölkerungsschichten hindurch – mit
Ohnmachtsgefühlen gegenüber den Israelis zusammenhängen soll.
Dabei weiß er sehr wohl, dass man unterscheiden kann zwischen
einem Ressentiment, das der Feindbildgenese in einem realen
Konflikt entspringt, und einem, das das Ergebnis gezielter
Propaganda ist.
Obwohl bekanntlich in den arabischen, nicht den israelischen
Schulbüchern offen Hetze betrieben wird, legt der Autor die
Betonung auf die israelische Verantwortung (er zitiert Akiva
Eldar, die wiederum Bar-Tal zitiert): „Bar Tal betont, dass die
israelische Realitätswahrnehmung auch durch die palästinensische
Gewalt gegenüber israelischen Bürgern geprägt wurde, in erster
Linie aber durch die jahrelange Indoktrinierung auf der
Grundlage von Unwissenheit, die dadurch immer weiter
aufrechterhalten wird“ (273).
Achcars Buch ist ungeeignet, wenn man sich über den
Antisemitismus in der arabischen Welt und das dortige Phänomen
der Holocaustleugnung informieren möchte. Es ist ein Beispiel
für intellektuelle Verweigerung gegenüber den Gründen für die
eingefahrene Lage, auch wenn er die Araber sehr wohl zur
Selbstkritik mahnt (279). Auf dem Gipfel der Geschmacklosigkeit
unterstellt Achcar dem Middle East Media Research Institute
(MEMRI), das in einer Sammlung von Zitaten, Karikaturen und
Videos das Ausmaß des arabischen Antisemitismus abzubilden
versucht, „Genugtuung“ bei der Arbeit. Als weitere Beispiele für
„antiarabische“ Agitatoren nennt er Meir Litvak und Esther
Webman, Yehoshafat Harkabi und Matthias Küntzel.
Sie alle sind Autoren, die ganz sicher nicht zu den
antiislamischen Polemikern zählen und hier wärmstens empfohlen
seien, (auch wenn sie, wie Achcar bemängelt, „kein Arabisch“
können (164)). Ein Leser, der Harkabi, Küntzel und Achcar
nebeneinander liest und sich ein bisschen bei MEMRI über den
alltäglichen Wahnsinn des arabischen Antisemitismus informiert,
kann sich selbst ein realistisches Bild machen. Neben den
Beispielen, die hier exemplarisch vorgestellt wurden, finden
sich bei Achcar durchaus auch lesenswerte Informationen in
bekömmlicher, professioneller Aufbereitung. Aber es sind diese
Zitate und seine selektive Wahrnehmung, derentwegen ich das Buch
als irreleitend und einer fairen Beurteilung des Konflikts
abträglich bezeichne und nicht weiterempfehle.
Carmen Matussek, 28, hat Islamwissenschaft und Geschichte
studiert und kürzlich ihre Abschlussarbeit veröffentlicht: “Der
Glaube an eine jüdische Weltverschwörung. Die Rezeption der
Protokolle der Weisen von Zion in der arabischen Welt.” LIT
Verlag 2012. Freie Journalistin, Schwerpunktthemen: Israel,
Nahostkonflikt, Islam, Islamismus, Antisemitismus
HTML http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/am_arabischen/
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