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       Die Voraussetzungen der Integration
   DIR By: Ben
       Date: June 11, 2012, 10:12 am
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       Die Voraussetzungen der Integration
       Eran Yardeni
       Wenn es darum geht, sich selbst zu täuschen, übertrifft die
       Vorstellungskraft der politischen Linke jeden bekannten Maßstab.
       Solange aber die Selbsttäuscher in ihrem eigenen Wunderland
       leben und den Regeln ihrer umgekehrten Logik gehorchen, wäre das
       nicht weiter schlimm. Die Demokratie lebt von falschen Ansichten
       und jeder hat das Recht, die Pyramide auf den Kopf zu stellen,
       Ost mit West zu verwechseln und gewissenlose Terroristen mit dem
       Titel „Freiheitskämpfer“ zu krönen. Das Problem aber beginnt in
       dem Moment, wo ein lokalpolitischer Fraktionswahn sich zum
       Volksfest entfaltet, wo der gesunde Menschenverstand vor einer
       umgekehrten Logik kapituliert, die Ursachen mit Wirkungen
       ständig verwechselt.
       Ein gutes Beispiel für eine solche parteiübergreifende
       Sinnenvernebelung bildet der unerschütterte Glaube an die
       Richtigkeit der folgenden Aussage: „Sprache ist der Schlüssel
       zur Integration“. Diese sechs Worte gehören zu den
       Selbstverständlichkeiten der deutschen Politik, genau wie die
       hysterische Dringlichkeit des Atomausstiegs und die
       Notwendigkeit der Nachhaltigkeit. Wer hat sie nicht in den Mund
       genommen? Ab dem 8. März 2012 kann man auf der Internetseite der
       Bundesregierung lesen, dass „die Kanzlerin und die Ständige
       Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik
       Deutschland (KMK) bei ihrem ersten Treffen das Erlernen der
       deutschen Sprache als Schlüssel für Integration und Bildung
       bezeichneten“.
       Das war auch die Reaktion der CDU und des damaligen Vorsitzenden
       der FDP, Guido Westerwelle, auf die umstrittene Rede des
       türkischen Premierministers, Recep Tayyip Erdogan, in Düsseldorf
       am Ende Februar 2011.  Das Erlernen der deutschen Sprache sei
       der “Schlüssel zur Integration”. (FAZ, 28.2.2011). Dieses
       Klischee ist auch in dem „Arbeitsprogramm der Grünen für
       Schleswig-Holstein“ zu finden, in dem „gute Kenntnisse der
       deutschen Sprache“ nicht nur als Schlüssel sondern als
       „zentraler Schlüssel für Integration“ verstanden werden, sowie
       auf der Titelseite des Hefts „Wieso-Diskurs“ der
       Friedrich-Ebert-Stiftung (November, 2010).
       Tausende Zeitungsberichte wurden mit dieser Parole dekoriert und
       niemand weiß, in wie vielen Salongesprächen sie als die einzige
       logische Schlussfolgerung der Integrationsdebatte gilt.
       Interessant ist vor allem die Logik, die diesem Klischee
       zugrunde liegt. Um sie zu verstehen, muss man zuerst die
       Metapher analysieren. Der Migrant steht vor den himmelhohen
       Mauern der Aufnahmegesellschaft und will rein. Wenn er es nicht
       schafft, ist es vor allem darauf zurückzuführen, dass er den
       Torschlüssel noch nicht gefunden hat. Natürlich kann er auch
       versuchen, die Mauer illegal durchzubrechen oder über sie zu
       klettern.
       Dann aber soll er sich nicht wundern, wenn er durch solche
       Initiativen nur Zorn erntet. Ganz herzlos ist die
       Aufnahmegesellschaft aber nicht, und um solche widergesetzliche
       Durchbruche zu vereiteln, erklärt sie sich bereit, dem Migranten
       bei seiner Suche nach dem Schlüssel zu helfen. Bis jetzt tickt
       alles ganz richtig im Wunderland, abgesehen von einem kleinen
       nebensächlichen Detail, welches die Schlüsselmetapher außer Acht
       ließ: Keiner hat den Migranten gefragt, ob er überhaupt rein
       will. Diese Frage ist aber von enormer Wichtigkeit, denn wenn er
       nicht rein will, warum soll er sich überhaupt Mühe geben um den
       Schlüssel ausfindig zu machen?
       Die Aufnahmegesellschaft lässt sich aber von solchen kleinen
       Tatsachen nicht täuschen und sucht weiter nach dem Schlüssel.
       Dass sie vom Helfer zum einsamen Sucher wird, scheint sie dabei
       nicht zu stören.
       Lassen Sie uns jetzt versuchen, die Pyramide zurück auf die
       Basis zu stellen. Nicht die Sprache ist der Schlüssel zur
       Integration, sondern die Integration ist der Schlüssel zur
       Sprache. Anders formuliert: Integrationsbereitschaft ist eine
       notwendige (wenn auch nicht hinreichende) Vorbedingung zum
       Erlernen der deutschen Sprache. Nur wer sich integrieren will,
       nur wer die Wichtigkeit der Integration und seine Pflicht der
       Aufnahmegesellschaft gegenüber anerkennt, bemüht sich auch seine
       Sprachkenntnisse zu vertiefen. Solche Migranten benötigen keine
       große Unterstützung vom Staat, sie unterstützen sich selbst.
       Integration, so wie ich als Migrant diesen Begriff verstehe, ist
       kein administrativer oder bürokratischer Status sondern
       Grundeinstellung zum Leben. Integrationsbereitschaft ist eine
       moralische Position, die nur auf einer ehrlichen Wahrnehmung des
       Migrationszustands basieren kann. An der Wurzel fast jeder
       Migrationsgeschichte liegt nicht nur die Hoffnung auf eine
       bessere Zukunft, sondern vor allem eine in vielen Fällen
       verdrängte Erkenntnis der kulturellen Überlegenheit der
       westlichen Welt: Migranten übersiedeln nach Deutschland, weil
       sie wissen, dass sie hier besser leben können. Und sie können
       hier besser leben dank den moralischen Werten, auf denen der
       Wohlfahrtstaat errichtet wurde. Politik, Wirtschaft und Kultur
       bilden eine Einheit.
       Integrationsverweigerung soll deshalb als eine Art von
       gesellschaftlicher Schizophrenie betrachtet werden: Auf der
       einen Seite will man die Früchte der demokratischen liberalen
       Gesellschaft genießen, auf der anderen Seite lehnt man die Werte
       ab, dank denen diese Gesellschaft existiert und gedeiht. Mit
       anderen Worten: Nicht die Sprache ist der Schlüssel zur
       Integration sondern eine westlich- demokratische Weltanschauung.
       Nur wer die Regeln des demokratischen Spiels anerkennen und
       akzeptieren will, kann sich in eine demokratische Gesellschaft
       integrieren, und nur wer sich integrieren will, gibt sich auch
       Mühe, die deutsche Sprache zu lernen.
       Die verheerende und unerklärbare Neigung vieler jungen Menschen
       in Deutschland, die westliche Kultur auf Pornografie,
       Umweltverschmutzung und Coca-Cola zu reduzieren sowie ihre
       Neigung, kulturelle Rückständigkeit zu romantisieren, als wäre
       sie eine Tugend, bilden die andere Seite der Medaille. Hier
       genießen die antidemokratischen Tendenzen unter bestimmten
       Migrationsgruppen eine unerwartete Unterstützung von
       progressiven Aufklärern. Vor diesem antiwestlichen ideologischen
       Hintergrund werden misslungene Integrationsgeschichten mit
       kultureller Unterdrückung und systematischer Diskriminierung
       erklärt. Die Krux an diesem Erklärungsmuster ist, dass es
       bestimmten Migrationsgruppen die Gelegenheit bietet, sich in der
       Opferrolle zu verschanzten und dadurch jeder Verantwortung für
       ihr Leben zu entziehen.
       Dieser verwirrte Umgang mit der Tradition der westlichen
       Grundideen führt die Aufklärer immer wieder tief in das
       Labyrinth der Widersprüche. Nur um ein Beispiel zu nennen: Auf
       der einen Seite setzen sie sich für Gleichberechtigung von Mann
       und Frau ein, auf der anderen Seite aber fordern sie die
       Anerkennung kultureller Unterschiede. Sie vergessen aber, dass
       diese Forderung auch die Anerkennung von Kulturen einschließt,
       in denen die benachteiligte Position der Frau als natürlich
       gilt. Dieses Phänomen ist überhaupt nicht neu. Auf der
       außenpolitischen Ebene finden sich eine Menge Beispiele von
       Intellektuellen, die im Namen der Freiheit die schlimmsten
       Despoten der Welt unterstützten. Philotyrannen nannte sie der
       amerikanische Politikwissenschaftler, Mark Lilla. Diesen
       Orientierungsverlust versuchte er durch den Begriff des
       platonischen Eros zu erklären. Auf der heutigen innenpolitischen
       Ebene und im Zusammenhang mit der Integrationsdebatte würde ich
       mich mit einer anderen bescheideneren Erklärung begnügen: ein
       tragisches Missverständnis von zwei sich ausschließenden
       Begriffen: Multikulturalismus und Pluralismus.
       Sowohl der Multikulturalismus als auch der Pluralismus beziehen
       sich auf eine Gesellschaft, die aus mehreren Kulturen besteht.
       Doch damit erschöpft sich die Gemeinsamkeit. Im Rahmen einer
       multikulturellen Gesellschaft leben verschiedene Kulturen
       nebeneinander. Sie kommen miteinander nicht in Berührung, was
       ein friedliches Nebeneinanderleben garantiert. Als die höchste
       bürgerliche Tugend gilt in dieser gesellschaftlichen
       Konstellation die Gleichgültigkeit. Ich störe nicht und will
       auch nicht gestört werden. Was da hinter der kulturellen Mauer
       des Nachbarn passiert ist mir egal, solange ich davon nicht
       betroffen bin.
       Pluralismus hingegen sieht die Beziehungen zwischen den
       verschiedenen Kulturen völlig anders. In einer pluralistischen
       Gesellschaft leben die verschiedenen Kulturen miteinander und
       kommen auch ständig miteinander in Berührung. Pluralismus kann
       aber nur funktionieren, wenn die beteiligten Kulturen einen
       ideologischen gemeinsamen Nenner haben. Um konkret zu sein: Nur
       im Rahmen der westlichen Demokratie und unter der Bedingung,
       dass die beteiligten Kulturen diese demokratische Weltanschauung
       auch teilen, kann eine pluralistische Gesellschaft entstehen und
       gedeihen.
       Wenn die Grünen von einer „pluralistischen multikulturellen
       Einwanderungsgesellschaft“ reden, reden sie eigentlich von zwei
       unterschiedlichen und sich ausschließenden Zielen (Beschluss der
       16. BDK BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Stuttgart). Weil in demselben
       Dokument behauptet wird, dass „das Grundgesetz keine Leitkultur
       kennt, sondern im Gegenteil auf Toleranz, gleiche Rechte und
       Pflichten für alle setzt, die im Geltungsbereich des
       Grundgesetzes leben“, soll man sich wirklich überlegen, wie es
       sein kann, dass die Meister der Mülltrennung die Grundkategorien
       der Aufklärung und der westlichen politischen Tradition im
       Grundgesetzt übersehen können. Würden alle heute in Deutschland
       lebenden Kulturen das Grundgesetz anerkennen und respektieren,
       würde sich die öffentliche Diskussion über Migration und
       Integration erübrigen. Die Grünen ignorieren die bloße Tatsache,
       dass das deutsche Grundgesetz von bestimmten Kulturen abgelehnt
       wird, genau weil es, mit Recht, die Umsetzung der westlich-
       demokratischen Lebensweise fordert.
       Ein kulturelles Vakuum gibt es nicht. Wer behauptet, dass das
       Grundgesetz eines demokratischen Staates keine Leitkultur kennt,
       der versteht nicht, was Kultur ist. Und wer nicht wirklich
       versteht, was Kultur ist, soll vielleicht ein bisschen
       bescheidener sein, wenn er über Multikulturalismus spricht. Nur
       ein solches begriffliches Missverständnis kann erklären, warum
       so viele Leute auf Sprachkenntnisse einen solchen enormen Wert
       legen. Wer sich zur Demokratie nicht bekennen will, den werden
       auch Tausend Sprach- und Orientierungskurse nicht helfen.
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