DIR Return Create A Forum - Home
---------------------------------------------------------
Station13
HTML https://station13.createaforum.com
---------------------------------------------------------
*****************************************************
DIR Return to: Artikel aus der Presse
*****************************************************
#Post#: 269--------------------------------------------------
Die Voraussetzungen der Integration
DIR By: Ben
Date: June 11, 2012, 10:12 am
---------------------------------------------------------
Die Voraussetzungen der Integration
Eran Yardeni
Wenn es darum geht, sich selbst zu täuschen, übertrifft die
Vorstellungskraft der politischen Linke jeden bekannten Maßstab.
Solange aber die Selbsttäuscher in ihrem eigenen Wunderland
leben und den Regeln ihrer umgekehrten Logik gehorchen, wäre das
nicht weiter schlimm. Die Demokratie lebt von falschen Ansichten
und jeder hat das Recht, die Pyramide auf den Kopf zu stellen,
Ost mit West zu verwechseln und gewissenlose Terroristen mit dem
Titel „Freiheitskämpfer“ zu krönen. Das Problem aber beginnt in
dem Moment, wo ein lokalpolitischer Fraktionswahn sich zum
Volksfest entfaltet, wo der gesunde Menschenverstand vor einer
umgekehrten Logik kapituliert, die Ursachen mit Wirkungen
ständig verwechselt.
Ein gutes Beispiel für eine solche parteiübergreifende
Sinnenvernebelung bildet der unerschütterte Glaube an die
Richtigkeit der folgenden Aussage: „Sprache ist der Schlüssel
zur Integration“. Diese sechs Worte gehören zu den
Selbstverständlichkeiten der deutschen Politik, genau wie die
hysterische Dringlichkeit des Atomausstiegs und die
Notwendigkeit der Nachhaltigkeit. Wer hat sie nicht in den Mund
genommen? Ab dem 8. März 2012 kann man auf der Internetseite der
Bundesregierung lesen, dass „die Kanzlerin und die Ständige
Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik
Deutschland (KMK) bei ihrem ersten Treffen das Erlernen der
deutschen Sprache als Schlüssel für Integration und Bildung
bezeichneten“.
Das war auch die Reaktion der CDU und des damaligen Vorsitzenden
der FDP, Guido Westerwelle, auf die umstrittene Rede des
türkischen Premierministers, Recep Tayyip Erdogan, in Düsseldorf
am Ende Februar 2011. Das Erlernen der deutschen Sprache sei
der “Schlüssel zur Integration”. (FAZ, 28.2.2011). Dieses
Klischee ist auch in dem „Arbeitsprogramm der Grünen für
Schleswig-Holstein“ zu finden, in dem „gute Kenntnisse der
deutschen Sprache“ nicht nur als Schlüssel sondern als
„zentraler Schlüssel für Integration“ verstanden werden, sowie
auf der Titelseite des Hefts „Wieso-Diskurs“ der
Friedrich-Ebert-Stiftung (November, 2010).
Tausende Zeitungsberichte wurden mit dieser Parole dekoriert und
niemand weiß, in wie vielen Salongesprächen sie als die einzige
logische Schlussfolgerung der Integrationsdebatte gilt.
Interessant ist vor allem die Logik, die diesem Klischee
zugrunde liegt. Um sie zu verstehen, muss man zuerst die
Metapher analysieren. Der Migrant steht vor den himmelhohen
Mauern der Aufnahmegesellschaft und will rein. Wenn er es nicht
schafft, ist es vor allem darauf zurückzuführen, dass er den
Torschlüssel noch nicht gefunden hat. Natürlich kann er auch
versuchen, die Mauer illegal durchzubrechen oder über sie zu
klettern.
Dann aber soll er sich nicht wundern, wenn er durch solche
Initiativen nur Zorn erntet. Ganz herzlos ist die
Aufnahmegesellschaft aber nicht, und um solche widergesetzliche
Durchbruche zu vereiteln, erklärt sie sich bereit, dem Migranten
bei seiner Suche nach dem Schlüssel zu helfen. Bis jetzt tickt
alles ganz richtig im Wunderland, abgesehen von einem kleinen
nebensächlichen Detail, welches die Schlüsselmetapher außer Acht
ließ: Keiner hat den Migranten gefragt, ob er überhaupt rein
will. Diese Frage ist aber von enormer Wichtigkeit, denn wenn er
nicht rein will, warum soll er sich überhaupt Mühe geben um den
Schlüssel ausfindig zu machen?
Die Aufnahmegesellschaft lässt sich aber von solchen kleinen
Tatsachen nicht täuschen und sucht weiter nach dem Schlüssel.
Dass sie vom Helfer zum einsamen Sucher wird, scheint sie dabei
nicht zu stören.
Lassen Sie uns jetzt versuchen, die Pyramide zurück auf die
Basis zu stellen. Nicht die Sprache ist der Schlüssel zur
Integration, sondern die Integration ist der Schlüssel zur
Sprache. Anders formuliert: Integrationsbereitschaft ist eine
notwendige (wenn auch nicht hinreichende) Vorbedingung zum
Erlernen der deutschen Sprache. Nur wer sich integrieren will,
nur wer die Wichtigkeit der Integration und seine Pflicht der
Aufnahmegesellschaft gegenüber anerkennt, bemüht sich auch seine
Sprachkenntnisse zu vertiefen. Solche Migranten benötigen keine
große Unterstützung vom Staat, sie unterstützen sich selbst.
Integration, so wie ich als Migrant diesen Begriff verstehe, ist
kein administrativer oder bürokratischer Status sondern
Grundeinstellung zum Leben. Integrationsbereitschaft ist eine
moralische Position, die nur auf einer ehrlichen Wahrnehmung des
Migrationszustands basieren kann. An der Wurzel fast jeder
Migrationsgeschichte liegt nicht nur die Hoffnung auf eine
bessere Zukunft, sondern vor allem eine in vielen Fällen
verdrängte Erkenntnis der kulturellen Überlegenheit der
westlichen Welt: Migranten übersiedeln nach Deutschland, weil
sie wissen, dass sie hier besser leben können. Und sie können
hier besser leben dank den moralischen Werten, auf denen der
Wohlfahrtstaat errichtet wurde. Politik, Wirtschaft und Kultur
bilden eine Einheit.
Integrationsverweigerung soll deshalb als eine Art von
gesellschaftlicher Schizophrenie betrachtet werden: Auf der
einen Seite will man die Früchte der demokratischen liberalen
Gesellschaft genießen, auf der anderen Seite lehnt man die Werte
ab, dank denen diese Gesellschaft existiert und gedeiht. Mit
anderen Worten: Nicht die Sprache ist der Schlüssel zur
Integration sondern eine westlich- demokratische Weltanschauung.
Nur wer die Regeln des demokratischen Spiels anerkennen und
akzeptieren will, kann sich in eine demokratische Gesellschaft
integrieren, und nur wer sich integrieren will, gibt sich auch
Mühe, die deutsche Sprache zu lernen.
Die verheerende und unerklärbare Neigung vieler jungen Menschen
in Deutschland, die westliche Kultur auf Pornografie,
Umweltverschmutzung und Coca-Cola zu reduzieren sowie ihre
Neigung, kulturelle Rückständigkeit zu romantisieren, als wäre
sie eine Tugend, bilden die andere Seite der Medaille. Hier
genießen die antidemokratischen Tendenzen unter bestimmten
Migrationsgruppen eine unerwartete Unterstützung von
progressiven Aufklärern. Vor diesem antiwestlichen ideologischen
Hintergrund werden misslungene Integrationsgeschichten mit
kultureller Unterdrückung und systematischer Diskriminierung
erklärt. Die Krux an diesem Erklärungsmuster ist, dass es
bestimmten Migrationsgruppen die Gelegenheit bietet, sich in der
Opferrolle zu verschanzten und dadurch jeder Verantwortung für
ihr Leben zu entziehen.
Dieser verwirrte Umgang mit der Tradition der westlichen
Grundideen führt die Aufklärer immer wieder tief in das
Labyrinth der Widersprüche. Nur um ein Beispiel zu nennen: Auf
der einen Seite setzen sie sich für Gleichberechtigung von Mann
und Frau ein, auf der anderen Seite aber fordern sie die
Anerkennung kultureller Unterschiede. Sie vergessen aber, dass
diese Forderung auch die Anerkennung von Kulturen einschließt,
in denen die benachteiligte Position der Frau als natürlich
gilt. Dieses Phänomen ist überhaupt nicht neu. Auf der
außenpolitischen Ebene finden sich eine Menge Beispiele von
Intellektuellen, die im Namen der Freiheit die schlimmsten
Despoten der Welt unterstützten. Philotyrannen nannte sie der
amerikanische Politikwissenschaftler, Mark Lilla. Diesen
Orientierungsverlust versuchte er durch den Begriff des
platonischen Eros zu erklären. Auf der heutigen innenpolitischen
Ebene und im Zusammenhang mit der Integrationsdebatte würde ich
mich mit einer anderen bescheideneren Erklärung begnügen: ein
tragisches Missverständnis von zwei sich ausschließenden
Begriffen: Multikulturalismus und Pluralismus.
Sowohl der Multikulturalismus als auch der Pluralismus beziehen
sich auf eine Gesellschaft, die aus mehreren Kulturen besteht.
Doch damit erschöpft sich die Gemeinsamkeit. Im Rahmen einer
multikulturellen Gesellschaft leben verschiedene Kulturen
nebeneinander. Sie kommen miteinander nicht in Berührung, was
ein friedliches Nebeneinanderleben garantiert. Als die höchste
bürgerliche Tugend gilt in dieser gesellschaftlichen
Konstellation die Gleichgültigkeit. Ich störe nicht und will
auch nicht gestört werden. Was da hinter der kulturellen Mauer
des Nachbarn passiert ist mir egal, solange ich davon nicht
betroffen bin.
Pluralismus hingegen sieht die Beziehungen zwischen den
verschiedenen Kulturen völlig anders. In einer pluralistischen
Gesellschaft leben die verschiedenen Kulturen miteinander und
kommen auch ständig miteinander in Berührung. Pluralismus kann
aber nur funktionieren, wenn die beteiligten Kulturen einen
ideologischen gemeinsamen Nenner haben. Um konkret zu sein: Nur
im Rahmen der westlichen Demokratie und unter der Bedingung,
dass die beteiligten Kulturen diese demokratische Weltanschauung
auch teilen, kann eine pluralistische Gesellschaft entstehen und
gedeihen.
Wenn die Grünen von einer „pluralistischen multikulturellen
Einwanderungsgesellschaft“ reden, reden sie eigentlich von zwei
unterschiedlichen und sich ausschließenden Zielen (Beschluss der
16. BDK BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Stuttgart). Weil in demselben
Dokument behauptet wird, dass „das Grundgesetz keine Leitkultur
kennt, sondern im Gegenteil auf Toleranz, gleiche Rechte und
Pflichten für alle setzt, die im Geltungsbereich des
Grundgesetzes leben“, soll man sich wirklich überlegen, wie es
sein kann, dass die Meister der Mülltrennung die Grundkategorien
der Aufklärung und der westlichen politischen Tradition im
Grundgesetzt übersehen können. Würden alle heute in Deutschland
lebenden Kulturen das Grundgesetz anerkennen und respektieren,
würde sich die öffentliche Diskussion über Migration und
Integration erübrigen. Die Grünen ignorieren die bloße Tatsache,
dass das deutsche Grundgesetz von bestimmten Kulturen abgelehnt
wird, genau weil es, mit Recht, die Umsetzung der westlich-
demokratischen Lebensweise fordert.
Ein kulturelles Vakuum gibt es nicht. Wer behauptet, dass das
Grundgesetz eines demokratischen Staates keine Leitkultur kennt,
der versteht nicht, was Kultur ist. Und wer nicht wirklich
versteht, was Kultur ist, soll vielleicht ein bisschen
bescheidener sein, wenn er über Multikulturalismus spricht. Nur
ein solches begriffliches Missverständnis kann erklären, warum
so viele Leute auf Sprachkenntnisse einen solchen enormen Wert
legen. Wer sich zur Demokratie nicht bekennen will, den werden
auch Tausend Sprach- und Orientierungskurse nicht helfen.
HTML http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/die_voraussetzungen_der_integration/
*****************************************************
Page 1 of 1