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       Zu Besuch bei Salafisten
   DIR By: Ben
       Date: June 11, 2012, 4:05 am
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       Die Welt 11.06.12
       Zu Besuch bei Salafisten
       Wenn Islamisten einladen, lohnt der Weg. Denn das kann erhellend
       sein / Von Cora Stephan Von Cora Stephan
       DIE WELT
       "Du bist ein Kinderf*****, du katholische Drecksau", schreit die
       ältere Frau in roten Hosen und orangem T-Shirt, übergewichtig
       und unverschleiert, die mit straßen- und kneipenerprobter Stimme
       zwei Männern die Wahrheit verkündet: dass Muslime ganz lieb
       sind. Wollen nur spielen. "Vielleicht ist deine Frau ne Nutte."
       Die irgendwie autochthon oder "biodeutsch" Aussehende scheint
       sich auszukennen.
       Die Polizei und ich schauen zu. Die Alte ist bislang die einzige
       Unterhaltung an diesem windigen Sonntagmittag in Köln-Deutz.
       Ihre kraftvolle Beleidigung von Millionen von Gläubigen nimmt
       keiner groß übel. Katholiken sind offenbar tolerant. Oder
       gehörlos. Also nicht empfänglich für den "1. Islamischen
       Friedenskongress".
       Oder verwöhnt? Denn trostloser kann der Ort für einen
       Friedenskongress kaum sein. Doch vielleicht passt das zum Barte
       des Propheten: der Barmer Platz in Köln-Deutz, sonst Parkplatz
       zwischen Messe und S-Bahn, ist eine leere Staub- und
       Schotterwüste. Ein Drittel davon abgeteilt für die
       Friedenspredigt, zu der eine kleine radikale Minderheit von
       Muslimen, die sich nicht mehr Salafisten nennen mag, ihren Abu
       Hamza eingeladen haben, gebürtig Pierre Vogel. Roter Bart,
       joviales Kölsch, ehemaliger Boxer. Zu diesem Friedenskongress
       sind alle eingeladen - auch und vor allem die Ungläubigen. Und
       die sind tatsächlich als Erstes vor Ort: Polizisten und
       Journalisten (selbstironisch: "Weg ins Paradies-TV") mit
       schwerem Gerät. Und nun warten sie auf Tausende begeisterte
       Anhänger des Propheten und seines Predigers, die da kommen
       sollen.
       Aber die lassen auf sich warten.
       Zeit für eine Leistungsschau der Polizei. Hinter einem
       Mannschaftswagen, beobachtet von einer Vollverschleierten ganz
       in Khaki, ziehen gefährlich gut aussehende Polizistinnen
       schamlos die unteren Reißverschlüsse ihrer Kampfhosen auf, um
       Schienenbeinschoner auf die durchtrainierten Beine zu schnallen.
       Entblößen nackte Arme, bevor sie die Jacke wieder über die hieb-
       und stichfeste Weste ziehen. Und endlich tröpfeln die ersten
       Gläubigen in weißen oder grauen Gewändern auf den Platz, weiße
       oder schwarze Käppchen auf dem Haupt, einige verhüllen den Kopf
       im roten oder schwarzen Palästinensertuch. Ein dürrer Jungmann,
       das Gesicht fast verschleiert unter dem roten Feudel,
       wahrscheinlich, weil ihm der Bart bislang versagt blieb, predigt
       mit feinem Fingerspiel vor der Tribüne, von der aus Korane
       verabreicht werden sollen, die niemand nachfragt. Kein Trend zum
       Zweitkoran unter den Anwesenden. Doch jetzt haben wenigstens die
       Medien etwas zu tun - unter Beobachtung, allerdings: Jeder, der
       sich für die Veranstaltung interessiert, wird seinerseits von
       lieben Muslimen abgelichtet. Immerhin grinst mein persönlicher
       Observant, als ich zurückfotografiere.
       Ja, Islam ist Frieden, wie man sieht. Ein "pro NRW"-Trüpplein am
       anderen Ende des riesigen Platzes wird von der Polizei
       abgeschirmt und geht bald wieder, wahrscheinlich langweilt man
       sich. Laut sind nur die Tierschützer, die irgendwo jenseits der
       S-Bahn demonstrieren. Und nur sensationslüsterne Menschen warten
       auf den Moment, in dem die Massen aus dem S-Bahnhof strömen und
       zu den Tausenden Gläubigen werden, die Pierre Vogel versprochen
       hat.
       Wo bleibt der Kerl überhaupt?
       Warm verhüllte Damen in Schwarz oder Taubenblau, in Grüppchen,
       abseits der Männer, plaudern derweil gemütlich über Kinder und
       Küche, nur eine Biodeutsche mit weißem Kopftuch schaut
       unglücklich. Was sie und andere unter dem Kopftuch tragen, ist
       ihr Geheimnis, aber es macht einen edel gestreckten Hinterkopf à
       la Nofretete. Da können die Männer nicht mit, die doch, wie
       unser Laienprediger mit erhobenen Fingern verkündet, mit dem
       Kopf beten. Allerdings mit der Stirn auf dem Boden, damit da
       kein Missverständnis aufkommt.
       Um 15.13 ist immer noch nicht viel los. Doch jetzt weht eine
       schwarze Fahne. Jemand brüllt irgendeine Parole, die anderen
       brüllen zurück. Es ist verblüffend, wie wenig sich die
       Dramaturgie öffentlicher Bekenntnisse seit Tausenden von Jahren
       verändert hat. Kann man dagegen nicht endlich mal was tun?
       Wenigstens kommt nun der Eiswagen von Pierino des Weges, per
       Zufall, aber ein Geschäft vermutend. Das hebt die Stimmung auf
       dieser freudlosen Veranstaltung. Es ist 15.22 Uhr. Der
       wissbegierige Mensch, die Polizei und die Freunde Allahs warten
       geduldig. Bei der Polizei gehört das zur Grundausbildung.
       Bewundernswert. Den Gläubigen wiederum gibt's der Herr im
       Schlafe. Nur unsereins wird ungeduldig.
       Kommen sie noch, die Massen? Wird er den Frieden verkünden, der
       Pierre? Und warum wird der kleine Haufen von "pro NRW" als
       rechtsextrem und gefährlich beobachtet, die etwas größere
       Gefolgschaft des Pierre Vogel aber lediglich als islamistisch
       aufgefasst? Trotz des Messerangriffs auf Polizisten in Bonn vor
       einigen Wochen? Nun, Rechtsextremismus, nehme ich mal an, ist
       eine Spezialität von "Biodeutschen" (wie wir genannt werden),
       das ist bei denen ja sozusagen genetisch verankert. Mitsamt der
       "Islamophobie" - also einer "krankhaften Angst" vorm Islam. So
       ein Salafist aber ist ganz entspannt einfach nur reaktionär.
       Um Viertel vor vier, endlich, tut sich was auf der Bühne. Das
       Vorprogramm beginnt, obwohl die Massen noch immer nicht strömen.
       Der Mann da vorne auf der Bühne wärmt schon mal an für Pierre
       Vogel und versichert, dass der Islam der Frieden und die Lösung
       aller Probleme ist und auf jede Frage eine Antwort hat. Zum
       Beispiel auf die Bankenkrise: Im Bankensystem der Muslime gibt
       es keinen Wucher. Ein Tipp für "Occupy"! Überhaupt: Die Worte
       des Predigers enthüllen seine Sache als überaus kompatibel mit
       extrem links wie äußerst rechts. Neuerdings mischt dort ein
       Veteran der antiimperialistischen Szene mit, schreibt der
       "Spiegel". Passt schon. Der radikale Islam frauenfeindlich? Ach
       was! Die Frau steht dreimal über dem Mann - sofern sie Mutter
       ist, sagt unser Gewährsmann. Das erklärt wohl die erfreuliche
       Geburtenrate. Und was ist mit Friedrich, unserem Innenminister?
       Der ist ein christlicher Fundamentalist. Und gibt es nicht
       Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche?
       Auch für Anhänger von Gleichheit und Gerechtigkeit hat die Lehre
       eine zündende Idee: Schaffen wir die Konkurrenz zwischen den
       Frauen ab, indem wir sie verhüllen! So sieht niemand, "was sie
       haben, was sie besitzen". Ja, denke ich, da ist was dran. Das
       spart viel Geld. Und hat sich schon bei der Schuluniform
       bewährt. Doch je länger ich den Männern und Frauen da unten auf
       dem Platz zusehe, desto stärker fällt mir auf, dass die Kölner
       Polizei auch in Uniform noch verdächtig gut aussieht. Und dass
       die Alte in den roten Hosen nur etwas grob zusammengefasst hat,
       was hier ein wenig feiner artikuliert wird. Katholiken sind
       Kinderf*****. Und Allah ist groß.
       Jetzt, endlich, um 16 Uhr, Pierre Vogel, eingeflogen aus
       Ägypten. Er begrüßt seine Anhänger. Er begrüßt seine Feinde. Von
       beiden Sorten sind noch immer nur ein paar Hanseln da. Der Rest
       wartet wohl vernünftigerweise auf das Fußballspiel, das in ein
       paar Stunden beginnt.
       Der Blick auf die Bühne zeigt überzeugend, dass Islam Frieden
       ist. Dass man keine Angst haben muss. Dass Islam - Allahu akbar!
       - Barmherzigkeit ist. Warmherzigkeit. Liebe. Toleranz! Denn wer
       stürmt herbei? Willi Herren, der den Pierre kennt, gut kennt,
       der Pierre ist ein herzensguter Mensch, sagt der Willi, also der
       Olli aus der "Lindenstraße", der mit dem "Lied der Schlümpfe",
       da muss man keine Angst vor haben. Und Religion findet der Willi
       gut. Geht schließlich beinahe einmal im Monat in den Dom, ja?
       Spätestens da hätte man den Pierre gern gefragt, ob es denn
       erlaubt ist, dass der Willi in so eine Kinderf*****kirche geht.
       Aber Pierre Vogel verkündet, dass soeben zwei der Anwesenden dem
       Islam beigetreten sind. Ganz einfach und unbürokratisch. Allahu
       akbar. Die Stimmung steigt, einer brüllt, die anderen brüllen
       zurück, strecken den Arm hoch, mit ausgestrecktem Finger. Bei
       wem ist die Macht? Bei Allah. Wir Gläubigen sind die mächtigsten
       Menschen der Welt.
       Im Hintergrund hupen die Tierschützer. Ich gehe.
  HTML http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article106490438/Zu-Besuch-bei-Salafisten.html
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