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#Post#: 259--------------------------------------------------
Zu Besuch bei Salafisten
DIR By: Ben
Date: June 11, 2012, 4:05 am
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Die Welt 11.06.12
Zu Besuch bei Salafisten
Wenn Islamisten einladen, lohnt der Weg. Denn das kann erhellend
sein / Von Cora Stephan Von Cora Stephan
DIE WELT
"Du bist ein Kinderf*****, du katholische Drecksau", schreit die
ältere Frau in roten Hosen und orangem T-Shirt, übergewichtig
und unverschleiert, die mit straßen- und kneipenerprobter Stimme
zwei Männern die Wahrheit verkündet: dass Muslime ganz lieb
sind. Wollen nur spielen. "Vielleicht ist deine Frau ne Nutte."
Die irgendwie autochthon oder "biodeutsch" Aussehende scheint
sich auszukennen.
Die Polizei und ich schauen zu. Die Alte ist bislang die einzige
Unterhaltung an diesem windigen Sonntagmittag in Köln-Deutz.
Ihre kraftvolle Beleidigung von Millionen von Gläubigen nimmt
keiner groß übel. Katholiken sind offenbar tolerant. Oder
gehörlos. Also nicht empfänglich für den "1. Islamischen
Friedenskongress".
Oder verwöhnt? Denn trostloser kann der Ort für einen
Friedenskongress kaum sein. Doch vielleicht passt das zum Barte
des Propheten: der Barmer Platz in Köln-Deutz, sonst Parkplatz
zwischen Messe und S-Bahn, ist eine leere Staub- und
Schotterwüste. Ein Drittel davon abgeteilt für die
Friedenspredigt, zu der eine kleine radikale Minderheit von
Muslimen, die sich nicht mehr Salafisten nennen mag, ihren Abu
Hamza eingeladen haben, gebürtig Pierre Vogel. Roter Bart,
joviales Kölsch, ehemaliger Boxer. Zu diesem Friedenskongress
sind alle eingeladen - auch und vor allem die Ungläubigen. Und
die sind tatsächlich als Erstes vor Ort: Polizisten und
Journalisten (selbstironisch: "Weg ins Paradies-TV") mit
schwerem Gerät. Und nun warten sie auf Tausende begeisterte
Anhänger des Propheten und seines Predigers, die da kommen
sollen.
Aber die lassen auf sich warten.
Zeit für eine Leistungsschau der Polizei. Hinter einem
Mannschaftswagen, beobachtet von einer Vollverschleierten ganz
in Khaki, ziehen gefährlich gut aussehende Polizistinnen
schamlos die unteren Reißverschlüsse ihrer Kampfhosen auf, um
Schienenbeinschoner auf die durchtrainierten Beine zu schnallen.
Entblößen nackte Arme, bevor sie die Jacke wieder über die hieb-
und stichfeste Weste ziehen. Und endlich tröpfeln die ersten
Gläubigen in weißen oder grauen Gewändern auf den Platz, weiße
oder schwarze Käppchen auf dem Haupt, einige verhüllen den Kopf
im roten oder schwarzen Palästinensertuch. Ein dürrer Jungmann,
das Gesicht fast verschleiert unter dem roten Feudel,
wahrscheinlich, weil ihm der Bart bislang versagt blieb, predigt
mit feinem Fingerspiel vor der Tribüne, von der aus Korane
verabreicht werden sollen, die niemand nachfragt. Kein Trend zum
Zweitkoran unter den Anwesenden. Doch jetzt haben wenigstens die
Medien etwas zu tun - unter Beobachtung, allerdings: Jeder, der
sich für die Veranstaltung interessiert, wird seinerseits von
lieben Muslimen abgelichtet. Immerhin grinst mein persönlicher
Observant, als ich zurückfotografiere.
Ja, Islam ist Frieden, wie man sieht. Ein "pro NRW"-Trüpplein am
anderen Ende des riesigen Platzes wird von der Polizei
abgeschirmt und geht bald wieder, wahrscheinlich langweilt man
sich. Laut sind nur die Tierschützer, die irgendwo jenseits der
S-Bahn demonstrieren. Und nur sensationslüsterne Menschen warten
auf den Moment, in dem die Massen aus dem S-Bahnhof strömen und
zu den Tausenden Gläubigen werden, die Pierre Vogel versprochen
hat.
Wo bleibt der Kerl überhaupt?
Warm verhüllte Damen in Schwarz oder Taubenblau, in Grüppchen,
abseits der Männer, plaudern derweil gemütlich über Kinder und
Küche, nur eine Biodeutsche mit weißem Kopftuch schaut
unglücklich. Was sie und andere unter dem Kopftuch tragen, ist
ihr Geheimnis, aber es macht einen edel gestreckten Hinterkopf à
la Nofretete. Da können die Männer nicht mit, die doch, wie
unser Laienprediger mit erhobenen Fingern verkündet, mit dem
Kopf beten. Allerdings mit der Stirn auf dem Boden, damit da
kein Missverständnis aufkommt.
Um 15.13 ist immer noch nicht viel los. Doch jetzt weht eine
schwarze Fahne. Jemand brüllt irgendeine Parole, die anderen
brüllen zurück. Es ist verblüffend, wie wenig sich die
Dramaturgie öffentlicher Bekenntnisse seit Tausenden von Jahren
verändert hat. Kann man dagegen nicht endlich mal was tun?
Wenigstens kommt nun der Eiswagen von Pierino des Weges, per
Zufall, aber ein Geschäft vermutend. Das hebt die Stimmung auf
dieser freudlosen Veranstaltung. Es ist 15.22 Uhr. Der
wissbegierige Mensch, die Polizei und die Freunde Allahs warten
geduldig. Bei der Polizei gehört das zur Grundausbildung.
Bewundernswert. Den Gläubigen wiederum gibt's der Herr im
Schlafe. Nur unsereins wird ungeduldig.
Kommen sie noch, die Massen? Wird er den Frieden verkünden, der
Pierre? Und warum wird der kleine Haufen von "pro NRW" als
rechtsextrem und gefährlich beobachtet, die etwas größere
Gefolgschaft des Pierre Vogel aber lediglich als islamistisch
aufgefasst? Trotz des Messerangriffs auf Polizisten in Bonn vor
einigen Wochen? Nun, Rechtsextremismus, nehme ich mal an, ist
eine Spezialität von "Biodeutschen" (wie wir genannt werden),
das ist bei denen ja sozusagen genetisch verankert. Mitsamt der
"Islamophobie" - also einer "krankhaften Angst" vorm Islam. So
ein Salafist aber ist ganz entspannt einfach nur reaktionär.
Um Viertel vor vier, endlich, tut sich was auf der Bühne. Das
Vorprogramm beginnt, obwohl die Massen noch immer nicht strömen.
Der Mann da vorne auf der Bühne wärmt schon mal an für Pierre
Vogel und versichert, dass der Islam der Frieden und die Lösung
aller Probleme ist und auf jede Frage eine Antwort hat. Zum
Beispiel auf die Bankenkrise: Im Bankensystem der Muslime gibt
es keinen Wucher. Ein Tipp für "Occupy"! Überhaupt: Die Worte
des Predigers enthüllen seine Sache als überaus kompatibel mit
extrem links wie äußerst rechts. Neuerdings mischt dort ein
Veteran der antiimperialistischen Szene mit, schreibt der
"Spiegel". Passt schon. Der radikale Islam frauenfeindlich? Ach
was! Die Frau steht dreimal über dem Mann - sofern sie Mutter
ist, sagt unser Gewährsmann. Das erklärt wohl die erfreuliche
Geburtenrate. Und was ist mit Friedrich, unserem Innenminister?
Der ist ein christlicher Fundamentalist. Und gibt es nicht
Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche?
Auch für Anhänger von Gleichheit und Gerechtigkeit hat die Lehre
eine zündende Idee: Schaffen wir die Konkurrenz zwischen den
Frauen ab, indem wir sie verhüllen! So sieht niemand, "was sie
haben, was sie besitzen". Ja, denke ich, da ist was dran. Das
spart viel Geld. Und hat sich schon bei der Schuluniform
bewährt. Doch je länger ich den Männern und Frauen da unten auf
dem Platz zusehe, desto stärker fällt mir auf, dass die Kölner
Polizei auch in Uniform noch verdächtig gut aussieht. Und dass
die Alte in den roten Hosen nur etwas grob zusammengefasst hat,
was hier ein wenig feiner artikuliert wird. Katholiken sind
Kinderf*****. Und Allah ist groß.
Jetzt, endlich, um 16 Uhr, Pierre Vogel, eingeflogen aus
Ägypten. Er begrüßt seine Anhänger. Er begrüßt seine Feinde. Von
beiden Sorten sind noch immer nur ein paar Hanseln da. Der Rest
wartet wohl vernünftigerweise auf das Fußballspiel, das in ein
paar Stunden beginnt.
Der Blick auf die Bühne zeigt überzeugend, dass Islam Frieden
ist. Dass man keine Angst haben muss. Dass Islam - Allahu akbar!
- Barmherzigkeit ist. Warmherzigkeit. Liebe. Toleranz! Denn wer
stürmt herbei? Willi Herren, der den Pierre kennt, gut kennt,
der Pierre ist ein herzensguter Mensch, sagt der Willi, also der
Olli aus der "Lindenstraße", der mit dem "Lied der Schlümpfe",
da muss man keine Angst vor haben. Und Religion findet der Willi
gut. Geht schließlich beinahe einmal im Monat in den Dom, ja?
Spätestens da hätte man den Pierre gern gefragt, ob es denn
erlaubt ist, dass der Willi in so eine Kinderf*****kirche geht.
Aber Pierre Vogel verkündet, dass soeben zwei der Anwesenden dem
Islam beigetreten sind. Ganz einfach und unbürokratisch. Allahu
akbar. Die Stimmung steigt, einer brüllt, die anderen brüllen
zurück, strecken den Arm hoch, mit ausgestrecktem Finger. Bei
wem ist die Macht? Bei Allah. Wir Gläubigen sind die mächtigsten
Menschen der Welt.
Im Hintergrund hupen die Tierschützer. Ich gehe.
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